Allgemein

Christine Lagarde: Inflation ist höher und dauert länger als erwartet

Lagarde über Inflation

Die in der letzten Woche veröffentlichten Daten zur Inflation in den USA waren ein Schock: von den letzten acht Veröffentlichungen der US-Verbaucherpreise lagen die letzten sechs über den Erwartungen, derzeit liegt die Inflation bei 6,2%. Jeder vierte Amerikaner muß sich bereits beim Konsum aufgrund der stark gestiegenen Preise einschränken, vor allem Geringverdiener und ältere Menschen haben Angst vor einer unkontrollierten Inflation, wie die Verbraucherstimmung der Uni Michigan gezeigt hat:

„Consumer sentiment fell in early November to its lowest level in a decade due to an escalating inflation rate and the growing belief among consumers that no effective policies have yet been developed to reduce the damage from surging inflation. One-in-four consumers cited inflationary reductions in their living standards in November, with lower income and older consumers voicing the greatest impact“.

Daher ist die Inflation in den USA nun ein Top-Thema der Politik – der Druck auf US-Präsident Biden ist groß, dagegen etwas zu tun. Lisa Abramowicz hat es so formuliert:

„The view on inflation changed this week. It appears broader based, faster and more concerning to consumers than many economists expected.“

Inflation: Lagarde gibt zu, sich geeirrt zu haben

Das Mantra der Notenbanken lautete in den letzten Monaten: die Inflation sei vorübergehend, alles kein Problem. Aber die weiter steigenden Inflationsraten widersprechen dieser Annahme immer eindeutiger – das „Team Transitory ist tot„.

Heute hat auch EZB-Chefin Lagarde das in einer Rede vor dem Europäischen Parlament eingestanden:

„Turning to inflation, the rate increased by more than we had anticipated in September, standing at 4.1 per cent in October. „

Sie nennt drei Gründe dafür: erstens die Lieferengpässe, zweitens die gestiegenen Energiepreise, und drittens die Effekte der deutschen Mehrwertsteuersenkung, die jedoch nur zeitlich befristet war und nun den Basiseffekt nach oben zieht.

Entscheidend ist daher, wie sich die dauerhaften Faktoren (also die Gründe eins und zwei) Lieferengpässe und Energiekosten entwickeln werden – und hier hat Lagarde ein überraschend klare Prognose! So etwa zu der Entwicklung der Energiepreise:

„Current futures prices point towards a noticeable easing of energy prices in the first half of 2022. As the recovery continues and supply bottlenecks unwind, we can expect the price pressure on goods and services to normalise.“

Aber wenn nicht? Dann, so Lagarde, habe man ein Problem:

„If energy prices keep rising or supply constraints persist, inflation may remain higher for longer than we currently anticipate. This could feed into higher wages and subsequently higher prices. But so far, we see no evidence of this in the data for negotiated wages“.

Und zu den Lieferengpässen: die würden wohl doch noch einige Monate andauern, so Lagarde:

„Although the duration of supply constraints is uncertain, they are likely to persist for several months and gradually ease only during 2022“.

Interessanterweise gesteht Lagarde also ein, dass die EZB und andere Notenbaken die Inflation und ihre Dauerhaftigkeit unterschätzt hätten – aber dennoch hält sie an der Ideologie fest, dass alles besser werde und die Inflation mittelfristig sogar unter die Marke von 2% fallen werde:

„As a result, we still see inflation moderating in the next year, but it will take longer to decline than originally expected. (..) Overall, we continue to foresee inflation in the medium term remaining below our new symmetric two per cent target.“

Lagarde: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Warum aber hält Frau Lagarde an ihrem Szenario fest, obwohl die Fakten bislang dagegen sprechen? Der Grund ist schlicht: wenn die Inflation dauerhaft hoch bleibt, haben die Notenbanken keine Waffen mehr im Köcher. Ihre Macht basiert darauf, Krisen durch Geld wegdrucken zu können – vermeintlich.

Mit hoher Inflation aber sind die Notenbanken „kastriert“. Sie müssen dann dagegen steuern durch Zinsanhebungen, womit sie die Wirtschaft „abwürgen“, ebenso wie die Aktienmärkte. Dann ist die Rezession nur eine Frage der Zeit.

Heutzutage aber will man die Schmerzen, die hunderte Generationen vor uns selbstverständlich ertragen haben – Aufschwung der Wirtschaft, dann der Abschwung, dann wieder der Aufschwung etc. – nicht mehr ertragen. Also soll die Inflation nicht dauerhaft hoch sein, weil sie nicht dauerhaft hoch sein darf.

Geldpolitik wird zur Wunschvorstellung über die Entwicklung der Realität. Die EZB und andere Notenbanken sind nun im Hoffnungs-Modus.



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

6 Kommentare

  1. Leider haben viele von „Geschichte“ keine Ahnung. Das Mantra „immer höher,“ immer mehr“ hat die alle um den Verstand gebracht. Nur, daß sogenannte „dicke Ende“ wird von Tag zu Tag immer heftiger….

  2. Ja , Amerika und die EU gehen den Weg, der Argentinein zerstört hat.Abwertung der Währung ,Hyperinflationen, mangelnde Lebensmittel und wieder einmal müssen sie um Kredite betteln.Viele meinen die Amis können mit dem Dollar nicht untergehen, aber auch dessen Abwertung gegenüber guten Währungen ist enorm.Ich erinnere mich noch an Dollar/ Ch Franken von 3,8: 1. ( Heute 0,92 :1)
    Darum ist natürlich auch gerechtfertigt, dass sie die SNB wegen Währungsmanipulation kritisieren nur weil sie die extreme Aufwertung des Franken bekämpfen.

  3. Das hat man nun davon!

    Anstatt einen ausgewiesenen Finanzfachmann wie Herrn Weidmann von der Bundesbank zum EZB Chef zu machen, lässt sich unsere (noch) Bundeskanzlerin auf einen Kuhhandel mit Präsident Macron ein und macht eine in Frankreich wegen Vorteilsgewährung an einen steinreichen Industriellen vorbestrafte Juristin (Frau Lagarde), die keine Ahnung von Finanzpolitik zu haben scheint, zur obersten Währungshüterin. Die Suppe dürfen wir dann alle auslöffeln.

    1. @Walter Brodowsky, wie kommen Sie auf die hirnrissige Idee, dass Frau Merkel irgendjemanden zum EZB-Chef machen kann?
      Alle Direktoriumsmitglieder werden vom Europäischen Rat ernannt, und zwar mit qualifizierter Mehrheit.
      Der Europäische Rat setzt sich zusammen aus den Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU), dem Präsidenten der Europäischen Kommission und dem Präsidenten des Europäischen Rates.

  4. Zentralbanker eben! Ökonomen die in ihrer theoretischen Welt der Lehrbücher leben/gefangen sind, aber von der Wirklichkeit keine Ahnung haben.

  5. War ihr Vorgänger schon korrupt, da geht es natürlich so weiter! Wir werden zahlen und zahlen! Hat ja der ehemaltige griechische Finanzminister schon prophezeit!

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage