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Coronakrise: Die Tücken der Mehrwertsteuersenkung in Deutschland

Deutschland will wegen den Folgen der Coronakrise die Mehrwertsteuer senken. Ist das sinnvoll?

Deutschland will wegen den Folgen der Coronakrise die Mehrwertsteuer senken. Ist das sinnvoll?

Nicht nur in den USA spielt der Konsum eine entscheidende Rolle für das Bruttoinlandsprodukt des Landes. Obgleich er in Deutschland mit gut 50 Prozent zum BIP eine Stufe tiefer steht als in Übersee, versucht auch der deutsche Staat den essenziellen Treiber für die Konjunktur in der Coronakrise nicht abstürzen zu lassen. Im aktuellen Konjunkturpaket stecken 300 Euro zusätzliches Kindergeld und eine Absenkung der Mehrwertsteuer. Obwohl diese allen Konsumenten zugute kommt, entsteht hierdurch ein kleines wirtschaftliches Problem.

Coronakrise: Warum nicht noch warten…

..mit großen Anschaffungen, werden sich einige Verbraucher denken, die einen größeren Kauf geplant haben. Schließlich fällt die Rechnung höchstwahrscheinlich in einigen Wochen dann um 2,5 Prozent günstiger aus. Dies ist kein Schreibfehler, denn die Mehrwertsteuer wird auf den gleichbleibenden Nettopreis (für den Verkäufer) erhoben, der Effekt der Senkung wird damit geringer.

Dennoch könnte ausgerechnet im Monat Juni, der eigentlich einen großen Schub in der Wirtschaft bringen sollte durch die Beendigung des Lockdowns, ein kleiner Dämpfer entstehen. Das Wirtschaftswachstum im Katastrophen-Quartal Q2 2020 in der Coronakrise – wird davon nicht gerade profitieren.

Der Effekt bei höherwertigen Gütern

Während bei Alltagsgütern ein paar Cent Preisunterschied durch dier Senkung der Mehrwertssteuer kaum eine Rolle spielen dürften, ist dies bei langlebigen Gütern schon etwas anderes. Ob Einrichtungsgegenstände, die beim Home Office bei manchen in den Fokus geraten sind, Autos oder die Unterhaltungselektronik, warum nicht ein paar Wochen warten? Das Lamento ließ nicht lange auf sich warten. Gerade der Automobilindustrie, die auf Halden unverkaufter Autos in Höhe von 15 Milliarden Euro sitzt, kam diese Senkung der Mehrwertssteuer aktuell ungelegen, zumal man auch noch keine Zuschüsse für die große Zahl an Verbrennern bewilligt bekam.

„Der Juni dürfte ein verlorener Monat werden“, mutmaßt der Präsident des Verbands des KfZ-Gewerbes Nordrhein-Westfalen. Man müsse mit deutlich sinkenden Zulassungszahlen rechnen.

Damit könnte der Juni gerade nicht zum Hoffnungsmonat werden, in dem die Wirtschaftszahlen so richtig nach oben springen, – zumindest ist mit einem Dämpfer zu rechnen.

Auch aus der Baubranche sind Klagen zu vernehmen. Mancher Bauherr versucht die Arbeiten zu verzögern, um in die Juli-Regelung zu gelangen, denn es gilt oft der Zeitpunkt der Leistungserbringung für die Fälligkeit der Schlussrechnung und damit auch für den Satz der Mehrwertsteuer.

Ungeachtet der Verzögerungsgeschichte gibt es natürlich bei längeren Bauvorhaben ein kleines bürokratisches Problem, schließlich gilt diese Regelung nur ein halbes Jahr. Hü und Hott.

Aber das Thema ist noch viel weitreichender, wie der Vorstand des Verbands der Gründer und Selbstständigen Deutschland, Andreas Lutz, moniert:

Die Kunden würden derzeit massenhaft Aufträge stornieren, um in die Juli-Regelung zu gelangen. Musste die Regierung nicht zahllose Selbstständige finanziell unterstützen, um die Umsatzeinbrüche infolge des Lockdowns der Coronakrise zu überstehen – und jetzt hat man unbeabsichtigt die Durststrecke verlängert?

Coronakrise – und ein Vorgeschmack auf Deflation

An diesem klitzekleinen Beispiel Mehrwertsteuersenkung kann man erkennen, warum die Regierungen und Notenbanken Deflation so stark fürchten: Wenn Verbraucher erwarten, dass Produkte billiger werden, werden sie sofort ihr Verhalten danach ausrichten, Verzicht üben, um auf das billigere Angebot zu warten. Die Folgen sind klar: Umsatzeinbrüche bei den Firmen, Rückgang der Produktion, Restrukturierungen und wenn es im größerem Umfang geschieht, Entlassungen – und schon haben wir die Abwärtsspirale.

Das kleine Beispiel zeigt einmal mehr das Selbstreferenzielle in Wirtschaft und Börse. Käufer und Investoren richten ihr Augenmerk auf die Zukunft. Wenn etwas billiger werden könnte, ob ein Produkt oder ein Börsenkurs, hält man sein Geld zusammen. Oder anders herum, es entsteht Kaufinteresse, wenn man mit einer Verteuerung rechnet. Marktteilnehmer sind Beobachter der Prozesse und zugleich Akteure, die durch ihr Verhalten das System selbst ändern – fortlaufend. Deshalb sind Prognosen in der Wirtschaftsentwicklung auch so schwierig – auch in gerade während der Coronakrise..

Die Senkung der Mehrwertsteuer soll die Coronakrise abmildern



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1 Kommentar

  1. Würden Sie in der jetzigen Zeit eine größere Anschaffung machen,wenn der Job
    weg oder unsicher ist !
    Kaufen würde ich persönlich (leider egoistisch gedacht),wenn die Insolvenzen publik
    werden und die Kurzarbeiter zu Arbeitslosen werde…………
    Dann bekommt man eventuell „das KfZ“ für die Hälfte – traurig aber wahr !
    Natürlich nur für Optimisten,die ihr Pulver trocken gehalten haben und ausreichend
    Reserven in Realwerten halten.
    Für diese Fraktion emfehlenswert,besser wohl noch ein PkW als „entwertete Euronen“
    Na ja,ein bisschen Ironie liegt in der Sache,aber worüber sollte man sonst noch Spass machen………..

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