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Coronakrise: Wie teuer sind der Dax und deutsche Aktien?

Jede Krise ist anders und deshalb auch kaum vorhersehbar: Wer hätte noch vor ein paar Monaten gedacht, dass bei der Lufthansa 700 von 763 Flugzeugen wegen der Coronakrise dauerhaft am Boden bleiben müssen – in Friedenszeiten? Dass die Umsätze um 90 Prozent einbrechen und die systemrelevante Airline sogar um Staatshilfe bitten muss? Sicherlich niemand. Doch wie sieht es mit der Gesamtbewertung des deutschen Aktienindex Dax aus, in der jetzigen Gemengelage von Rettungspaketen, billigem Notenbankgeld und der Hoffnung auf baldige Eindämmung der Corona-Pandemie?

Coronakrise: Bewertungsaspekte beim Dax

Als der Dax am 19. Februar 2020 sein Allzeithoch von 13.789 Punkten erreicht hatte und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16 aufwies, war vielen klar, dass diese Bewertung „pricy“ war, also deutlich über dem Durchschnitt lag. Anschließend rauschte der Index zu Beginn der Coronakrise in wenigen Wochen um 40 Prozent nach unten, das KGV wäre somit unter 10 gefallen, wenn da nicht die Unternehmensgewinne wären. Diese stürzten nicht zuletzt durch den Lockdown in die Tiefe und zwar in einem Ausmaß, wie es von den Analysten noch nicht eingepreist worden ist. Von 27 der 30 Dax-Unternehmen wurden die Gewinnschätzungen zwar deutlich nach unten gesetzt – Ausnahmen Bayer, Deutsche Telekom und Deutsche Börse. Gleichzeitig sind die Kurse der 30 Dax-Unternehmen mittlerweile wieder um 30 Prozent gestiegen, so dass die Aktien jetzt teurer sein müssen als zum Höhepunkt des 11-jährigen Wachstumszyklus.

Gründe für diese aktuelle Entwicklung sind natürlich die Rettungspakete von Staat und EZB, die Hoffnung auf eine rasche Eindämmung der Coronakrise und die extreme Zinsarmut des Konkurrenzmarktes.

Keines der Stützfaktoren darf sich jedoch in die falsche Richtung entwickeln. Ziemlich sicher ist, dass die Gewinnrevisionen der Analysten von durchschnittlich 25 Prozent nicht mit der bald sichtbaren Tiefe des Einbruchs der Firmengewinne korrelieren. Es gibt einen Ratschlag von MM.Warburg, der gar nicht so verkehrt sein könnte, weil erfahrungsbasiert: In den letzten beiden Rezessionen wurde der Tiefpunkt der Aktienbaisse erst erreicht, als die Analysten ihre Gewinnschätzungen nicht mehr weiter nach unten gesetzt hatten. Höchstwahrscheinlich ist dies aktuell auch noch nicht der Fall.

Der bestimmende Faktor, Covid-19

Alles Planen und Spekulieren um eine Normalisierung des Wirtschaftslebens hängt aber von der weiteren Entwicklung der Coronakrise ab. Setzt sich die Entwicklung weiter fort, hat die wärmere Jahreszeit einen Einfluss, oder kommt es infolge einer zu raschen Aufhebung der Lockdown-Maßnahmen zu einer neuen Welle mit neuen Beschränkungen – also zu einer Art Coronakrise 2.0? Keiner weiß es, nicht einmal die Virologen. Was aber feststellbar ist – aber wenig kommuniziert wird – ist, dass zwar die weltweiten Fälle weiter ansteigen auf mittlerweile über 4,2 Millionen Infektionen, aber gleichzeitig die Zahl der Genesenen bereits prozentual und nominal stärker steigt, als die Zahl der Neuinfizierten.

1.Mai: 1,053 Mio. Recovered – 2,044 Mio. Active Cases

11.Mai: 1,519 Mio. (R) – 2,431 Mio. (AC)

Diese Entwicklung ist für die Aktienmärkte die „Conditio sine qua non“, ohne eine positive Fortschreibung der Coroankrise dürfte es auch an den Aktienmärkten zu einer zweiten Welle kommen – aber einer solchen des Abverkaufs.

Was sagt die Anlegerstimmung?

Bei der wöchentlichen Umfrage des Handelsblatts unter Anlegern kam der Leiter des Analysehauses AnimusX, Stephan Heibel, auf ein Fazit, das die derzeitige Gemengelage sogar noch zugespitzt zum Ausdruck bringt:

„Entweder rauscht der Index deutlich unter die Marke von 10.000 Punkten oder es kommt es zu einer Kaufpanik, die den Dax weiter in die Höhe treibt.“

Die Auswertung der befragten Investoren zeigt ihre Unsicherheit anhand der vorhandenen Absichten. Einerseits liegt die Zukunftserwartung der Anleger bei minus 1,1. Anleger, also fürchtet man in den kommenden drei Monaten erneut fallende Kurse. Andererseits ist die aktuelle Investitionsbereitschaft aber von -0,1 auf 1,0 gestiegen, scheinbar wartet man auf einen kleine Rücksetzer um kaufen zu können. Diese Haltung wird auch aus dem EUWAX-Sentiment der Privatanleger in Stuttgart ersichtlich, welches mit minus 10 Punkten sehr im negativen Bereich liegt und darauf hindeutet, dass sich die Privaten gegen Kursverluste abgesichert haben. Alles in allem ein diffuses Stimmungsbild.

Fazit

Übergeordnet betrachtet implizieren die ganzen Fragestellungen meines Erachtens wieder eines: Es besteht eine Korrelation zwischen Wissen und Demut. Die besten Anleger merken, wie wenig sie eigentlich wissen. Oder „Börse verleiht Demut“, ein geflügeltes Wort an der Börse, dies wird aber zumeist nicht von Neulingen geäußert, sondern von „alten Hasen“.

Aber dennoch werden unaufhörlich Prognosen erstellt. Nach ein paar Jahrzehnten Beschäftigung mit der Börse, muss man zwangsläufig immer wieder feststellen, dass es in großen Zeitabständen immer wieder absonderliche Kursbewegungen gibt, zumeist im Zusammenhang mit unvorhersehbaren Ereignissen, aber gelegentlich auch mit Minimal-Anlässen, die absonderliche Bewegungen auslösen.

Wie jüngst das Erlebnis eines negativen Ölpreises, allerdings auf Future-Basis, oder die Situation der Luftfahrtbranche, in der man noch vor Kurzem befürchtet hatte, gar nicht so viele Flugzeuge bauen zu können, wie man in Zukunft benötigen wird.

Es kommt auch stets zu Umbrüchen und à la longue zur Begleichung von allerlei Ungleichgewichten (Mean Reversion).

Deshalb stehen wir in der aktuellen Rezession im Umfeld der Coronakrise vor noch größere Rätseln, als es beim Börsenblick in die Zukunft schon immer der Fall gewesen ist. Die Frage nach L,U- oder V-förmiger Erholung ist derzeit ein so strapaziertes Thema.

Zur Ausgangsfrage: Wie ist der deutsche Aktienmarkt bewertet? Sicherlich teuer und wenn es nicht mit der raschen Eindämmung der Coronakrise in der nächsten Zeit klappt, sogar extrem teuer.

Eine Entwicklung aber ist fast in jedem Jahr anzutreffen: das berühmte Sommerloch mit dünnen Umsätzen während der Ferienzeit. So treten in allen Marktphasen Rückschläge auf, möglicherweise auch 2020, wenn sich zeigen sollte, dass die Wirtschaft in Deutschland und in der Welt nach der Coronakrise wieder Fuß fassen wird. Denn dann könnte das abnorme Börsenphänomen auftreten, zu dem die Angelsachsen sagen: Buy the Fantasy, sell the Facts!

Ist der Dax angesichts der Coronakrise viel zu teuer?



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3 Kommentare

  1. „Es gibt einen Ratschlag von MM.Warburg, der gar nicht so verkehrt sein könnte, weil erfahrungsbasiert: In den letzten beiden Rezessionen wurde der Tiefpunkt der Aktienbaisse erst erreicht, als die Analysten ihre Gewinnschätzungen nicht mehr weiter nach unten gesetzt hatten.“

    Alles richtig, Herr Müller, nur : das Corona-Virus ist und bleibt ein Ausnahmefall, d.h. Analysten können irgendwelche Marktreaktion oder seien es Gewinnschätzungen gar nicht berechnen.

    In den letzten Reszessionen, wurde dann der Tiefpunkt erreicht, wenn die Kanoen donnern.

    „Zur Ausgangsfrage: Wie ist der deutsche Aktienmarkt bewertet? Sicherlich teuer und wenn es nicht mit der raschen Eindämmung der Coronakrise in der nächsten Zeit klappt, sogar extrem teuer.“

    Dann stellt sich die Frage, wie wird der deutsche Anleihemarkt bewertet, billig, extremst billig ?

    Rein in den deutschen Anleihemarkt, welche Zinsen …? Nie gehört ? – Wir wollen, dass der Bufu steigt… ? d.h. ich kaufe den Bufu über einen Future/CFD und sage dann, 200 Punkte oder 300 Punkte sind doch jetzt drin ? – Und der Anleihemarkt ist total fair bewertet, keine Zinsmanipulationen / Anleihekäufe usw usw .. – wir wissen von nix ? – welcher Markt ist fair bewertet ?

    Was hätte das zur Folge, ein Bufu bei 200 oder 300 Punkten… ? Minuszinsen und zwar für alle !
    Das würde der Markt „überleben“ … ? – Alles klar…

    „Zur Ausgangsfrage: Wie ist der deutsche Aktienmarkt bewertet? Sicherlich teuer und wenn es nicht mit der raschen Eindämmung der Coronakrise in der nächsten Zeit klappt, sogar extrem teuer.“

    Wenn der deutsche Aktienmarkt zu teuer bewertet ist, sogar extremst teuer bewertet ist, schwebt der deutsche Anleihemarkt im Weltall, d.h. jenseits von Gut und Böse.

    Punkt.

    1. @Marko. Hallo. Sie werden sicher schon registriert haben, wie oft ich in Artikeln auf den Anleihemarkt mit seiner nicht mehr vorhandenen Rendite hingewiesen habe (10-jährige Bund 2009 – ca. 3 Prozent, heute minus 0,5 Prozent). Die EZB hat durch ihre Anleihekäufe das Zinsniveau zertrümmert. Es gibt überhaupt kein KGV mehr für eine zehnjährige Bundesanleihe. Aber die Zinskonkurrenz ist nicht alles für den Aktienmarkt, denn die Zinsen sind bereits schon über ein Jahr negativ und nach ihrer Argumentation hätte der Aktienmarkt überhaupt nicht fallen dürfen. Die Bewertung der Unternehmen spielt immer noch eine gewisse, wenngleich nicht mehr die zentrale Rolle. Denn warum sind die Autowerte seit 2015 in Deutschland so stark gefallen?
      Grüße

    2. @ Marko, Gratulation, du kannst bald Jubiläum feiern, ZUM HUNDERTSTEN MAL DEN GLEICHEN SCHEISS- KOMMENTAR

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