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Coronavirus: Das riskante Experiment in Schweden

Man kann Schweden nur Glück wünschen bei seinem Experiment bei der Bekämpfung des Coronavirus – und hoffen, dass das Experiment nicht schief geht!

Wolfgang Müller

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am

Während es in Deutschland bereits heftige Debatten darüber gibt, ob die ersten Maßnahmen zur Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen um das Coronavirus nicht zu früh kommen – weil mit allerlei Risiken verbunden, Stichwort „Öffnungsdiskussionsorgie“ – so ist man in Schweden einen anderen Weg gegangen. Aus der Sicht Deutschlands einen unglaublich riskanten, aber auch in Schweden gibt es zahlreiche Wissenschaftler, die die gefährliche Strategie mit dem Versuch der Herdenimmunisierung heftig attackieren. Wie ist der aktuelle Sachstand?

Coronavirus in Schweden: Kaum Einschränkungen des täglichen Lebens

Wir erleben derzeit ein ausgeprägtes skandinavisches Hochdruckgebiet. Damit herrscht in Schwedens Hauptstadt Stockholm ein ähnlich schönes Frühlingswetter wie hierzulande. Während es bei uns nach wie vor den Lockdown gibt, mit diversen Verboten, herrschte insbesondere am Wochenende in der Metropole Schwedens emsiges Treiben. Cafés waren gut besucht und die Parks waren voll von Besuchern. Bekanntermaßen haben in Schweden auch Restaurants, Friseure, Einkaufszentren oder auch Fitnessstudios weiterhin geöffnet, ebenso wie die Kindergärten und Schulen.

In Schweden läuft ein riskanter Versuch, initiiert vom schwedischen Chefvirologen Anders Tegnell, der über eine Herdenimmunität das Coronavirus stoppen will. Er spricht davon, bis zum Monat Mai Anzeichen für eine Immunität in Stockholm ausmachen zu können – so seine mathematischen Modelle.

Etwas Ähnliches hatte man schon in Großbritannien ausprobiert, aber die Warnung der Gesundheitsbehörde vor Tausenden von Toten hatte Regierungschef Boris Johnson überzeugt und man hat den Versuch abgebrochen. Nichtdestotrotz war der Premierminister dennoch aufgrund des Coronavirus auf einer britischen Intensivstation gelandet.

Die Entwicklung des Coronavirus in Schweden

Tatsächlich zeigen im 10-Millionen-Land Schweden die Infektionszahlen einen leichten Abwärtstrend an. Bis gestern Abend gab es 16.004 bestätigte Corona-Fälle. Die Neuinfektionen waren im März stetig gestiegen, bis sie am 9. April mit mehr als 700 neuen Fällen ihren (bisherigen) Höhepunkt erreicht haben. In den letzten Tagen lagen die Fälle öfters bei täglich weniger als 500. Auch blieb nach den sonnigen Ostertagen der erwartete Anstieg aus. Was den Staatsepidemiologen Anders Tegnell in der Pressekonferenz in der letzten Woche zu der Bemerkung veranlasste: „Es scheint, als hätten wir den Höhepunkt erreicht. Das heißt jedoch nicht, dass es vorbei ist.“

Hier ein Vergleich der Entwicklung der Infektionszahlen von Deutschland und Schweden laut Worldometer:

Das Coronavirus in Schweden

 

Das Coronavirus in Deutschland als Vergleich zu Schweden

Die hohe Todesrate in Schweden

Ein sehr bedenklicher Aspekt ist die Zahl der Todesfälle aufgrund des Coronavirus in Schweden. Mit 1937 Menschen hat das Zehn-Millionen-Land bis dato eine dreifach höhere Sterberate als Deutschland. Auch der Vergleich zu den Nachbarstaaten fällt deutlich negativ aus. In den halb so bevölkerungsreichen Ländern Dänemark und Norwegen starben bisher 384 beziehungsweise 187 Menschen am Coronavirus. Viele kritische Wissenschaftler deuten auch auf Finnland, wo es seit Mitte März einen Lockdown gibt. Dort gibt es statistisch 27 Tote pro eine Million Einwohner, in Schweden hingegen sieben Mal so viele (192).

Ein Grund für die vielen Todesfälle war sicherlich auch der rege Besucherverkehr in Altenheimen. Tatsächlich stammt die Hälfte der Toten in Stockholm aus diesen Pflegeeinrichtungen, seit einem Monat hat man den Besuch verboten.

So erklärt Anders Tegnell die hohe Mortalitätsrate Schwedens mit statistischen Effekten. Man habe die Heimfälle von Anfang an mit einberechnet, anders als in anderen südlichen Ländern.

Apropos Altenheime: In einem kleinen Ort am bayerischen Alpenrand wurden jüngst 70 Pflegebedürftige mit dem Coronavirus infiziert. Innerhalb von wenigen Tagen starben 15 von ihnen. Es scheint wirklich so zu sein, dass die Sterblichkeitsrate bei 85/90-Jährigen, die mit dem Virus in Kontakt kommen bei 80 Prozent liegt, die von jungen Menschen jedoch eher bei 0,08 Prozent. Wie oft sprach RKI-Chef Lothar Wieler davon, dass das Durchschnittsalter der Coronatoten in Deutschland bei circa 81 Jahren betrage, das jüngste Opfer sei ein 28-jähriger Mensch gewesen, allerdings mit Vorerkrankungen.

Die Kritik an der schwedischen Regierung

Obwohl die Zahl an Neuinfektionen speziell nach den Osterfeiertagen etwas nachgelassen hat, hat die Kritik am Sonderweg Schwedens durch zahlreiche Wissenschaftler stark zugenommen. Man fordert den unmittelbaren Beginn eines Lockdowns, wie in anderen Staaten. Es sind bereits 2000 Fachleute, die die schwedische Regierung zu einer sofortigen Umkehr in ihrer Strategie in einem Brief auffordern.

Bemerkungen wie „Schweden macht alles falsch“, oder „Was hier passiert, ist ein Hochrisiko-Experiment“, durch anerkannte Virologen des Landes machen die Runde, mit einem Ziel schnell Schulen und Restaurants zu schließen, Beschäftigte im Gesundheitswesen sofort testen zu lassen und Familien mit einem Coronafall unter Quarantäne zu stellen.

Der Preis der hohen Todeszahlen durch das Coronavirus sei ein zu hoher für das Land und man müsse sofort umsteuern. Es gebe in Sachen Corona-Bekämpfung so etwas wie „Schweden gegen den Rest der Welt“.

Fazit

Ist der Weg Schwedens nur ein gefährliches Experiment oder ein Erfolgsmodell? Die nächsten Wochen müssten eigentlich eine Antwort infolge der weiteren Zahlen zum Coronavirus geben. Hier das vorsichtige Deutschland mit dem Verbot von Veranstaltungen jedweder Art, der Unterbindung des Restaurant- und Hotelbetriebs und der noch weitgehenden Schließung von Kitas und Schulen – und dort das riskante Experiment in Schweden, wo das Leben in Stockholm pulsiert.

Eines ist bereits jetzt erkennbar: Die großen Infektionswellen gab es bisher nach Massenveranstaltungen: Durch eine Superspraderin in Daego/Südkorea nach Gottesdiensten einer Sekte, nach Gottesdiensten im französischen Mülhausen mit 2500 Gläubigen und einem Infizierten Geistlichen, nach dem großen Fußballspiel in Norditalien – Ischgl, Heimsheim, Starkbierfeste – all diese Events scheinen die allergrößte Gefahr für eine explosive Ausbreitung des Cornavirus gewesen zu sein. Und das gab es in Schweden bisher noch nicht. Hinzu kommt, dass mehr als die Hälfte aller Menschen in Schweden alleine leben, bei einer allgemein niedrigen Bevölkerungsdichte.

Schweden befindet sich aufgrund der fehlenden Beschränkungen eindeutig noch in Welle eins der Verbreitung des Coronavirus.

Man kann den Skandinaviern nur Glück wünschen bei ihrem Experiment – und dass es nicht zu einem exponentiellen Anstieg der Infektionen kommt. Sollte dies in den kommenden Wochen gelingen, so wird dies jedoch zu einer Diskussion in anderen Ländern führen, vielleicht nicht zu sehr über das „Ob“ der Schutzmaßnahmen, sondern eher über das „Wie“, beziehungsweise das Ausmaß der Restriktionen.

Schweden geht im Umgang mit dem Coronavirus einen riskanten Weg

8 Kommentare

8 Comments

    • Markus Fugmann

      Markus Fugmann

      23. April 2020 12:23 at 12:23

      @stacho, und in New York und Bergamo hatten auch alle Vorerkrankungen??

  1. Avatar

    thinkSelf

    23. April 2020 12:46 at 12:46

    “ In einem kleinen Ort am bayerischen Alpenrand wurden jüngst 70 Pflegebedürftige mit dem Coronavirus infiziert. Innerhalb von wenigen Tagen starben 15 von ihnen.“

    Tja, Herr Fungmann, Statistik ist schon etwas komplexer. Vor allem kann man aus so einer Zahl erst einmal überhaupt keine Aussage ableiten. Für sich genommen ist sie vollkommen Sinn-und Aussagelos. Dazu muss man schon mehr wissen.

    Restlebenserwartung in Pflegestufe 3 in Deutschland: knapp 4 Monate. In Pflegeheimen liegen im wesentlichen die ganz schweren Fälle. Hier ist also eher mit deutlich unter 4 Monaten zu rechnen.
    Aber selbst bei 4 Monaten macht das bei 70 Betroffenen 17,5 Sterbefälle pro Monat. Da ist selbst eine vorübergehende Sterblichkeit von 15 in wenigen Tagen (wie viel ist „wenige Tage“?) noch keine signifikante Steigerung.

    Was die Sache analytisch so schwer macht, ist das die Totesursachen bei einer finalen Letalität von 100% sozusagen ein Wettrennen um die Poolposition führen. Und das spitzt sich gegen Ende des Lebens deutlich zu.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das ist kein Plädoyer dafür keine Vorsichtsmaßnahmen durchzuführen. Vor allem wenn das auch noch relativ einfach zu machen ist. Aber gerade an diesen Fällen zeigt sich ganz schnell, das der Versuch der totalen „Lebensrettung“ mehr Schaden anrichtet als er verhindert.

    • Markus Fugmann

      Markus Fugmann

      23. April 2020 13:25 at 13:25

      @thinkself, nur ein kleiner Hinweis: der Artikel stammt nicht von mir, sondern von Wolfgang Müller. Auf der FMW-Seite können aktuell keine Autorennamen angezeigt werden wegen eines technischen Problems, das hoffentlich zeitnah gelöst ist..

  2. Avatar

    md

    23. April 2020 13:22 at 13:22

    es hört sich zynisch an aber ich kanns nicht lassen. ich finde den covid wie ein gottessegen.
    ich für meinen teil habe gemerkt, das leben hat einen sinn. in solch einer schwierigen situation, ist die familie wieder zusammengerückt. wir sorgen und helfen uns gegenseitig. jeder hilft dem anderen bei bedarf. ich als familienvater verbringe viel zeit mit frau und kindern. vor allem kinder welche wir im „normalen alltag“ ( eher stressigen alltag“ nicht richtig wahrnehmen konnten.
    ich habe mich im garten neu erfunden. mensch das mir gartrnarbeit mal soviel spass machen würde hätte ich nicht gedacht.
    also mein tip: der staat macht alles richtig, wir müssen sorgfältig umgehen mit diesem virus, damit er in zukunft nicht noch mutiert oder ähnlichem und noch mehr schaden anrichten kann.
    und hier vertraue ich mal seit langem wieder den politikern und verantwortlichen.
    und deshalb kann ich mich beruhigt zurücklehnen und darf meine familie näher kennenlernen. meinen söhnen, meiner tochter und meiner frau gehe ich nicht auf die nerven :). und sonst auch telefoniere ich mit verwandten die ich schon länger nicht gesprochen hatte.
    das es einen virus braucht, um einen bißxhen frieden zu finden ist schon etwas verrückt.
    also mein tip: an die regeln halten wir uns, soviel verantwortung muss sein. und jetzt geniessen wir den zusammenhalt und stärken die menschlichen, freundsxhaftlichen und familiären beziehungen.
    vg md

  3. Avatar

    Daniel

    23. April 2020 14:59 at 14:59

    https://www.scb.se/en/About-us/news-and-press-releases/statistics-sweden-to-publish-preliminary-statistics-on-deaths-in-sweden/

    Schweden 2015-2019 bis zum 17. April
    29.523 Tote

    Schweden 2020 bis zum 17.April
    28.591 Tote

    • Avatar

      worf2

      23. April 2020 16:04 at 16:04

      https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen.html – hier kann man die deutliche Untersterblichkeit bis Mitte März Tag für Tag interaktiv nachvollziehen – da hat der Zensor gepennt. Die durch den Ausschluß gesellschaflicher / familiärer Kontakte geschwächten Immun-Systeme und deren (Todes-) Folgen wird man auch dem fleißigen Virus zurechnen und nicht den wirklichen Gründen und den Karren wirtschaftlich komplett vor die Wand fahren … – vielleicht findet sich ja noch eine Region mit weniger Hirn-Schwund und weniger Blockwarten…

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Aktienmärkte: Die Jungen entdecken die Aktie – und zocken

Ist die Hinwendung vor allem der jüngeren Generation zum Anlagevehikel Aktie ein Trend – oder eher ein Warnzeichen für die Aktienmärkte?

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

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Die Aktienmärkte haussieren, und das bleibt nicht ohne Folgen. Das Corona-Jahr 2020 mit Covid-19 hat viele Veränderungen ins Alltagsleben der Menschen gebracht. Zwangsläufig mit vielen Aktivitäten, die mit „Home“ beginnen. Auch hatte mancher Zwangsaufenthalt in den vier eigenen Wänden dafür gesorgt, dass viele und vor allem junge Privatanleger den Weg an die Aktienmärkte fanden. Angelockt durch zahlreiche Erfolgsmeldungen über die sozialen Medien, vermutlich initiiert durch die RobinHooder aus den USA. Ein Trend, der von Dauer ist?

Aktienmärkte: Corona und der Anstieg der Zahl der Aktionäre

Die Internetblase im Jahr 2000 und der folgende Jahrhunderteinbruch des Dax (- 72 Prozent) haben lange Jahre Spuren hinterlassen. Während es nach den Daten des Deutschen Aktieninstituts im Jahre 2001 noch 12,85 Millionen Aktionäre in Deutschland gab, pendelte der Wert seit Jahren nur noch an der 10-Millionen-Marke. 2019 war die Zahl der Anleger noch einmal zurückgegangen, 9,7 Millionen direkte Aktionäre in Deutschland.

Jetzt kam die Coronakrise, die einen Boom beim Aktienhandel durch die Privatanleger ausgelöst hat. „Retail Bros“, oder Handelsbrüder, hat die englische „Financial Times“ die neuen Anleger genannt. Seit Längerem gibt es eine „Crypto Bros“, das Pendant mit Kryptowährungen.

Der Trend, der aus den USA herüberschwappt

Der Name ist in der Finanzberichterstattung in aller Munde: Robinhood, ein ehemaliges Start-up aus Kalifornien, welches in den vergangenen Monaten einen Boom verstärkt hat. Der Broker hat bereits über 13 Millionen Kunden, von denen drei Millionen allein seit Anfang des Jahres bis Herbst dazu kamen. Bemerkenswert: Die Hälfte der neuen Kunden sind Aktienneulinge. Star der Szene ist David Portnoy, Inhaber des Sport-Blogs Barstool Sports, der mit seinen superoptimistischen Börsentweets (Aktien und Aktienmärkte würden immer steigen etc.) eine ganze Community antreibt. Hinzu kommt die Entwicklung zum nahezu kostenlosen Börsenhandel, durch E-Trade und Schwab weiter vorangetrieben. So haben manche Arbeitslose ihre 600 Dollar-Wochen-Schecks zum Zocken eingesetzt.

Der Anstieg der Online-Depots in Deutschland

Eine Studie von Comdirekt, Consorsbank und ING zeigte eine deutliche Zunahme der Zahl der Aktionäre unter 25 Jahren. Viele junge handeln auch auf Plattformen wie dem Handybroker Trade Republic. Kaufgebühren von einem Euro pro Trade oder gebührenfreie Sparpläne haben schon zu sechsstelligen Kundenzahlen geführt.

Auch die klassischen Onlinebroker profitieren davon. Konkret wurde die Comdirect, die mit 232.000 neuen Kunden innerhalb der ersten neun Monate vom größten Depot-Wachstum seit 20 Jahren spricht.

Der Vormarsch der Jungen

Wie bereits erwähnt, sind es vor allem die ganz jungen deren Interesse für die Aktienmärkte gewachsen ist, wie die Studie aufzeigt. Nach 26 Prozent, der unter 25-jährigen, die im vergangenen Jahr die Aktienanlage nutzen, sind es derzeit bereits 39 Prozent. Die Steigerung gegenüber 2017 beträgt sogar 22 Prozent. Aber auch bis zur Generation Ü 50 hat sich die Zahl der Aktionäre gesteigert. Was die Börsenplätze sicherlich erfreut, dürfte nicht unbedingt für die herkömmlichen Geschäftsbanken gelten. Denn der Drang zu Online- und Discountbrokern ist unübersehbar.

Ein schnelles Hin und Her

Noch etwas zeichnet die neue Generation Börsianer aus. Die Haltedauer von Aktien ist so kurz wie nie. In den USA lag diese im Sommer diesen Jahres gerade noch bei circa fünfeinhalb Monaten, im letzten Jahr hatte sie noch achteinhalb Monate betragen. Ein Trend, der schon seit Jahrzehnten zu beobachten ist. Aus Daten der New Yorker Börse zeigt sich, dass man vor dem Jahrhundertwechsel Aktien noch durchschnittlich 14 Monate im Depot vor einer Umschichtung beließ. Die Ausnahme:

Nach der Finanzkrise von 2008 wurde das bisherige Haltetief von sechs Monaten erreicht. Krisen beschleunigen anscheinend das Handeln von Wertpapieren.

Wie könnte es anders sein: Auch in Europa ist die gleiche Aktientendenz zu beobachten. Hier ging den Erhebungen zufolge die Haltedauer von Aktien von sieben Monaten zum Jahresende 2019 sogar auf weniger als fünf Monate zurück.

Kein Vergleich mit dem Verhalten des Langfristinvestors Warren Buffett, der seinen Titeln bisher im Schnitt 11 Jahre die Treue hält, auch folgt ein Teil der jungen Generation nicht dem Rat der ungarischen Börsenlegende Kostolany: „Aktien kaufen und dann schlafenlegen.“

Allerdings gibt es heutzutage auch den großen Trend zu langfristigen Sparplänen, monatliche Einzahlungen kleinerer Investmentsummen für die Altersvorsorge. Beides wurde möglich durch eine ganz andere Gebührenstruktur. Zocken zum Nulltarif, nicht nur bei Aktien und Optionen, selbst bei Staatsanleihen oder Junk-Bonds hat sich die Umlaufgeschwindigkeit der Papiere deutlich erhöht.

Wird das eine erhöhte Rendite bringen? Vielleicht kurzfristig im besonderen Jahr 2020. Ältere Börsenexperten sind davon überzeugt, dass die Masse der Anleger durch das Hin und Her auf keine durchschnittliche Rendite von acht Prozent pro Jahr kommen wird. Das Ergebnis sollte Volatilität sein, also ein größeres Auf und Ab in den Märkten mit Vielen, die teuer kaufen und dann billig wieder aussteigen.

Fazit

Ist es ein Trend in Deutschland, die Hinwendung vor allem der jüngeren Generation zum Anlagevehikel Aktie, oder eher ein Warnzeichen für die Aktienmärkte mit dem Vergleich zur Internetblase des Jahres 2000? Damals gab es es Tausende von neuen und noch unerfahrenen Daytradern, die glaubten mit dem raschen Handel reich werden zu können. Das Ergebnis ist bekannt. Es gibt aber einen großen Unterschied zur Gegenwart. Damals warf eine 10-jährige Bundesanleihe fast noch das ganzen Jahr über Renditen von über fünf Prozent ab, selbst Lebensversicherungen waren noch attraktiv. Anders die Gegenwart. Wie soll langfristig ein Kapitalstock aufgebaut werden in dem jetzigen Zinsumfeld? Bei einem vermutlich noch länger anhaltenden Zustand der finanziellen Repression. Selbst wenn die Zinsen über die 0-Prozent-Marke stiegen, wäre dies wahrscheinlich einer gestiegenen Teuerungsrate geschuldet.

Es ist also mehr als notwendig, sich mit dem Kapitalmarkt zu beschäftigen, nicht so sehr mit Hebelprodukten auf Tesla oder FANGMAN-Aktien, sondern eher mit langweiligen Sparplänen. Nach dem wundersamen Jahr 2020 mit den vielen Home-Aktivitäten (Home Office, Home Schooling, Home Shopping, Home Banking) sollte es beim aggressiven Home Trading der RobinHoodies zunächst einmal einen schmerzhaften Ausleseprozess geben.

Die Jungen entdecken die Aktienmärkte

 

 

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Richard David Precht: Künstliche Intelligenz und unsere Zukunft!

Markus Fugmann

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„Wir gehen in die zweite ganz große industrielle Revolution hinein!“, sagt der Philosoph Richard David Precht. Damit stehen wir vor einscheidenden Veränderungen nicht nur der Wirtschaft, sondern auch der Gesellschaft. Die erste industrielle Revolution beendete die Herrschaft des Adels und der Kirche – die derzeit ablaufende zweite Revolution durch künstliche Intelligenz verändert vor allem die Arbeitswelt und damit die Produktionsverhältnisse grundlegend. Nun versuchen uns Ökonomen stets zu versichern: kein Problem, es fallen zwar viele Jobs weg, aber es würden eben auch viele neuartige Jobs geschaffen werden. Das ist eine schöne Perspektive, sie hat aber leider einen kleinen Makel: sie stimmt nicht, sagt Richard David Precht zur sogenannten „Kompensations-Theorie“.

Die Menscheit jedenfalls ist durch diesen Wandel überfordert, der Boden, auf dem wir stehen, wackelt erheblich – und so entsteht zunächst einmal die Sehnsucht danach, die gute alte Welt mit ihren Werten wiederzubeleben. Ausdruck dieses Versuchs sind etwa Trumpin den USA oder die AfD in Deutschland. Aber einer der einschneidenden Änderungen im politischen Bereich wird sein, dass die Parteien, die mit der ersten industriellen Revolution entstanden und aufgestiegen waren, unter gehen werden.

Richard David Precht über schwache KI und starke KI

Richard David Precht unterscheidet zwischen schwacher und starker künstlicher Intelligenz – und führt Beispiele an, worin sich diese beiden unterscheiden. Was bedeutet das aber für uns praktisch? Wird vor allem durch „starke“ KI, also einer KI, die tiefgehende Lernprozesse leisten kann, etwa der Niedriglohn-Sektor wegfallen? Eher nicht – denn je mehr Menschen in bestimmten Bereichen verdienen, umso interessanter wird der Einsatz einer starken KI zur Kosten-Ersparnis, während sich der Einsatz im Niedriglohnsektor gar nicht lohnen würde.

Was bleibt, was wird untergehen – und welche Bereiche werden sich durchsetzen? Es werde derjenige technische Fortschritt kommen, der gesellschaftlich akzeptiert wird, dazu ein Bedürfnis befriedigt und sich gleichzeitig zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell machen läßt, sagt Richard David Precht. Folgender Vortrag des Philosophen ist ein „must see“!

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen

Der Philosoph Richard David Precht über Künstliche Intelligenz

Richard David Precht

Von Foto: © JCS‘, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62733272

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Arbeitsmarkt positiv gestimmt? Mehr neue Jobs bei IT als Entlassungen in der Gastronomie?

Claudio Kummerfeld

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Laptop mit Aufklebern

Kann das wirklich sein? Ist es das vorgezogene Weihnachtswunder am deutschen Arbeitsmarkt, mitten im zweiten Lockdown? Wenn man ein Wirtschaftsforschungsinstitut für verlässlich und seriös hält, dann doch in erster Linie das ifo-Institut! Und man möchte den Forschern bei ifo wirklich nichts Böses unterstellen. Aber ist es wirklich realistisch, dass die Stimmung am deutschen Arbeitsmarkt derzeit sogar besser wird, weil die IT-Dienstleister mehr neue Stellen schaffen wollen, als gleichzeitig in Restaurants, Bars, Hotels, Reisebüros etc verloren gehen?

Kann man sich das vorstellen? Gibt es überhaupt zehntausende oder hunderttausende neue IT-Experten in Deutschland, die auch so viele neue Stellen besetzen können? Ist die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen wirklich so stark gestiegen in den letzten Wochen? Klar, dank Corona verlagert sich sehr viel des Geschäftslebens ins Internet. Aber wirklich, nochmal mit gesundem Menschenverstand nachgedacht: Können diese neuen Jobs hunderttausende Jobs ersetzen, die bei Gastro und Co verloren gehen? Es fällt wirklich schwer das zu glauben.

Aber das ifo-Institut hat sich das nicht ausgedacht. Nein, man macht für sein Beschäftigungsbarometer Umfragen bei ca 9.500 Unternehmen. Sie werden gebeten ihre Beschäftigtenplanungen für die nächsten drei Monate mitzuteilen. Also, kann das wirklich sein? Die IT fängt den Arbeitsmarkt auf in dieser Krise? Hier die Aussagen vom ifo-Institut im Wortlaut:

Etwas mehr deutsche Unternehmen als im Oktober denken über Neueinstellungen nach. Das ifo Beschäftigungsbarometer ist im November auf 96,7 Punkte gestiegen, von 96,4 Punkten im Oktober. Die zweite Welle hat vorerst keine größeren negativen Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt. Die Entwicklung ist jedoch über die Branchen hinweg sehr heterogen.

In der Industrie ist das ifo-Barometer leicht gestiegen. Jedoch ist die Zahl der Unternehmen mit Entlassungsplänen weiterhin größer als die jener, die mit steigenden Mitarbeiterzahlen rechnen. Die Dienstleister planen eher Mitarbeiter einzustellen. Getragen wird die Entwicklung vor allem von den IT-Dienstleistern. In der Reisebranche und dem Gastgewerbe dagegen sind Entlassungen nicht zu vermeiden. Im Handel hat das Barometer leicht nachgegeben. Dort planen die Firmen derzeit mit konstanten Mitarbeiterzahlen. Die Bauindustrie sucht weiter neue Mitarbeiter, um ihre aktuellen Aufträge abarbeiten zu können.

Hier die vier Einzelsektoren mit einzelnem Chart:

Grafiken zeigen Beschäftigungsbarometer für den deutschen Arbeitsmarkt

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