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Coronakrise: Das schleichende Ende des Kapitalismus hat begonnen

Immer mehr Menschen werden als „Arbeitende“ faktisch überflüssig. Wichtig sind sie einzig und alleine noch als Konsumenten. So kommt der Sozialismus durch die Hintertür zurück

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Die Coronakrise macht das Jahr 2020 zu einer Art Wendepunkt der Geschichte: es markiert das schleichende Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kannten! Faktisch haben wir jetzt bereits das, was als MMT (Modern Monetary Theory) bezeichnet wird: die Staaten schütten wie in den USA Helikoptergeld aus (und zwar so viel, dass mehr als zwei Drittel der arbeitslosen Amerikaner mehr Geld bekamen als zuvor mit einem, zwei oder drei Jobs, die sie zuvor ausübten). Andere Staaten wie Deutschland setzten die Insolvenzordnung ausser Kraft, angeblich natürlich vorübergehend – oder verlängern das Kurzarbeitergeld bis zum Jahr 2022 (oder dann schließlich bis zum Sankt Nimmerleinstag).

Natürlich helfen solche Maßnahmen, einen sofortigen wirtschaftlichen Kollaps durch die Coronakrise zu verhindern – aber sie sind letzlich der Anfang vom Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kannten. Denn das große Problem der derzeitigen Maßnahmen ist doch, dass ein Ausstieg aus diesen Maßnahmen kaum mehr möglich ist: der nächste Scheck muß kommen, sonst machen die vorherigen Schecks keinen Sinn, wenn die Arbeitslosigkeit weiter hoch ist (so in den USA). Die verlängerte Aussetzung der Pflicht zur Insolvenzanmeldung wie in Deutschland wiederum bedeutet, dass man einen Tsunami an Insolvenzen bekommt, sobald man die Insolvenzordnung wieder in Kraft setzt – was dann unzählige Firmen die Existenz kosten und viele Arbeitsplätze vernichten würde. Und wer will das schon, zumal wenn wir in Deutschland 2021 Wahlen vor der Tür stehen haben?

Also verlängert man die am Anfang als Ausnahme gedachten Maßnahmen immer weiter und macht sie zum Dauerzustand. Damit aber setzt man die Markt-Kräfte ausser Kraft: wenn Zombie-Firmen nicht mehr sterben, gibt es keine „kreative Zerstörung“, können also neue, produktive Firmen sich nicht mehr entfalten, weil die alten unproduktiven Firmen Kapital und Menschen an sich binden. Hans-Werner Sinn hat das auf den Punkt gebracht:

„Die schöpferische Zerstörung, die den Keim des neuen Aufschwungs legt, wird heute allerdings von den Zentralbanken der Welt verhindert, indem sie die Zinsen so tief und die Vermögenswerte durch den Kauf von Wertpapieren so hoch halten, dass die Blasen nicht mehr platzen, beziehungsweise wenn sie platzen, die vollständige Rückkehr der Vermögenswerte auf ihr Normalniveau verhindert wird. Zombie-Banken und mit ihnen ihre Zombie-Kunden aus der Realwirtschaft, also Einrichtungen, die eigentlich nicht mehr wettbewerbsfähig sind, werden so am Leben gehalten, verharren wie lebende Tote aktivitätslos in ihren Positionen und halten die Plätze besetzt, die nun eigentlich junge Unternehmer mit neuen Produkten einnehmen müssten. Eine harte Krise wird damit zwar vermieden, doch rutscht die Wirtschaft stattdessen in eine Dauerkrise.“

Coronakrise: Der Staat ersetzt den Markt

Und wie reagiert man auf die selbst verursachte Dauer-Krise? Richtig, mit neuen Krisen-Maßnahmen, die die Symptome der Krise bekämpfen, nicht aber deren Ursache. Letztlich werden also immer mehr Menschen alimentiert –  und zwar so, dass der Anreiz eine Arbeit aufzunehmen oder ein Unternehmen zu gründen, immer geringer wird.

Gleichzeitig werden auch die Investoren ausgebailt, indem die von ihnen eingegangenen Risiken praktisch übernommen bzw. garantiert werden: wer sich wundert, warum etwa die Aktienmärkte trotz Coronakrise neue Allzeithochs erreichen, muß wohl bedenken, dass die Notenbanken eben den Aktien-Investoren eine Art Garantie gegeben haben, dass sich ein solcher Abverkauf wie im März nicht mehr wiederholt. Wenn aber Investition kein echtes Risiko mehr ist, dann ist der Fehl-Allokation von Kapital keine Grenze mehr gesetzt. Fehlallokiertes Kapital wiederum macht Wachstum schwierig bis unmöglich, was dann wiederum die Notwenidgkeit neuer Krisen-Maßnahmen erhöht. Das ist ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt und geben kann.

Man spannt also wegen der Coronakrise überall Sicherheitsnetze – und finanziert diese Sicherheitsnetze über die Notenbanken. Die Bedeutung des Staates und seiner Organe wird für die Wirtschaft dabei immer größer, der Staat wird der dominante Player im Wirtschafts-Leben: er wird zum Beispiel eher früher als später die Mieten derjenigen bezahlen, die keine Einkommen mehr haben – und als Gegenleistung für diese garantierte Zahlung von den Vermietern eine Art Mietendeckel erzwingen – womit man dann von einem „Markt“ nicht mehr wirklich sprechen kann. Die zunehmende Bedeutung des Staates für die Wirtschaft geht also einher mit einer verringerten Bedeutung von Märkten als System von Angebot und Nachfrage.

Coronakrise: Der Sieg des Sozialismus über den Kapitaismus durch die Hintertür

Wie aber nennt man Wirtschaftssysteme, die keine echten Märkte haben? Sie sind jedenfalls eher sozialistisch als kapitalistisch. Man könnte also sagen, dass spätestens die Coronakrise den schleichenden Beginn des Ende des Kapitalismus (wie wir ihn kannten) eingeläutet hat. Es gibt also keinen größeren Treppenwitz der Geschichte als den späten Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus – während der westliche Kapitalismus triumphierend geglaubt hatte, den System-Feind mit Untergang der Sowjetunion besiegt zu haben. Jener Untergang der Sowjetunion war also nicht – wie Fukyama meinte – das „Ende der Geschichte„. Es war vielmehr das Ende der Sieges-Geschichte des Kapitalismus.

Die Coronakrise dient dabei nur als Katalysator für einen ohnehin dominanten Trend: die Entwertung von menschlicher Arbeit durch die Digitalisierung. Immer mehr Menschen werden als „Arbeitende“ faktisch überflüssig. Wichtig sind sie einzig und alleine noch als Konsumenten. Weswegen man sie ja auch mit staatlich ausgeschütteten Geld ausstatten muß, damit sie konsumieren können – sonst würde die Wirtschaft vollends kollabieren.

Gunnar Heinsohn hat erkannt, dass unser derzeitiges Notenbank-System starke Ähnlichkeiten mit der Notenbank der DDR aufweist. Die DDR wie auch der reale Sozialismus sind schließlich untergegangen, weil es mit dem scheinbar viel dynamischeren und effektiveren Kapitalismus eine überlegene System-Alternative zu geben schien. Nun aber zeigt sich spätestens durch die Coronakrise, dass diese Alternative nur solange funktionierte, als die kapitalistische Wirtschaft schneller wuchs als die Schulden – aber diese Zeit ist spätens seit der Finanzkrise vorbei und durch demografische Trends wohl auch unumkehrbar.

Fazit: „TINA“

Alle ziehen an einem Strang: überall auf der Welt betreibt man faktisch schon MMT, es gibt keine System-Alternative mehr. Wähler wie auch Gewählte wollen den eigentlich notwendigen Schmerz immer weiter in die Zukunft verschieben – das ist das Prinzip „TINA“ („there is no alternative“), das bereits an den Aktienmärkten vorherrscht. Insofern zeigen die Aktienmärkte dann also doch in der Coronakrise, wie unsere Zukunft aussehen wird!

Die Coronakrise markiert einen Wendepunkt des Kapitalismus

13 Kommentare

13 Comments

  1. Avatar

    franko33

    2. September 2020 14:50 at 14:50

    Alternativlos ! Ein Begriff,schon lange von Frau Merkel genutzt.

    Kann man im Endeffekt nicht verstehen,daß die „östlichen Bundesländer“ sich so vehement
    der „Neuen Politik“ wiedersetzen ?

    Wir können einiges vom „Osten“ lernen.Beispielsweise auch: Warum entziehen sich Länder
    wie Ungarn/Polen etc von „dieser Art der Politik“ ?
    Selbstbestimmung = Unsolidarisch ? Wenn das keine Staatsform mehr aushält ist diese
    Staatsform für den Bürger gemacht ? (natürlich eine naive Frage)
    Mehr und mehr haben wir eine sozialistische Diktatur und wenn die Menschen wirklich
    irgendwann mehrheitlich auf die Straße gehen sollten, haben sie nichts mehr wofür sie kämpfen können.(Entrechtet + verarmt) Mann kann es mit einem stark fallenden Chart vergleichen:
    Selbst wenn Positionen ohne Absicherung da sein sollten,aus Angst mache ich lieber gar nichts / bin wie gelähmt und klammere mich an die Vergangenheit (die in der Form nie
    wieder kommen wird)

  2. Pingback: Die heutigen Meldungen (2.September 2020) sollte man kennen! | das-bewegt-die-welt.de

  3. Avatar

    thinkSelf

    2. September 2020 16:58 at 16:58

    Sie haben ja Recht, Herr Fungmann. Trotzdem möchte ich ihren Titel anpassen. Es muss nicht heißen „Das schleichende Ende des Kapitalismus hat begonnen“, sondern „Die Abwicklung des Kapitalismus geht nun in die Schlussphase“. Eigentlich ist der nämlich schon in den 80er Jahren gestorben.

    • Avatar

      marco

      3. September 2020 07:37 at 07:37

      80er? Die USA waren Ende der 60er Pleite, weswegen ’71 vom Gold abgekoppelt wurde

  4. Avatar

    Besserwisser

    2. September 2020 19:41 at 19:41

    Und nun? Hab ich das nicht schon zu Beginn der Maßnahmen gesagt?
    Es war doch schon immer das Ziel. Wen wundert es noch? Und jedes mal empört man sich wieder darüber. Erst über die niedrigen Zinsen die (welch oh Wunder) nicht mehr angehoben werden. Dann über die Zombiefirmen und Banken. Über Preismanipulationen der Notenbanken am Goldmarkt… Und immer redet man sich den Crash herbei. Es wird aber keinen Crash geben. Im Sozialismus kann nur die Gesellschaft crashen. Und so lange der Magen voll ist, geht Niemand auf die Straße.
    Der Kapitalismus ist seit der Einführung der Notenbanken gestorben.

    Es geht doch schon lange nicht mehr um die Wahrheit, oder um etwas zu verhindern, es geht doch nur noch um Empörung. Der Deutsche Michel muss sich über jeden Scheiß aufregen können.

    Lieber Fugi, wenn du dieses System so scheiße findest, dann wandere doch einfach aus, anstatt dich scheinheilig jedes Mal aufs Neue dich über solche Banalitäten aufzuregen. Wen wundert denn bitte auch noch irgendetwas in Bezug auf dieses Thema? Wen?
    Lege bitte diese Naivität ab. Sie bringt Niemandem etwas. Es geht immer schlimmer und abartiger, als du hoffst. Du hast noch zu viel Hoffnung. aber leider ist all das geplant und ein abgekartetes Spiel. Das System ist kaputt, aber seine Elite will nicht die Kontrolle aufgeben. also baut man das System für den Machterhalt um…

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      ZEPP

      9. September 2020 07:53 at 07:53

      Genau, weil die Leute noch so naiv sind, durchschauen sie das Spiel nicht

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    Asmus Festersen

    2. September 2020 20:13 at 20:13

    Hallo Herr Fugmann,
    eine sehr gute Zusammenfassung!

    • Avatar

      Stressbolzen

      3. September 2020 10:47 at 10:47

      Auch mit leerem Magen bleiben die Leute zu Hause. Das Proletariat wir nie von sich aus revoltieren. Dazu braucht es Geld, Logistik und Waffen. Das kommt alles von den Reichen oder einer ausländischen Macht.
      Der Kapitalismus wird crashen sobald das Vertrauen weg ist. Aber auch hier, die unteren Schichten werden die oben einfach ignorieren und ein eigenes Ding durchziehen. Kartoffeln auf dem Balkon pflanzen, eine Tauschwährung einrichten und heute wahrscheinlich alle Telekommunikation abschalten. Brenzlig wird es erst, wenn die Reichen kein Vertrauen mehr haben, denn sie verlieren alles und nur sie haben ein Interesse dies gewaltsam zu verhindern.
      Allerdings ist die Elite auch keine heterogene Gruppe. Diese Verallgemeinerung ist zu simpel.

  6. Avatar

    Stressbolzen

    2. September 2020 21:18 at 21:18

    Der real existierende Sozialismus ist 1989 nicht kollabiert weil ihn die Menschen unerträglich fanden. Auch die Korruption und das wichtige Getue der oberen Funktionäre, man hat darüber gelacht oder den Kopf geschüttelt. Aber, das war egal. Was dem Kommunismus letztlich das Genick brach, war die Wirtschaft. Die Menschen konnten sich für ihr Geld nichts kaufen, der Lebensstandard blieb tief. Was sie kaufen konnte, hatte oft eine mindere Qualität.
    Eine subventionierte Wirtschaft wird denselben Effekt haben. Zwar ist in den Produkten gegenwärtig noch viel „bling-bling“ drin, aber der Effekt wird sich über die Zeit abflachen, die Innovation für Neues bleibt aus, die Menschen werden sich langweilen. Verstärkt wird dieser Effekt durch das endlose rumsitzen zu Hause. Ich kenne das persönlich, bin seit 18 Jahren arbeitslos und wenn man das nicht zu Beginn schon in den Griff nimmt, wird es das Leben aus einem raussaugen.
    Es wird sich über kurz oder lang auch die Frage stellen, ob man überhaupt noch arbeiten soll, denn die, die es nicht tun, sind ja nicht benachteiligt. Wenn aber nichts mehr produziert wird, was nutzt dann das schöne Geld? Mit Importen wird man es nicht richten können, denn die Währung wäre im Vergleich zu Währungen anderer Systeme wertlos. Selbst billigster Ramsch würde unerschwinglich.

    Auf dem Papier und in Zahlen mag die Rechnung aufgehen, aber nicht in der Realität.

  7. Avatar

    Sozialer Marktwirtschaftler

    2. September 2020 22:11 at 22:11

    Der Kapitalismus und die netten Märchen einer selbst-regulatorischen freien Wettbewerbsordnung haben sich doch bereits Jahrzehnte vor Corona in sich selbst ad absurdum geführt. Perfekt sichtbar am Beispiel Amerika. Wer finanzielle Mittel in Form von Kohle, Schotter, Kies, Flins, Öl, Gas, Cash, Gold oder Aktien besitzt, bestimmt die Schicksale ganzer Nationen.

    In free and great forever USA brach ein Viertel des gesamten nationalen Stromnetzes wegen eines Sonnenwindchens zusammen, nur weil ein einziges lokales schwaches Glied in der Technik-Kette ausgefallen war. Dort tröpfeln verbreitet krebserregende Substanzen aus den Wasserhähnen und sacken Eigenheime in sich zusammen, weil es in der Nähe was zu fracken gibt. Dort haben nicht die wirklich Begabten und Intelligenten Zugang zu den besten Universitäten, sondern die Zahlungskräftigen mit reichen Eltern oder die muskulös Talentiertesten im American Football, Scheibenschubsen auf dem Eis oder Körbchenwerfen mit schweren Bällen. Analoges gilt für das Gesundheitssystem. Sozial- und Wirtschaftsdarwinismus pur. Natur, Umwelt, Tierwelt und Klima gelten im besten darwinistischen Sinne nach wie vor als Feinde, die dem Homo finans im Wege stehen, obwohl sie doch untertan sein müssen.

    Die freie Wettbewerbsordnung schafft letztendlich nichts als wirtschaftlich-politischen Inzest, kartellartige Großkonzerne und die Konzentration von Macht und Herrschaft. Sie nivelliert Gewaltenteilung und konzentriert sich im Ergebnis als Selbstzweck auf sich selbst. Und scheut sich am Ende nicht einmal, sich selbst zu blamieren und ad absurdum zu führen, indem sie dem reinsten Ausdruck von Sozialismus Ausdruck verleiht: Nämlich nicht finanzierbare Steuergeschenke für die eine und Helikoptergeld für die andere Seite über die Gesellschaft zu ergießen.

    Und das in einem Ausmaß und Tempo, das selbst den legendären und unvergesslichen Mafio Droghi als kleinen Schulbuben verblassen lässt.

    • Avatar

      Stressbolzen

      9. September 2020 11:04 at 11:04

      Die selbst-regulatorische freie Wettbewerbsordnung würde schon funktionieren, so wie auch der Kommunismus funktionieren würde. Der Mensch kann diese Instrumente nur nicht sauber handhaben.

  8. Avatar

    susiklatt

    2. September 2020 22:14 at 22:14

    die Frage ist doch: wenn juckt es?
    Solange es den Menschen einigermaßen gut geht, man sich in seiner Komfortzone
    sicher fühlt, ist doch scheinbar alles Bestens.
    und der Staat sorgt für „brot und Spiele“

  9. Avatar

    Nicola

    2. September 2020 23:03 at 23:03

    Warscheinlich habe ich Anfang der 80iger, in der DDR doch dass richtige in Staatsbürgerkunde(8-10 Klasse) gelernt!? Stinkender,faulender Kapitalismus der enden muss(bei höheren Wohlstand als in der DDR).Klasse Analyse Markus, wie es weiter gehen könnte.Ich denke die letzten fast 40 Jahre ging es den Menschen im stink.faulenden Kapitalismus ziemlich gut.

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Aktien

Aber CFDs sind Termingeschäfte? Verbände für steuerliche Bevorzugung von Optionsscheinen

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Aktives Trading mit CFDs und Optionsscheinen könnte problematisch werden

Was sind CFDs? Die „Contracts for Difference“ erlauben gehebelte Wetten auf steigende und fallende Kurse. Die CFDs können Anleger zeitlich unbefristet lange halten. Und Optionsscheine? Die haben einen fest definierten Ablaufzeitpunkt. Und wie definiert man Termingeschäfte? In Kurzform: Dies sind Börsengeschäfte, bei denen die Erfüllung des Vertrags (Abnahme und Lieferung der Ware) zu einem späteren Termin erfolgt. Also sind Optionsscheine doch Termingeschäfte, und CFDs irgendwie nicht so richtig?

Egal. Wenn der Gesetzgeber eine Feststellung trifft, dann ist das eben so – weil es nun mal der Gesetzgeber ist? So wurde vor Kurzem die seit Anfang Januar gültige Novellierung des Einkommensteuergesetzes beschlossen, wonach Verluste aus „Termingeschäften“ nur noch bis zu 20.000 Euro pro Jahr mit Gewinnen aus Termingeschäften verrechnet werden dürfen. Dadurch wird die bizarre Realität entstehen, dass Anleger Steuern auf Gewinne zahlen müssen, obwohl sie effektiv in einem Börsenjahr im Handel keinen Gewinn erzielt haben (wir berichteten schon mehrmals). Danke Olaf Scholz, darf man da schon mal im Voraus sagen.

Klar zu sein scheint, dass die CFDs in die Kategorie der Termingeschäfte fallen im Sinne dieser Novelle des Einkommenssteuergesetzes – wohl ganz einfach, weil der Gesetzgeber es so will. Aber auch Optionsscheine, die per Definition doch viel eher Termingeschäfte sind? Wie man derzeit munkelt, wird das Bundesfinanzministerium noch eine Klarstellung für die ausführenden Steuerbehörden veröffentlichen, aus welcher hervorgehen könnte, dass auch Optionsscheine als Termingeschäfte zu betrachten wären. Das würde den Kreis der betroffenen Anleger deutlich erweitern.

Lobbyarbeit für Optionsscheine – von CFDs ist keine Rede

Aber halt. CFDs werden fast komplett von angelsächsischen und Offshore-Anbietern angeboten. Optionsscheine sind die Kinder der deutschen Bankenbranche. Und drei Mal darf man raten, wer den besseren Draht zu BaFin, Bundesfinanzministerium, Staatssekretären etc haben könnte? Diese Woche sieht man vom Deutschen Derivate-Verband, der Börse Stuttgart und der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) einen offiziellen Appell an das Bundesfinanzministerium (siehe hier), worin man eindringlich dazu auffordert Optionsscheine bezüglich dieser Neuregelung nicht als Termingeschäfte einzustufen. Man möchte also erreichen, dass Anleger auch weiterhin unbegrenzt Verluste aus Optionsscheinen mit Gewinnen aus Optionsscheinen verrechnen dürfen.

Gibt der Gesetzgeber dem nach, wäre dies ein glasklarer Vorteil für die Anbieter von Optionsscheinen, und ein riesiger Nachteil für die ausländischen CFD-Anbieter. Und wer ist denn Mitglied im Deutschen Derivate-Verband? Eben nicht die CFD-Anbieter, sondern so ziemlich alle deutschen Anbieter von Zertifikaten und Optionsscheinen, wie Deutsche Bank, Deka, Hypo, LBBW, DZ, Baader usw. Für CFDs bitten sie nicht um eine Ausnahme, sondern nur für Optionsscheine. Und die DSW? Hat sie die CFDs schon aufgegeben, und hofft nun noch darauf, wenigstens noch die Optionsscheine vor diesem Steuerirrsinn retten zu können? Aus dem Appell zitieren wir hier auszugsweise im Wortlaut:

Der Deutsche Derivate Verband (DDV), die Börse Stuttgart und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) appellieren an das Bundesfinanzministerium, die Linie aus dem Juni 2020 beizubehalten und Optionsscheine nicht als Termingeschäfte einzuordnen. Im Entwurf des Anwendungsschreibens des BMF vom Juni 2020 wurden Optionsscheine nicht als Termingeschäfte klassifiziert und damit eine klare, angemessene Abgrenzung erreicht. Damit wird vermieden, dass Anleger in der Depotgestaltung beeinträchtigt werden und zudem aufwendige individuelle Veranlagungen vornehmen müssen. Anderenfalls drohen schwere steuerliche Nachteile, nachträgliche Steuerzahlungen und Unsicherheiten für hunderttausende von Anlegern. Für Termingeschäfte sieht das Jahressteuergesetz, das seit Jahresbeginn gilt, eine begrenzte Verlustverrechnungsmöglichkeit nur mit anderen Termingeschäften und Erträgen aus Stillhaltegeschäften vor.

Marc Tüngler, DSW-Hauptgeschäftsführer: „Die steuerliche Neuregelung der Verlustverrechnung ist ein weiterer herber Schlag für Privatanleger und führt zu massiven Verunsicherungen. Vom Grundsatz her halten wir die Regelung insgesamt für verfassungswidrig. Der Entwurf des BMF-Schreibens war immerhin ein fairer Vorschlag, wie die Anwendung zumindest in Bezug auf Optionsscheine zu regeln ist, und würde betroffenen Anlegern eine Perspektive geben. Wenn das BMF jetzt von diesem ursprünglichen Entwurf abweicht, weckt das Unverständnis und offenbart einmal mehr die feindliche Gesinnung gegenüber Privatanlegern.“

Würden Optionsscheine jetzt durch das Anwendungsschreiben des BMF den Termingeschäften zugerechnet, wird die neugeschaffene Unwucht im Steuerrecht weiter dramatisch verschärft.

Es gibt gute sachliche Argumente dafür, warum Optionsscheine steuerlich als sonstige Finanzinstrumente und nicht als Termingeschäfte zu klassifizieren sind. Die Klassifizierung sollte anhand der Erfüllungsweise von Optionsgeschäften vorgenommen werden. Diese ist bei Optionsscheinen „Zug-um-Zug“, sie sind daher bei der steuerlichen Behandlung den Kassageschäften zuzurechnen, und nicht den Termingeschäften. Diese Einschätzung wird auch von Wissenschaftlern geteilt.

Eine Studie der WHU aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass hunderttausende von Privatanlegern von einer solchen Klassifizierung betroffen wären. Zudem stellt die Studie der WHU fest, dass 68,8 Prozent der Nutzer von Hebelprodukten wie Optionsscheinen diese zur Absicherung einsetzen. Die Beschränkung der Verlustverrechnung erschwert es Anlegern von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

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Ölpreis: Aufwärtstrend geht weiter? Was macht Biden? API-Daten lassen aufhorchen

Claudio Kummerfeld

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am

Eine Öl-Pumpe in der Wüste

Der Ölpreis war seit dem 5. Januar im Aufwärtstrend. Nach einer Mini-Pause ging es Anfang dieser Woche weiter nach oben, von unter 48 Dollar im WTI-Öl am 5. Januar bis auf derzeit knapp unter 53 Dollar. Zahlreiche Gründe für die jüngst gestiegenen Preise und womöglich auch weiter anziehenden Preise hatten wir die letzten Tage genannt.

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Positiv für den Ölpreis zu werten waren die inzwischen seit fünf Wochen fallenden Lagerbestände für Öl in den USA, die großen Stimulus-Hoffnungen an den neuen US-Präsidenten, und vor allem die zusätzlichen freiwilligen Kürzungen der Öl-Fördermenge durch Saudi-Arabien (minus 1 Million Barrels pro Tag für Februar und März).

Gestern Abend wurden die privat ermittelten API-Lagerbestände für Öl veröffentlicht mit einer Wochenveränderung von +2,6 Millionen Barrels. Die API-Daten gelten stets als Vorschau auf die am folgenden Tag vermeldeten offiziellen Lagerdaten. Diese Woche verschieben sich viele Konjunkturdaten in den USA um einen Tag nach hinten, weil am Montag Feiertag war. Die offiziellen Lagerdaten aber verschieben sich aufgrund der gestrigen Amtseinführung von Joe Biden um noch einen weiteren Tag nach hinten auf Freitag Nachmittag. Bis dahin könnte der Ölpreis also zittrig bleiben, in der Vorschau auf möglicherweise steigende Lagerbestände in den USA.

Was bringt Joe Biden für den Ölpreis?

Positiv für die Öl-Bullen ist zu werten, dass Joe Biden gestern im Rahmen diverser präsidialer Dekrete die Keystone XL Pipeline gestoppt hat, deren Bau in den USA noch nicht begonnen hat. Damit wird zukünftig nicht noch mehr Öl aus Kanada in Texas ankommen. Grundsätzlich ist dies vorsichtig positiv für den Ölpreis zu werten, da die Angebotsmenge geringer ausfallen dürfte. Aber na ja… werden die Kanadier ihr Öl dann nicht anderweitig auf dem Weltmarkt anbieten?

Also, bringt Joe Biden tendenziell für die nächsten Jahre dank dem Pipeline-Stop und sicherlich diversen schärferen Umweltgesetzen die Öl-Förderung in den USA zu einem Wachstumsstop, oder sogar zu einer Schrumpfung? Das wäre gut für alle Trader, die einen höheren Ölpreis sehen wollen. Aber da gibt es noch die andere Seite der Medaille. Man darf annehmen, dass sich die Beziehung zwischen den USA und dem Iran unter dem neuen US-Präsidenten entspannt. Sollten die US-Sanktionen gelockert werden, dürfte der Iran wohl zügig mehr Öl fördern und auf dem Weltmarkt verkaufen. Denn das Land braucht wohl jeden Petro-Dollar. Dies wäre folglich schlecht für den Ölpreis. Also ist es nicht so einfach zu beantworten, ob Joe Biden nun gut oder schlecht für einen potenziell weiter steigenden Ölpreis zu betrachten ist. Schaut man auf den Chart 30 Tage zurück, dann ist der Ölmarkt noch im Aufwärtstrend. Die Grundstimmung ist vor allem wegen dem möglichen anstehenden Mega-Stimulus in den USA positiv.

Chart zeigt Kursverlauf im Ölpreis in den letzten 30 Tagen
Chart zeigt Ölpreis-Verlauf in den letzten 30 Tagen.

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Christine Lagarde: Headlines der PK der EZB: entscheidende Fragen unbeantwortet

Markus Fugmann

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am

Hier die wichtigsten Aussagen von Christine Lagarde auf der heutigen Pressekonferenz der EZB – im offiziellen Statement bislang wenig Neues:

– Lagarde beginnt mit warmen Wünschen für 2021

– Impfungen wichtiger Meilentstein

– Industrie weiter robust, Dienstleistung weiter schwach, wenngleich weniger schwach als in der ersten Corona-Welle

– Inflation bleibt niedrig

– Kurzfristig überwiegen die Risiken

– Wirtschaft der Eurozone dürfte auch im 4.Quartal geschrumpft sein

– Pandemie wird auch 1.Quartal 2021 belasten

– es wird trotz Impfungen noch dauern, bis Herdenimmunität erreicht ist

– Impfungen und Brexit-Deal sind ermutigend, aber übergeordnet bleiben die Risiken bestehen

– Headline-Inflation dürfte bald ansteigen, auch wegen deutscher Wieder-Anhebung der Mehrwertsteuer

– Inflation dürfte mittelfristig anziehen, Inflationserwartungen sind gestiegen

– Kreditvergabe: Banken etwas vorsichtiger geworden

– Europäische Länder sollen schnell beschlossene EU-Hilfsmaßnahmen in ihren Parlamenten beschließen, um Erholung anzuschieben

– Lagarde „hat fertig“, jetzt Fragen

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– Lagarde: positiv sind Impfungen, dass der Brexit-Dealk zustande gekommen ist, dazu bessere Aussichten auf Kooperation mit der neuen US-Regierung

– schärfere Lockdowns wegen Mutationen durchaus möglich

– Frage nach Zombiefirmen: bislang weicht Lagarde einer Antwort aus – da redet sie minutenlang herum, aber die Frage zielte letztlich auf die negativen Konsequenzen der EZB-Politik, und das ließ sie (wieder einmal!) unbeantwortet!

– Frage nach (unausgesprochener) yield curve control der EZB (Berichte darüber, dass EZB versucht, die Renditen für Anleihen vor allem italienischer Anleohen nicht zu stark gegenüber deutschen Anleihen als Benchmark steigen zu lassen:: wieder keine konkrete Antwort von Lagarde!

– Frage nach digitalem Euro: was soll der für die Menschen bringen? Lagarde: ein digitaler Euro würde das Bargeld nicht ersetzen (FMW: echt??)
Lagarde: wir wollen in Sachen Digitaleuro sehr transparent sein (FMW: wohl eher pseudo-transparent..)
Lagarde:Einführung des digitalen Euros würde noch Jahre dauern; viele Fragen darüber noch offen und schwierig, wenn er käme, wäre er für alle gut, nicht nur für Elite

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