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Coronakrise: warum nur noch 30 Prozent der US-Bürger arbeiten

Hannes Zipfel

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In den USA ist das Bureau of Labor Statistics (BLS), eine Untereinheit des Arbeitsministeriums, für die Veröffentlichung der monatlichen Beschäftigtenzahlen zuständig. Schon immer stand die Erhebungsmethode der Behörde in der Kritik und war für ihre oft drastischen Revisionen bekannt.. Doch die Zahlen zum Mai 2020 waren in einer Art und Weise unplausibel, dass sogar der Präsident der US-Notenbank sie für unzutreffend erklärte. Aber warum unterlaufen den Statistikern des BLS permanent derart drastische Fehler? Schauen wir in der Coronakrise mal genauer hin!

Die Coronakrise legt die Schwächen der US-Arbeitsmarktstatistik offen

Wer glaubt, deutsche Bürokratie ist undurchsichtig, der hat noch nichts von der Erfassungsmethode der Beschäftigungszahlen in den USA gehört. Vom Jahr 1976 bis zum Jahr 1993 gab es in den USA sieben verschiedene Arbeitslosenquoten (U1 bis U7). Seit dem Jahr 1994 werden nur noch sechs verschiedene Arbeitslosenquoten (U1 bis U6) unterschieden, wobei die Quote U3 als die offizielle Quote für die Beschäftigung angesehen wird und die Quote U6 die Dimension der Unterbeschäftigung ausweist. Die offizielle Arbeitslosenquote U3 misst alle Arbeitslosen in Prozent der arbeitsfähigen zivilen Bevölkerung. Die Quote U6 misst die unfreiwillig Geringbeschäftigten, die Anzahl derer, die lediglich in Teilzeit arbeiten sowie alle Personen, die sich kurzfristig aus persönlichen Gründen nicht um Arbeit bemühen.

Die besonderen Umstände der Coronakrise offenbaren nun sehr deutlich die Schwächen der unnötigen Komplexität und der revisionsanfälligen Datenerhebungsmethode des BLS. In Deutschland beispielsweise werden einfach zur Berechnung der Beschäftigtenzahlen über die Bundesagentur für Arbeit die sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer gezählt. Dazu kommen noch Freiberufler, Selbstständige, Arbeitslose in Qualifizierungsmaßnahmen und Transferleistungsempfänger, die sich gerade im Urlaub befinden (kein Scherz). In den USA werden die Arbeitsmarktzahlen auf unterschiedliche Weise erhoben und nach verschiedenen Kriterien bereinigt. Und das in einem Maße, das jedem seriösen Statistiker an der Berufsehre kratzt.

Die offizielle US-Arbeitslosenquote für den Monat Mai 2020, also noch während des Shutdowns großer Teile der US-Wirtschaft durch die Coronakrise, ist der letzte Sargnagel für die Glaubwürdigkeit der BLS-Statistik zu den Beschäftigungszahlen. Gäbe es einen Superlativ für das Adjektiv „falsch“, es träfe auf diese Statistik zu. Angeblich sank die Arbeitslosenquote in den USA von 14,7 Prozent im April auf 13,3 Prozent im Mai. Erwartet wurde plausiblerweise ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosenquote auf 19,8 Prozent. Statt 12,5 Millionen Jobverlusten seien gemäß einer gesonderten Umfrage mitten in der Coronakrise und noch während des wirtschaftlichen Shutdowns 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze in den USA im Monat Mai entstanden. Die Abweichung von den Analystenschätzungen in Höhe von 10 Mio.
Arbeitsplätzen war die höchste jemals gemessene seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 1976.

Mittlerweile sagt das BLS selbst, dass die Daten für den Monat Mai bereinigt um Datenfehler bei 16,4 Prozent liegen würde. Die Quote U6 läge demnach bei 21 Prozent. Gemäß der im Jahr 1994 abgeschafften Quote U7, die von Shadow Government Statistics aber weiter berechnet wird, läge die Quote bei 34 Prozent. Die Quote U7 umfasst U6, zuzüglich der Menschen, die zwar arbeitsfähig sind, sich aber in die Schattenwirtschaft verabschiedet haben (z. B. Schwarzarbeit oder Drogenhandel) sowie Personen, die die Arbeitssuche mangels Erfolgsaussicht gänzlich aufgegeben haben und von Sozialtransfers und Spenden leben.

Knapp 40 Prozent aller arbeitsfähigen US-Bürger fallen aus der Statistik

Da die Daten zur Beschäftigung in den USA teilweise anhand von Telefonumfragen ermittelt werden, ergaben sich speziell in der Coronakrise statistische Fehler aus Missverständnissen bei den Befragten oder dadurch, dass viele Umfrageteilnehmern während der Coronakrise von ihren Arbeitgebern nicht ordnungsgemäß als arbeitslos gemeldet wurden (man sparte sich den Aufwand). Dadurch wurden Millionen von Amerikanern mangels Entlassungsmeldung durch den Arbeitgeber als weiterhin berufstätig in der Statistik geführt.

Der gravierende Unterschied zwischen der offiziellen Arbeitslosenquote U3 und der Quote U6 tritt in der Coronakrise aus einem anderen Grund noch deutlicher zutage. Die Anzahl der Menschen, die zwar arbeitsfähig und sich im richtigen Alter befinden (ab 16 Jahren), sich aus dem Arbeitsmarkt aber zurückgezogen haben, ist auf einen Rekordwert von fast 40 Prozent angestiegen. Dies hat vor allem damit zu tun, dass die Regierung die Transferleistungen für Arbeitslose um 600 US-Dollar pro Woche bis mindestens Ultimo Juli 2020 aufgestockt hat.

Vor der Coronakrise waren gemäß dem U.S. Bureau of Labor Statistics 163,54 Millionen US-Bürger arbeitsfähig und standen theoretisch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Das entspricht insgesamt 49,8 Prozent der 328,2 Millionen in den Vereinigten Staaten lebenden Menschen. Da aber nur gut 60 Prozent der arbeitsfähigen Amerikaner gemäß der sogenannten „Civilian Participation Rate“ auch am Arbeitsleben teilnehmen, sind gemessen an der Gesamtbevölkerung nur 30 Prozent der US-Bürger erwerbstätig. Der Rest ist entweder verrentet, Schüler, arbeitsunfähig, arbeitsunwillig, hat bereits resigniert oder ist in der Schattenwirtschaft tätig.

Aufgrund der Coronakrise sinkt die Erwerbsquote in den USA deutlich

Die offizielle Arbeitslosenquote U3 für verschiedene Bevölkerungsgruppen, also Afroamerikaner, Weiße, hispanische und asiatische Arbeitnehmer, wurden wahrscheinlich ebenfalls aufgrund unzureichender Repräsentanz der Befragungen stark verzerrt erhoben. Vor allem die unteren Einkommensschichten, zu denen die Hispanics und die Afroamerikaner gehören, waren von der Entlassungswelle in der Coronakrise besonders stark betroffen.

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6 Kommentare

6 Comments

  1. Avatar

    Zimmermann

    16. Juni 2020 09:48 at 09:48

    Diese kreativen Arbeitslosenstatistiken passen doch zum dem Dummvolk.

  2. Avatar

    Michael

    16. Juni 2020 10:53 at 10:53

    @Hannes Zipfel,

    herzlichen Dank für diese Erläuterungen! Dass mit diesen schwachsinnigen monatlichen Daten einiges nicht stimmen kann, ahnen viele seit Jahren. Zumal diese Zahlen immer in krassem Widerspruch zu den Anträgen auf Arbeitslosenhilfe stehen. Ihr Artikel erlaubt nun Einblicke und gibt Erklärungen für diese willkürliche Kreativität. Bleibt letztendlich nur noch eine Frage offen: Warum feiern die Märkte immer Parties bei positiv frisierten Zahlen, während sie bei negativen Daten stoisch gelassen bis völlig ignorant reagieren?

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      thinkSelf

      16. Juni 2020 16:03 at 16:03

      Kognitive Dissonanz

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    Never bet against America

    16. Juni 2020 13:48 at 13:48

    Nur dass das alles nicht stimmen kann. Eine erwerbstätige Bevölkerung mit gerade mal 30 oder 40 Prozent von 330 Millionen Menschen schafft ein Bruttosozialprodukt von 20,6 Billionen Dollar, fast sechsmal so hoch wie das der fleißigen Deutschen? Das wäre aber phantastisch. Aber das wollen die USA-Basher gar nicht hören. Nur, dass die USA untergehen werden.

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      thinkSelf

      16. Juni 2020 16:01 at 16:01

      In Deutschland ist auch nur der kleinere Teil der Bevölkerung produktiv tätig. Aktuell sind das etwa 48%, incl. Teilzeit.
      Rechnen wir dann noch die 7 Millionen aktuellen Kurzarbeiter raus sind wir bei 31%. Sieht also ähnlich aus. Und dabei sind noch nicht mal die ganzen Beschäftigungstherapierten in den Bullshit Jobs rausgerechnet (die es in den USA aber auch gibt).

      Das Prokopf BIP verhält sich 62T/47T. Kaufkraftbereinigt ist es 62T/52T. Also schon gar kein so großer Unterschied mehr.

      Hinzu kommt das das BIP wenig über die tatsächlich produzierte Gütermenge aussagt, da sieh die Werte nicht gleichmäßig über die Wertschöpfungskette verteilen.

      Der Anteil ist tendentiell auf der „Endkundenseite“ am größten, da Rohstoffe und Produktionspotential nicht wirklich begrenzt sind. Der höhere Konsumanteil in den USA erklärt damit zwanglos die „Restdifferenz“ zwischen Deutschland und den USA.

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        Michael

        16. Juni 2020 17:39 at 17:39

        Ein Konsumanteil, der nicht mit „hart und fleißig erarbeitetem“ Geld, sondern auf Pump mittels 15 sinnlos überzogener Kreditkarten finanziert wird.

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

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Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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Hans-Werner Sinn bei Marc Friedrich – die große Krise

Claudio Kummerfeld

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Hans-Werner Sinn ist als ehemaliger Leiter des ifo-Instituts immer noch ein bundesweit hoch anerkannter und gern gesehener Gesprächspartner rund um ökonomische Themen. Seine Meinung hat Gewicht. Aktuell wurde er vom (durch große Medien als Crashprophet bezeichneten) Marc Friedrich interviewt zur aktuellen großen Krise.

Hans-Werner Sinn über zweite Corona-Welle und China

Laut Hans-Werner Sinn sei die zweite Corona-Welle längst da. Einen zweiten, echten und harten Lockdown könne Deutschland nicht verkraften – deswegen werde es ihn auch nicht geben. Man werde stattdessen versuchen Brandherde einzeln und lokal zu löschen. Besprochen werden von den beiden zahlreiche bestehende ökonomische Probleme, darunter die Südländer in Europa, für die der Euro nach wie vor zu teuer sei. Auch die Krise der Autohersteller wird angesprochen. Hier gehe es um Regulierungsprobleme.

Marc Friedrich spricht die starke Überschuldung in China an. Hans-Werner Sinn erwähnt hier aber die in wenigen Jahren stark gestiegene Bedeutung Chinas für Deutschland. Vor vier Jahren sei China noch das viert wichtigste Exportland für die deutsche Wirtschaft gewesen, heute sei es das wichtigste Land. Die dortige rasche konjunkturelle Erholung helfe derzeit auch sehr stark der deutschen Exportwirtschaft.

Schulden-Vergemeinschaftung

Auch besprechen Hans-Werner Sinn und Marc Friedrich ausführlich das Thema der neuen EU-Anleihen und der zunehmenden Staatsfinanzierung durch die EZB. Angesprochen werden auch die ursprünglichen Grundsätze zu Zeiten der Euro-Einführung, wonach die EZB die Staaten nicht direkt finanzieren dürfe. Aus der Formulierung hätte Juristen dann den Schluss gezogen, dass eine indirekte Finanzierung erlaubt sei, so wie sie jetzt laufe (Banken kaufen Staatsanleihen in der Erstauktion, verkaufen sie kurz danach an die EZB).

Auch werden von den beiden Themen angesprochen wie eine mögliche Hyperinflation, das massive Rentenproblem und die großen wirtschaftlichen Probleme, die in Deutschland schon in zehn Jahren sichtbar sein sollen. Hans-Werner Sinn formuliert es drastisch und klar. Europa gehe über in ein dauerhaftes Siechtum bestehend aus dauerhaften Transfers nach Südeuropa, und ohne ausreichende Produktivität.

Bankenkrise

Egal ob die Zinsen nun wieder steigen würden, oder ob man weiter auf der Null-Linie bleibe. Auf die Banken in Europa werden laut Hans-Werner Sinn immense Probleme zukommen, die nicht ewig mit Sondermaßnahmen (wie es derzeit passiert) kaschiert werden könnten. Ein sehenswertes Gespräch, es lohnt sich! Nehmen Sie sich die Zeit.

Finden Sie beim Klick an dieser Stelle die fünf Investment-Ideen von Marc Friedrich.

Hans-Werner Sinn
Hans-Werner Sinn. Foto: blu-news.org CC BY-SA 2.0

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