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Christine Lagarde: „LOVE IS LOVE“ statt Bekämpfung der Inflation

Jeder löst die Probleme, die er lösen kann. Frau Lagarde kann hübschere Banknoten einführen

Christine Lagarde EZB Inflation

Während die Inflation der Lebensmittelpreise Schockwellen auslöst, denkt EZB-Chefin Christine Lagarde über schönere Geldscheine nach. Und gesteht: „Love is Love“.

Christine Lagarde, die amtierende Präsidentin der EZB, ist Juristin. Sie entstammt zwar nicht den Eliteschulen Frankreichs, den sogenannten Écoles. Aber das macht ihr bildungsbürgerlicher Hintergrund mehr als wett. Denn Christine Lagarde besitzt einen kulturellen Kompass, der den meisten deutschen Politikern fehlt. Sie ist überdies überaus geistreich und charmant. Sie versteht sich auf gebildete Konversation. Kurzum: Christine Lagarde verfügt über glänzende Eigenschaften, staunenswerte Fähigkeiten und tiefe Kenntnisse auf unterschiedlichen Gebieten. Makroökonomie und Finanzwesen gehören allerdings nicht dazu. Und das ist leider ein Riesen-Problem..

Ex-ifo-Chef Sinn: Wie kann Christine Lagarde „so einen Unsinn“ reden?

Präsidentin Christine Lagarde erklärte im Februar, die EZB könne gegen das Ansteigen der Energiepreise und das großflächige Ausgreifen der Inflation nichts unternehmen: „Würde die EZB Zinsen anheben und Anleihekäufe zurückfahren, würde sich das auf die Energiepreise auswirken? – Ich glaube nicht!“.

Hans-Werner Sinn, Europas maßgeblicher Realökonom, erklärte dazu in einem Vortrag vor der Österreichischen Akademie der Wissenschaften knapp und klar: „Der Effekt höherer Zinsen auf die Energiepreise ist unmittelbar, hart und sofort vorhanden. […] Wie kann die Präsidentin der EZB so einen Unsinn von sich geben?“.

Christine Lagardes Vorteil: Öffentlichkeit – und Massenmedien blinzeln

Öffentlichkeit und Massenmedien nehmen die Aussagen von Christine Lagarde achselzuckend hin. Oder sie blinzeln ins Licht, geblendet ob so viel erleuchtender Helligkeit. Hans-Werner Sinns Wiener Vortrag wurde – das nur am Rande – mehr als 478.000 Mal aufgerufen (Stand: 18. Mai); ein einmaliger Vorgang für eine fakten- und tabellengesättigte Vorlesung von 90 Minuten (die Intendanten von ARD oder ZDF müsste diese eindrucksvolle Zahl interessierter Zuschauer aus den Tiefschlaf schrecken). Solange die Staatssender ihrem Bildungs- und Aufklärungsauftrag ungenügend beikommen, springt – immerhin – die österreichische Akademie der Wissenschaften in die Bresche. Dessen Präsident Anton Zeilinger, ein weltberühmter Quantenphysiker, erklärte: „Unser Ziel ist es, eine breite Öffentlichkeit für wissenschaftliche Themen zu interessieren und neueste und aktuellste Erkenntnisse aus der Forschung an die Öffentlichkeit zu bringen. Und es gibt kaum ein aktuelleres Thema als „Die neue Inflation“ (so der Titel von Sinns Vorlesung, Timecode 2:20ff.).

Christine Lagarde: „Love is Love“

Zurück zu Christine Lagarde: Gestern, dem 17. Mai, dem internationalen Tag gegen Homophobie, twitterte die EZB-Präsidentin: „Love is Love. Proud to wear this rainbow pin on International Day against Homophobia, Biphobia and Transphobia.“

Kein Zweifel: Christine Lagarde ist eine gute Mensch/in. Doch führt diese Eigenschaft die EZB nicht aus der Krise. Sie ist vielmehr das Problem. Die EZB ist hochgradig politisiert: Greenflation, Gender, Klimawandel. Unter ihrer Präsidentin Lagarde kümmert sich die EZB um vieles, nur nicht um ihren in den Maastrichtverträgen verankerten Auftrag: Die Garantie einer stabilen Währung.

Während Lagarde „Love is Love“ postet, scheint Englands Banknotenchef Andrew Bailey in der schwierigen Inflationsrealität angekommen. Bailey sprach am 17. Mai davon, dass die steigenden Lebensmittelpreise „apokalyptische Konsequenzen für die Ärmsten der Gesellschaft“ hätten (siehe Markus Fugmanns Marktgeflüster vom 17. Mai „EZB in Panik – Druck durch Inflation und Fed zu groß“)! Von jedem Feuerwehrmann wird erwartet, dass er die Feuersbrunst bekämpft und Menschenleben rettet, anstatt Infobroschüren der Feuerwehr wie ein Lektor zu gendern.

Lagarde löst eben die Probleme, die sie lösen kann…

Am 11. Februar 2022 gab Christine Lagarde ein Interview zu den steigenden Energiepreisen und der nach oben schießenden Inflation – das war gut zwei Wochen vor Putins Angriff auf die Ukraine. In dem Interview, das auf englisch auf der Seite der EZB einsehbar ist, kam die Präsidentin auf schönere neue Geldscheine zu sprechen. Das Projekt liegt ihr am Herzen: „Wir schauen uns die Banknoten genau an“, so Lagarde. „Persönlich kann ich mir Porträts berühmter Europäer vorstellen: Leonardo da Vinci, Ludwig van Beethoven James Joyce. Ich erinnere mich an die Fünf-Franc-Banknote, die Victor Hugo zeigte und in Frankreich 50 Jahre zirkulierte. Ich bin überzeugt, dass es noch weitere Wege gibt, die europäische Identität zu visualisieren, etwa durch berühmte Gemälde oder Architekturmonumente.“

Jeder löst eben die Probleme, die er lösen kann. Frau Lagarde kann hübschere Banknoten einführen..

Ohnmächtige Lagarde: „Wir können nichts davon tun“

Christine Lagarde rechtfertige in oben zitierten Interview vom 11. Februar ihre abwartende Haltung zur Inflation auf Rekordniveau wie folgt: Öl, Gas und Elektrizität seien halt teurer, weil Europa viel Energie importiere. Das könne die EZB nicht beeinflussen. Hinzu komme der Einfluss durch Liefer-Engpässe, Flaschenhälse bei Micro-Chips, Container-Staus, unterbrochene Lieferketten. „Ich möchte Sie fragen: Was kann die EZB dagegen tun? Können wir die Lieferengpässe auflösen? Können wir Container transportieren, den Ölpreis senken oder geostrategische Konflikte lösen? Nein, wir können nichts davon tun.“

Vielleicht wird es Zeit, dass jemand an die Spitze der EZB kommt, der in der Lage ist, diese überschießende Inflation – welche den EURO im Mark bedroht – wirkungsvoll zu bekämpfen, anstatt sie lediglich durchs Fernglas unbeteiligt zu beobachten.

Vollständiger Glaubwürdigkeitsverlust der EZB im Gange

Erst liegt Christine Lagarde systemisch falsch mit ihren Prognosen zur Inflation, weil sie an falschen Modellen festhält. Dann erleidet Lagarde den Kontrollverlust, weil sie die Inflation nicht in den Griff bekommt. Und schließlich verspielt sie die den Rest an Glaubwürdigkeit vollständig, indem sie andere für ihr Versagen verantwortlich macht (Putin, Corona, Lieferketten), anstatt mit sich selbst kritisch ins Gericht zu gehen. Irren ist menschlich.

Aber systematisches Irren berührt tiefere Schichten. In diesem Fall bedroht es die Glaubwürdigkeit der EZB als Institution (vgl. Otmar Issing im Interview mit Daniel Stelter). Da helfen auch keine neuen schöneren Geldscheine oder willfährige Ergebenheitsadressen gegen Homophobie.



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