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Coronakrise: Die Zeit der (Fehl-)Prognosen – und die Realität

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Die Coronakrise macht Prognosen umso interessanter, weil die Wirtschaft Derartiges noch nie erlebt hat! Es ist eigentlich immer Zeit für Prognosen, über das Wirtschaftswachstum, über Unternehmensergebnisse und auch über Börsenindizes – je länger, je unsicherer – „Trial und Error“ oder Versuch und Irrtum. Aktuell bescherte uns eine Pandemie aber einen weltweiten Lockdown und einen Einbruch im Wirtschaftsleben, wie es ihn noch nie zu Friedenszeiten in so kurzer Zeit gegeben hat. Viele alte Prognosen verloren in kürzester Zeit jegliche Aussagekraft.

Dennoch giert der Mensch nach „validen“ Aussagen über die Zukunft, besonders über die wirtschaftliche. Was in normalen Jahren schon nur leidlich funktioniert, ist zu Zeit der Coronakrise fast schon garantiert zum Scheitern verurteilt.

Die Lage vor der Coronakrise

Natürlich ist diese Pandemie so etwas wie ein „Schwarzer Schwan“, welcher von keinem Wirtschaftsinstitut vorhergesehen werden konnte. Zwar gab es Virologen, die sich mit Pandemien beschäftigen und die abstrakt von einer solchen Gefahr sprachen –  aber ohne Zeitangabe. Selbst Professor Christian Drosten, der dieses Virus genau studiert hat, sprach aber noch im Februar von einer Grippe, die an Deutschland vorbeigehen wird. Und die Wirtschaft?

Diese war nach fast elf Jahren Hausse auch vor der Coronakrise reif für einen Abschwung, der IWF rechnete noch im Januar mit einem Wachstum von gut drei Prozent für die Weltwirtschaft, trotz des Einbruchs in China und der Schwächeanzeichen in der westlichen Welt. Ein paar Wochen später sprach man von einer schwarzen Null und im April von der tiefsten Rezession (auf das Jahr gesehen) aller Zeiten. Darüber bin ich mir bereits jetzt nicht mehr so sicher. Schrumpfung ja, aber wie schnell das Ganze wieder drehen kann (!) sehen wir in Ansätzen. Vor ziemlich genau 15 Wochen ist in Deutschland der erste Coronafall entdeckt worden – und gestern haben in Bayern die Biergärten wieder geöffnet.

Der historische Wirtschaftseinbruch durch die Coronkrise

Jüngst wurden die Zahlen für das erste Quartal 2020 veröffentlicht. Obwohl der Lockdown erst im März so richtig begonnen hat, rauschte Deutschland mit minus 2,2 Prozent in eine technische Rezession, andere Industriestaaten noch viel deutlicher, wie ich in meinem großen Bild gestern dargestellt habe. Und erst der Arbeitsmarkt. Die US-Arbeitslosigkeit sprang auf Monatsfrist von 4,4 Prozent auf 14,7 Prozent und Powell sprach bereits von kommenden 25 Prozent. Auch in Deutschland kommt das Schlimmste noch, allerdings ist dies aus heutiger Sicht teilweise ein Blick in den Rückspiegel: 10,1 Millionen Anträge auf Arbeitslosigkeit und eine Schrumpfung des Wirtschaftswachstums von minus 14 Prozent im zweiten Quartal. Wird es ganz so schlimm kommen, wenn Anfang Mai fast alle Geschäfte wieder geöffnet haben und jetzt Gastronomie, Hotels, Freizeiteinrichtungen und Tourismus nachziehen?

Irreal ist doch die Wende der Prognosen bei der amerikanischen Notenbank. Sprach man vor einigen Wochen noch von einer stabilen US-Konjunktur, so rechnet man jetzt bereits mit einem 20 bis 30-Prozent-Einbruch im zweiten Quartal. Powell wird gewiss von mehreren Hundert promovierten Ökonomen mit Daten beliefert, die alles können – nur nicht in die Zukunft blicken. Das eherne Gesetz hat ein weiteres Mal gehalten: Noch nie hat eine Großorganisation (IWF, Weltbank, OECD) nach dem Krieg eine Rezession zeitnah vorhersagen können, obwohl im Besitz aller Daten – auch diese nicht.

Langzeitprognosen von Branchen

Klar gibt es Industriebereiche, die sich nicht von heute auf morgen nach der Coronakrise oder von Quartal zu Quartal erholen können, als ob nichts geschehen wäre. Wie zum Beispiel die Luftfahrt- oder die Automobilbranche. Aber etwas befremdlich hört es sich schon an, wenn Chefs von Fluggesellschaften davon sprechen, dass es bis 2024 dauern wird, bis sich die Verkehrszahlen auf alte Höhen einpendeln können. Will man hiermit um staatliche Gelder werben?

Wie war es nach dem 11. September 2001, dem schwersten Angriff auf die zivile Luftfahrt?

Bereits ein Jahr später hatten die Passagierzahlen wieder das Niveau von vor den Terrorangriffen erreicht, bis 2004 das Niveau von 2000, dem Beginn des Platzens der Dotcom-Blase. Und damals gab es Todesängste, aufgrund der Terrorgefahr, Ängste, die heutige gesunde 30 oder 40-jährige Fluggäste wegen Covid-19 nicht zu haben brauchen.

Oder wieso soll es auch so lange in der Automobilindustrie dauern, wo beispielsweise das Durchschnittsalter der 47,7 Millionen in Deutschland zugelassenen Pkw derzeit schon fast 10 Jahre beträgt?

Kommt ein U oder doch ein L nach der Coronakrise?

Oder ein V mit einem kurzen rechten Arm nach der Coronakrise? Das große Problem bei allen Vorhersagen, ob Börse, Wirtschaft oder Politik, ist die schwere Vorhersehbarkeit menschlichen Verhaltens.

An der Börse beherrscht das Prinzip der Reflexität einen Teil des Geschehens. Das bedeutet, dass die Anleger zugleich Beobachter und Teilnehmer sind, die durch ihr Verhalten das System ändern, ohne Rücksicht auf die Kausalität der vorherigen Analyse. Derzeit besonders erkennbar: Nicht die aktuellen Zahlen und Informationen in der Coronakrise bestimmen die Aktienkurse, sondern die Erwartungen, was künftig der Fall sein wird (V-förmige Erholung, Eindämmung, Fed-Put, Impfstoff). In jeder Rezession, an die ich mich erinnern kann, waren die Nachrichten am schlechtesten, während die Börsenkurse schon wieder am steigen waren. Nur kann man halt vorher nicht wissen, wann am „schlechtesten“ ist. So ist Börse.

Soziale Systeme wirken auf sich selbst, verändern sich und entziehen sich objektiver Analysen. Für die kommende wirtschaftliche Entwicklung im Gefolge der Coronakrise kann keiner seriös vorhersagen, ob in naher Zukunft Angstsparen angesagt ist, oder Freude über das Überwinden der aktuellen Krise und Konsumieren.

Ich habe es schon ein paar Mal in Artikeln erwähnt: Der sehr einflussreiche Verhaltenspsychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann sprach hinsichtlich der Voraussehbarkeit von Wirtschaft und Politik von einem „Zero-Validity Environment“, also von einer Umgebung, in der es aufgrund unsicherer Rahmenbedingungen zu keinen zuverlässlichen Prognosen kommen kann. Haben wir nicht erst mit Brexit und der Trumpwahl zwei Polit-Überraschungen erlebt? Vermutlich wird es auch bis November noch wenig Klarheit zum Ausgang der Wahlen um das Präsidentenamt geben.

Fazit

Auch wenn man sich noch so sehr bemüht, im jetzigen Umfeld der Coronakrise und dem Bestreben von wesentlichen Staaten mit Hilfe von Geldschwemmen biblischen Ausmaßes alle Schäden zuzudecken und zu kaschieren, sind Prognosen unsicherer denn je. Es stehen sich viele Unwägbarkeiten gegenüber: Ein unsichtbares Virus (100 nm), ein nicht sichtbares Immunsystem des Menschen mit all seinen Anpassungsfähigkeiten und Wirtschaftssubjekte, die in ihrem Handeln kaum einschätzbar sind.

Aber eines ist relativ gewiss: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und wenn es Covid-19 zulässt, wird er rasch zu seinen alten Gewohnheiten zurückkehren, allen jetzigen Prognosen und der Coronakrise zum Trotze.

In der Coronakrise sind Prognosen besonders schwierig

Ein Kommentar

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  1. Avatar

    Klempner

    19. Mai 2020 10:04 at 10:04

    Es gibt doch real nur eine Frage .Haben die G7 Zentralbanken es geschafft die Kreditkrise 2020 samt Deflation vollständig abzuwehren oder nur teilweise?
    Alles andere ist Schnullibulli.Sobald an den Repomärkten wieder schlechtes Wetter
    aufkommt ,wissen wir ob. Dann kommt wie durch ein Wunder die böse zweite Welle und
    noch mehr frischer Kredit.Wie? Easy, es geht doch nur um die Interpetation des
    vermeindlichen Risikos.Wir werden wieder Bilder mit Kindern und Särgen sehen.

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Battery Day und Tesla: Live-Kommentar zum Event

Markus Fugmann

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Elon Musk hatte den „Battery Day“ im Vorfeld als „einer der aufregendsten Tage der Tesla-Geschichte“ bezeichnet, gestern jedoch die Erwartungen in einem Tweet deutlich gedämpft – die Tesla-Aktie daher heute mit 5% im Minus.

David Jones, chief market strategist bei capital.com, kommentiert den Battery Day live ab 22.15Uhr

:

Live-Kommentar zum lange erwarteten Battery Day von Tesla

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Gabor Steingart: „Ausbeutung einer Zukunft, die es noch gar nicht gibt“

Claudio Kummerfeld

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Gabor Steingart redet Klartext im folgenden aktuellen Video-Interview mit Mission Money. Er spricht von der Ausbeutung einer Zukunft, die es noch gar nicht gibt, von einer Zinsknechtschaft von noch Ungeborenen. Die heutige Politik erkaufe sich mit der Druckerpresse Ruhe in der Bevölkerung, so lautet eine der Hauptthesen von Gabor Steingart (hier geht es zu Steingarts Morning Briefing).

Gemeint ist damit, dass (so wollen wir es formulieren) Notenbanken und Regierungen derzeit ohne Ende neues Geld drucken und die Staatsverschuldung hochschrauben. Damit werden Rettungspakete bezahlt, die zukünftige Generationen als Schuldenlast erben, und dann abbezahlen müssen. Mit diesem jetzt frisch erschaffenen Geld würden alte Industrien gerettet. Und das nun zwei Jahre laufende Kurzarbeitergeld sei de facto ein Bedingungsloses Grundeinkommen, so drückt es Gabor Steingart aus.

Gabor Steingart plädiert für Abkehr von alten Industrien, und für Aufbruch in die Zukunft

Im geht es im Interview hauptsächlich darum, dass es einen Art Aufbruch in Politik und Gesellschaft geben müsse. Denn derzeit rette Deutschland seine Industrie aus dem letzten Jahrhundert. Man müsse aber in Zukunftstechnologien investieren. So plädiert Gabor Steingart unter anderem dafür die Bildungsausgaben zu verfielfachen. Anfangen könne man zum Beispiel bei deutlich mehr Ausgaben für die Digitalisierung der Schulden. In diesem Zusammenhang erwähnt er, dass die Lufthansa vom Staat gerade 2 1/2 Mal so viel Rettungsgeld bekommen habe als die Schulen in Deutschland für die Digitalisierung.

Die Aussagen von Gabor Steingart sind hochinteressant! Sie sollten sich die 30 Minuten Zeit nehmen. Auch werden im späteren Verlauf des Interviews andere interessante Themen angesprochen, und auch der „Wandel von Journalisten hin zu Aktivisten“. Aber hauptsächlich widmet man sich der bislang verspielten Chance, jetzt massiv in die Zukunft zu investieren. Dabei gibt er sich betont optimistisch, dass Deutschland diese Herausforderung bewältigen könne – man müsse nur endlich mal losgehen, jemand müsse den Startschuss geben.

Gabor Steingart
Gabor Steingart, Ausschnitt aus Originalfoto. Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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Coronakrise: Die Deutschen entdecken plötzlich Aktien!

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Ziemlich genau ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem die Coronakrise die Aktien auf ihren tiefsten Stand drückten. Anschließend folgte mit einem Lockdown ein einmaliger Stillstand im Berufs- und Alltagsleben der Menschen in Deutschland. Die Konsumenten gaben zwangsläufig weniger aus als vor der Coronakrise, auch unter Berücksichtigung des geringeren Einkommens seit dieser Zeit. Was sie mit ihrem Geld anstellten, ergab eine Umfrage im Auftrag der Postbank – mit teilweise überraschenden Erkenntnissen.

Coronakrise: Die Zurückhaltung der Konsumenten

Wie veränderte die Coronakrise das Konsumverhalten der Deutschen? Dieser Frage ging das Marktforschungsunternehmen Kantar im Auftrag der Postbank nach. Die Ergebnisse:

Drei Viertel der Bundesbürger gaben weniger aus als zuvor, am meisten – 82,4 Prozent die 20 bis 29-Jährigen, die geringste Zurückhaltung bei den über 60-Jährigen mit 64,2 Prozent.
Da aber insgesamt die Einkommenseinbußen im Lande aufgrund von Zuschüssen, Kurzarbeitergeld u.a. moderat ausfielen, muss Geld gespart worden sein. Und zwar bei diesen Ausgaben:

  • Urlaub 46,2 Prozent
  • Gaststättenbesuche 39,6 Prozent
  • Hobby 31,7 Prozent
  • Mode 28,1 Prozent …..

Am geringsten waren die Sparmaßnahmen bei:

  • Genussmitteln (Alkohol, Zigaretten) 14,1 Prozent
  • Lebensmitteln 7,2 Prozent
  • Altersvorsorge 6,5 Prozent

Damit verbleibt ein Viertel der Bevölkerung, welches keine Ausgabenänderungen durchgeführt haben.

Wohin floss das Eingesparte?

Bei der Betrachtung der Sparziele treten doch einige Tugenden der Deutschen zu Tage – auch und gerade während der Coronakrise. Bei den Sparzielen nannten die Befragten:

  • Rücklagen für unerwartete Ausgaben 39,5 Prozent
  • Altersvorsorge 36,6 Prozent
  • Persönliche Muße 31,6 Prozent
  • Rücklagen für Krisenzeiten 28,9 Prozent
  • Erwerb von Wohneigentum 12,5 Prozent
  • Renovierungen 12,0 Prozent
  • Autokauf 11,6 Prozent
  • Rücklagen für Kinder 10 Prozent
  • Fast 13 Prozent konnten oder wollten überhaupt nichts zurücklegen.

Die Überraschung: Engagement in Aktien

Um diese Ziele wie Altersvorsorge und Weiteres zu erreichen, haben viele Sparer ausgerechnet in der Coronakrise mit all den Katastrophe-Nachrichten ihr Engagement in Aktien verstärkt. 3,2 Prozent tätigten zum ersten Mal eine Anlage in Aktien, 7,2 Prozent verstärkten ihre Wertpapierkäufe. Wie bereits schon öfters berichtet, macht 2020 das Sparplanprinzip in Deutschland die Runde. Mit 62 Prozent war die Anlage in Aktien seit dem Ausbruch der Coronakrise das bevorzugte Investment, gefolgt von ETFs (39,8 Prozent), Investmentfonds (22,2 Prozent), Zertifikate (13,9 Prozent), ganz am Ende Anleihen und Optionsscheine. Sollten deutsche Anleger tatsächlich einmal antizyklisch ins Geschäft mit Aktien eingestiegen sein?

Fazit

Auch wenn das gesamte Finanzsystem in einer sehr angespannten Lage ist und man jederzeit mit heftigen Korrekturen rechnen muss (vor allem in den kommenden Jahren) ist die Fokussierung auf Aktien von neuen Anlegern vermutliche keine schlechte Entscheidung. Die finanzielle Repression läuft – und die Zinsen haben nach vier Jahrzehnten ihren Nullpunkt erreicht. Eine (Leit-)Zinsanhebung ist aus faktischen Gründen auf lange Zeit obsolet und Zinsanlagen ergeben (gewollt) keine Rendite.

Aber die Wirtschaft muss weiter laufen, wie nach jeder Krise – und viele Aktien werden ihren Wert behalten, viele Anleihen dagegen nicht. Keiner hat eine Glaskugel. Aber ohne Wirtschaft, keine Einkommen, keine Steuereinnahmen, kein funktionierender Staat und ……kein Aktienmarkt. Banal aber wahr.

In der Coronakrise entdecken die Deutschen plötzlich Aktien

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