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Coronavirus: Das riskante Experiment in Schweden

Man kann Schweden nur Glück wünschen bei seinem Experiment bei der Bekämpfung des Coronavirus – und hoffen, dass das Experiment nicht schief geht!

Wolfgang Müller

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am

Während es in Deutschland bereits heftige Debatten darüber gibt, ob die ersten Maßnahmen zur Lockerung der Eindämmungsmaßnahmen um das Coronavirus nicht zu früh kommen – weil mit allerlei Risiken verbunden, Stichwort „Öffnungsdiskussionsorgie“ – so ist man in Schweden einen anderen Weg gegangen. Aus der Sicht Deutschlands einen unglaublich riskanten, aber auch in Schweden gibt es zahlreiche Wissenschaftler, die die gefährliche Strategie mit dem Versuch der Herdenimmunisierung heftig attackieren. Wie ist der aktuelle Sachstand?

Coronavirus in Schweden: Kaum Einschränkungen des täglichen Lebens

Wir erleben derzeit ein ausgeprägtes skandinavisches Hochdruckgebiet. Damit herrscht in Schwedens Hauptstadt Stockholm ein ähnlich schönes Frühlingswetter wie hierzulande. Während es bei uns nach wie vor den Lockdown gibt, mit diversen Verboten, herrschte insbesondere am Wochenende in der Metropole Schwedens emsiges Treiben. Cafés waren gut besucht und die Parks waren voll von Besuchern. Bekanntermaßen haben in Schweden auch Restaurants, Friseure, Einkaufszentren oder auch Fitnessstudios weiterhin geöffnet, ebenso wie die Kindergärten und Schulen.

In Schweden läuft ein riskanter Versuch, initiiert vom schwedischen Chefvirologen Anders Tegnell, der über eine Herdenimmunität das Coronavirus stoppen will. Er spricht davon, bis zum Monat Mai Anzeichen für eine Immunität in Stockholm ausmachen zu können – so seine mathematischen Modelle.

Etwas Ähnliches hatte man schon in Großbritannien ausprobiert, aber die Warnung der Gesundheitsbehörde vor Tausenden von Toten hatte Regierungschef Boris Johnson überzeugt und man hat den Versuch abgebrochen. Nichtdestotrotz war der Premierminister dennoch aufgrund des Coronavirus auf einer britischen Intensivstation gelandet.

Die Entwicklung des Coronavirus in Schweden

Tatsächlich zeigen im 10-Millionen-Land Schweden die Infektionszahlen einen leichten Abwärtstrend an. Bis gestern Abend gab es 16.004 bestätigte Corona-Fälle. Die Neuinfektionen waren im März stetig gestiegen, bis sie am 9. April mit mehr als 700 neuen Fällen ihren (bisherigen) Höhepunkt erreicht haben. In den letzten Tagen lagen die Fälle öfters bei täglich weniger als 500. Auch blieb nach den sonnigen Ostertagen der erwartete Anstieg aus. Was den Staatsepidemiologen Anders Tegnell in der Pressekonferenz in der letzten Woche zu der Bemerkung veranlasste: „Es scheint, als hätten wir den Höhepunkt erreicht. Das heißt jedoch nicht, dass es vorbei ist.“

Hier ein Vergleich der Entwicklung der Infektionszahlen von Deutschland und Schweden laut Worldometer:

Das Coronavirus in Schweden

 

Das Coronavirus in Deutschland als Vergleich zu Schweden

Die hohe Todesrate in Schweden

Ein sehr bedenklicher Aspekt ist die Zahl der Todesfälle aufgrund des Coronavirus in Schweden. Mit 1937 Menschen hat das Zehn-Millionen-Land bis dato eine dreifach höhere Sterberate als Deutschland. Auch der Vergleich zu den Nachbarstaaten fällt deutlich negativ aus. In den halb so bevölkerungsreichen Ländern Dänemark und Norwegen starben bisher 384 beziehungsweise 187 Menschen am Coronavirus. Viele kritische Wissenschaftler deuten auch auf Finnland, wo es seit Mitte März einen Lockdown gibt. Dort gibt es statistisch 27 Tote pro eine Million Einwohner, in Schweden hingegen sieben Mal so viele (192).

Ein Grund für die vielen Todesfälle war sicherlich auch der rege Besucherverkehr in Altenheimen. Tatsächlich stammt die Hälfte der Toten in Stockholm aus diesen Pflegeeinrichtungen, seit einem Monat hat man den Besuch verboten.

So erklärt Anders Tegnell die hohe Mortalitätsrate Schwedens mit statistischen Effekten. Man habe die Heimfälle von Anfang an mit einberechnet, anders als in anderen südlichen Ländern.

Apropos Altenheime: In einem kleinen Ort am bayerischen Alpenrand wurden jüngst 70 Pflegebedürftige mit dem Coronavirus infiziert. Innerhalb von wenigen Tagen starben 15 von ihnen. Es scheint wirklich so zu sein, dass die Sterblichkeitsrate bei 85/90-Jährigen, die mit dem Virus in Kontakt kommen bei 80 Prozent liegt, die von jungen Menschen jedoch eher bei 0,08 Prozent. Wie oft sprach RKI-Chef Lothar Wieler davon, dass das Durchschnittsalter der Coronatoten in Deutschland bei circa 81 Jahren betrage, das jüngste Opfer sei ein 28-jähriger Mensch gewesen, allerdings mit Vorerkrankungen.

Die Kritik an der schwedischen Regierung

Obwohl die Zahl an Neuinfektionen speziell nach den Osterfeiertagen etwas nachgelassen hat, hat die Kritik am Sonderweg Schwedens durch zahlreiche Wissenschaftler stark zugenommen. Man fordert den unmittelbaren Beginn eines Lockdowns, wie in anderen Staaten. Es sind bereits 2000 Fachleute, die die schwedische Regierung zu einer sofortigen Umkehr in ihrer Strategie in einem Brief auffordern.

Bemerkungen wie „Schweden macht alles falsch“, oder „Was hier passiert, ist ein Hochrisiko-Experiment“, durch anerkannte Virologen des Landes machen die Runde, mit einem Ziel schnell Schulen und Restaurants zu schließen, Beschäftigte im Gesundheitswesen sofort testen zu lassen und Familien mit einem Coronafall unter Quarantäne zu stellen.

Der Preis der hohen Todeszahlen durch das Coronavirus sei ein zu hoher für das Land und man müsse sofort umsteuern. Es gebe in Sachen Corona-Bekämpfung so etwas wie „Schweden gegen den Rest der Welt“.

Fazit

Ist der Weg Schwedens nur ein gefährliches Experiment oder ein Erfolgsmodell? Die nächsten Wochen müssten eigentlich eine Antwort infolge der weiteren Zahlen zum Coronavirus geben. Hier das vorsichtige Deutschland mit dem Verbot von Veranstaltungen jedweder Art, der Unterbindung des Restaurant- und Hotelbetriebs und der noch weitgehenden Schließung von Kitas und Schulen – und dort das riskante Experiment in Schweden, wo das Leben in Stockholm pulsiert.

Eines ist bereits jetzt erkennbar: Die großen Infektionswellen gab es bisher nach Massenveranstaltungen: Durch eine Superspraderin in Daego/Südkorea nach Gottesdiensten einer Sekte, nach Gottesdiensten im französischen Mülhausen mit 2500 Gläubigen und einem Infizierten Geistlichen, nach dem großen Fußballspiel in Norditalien – Ischgl, Heimsheim, Starkbierfeste – all diese Events scheinen die allergrößte Gefahr für eine explosive Ausbreitung des Cornavirus gewesen zu sein. Und das gab es in Schweden bisher noch nicht. Hinzu kommt, dass mehr als die Hälfte aller Menschen in Schweden alleine leben, bei einer allgemein niedrigen Bevölkerungsdichte.

Schweden befindet sich aufgrund der fehlenden Beschränkungen eindeutig noch in Welle eins der Verbreitung des Coronavirus.

Man kann den Skandinaviern nur Glück wünschen bei ihrem Experiment – und dass es nicht zu einem exponentiellen Anstieg der Infektionen kommt. Sollte dies in den kommenden Wochen gelingen, so wird dies jedoch zu einer Diskussion in anderen Ländern führen, vielleicht nicht zu sehr über das „Ob“ der Schutzmaßnahmen, sondern eher über das „Wie“, beziehungsweise das Ausmaß der Restriktionen.

Schweden geht im Umgang mit dem Coronavirus einen riskanten Weg

8 Kommentare

8 Comments

    • Markus Fugmann

      Markus Fugmann

      23. April 2020 12:23 at 12:23

      @stacho, und in New York und Bergamo hatten auch alle Vorerkrankungen??

  1. Avatar

    thinkSelf

    23. April 2020 12:46 at 12:46

    “ In einem kleinen Ort am bayerischen Alpenrand wurden jüngst 70 Pflegebedürftige mit dem Coronavirus infiziert. Innerhalb von wenigen Tagen starben 15 von ihnen.“

    Tja, Herr Fungmann, Statistik ist schon etwas komplexer. Vor allem kann man aus so einer Zahl erst einmal überhaupt keine Aussage ableiten. Für sich genommen ist sie vollkommen Sinn-und Aussagelos. Dazu muss man schon mehr wissen.

    Restlebenserwartung in Pflegestufe 3 in Deutschland: knapp 4 Monate. In Pflegeheimen liegen im wesentlichen die ganz schweren Fälle. Hier ist also eher mit deutlich unter 4 Monaten zu rechnen.
    Aber selbst bei 4 Monaten macht das bei 70 Betroffenen 17,5 Sterbefälle pro Monat. Da ist selbst eine vorübergehende Sterblichkeit von 15 in wenigen Tagen (wie viel ist „wenige Tage“?) noch keine signifikante Steigerung.

    Was die Sache analytisch so schwer macht, ist das die Totesursachen bei einer finalen Letalität von 100% sozusagen ein Wettrennen um die Poolposition führen. Und das spitzt sich gegen Ende des Lebens deutlich zu.

    Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das ist kein Plädoyer dafür keine Vorsichtsmaßnahmen durchzuführen. Vor allem wenn das auch noch relativ einfach zu machen ist. Aber gerade an diesen Fällen zeigt sich ganz schnell, das der Versuch der totalen „Lebensrettung“ mehr Schaden anrichtet als er verhindert.

    • Markus Fugmann

      Markus Fugmann

      23. April 2020 13:25 at 13:25

      @thinkself, nur ein kleiner Hinweis: der Artikel stammt nicht von mir, sondern von Wolfgang Müller. Auf der FMW-Seite können aktuell keine Autorennamen angezeigt werden wegen eines technischen Problems, das hoffentlich zeitnah gelöst ist..

  2. Avatar

    md

    23. April 2020 13:22 at 13:22

    es hört sich zynisch an aber ich kanns nicht lassen. ich finde den covid wie ein gottessegen.
    ich für meinen teil habe gemerkt, das leben hat einen sinn. in solch einer schwierigen situation, ist die familie wieder zusammengerückt. wir sorgen und helfen uns gegenseitig. jeder hilft dem anderen bei bedarf. ich als familienvater verbringe viel zeit mit frau und kindern. vor allem kinder welche wir im „normalen alltag“ ( eher stressigen alltag“ nicht richtig wahrnehmen konnten.
    ich habe mich im garten neu erfunden. mensch das mir gartrnarbeit mal soviel spass machen würde hätte ich nicht gedacht.
    also mein tip: der staat macht alles richtig, wir müssen sorgfältig umgehen mit diesem virus, damit er in zukunft nicht noch mutiert oder ähnlichem und noch mehr schaden anrichten kann.
    und hier vertraue ich mal seit langem wieder den politikern und verantwortlichen.
    und deshalb kann ich mich beruhigt zurücklehnen und darf meine familie näher kennenlernen. meinen söhnen, meiner tochter und meiner frau gehe ich nicht auf die nerven :). und sonst auch telefoniere ich mit verwandten die ich schon länger nicht gesprochen hatte.
    das es einen virus braucht, um einen bißxhen frieden zu finden ist schon etwas verrückt.
    also mein tip: an die regeln halten wir uns, soviel verantwortung muss sein. und jetzt geniessen wir den zusammenhalt und stärken die menschlichen, freundsxhaftlichen und familiären beziehungen.
    vg md

  3. Avatar

    Daniel

    23. April 2020 14:59 at 14:59

    https://www.scb.se/en/About-us/news-and-press-releases/statistics-sweden-to-publish-preliminary-statistics-on-deaths-in-sweden/

    Schweden 2015-2019 bis zum 17. April
    29.523 Tote

    Schweden 2020 bis zum 17.April
    28.591 Tote

    • Avatar

      worf2

      23. April 2020 16:04 at 16:04

      https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenserwartung/sterbefallzahlen.html – hier kann man die deutliche Untersterblichkeit bis Mitte März Tag für Tag interaktiv nachvollziehen – da hat der Zensor gepennt. Die durch den Ausschluß gesellschaflicher / familiärer Kontakte geschwächten Immun-Systeme und deren (Todes-) Folgen wird man auch dem fleißigen Virus zurechnen und nicht den wirklichen Gründen und den Karren wirtschaftlich komplett vor die Wand fahren … – vielleicht findet sich ja noch eine Region mit weniger Hirn-Schwund und weniger Blockwarten…

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Atemmasken: Deutschland produziert sie ab Mitte 2021

Wolfgang Müller

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am

Es klingt ein bisschen wie ein Scherz, dass man jetzt den ersten Förderbescheid für die Produktion von Atemmasken seitens der Regierung erteilt hat, eine Allzweckwaffe für die Eindämmung von Covid-19. Im Frühjahr hatte man schmerzlich die Abhängigkeit von China in Sachen medizinischer Schutzausrüstung erkennen müssen. Der kleine Schönheitsfehler dabei: Die Produktion von Atemmasken beginnt erst im Sommer des neuen Jahres.

Der unvorhergesehene Mangel bei Atemmasken

Es war im Frühjahr ein kleiner Schock für das Hochtechnologieland Deutschland: Wir haben hierzulande zwar einen der Weltmarktführer für Beatmungsgeräte (Drägerwerk in Lübeck – Nummer drei für Intensivstationen, Nummer eins für mobile Geräte), aber bei Atemmasken war man in großem Maße abhängig von China. Die weltweite Ausbreitung von Covid-19 sorgte rasch für Ausfuhrverbote medizinischer Schutzausrüstungen und der Bundesregierung wurde klar, dass man handeln musste. Es wurde im Frühjahr ein Förderprogramm für alle Arten von Schutzmasken aufgelegt – und jetzt wurde der erste Förderbescheid an ein deutsches Unternehmen von Wirtschaftsminister Peter Altmaier übergeben. Vorher wurden notfallmäßig Mund-Nasen-Schutzmasken produziert. Unglaublich, wer sich dabei alles an der Produktion beteiligt hat.

Die erste Firma ist Skylotec aus dem rheinland-pfälzischen Neuwied, ein Unternehmen, welches vorher hauptsächlich Absturzsicherungen für Kletterer in der Industrie und im Freizeitbereich hergestellt hat.

Der Bund gab 3,2 Millionen Euro an Fördermitteln, zur Produktion von einer halben Milliarde Masken, ab Sommer diesen Jahres. Anschließend sollen auch die effektiveren FFP2- Masken hergestellt werden, 54 Millionen Stück. Skylotec bekommt damit ein Drittel der Investitionssumme vom Staat. Insgesamt liegen dem Wirtschaftsministerium 270 Anträge für eine staatliche Unterstützung in dieser Produktion vor. Wirtschaftsminister Peter Altmaier weiß natürlich, dass es kritische Fragen geben wird, warum es so lange dauert, bis ein so einfaches Produkt in die Massenfertigung geht. Seine Antwort:

„Man kann solche Programme nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen. Wir wissen nicht, wie lange es dauert, bis wir alle, die geimpft werden wollen, auch impfen können.“ Die Atemmasken würden in jedem Fall gebraucht werden. „Ob Corona oder nicht, es wird auch künftig Pandemien geben“, so der Minister.

Aber anscheinend hätte die Firma auch ohne Fördergelder mit der Investition begonnen, so der Geschäftsführer von Skylotec, Kai Rinklake.

Ob man im Spätherbst wirklich gleich noch Millionen an Atemmasken (zusätzlich) benötigen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Fazit

Inmitten der Euphorie um die Impfstoffzulassungen, bereits mit ganz konkreten Zahlen – in Hamburg plant man anfangs mit 7000 Impfungen pro Tag, in Berlin mit 5000 -, kommt die Meldung über die ersten Subventionsbescheide der Regierung in Sachen Atemmasken. Irgendwie ein grotesker Widerspuch: Eine Impfstoffentwicklung in noch nie gesehener Geschwindigkeit und die planerische Vorbereitung eines „Hightech-Produktes“ mit Produktionsbeginn in ein paar Quartalen. Ein Gutes hat die Sache: Laut dem Countrymeter liegt die Weltbevölkerung aktuell bereits bei über 7,85 Milliarden Menschen, der Zuwachs 2020 beträgt schon fast 89 Millionen neue Erdenbürger. Da ist es nicht verkehrt, sich prophylaktisch mit Infektionsschutzgerät auszurüsten: nach dem Virus ist vor dem Virus.

Deutschland produziert Atemmasken ab Sommer 2021

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Autoindustrie: Alles Euphorie oder was? Nur Tesla boomt!

Claudio Kummerfeld

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Autos auf Parkplatz

Tesla boomt, aber so richtig! Aber dazu später mehr in diesem Artikel. Haben wir uns geirrt? Was ist hier los? Nein, schauen wir genauer hin. Gestern berichteten wir über die Meldung des ifo-Instituts zu den Geschäftsaussichten (!) der Autoindustrie für die nächsten Monate. Und die haben sich übelst verschlechtert dank dem zweiten Corona-Lockdown. Sie werden von ifo in einem Punkte-Index gemessen. Die Geschäftserwartungen der Autoindustrie sanken demnach dramatisch von +16,3 im Oktober auf -4 Punkte im November (hier die Details).

Verband der Autoindustrie erwähnt bei Inlandsproduktion erstes Plus in diesem Jahr

Aber die stark verfinsterten Aussichten der Autoindustrie sind ja etwas anderes als der derzeitige Zustand der Branche. Und geht man danach, dann ist die Laune gerade heute am 3. Dezember ziemlich gut. Da wäre zunächst der Automobilverband VDA mit seiner ganz frischen Meldung zu nennen. Die deutsche Autoindustrie hat im November zum ersten Mal wieder mehr Autos produziert als vor der Krise. Im abgelaufenen Monat liefen – unterstützt durch einen zusätzlichen Arbeitstag – 7 Prozent mehr Pkw in Deutschland vom Band (449.900 Einheiten). Damit wurde erstmals in diesem Jahr das Produktionsniveau eines Vorjahresmonats übertroffen. Zwar erwartet der VDA für das Gesamtjahr 2020 ein Volumen von rund 2,9 Millionen Neuzulassungen. Das sei ein Rückgang von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aber für den Pkw-Inlandsmarkt erwartet man im kommenden Jahr ein Wachstum von 9 Prozent auf 3,1 Millionen Neuzulassungen. Damit sei das Vor-Krisenniveau allerdings noch in weiter Ferne.

Analysten mit aktuellem Kommentar

Die Analysten der Commerzbank sehen in ihrem aktuellen Kommentar die Lage für die Autoindustrie recht optimistisch. Die deutsche Automobilindustrie habe den Einbruch aus dem Frühjahr wettgemacht. Im November wurden in Deutschland zum ersten Mal wieder mehr Autos produziert als vor der Krise. Dies sei ein weiterer Hinweis darauf, dass zumindest die Industrie bisher durch die gestiegenen Infektionszahlen und die neuerlichen Corona-Einschränkungen nicht spürbar beeinträchtigt wurde, so der Analyst Dr. Ralph Solveen. Er erwähnt, dass auf Basis einer Saisonbereinigung fast 19 Prozent mehr Autos produziert worden seien als im Oktober. Damit seien die saisonbereinigten Produktionszahlen sogar etwas höher ausgefallen als im Durchschnitt des Jahres 2019, also vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Weiter sagt er, hier auszugsweise im Wortlaut: Zunächst einmal zeigen die heutigen Zahlen aber einmal mehr, dass die Industrie von den deutlich gestiegenen Infektionszahlen und den neuerlichen von der Politik verhängten Corona-Einschränkungen kaum beeinträchtigt wird.

Autozulassungen

Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) hat heute Mittag Daten für die Autozulassungen im November veröffentlicht. Die zeigen einen guten Ist-Zustand für die Autoindustrie. Im November wurden in Deutschland 290.150 Neuwagen zum Straßenverkehr zugelassen. Damit liegt man 3,0 Prozent unter dem Ergebnis des Vorjahresmonats. Die Anzahl privater Zulassungen nahm um +22,8 Prozent zu, ihr Anteil betrug 39,4 Prozent. Die gewerblichen Zulassungen gingen um -14,7 Prozent zurück. Die Autozulassungen bei Tesla explodieren mit +500 Prozent! Hier weitere Details des KBA, auszugsweise im Wortlaut:

Die deutschen Marken Opel (+17,1 %), Audi (+3,1 %) und Mercedes (+0,5 %) erzielten Zulassungssteigerungen. Bei den weiteren deutschen Marken zeigten sich Rückgänge, die bei Smart (-49,2 %), VW (-18,4 %) und Ford (-15,8 %) zweistellig ausfielen. Mit 17,6 Prozent erreichte VW erneut den größten Neuzulassungsanteil.

Bei den Importmarken fiel die Neuzulassungsbilanz im November überwiegend positiv aus. Zweistellige Zuwächse von mehr als 30 Prozent zeigten sich bei Tesla (+500,0 %), Fiat (+42,7 %) und Toyota (+33,1 %). Um mehr als 20 Prozent waren die Zulassungen bei Renault (+29,2 %) und Citroen (+28,6 %) gestiegen. Ein Zulassungsminus von mehr als 20 Prozent zeigte sich hingegen bei Ssangyong (-48,0 %), Jaguar (-34,8 %), Mitsubishi (-27,0 %), Alfa Romeo (-21,9 %) und Seat (-21,6 %). Den größten Neuzulassungsanteil verzeichnete hier Skoda mit 5,9 Prozent.

Neuzulassungen mit alternativen Antrieben erfuhren im November eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vergleichsmonat. Mit 28.965 Elektrofahrzeugen legte diese Antriebsart um +522,8 Prozent zu. 71.904 Hybridfahrzeuge bescherten ein Plus von +177,2 Prozent, darunter 30.621 Plug-in-Hybride, die einen Zuwachs von +383,4 Prozent erreichten. Flüssig- und Erdgasfahrzeuge erzielten zusammen ein Plus von +51,9 Prozent wobei der Anteil 0,5 Prozent betrug. Den größten Anteil bildeten dennoch mit 40,4 Prozent die Benziner, deren Neuzulassungsvolumen gegenüber dem Vergleichsmonat des Vorjahres um -32,3 Prozent zurückging, gefolgt von den Diesel-Pkw, deren Anteil nach einem Minus von -25,2 Prozent 24,3 Prozent betrug.

Die folgende Grafik zeigt vor allem ganz rechts mit den roten Balken, wie alle Hersteller bei den Neuzulassungen (teils dramatisch) verlieren im Vergleich Januar-November 2020 zu Januar-November 2019. Nur Tesla boomt mit +37,2 Prozent!

Heute Statistik zeigt im Zulassungsrückgänge für die Autoindustrie

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Finanzaufseher reaktivieren den „legalen Bilanzbetrug“ bei Banken

Claudio Kummerfeld

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Hochhäuser von Banken in Frankfurt

Vom legalen Bilanzbetrug bei den Banken sprach schon vor Monaten Markus Krall. Ja und auch Nein, kann man dazu sagen. Wenn der Staat durch neue Gesetze oder Verordnungen eine Änderung vornimmt, wird eben aus einer Straftat oder einem Vergehen eine legale Vorgehensweise – so kann man es auch sehen. Werden Kreditforderungen bei Banken uneinbringbar, und der Kreditnehmer zahlt monatlich Tilgung und Zins nicht mehr, müssen die Banken die Forderung unter normalen Umständen eigentlich abschreiben.

Damit entsteht ein Verlust, der aus dem Eigenkapital der Bank ausgeglichen werden muss. Da die Finanzaufseher von BaFin und EBA (europäische Aufsichtsbehörde) aber richtigerweise annahmen, dass die Coronakrise massenweise Kreditausfälle und somit gigantische Verluste bei den Banken bescheren könnte, entschloss man sich im April dazu, den Banken europaweit eine kleine und unauffällige, aber extrem wichtige Erleichterung zuzugestehen. Sie waren von April bis Ende September nicht verpflichtet, bei gestundeten Krediten Abschreibungen vorzunehmen beziehungsweise Rückstellungen zu bilden.

Oder um es klarer auszudrücken: Schrottkredite mussten nicht länger als Verlust verbucht werden, womit die Bankbilanzen keine milliardenschweren Verluste ausweisen mussten. Und das, obwohl die Kreditforderungen in den Büchern Schrott waren. In welchem Umfang dies der Fall ist und war, wissen wir nicht. Denn wenn die Banken in ihren Büchern wertlose Forderungen weiter als werthaltig deklarieren, wie soll ein externer Beobachter dann wissen können, wie groß der Umfang des Schrotts ist?

„Legaler Bilanzbetrug“ bei Banken wieder erlaubt

Und nun lief diese Sonderregel bis Ende September. Von da an mussten auch diese wackligen Forderungen wieder wie früher sauber verbucht werden. Aber nun läuft ja die zweite Corona-Welle durch Europa. Viele neue Insolvenzen und damit ausgefallene Kredite drohen. Und was sehen wir da? Zack, EBA und BaFin veröffentlichten gestern die „Reaktivierung der Leitlinien zu allgemeinen Zahlungsmoratorien“. Dass es im Kern darum geht, dass Banken Schrott erneut nicht mehr als Schrott deklarieren müssen und daher auch keine Verluste ausweisen müssen, das wird so nicht direkt erwähnt. Man verweist nur auf die Reaktivierung einer alten Leitlinie (aber dort kann man es bei genauem Hinschauen nachlesen).

Zitat EBA aus April:

The aim of these Guidelines is to clarify the requirements for public and private moratoria, which if fulfilled, will help avoid the classification of exposures under the definition of forbearance or as defaulted under distressed restructuring.

Zitat BaFin im März:

So ist beispielsweise ein Schuldner nicht zwingend als ausgefallen einzustufen, wenn bei einem Kredit Kapitaldienst und Zinsen in Folge des Corona-Virus gestundet werden.

Das Gute an dem Zeitpunkt könnte auch sein, dass sie über den Jahreswechsel (Stichtag 31.12.) gültig sind. Könnten Banken so die Chance haben, für das Gesamtjahr 2020 massenweise Schrottkredite als vollwertige Forderung im Jahresabschluss auszuweisen, womit gigantische Verluste vermieden werden können, obwohl sie real vorhanden sind? Denn die von nun an erfolgte Reaktivierung bedeutet, dass die Banken bis März 2021 wieder so tun können, als würden Schrottkredite vollwertige Forderungen in ihren Büchern darstellen. Ohne diese Reaktivierung müssen Banken automatisch damit beginnen Rückstellungen zu bilden für ausgefallene Kredite, bei denen die Kunden mit ihren Zahlungen mehr als 90 Tage im Verzug sind. Laut EBA können auch Kredite, die bislang nicht in den Genuss dieser „Erleichterungen“ kamen, nun auch von Zahlungsaufschüben profitieren.

Die BaFin erwähnt dazu, dass problematische Kredite auch weiterhin als solche in den Büchern ausgewiesen werden sollen. Aber hey, wenn ich Problemkredite als saubere Kredite deklarieren darf, dann nutze ich diese Gelegenheit doch? Zitat BaFin:

Die Reaktivierung werde sicherstellen, dass Darlehen, die bisher nicht in Zahlungsmoratorien einbezogen waren, nun auch einbezogen werden können. Die EBA will erreichen, dass die Institute weiter Kredite an die Realwirtschaft vergeben. Problematische Engagements sollen sie aber sauber in ihren Bilanzen abbilden. Daher darf eine neue Zahlungsentlastung – einschließlich ggf. bereits schon gewährter Zahlungsentlastungen – nur innerhalb von insgesamt neun Monaten fällige Zahlungen betreffen.

Die EBA erlaubt den Banken neue Zahlungsziele ohne genaue Prüfung jeden Kredits zu akzeptieren. Die neue Regelung soll wie gesagt bis Ende März 2021 gelten. Wohl um so zu tun, als würde man die Zügel diesmal enger anziehen und die Lage genau im Griff haben, führt man zwei verschärfende Beschränkungen ein, die aber auch für bereits bestehende Moratorien schon gelten.

So sollen die Banken ihrer jeweiligen Aufsichtsbehörde (in Deutschland der BaFin) Pläne vorlegen, aus denen hervorgehen soll, wie man sicherstellen will, dass man rechtzeitig die Zahlungsunfähigkeit eines Kreditkunden in Bezug auf die dem Moratorium unterliegenden Kredite bemerkt. Klingt doch ziemlich nach Erstellung von ein paar schönen Seiten Papier, die abgeheftet werden. Wir denken uns einen Notfallplan aus, reichen den beim Amt ein, und hoffen das Beste. Die Aufsichtsbehörde hofft auch das beste, und ist froh, dass wie vorgeschrieben ein „Plan“ eingereicht wurde?

Und noch was. Wenn im Rahmen eines allgemeinen Zahlungsmoratoriums durch Banken neue Zahlungsziele vereinbart werden, dann dürfen sie nicht länger als neun Monate dauern. Damit wird die Dauer eines Moratoriums gegenüber einem Kreditnehmer ab 30. September insgesamt gekappt. Dabei sollen auch die vor dem 30. September bestehenden Moratorien mit einbezogen werden. Auch für sie gelten die neuen Regeln, selbst wenn dann die Spanne von neun Monaten überschritten werden sollte.

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