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Coronavirus: Die größten Herausforderungen und wie die Geldpolitik helfen kann

Hannes Zipfel

Veröffentlicht

am

Symbolbild für das Coronavirus

Die ökonomischen Folgen des Coronavirus werden die bereits schwächelnde Weltwirtschaft stark belasten. Die besondere Herausforderung für die Geldpolitik besteht in der Fragilität des Finanzsystems. Die globale Überschuldung könnte zu nicht mehr kontrollierbaren Pleitewellen bei Staaten, Banken, Unternehmen und Privathaushalten führen. Was können die Notenbanken dagegen tun?

Das Coronavirus ist gekommen, um länger zu bleiben

Kurzfristig bedeutet das Coronavirus vor allem menschliches Leid für die Betroffenen und eine psychologische Belastung für alle anderen. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité erwartet eine Infektionsquote von 60 bis 70 Prozent in Deutschland. Das Coronavirus wird also möglicherweise eine Zeit lang Teil unseres Lebens bleiben. Pharmakologen und Virologen erwarten erst für Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres wirksame Impfstoffe, sodass sich die Epidemie sehr wahrscheinlich zu einer weltweiten Pandemie ausweiten wird. Noch deutlich mehr Zeit wird die Entwicklung und Zulassung von wirksamen Medikamenten in Anspruch nehmen. Normalerweise umfasst der Prozess von der Idee bis zur Zulassung eines Medikaments im Schnitt einen Zeitraum von 13 Jahren. Allerdings fangen die Pharmaindustrie und die medizinische Forschung in diesem Fall nicht bei null an.

Dennoch kann es auch bei einem notfallbedingt beschleunigten Entwicklungs- und Zulassungsprozess noch mehrere Grippesaisons dauern, bis ein wirksames Gegenmittel auf dem Markt verfügbar ist. Solange kann das Coronavirus sich weiter ausbreiten und Leben gefährden – wie übrigens jedes Grippevirus. Der wesentliche Unterschied liegt in der Gefährlichkeit des Coronavirus. Gemäß den Aussagen von RKI-Präsident Lothar Wieler, liegt die Wahrscheinlichkeit, an einer Grippe zu sterben, bei ein bis zwei Promille der Infizierten. Bei dem neuartigen Coronavirus „Covid-19“ liegt die Mortalitätsrate aktuell weltweit dreiundzwanzig Mal höher. Wobei die Sterblichkeitsquote in China wegen der dort weniger gut ausgebauten medizinischen Versorgungsinfrastruktur deutlich höher ist als bei uns im Westen.

Vor welche ökonomischen Herausforderungen stellt uns das Coronavirus?

Eine ganz andere Gefahr der Ansteckung droht auf der wirtschaftlichen Ebene. Das Thema Überschuldung und die Abhängigkeit der Konjunktur von noch mehr Verschuldung haben wir bereits mehrfach thematisiert. Anfang Januar, also noch vor dem Ausbruch der Epidemie, warnte die Weltbank vor einer neuen Finanzkrise in Folge des weltweit größten Schuldenzuwachses seit 50 Jahren. Das ifo Institut sieht gar die Gefahr, dass das Coronavirus das Potenzial hat, die Weltwirtschaft zum Erliegen zu bringen. Ganz aktuelle Zahlen vom Statistikamt aus Peking sind eine Indikation dafür, wie stark das Coronavirus die Wirtschaft belastet: Der offizielle Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe fiel im Februar 2020 auf den tiefsten jemals gemessen Punktestand von 35,7.

Damit wurde sogar der bisher niedrigste Wert aus der Finanzkrise vom November 2008 unterboten. Werte unter 50 signalisieren Kontraktion. Über das Phänomen der „Schwarze Schwäne“, also unvorhersehbarer Ereignisse, die das Finanzsystem zum Kollabieren bringen können, wurde ebenfalls bereits viel niedergeschrieben (Buch: Wenn schwarze Schwäne Junge kriegen von Markus Krall). Doch nun ist er da, der „Schwarze Schwan“ und es stellt sich konkret die Frage, wie auf ökonomischer Ebene damit umgegangen werden kann?

Die aktuellen ökonomischen Herausforderungen sind:

Unterbrechung von Lieferketten
Lieferverzögerungen
Einnahmeausfälle (Staaten, Unternehmen, Bürger)
Verschlechterung der Kreditportfolios der Banken
Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe
Drohende Pleitewellen
Rückgang des Konsums
Einbrechende Unternehmensgewinne
Wirtschaftliche Stagnation
Mangel-Inflation (Gütermangel)
Rückläufiger Welthandel
Rückläufige Beschäftigung
Rezession
Abwärtsspirale

Um diesen, durch das Coronavirus bereits ausgelösten Dominoeffekt zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen, kann die Geldpolitik eine Reihe von Maßnahmen ergreifen. Doch das Virus selbst kann sie nur indirekt bekämpfen – durch finanzielle Unterstützung für die Gegenmaßnahmen.

Der Druck auf die Zentralbanken wächst

Noch vor Kurzem hielten sich die Notenbanker in den Industrienationen mit der Ankündigung oder gar Implementierung von Hilfsmaßnahmen für die Finanzmärkte und die Realwirtschaft zurück. Politische Rhetorik dominierte hier die Pressemeldungen. Doch das ändert sich nun. Bereits am Freitag machten Vertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie der Präsident der US-Notenbank (Fed), Jerome Powell, deutlich, dass sie die aus der Virusepidemie resultierenden Belastungen sehr genau beobachten und wenn nötig angemessen reagieren. Hier das Statement vom Freitagabend von Jerome Powell im Original. Die Zinssenkungserwartungen für die USA schossen daraufhin durch die Decke. Noch vor Wochenfrist lag die Wahrscheinlichkeit für eine „kleine“ Zinssenkung (25 Basispunkte) in den USA für die nächste Sitzung am 18. März bei nur sechs Prozent. Aktuell liegt die Wahrscheinlichkeit für einen großen Zinsschritt (50 Basispunkte) zu diesem Termin bei 95 Prozent.

Der Grund für dieses schnelle Umschwenken ist der deutliche Rückgang der Aktien- und Rohstoffpreise in Anbetracht der genannten ökonomischen Herausforderungen. Beides ist gefährlich für die Realwirtschaft. Allein der starke Rückgang der Ölpreise hat das Potenzial, eine weitere Pleitewelle im US-Fracking-Sektor auszulösen und damit die US-BBB-Schuldenbombe zur Explosion zu bringen. Interessant ist, dass die Investmentbank Goldman Sachs nur wenige Stunden vor der Verlautbarung von Jerome Powell genau dieses Umschwenken der Fed angekündigt hatte. Goldman Sachs ist Anteilseigner der Distriktniederlassung der US-Notenbank Fed of New York (Buch: Die Kreatur von Jekyll Island: Die US-Notenbank Federal Reserve – Das schrecklichste Ungeheuer, das die internationale Hochfinanz je schuf). Da die wirtschaftlichen Belastungen und damit auch die anhaltende Risikoaversion bis hin zur Liquiditätsaustrocknung ganzer Märkte sich zu verstärken drohen (zuletzt war auch der „sichere Hafen“ Gold betroffen), müssen die Notenbanken im eigenen Interesse, im Interesse ihrer Anteilseigner und der gesamten Gesellschaft nun zügig und entschlossen handeln.

Was können und müssen die Notenbanken gegen die Auswirkungen des Coronavirus tun?

Die People´s Bank of China und die Regierung der Sonderverwaltungszone Hongkong haben bereits erste massive Schritte unternommen, die als Blaupause für die westlichen Zentralbanken dienen können. Es wurden die Kreditkosten abgesenkt (Schlüsselzinsen), Liquiditätsmaßnahmen in dreistelliger Milliardenhöhe (in US-Dollar) vorgenommen und sogar Geldgeschenke an die Bevölkerung Hongkongs verteilt (1.180 Euro für jeden volljährigen Einwohner).

Immerhin ist es so gelungen, den chinesischen Aktienmarkt etwas zu stabilisieren und größere Firmen und zu Hause eingesperrte Bürger vor dem Bankrott zu bewahren. Problematisch ist weiterhin die Situation der ca. 18 Millionen kleineren Betriebe in China, denen bisher nicht direkt geholfen wurde, die gleichwohl gut 60 Prozent der Arbeitsplätze im Reich der Mitte stellen. Deren Liquiditätsreichweite ist sehr limitiert, bei gleichzeitig hoher Verschuldung und vergleichsweise hohen Kreditkosten. Es sind also auch in China weitere Maßnahmen zur Revitalisierung der Wirtschaft dringend notwendig. Das gilt auch für den Westen, wo die ökonomischen Auswirkungen durch das Coronavirus erst jetzt mit Zeitverzögerung spürbar werden und die Zahl der Infizierten sprunghaft ansteigt.

In den Ländern, in denen noch Potenzial dafür vorhanden ist, werden in Kürze Zinssenkungen folgen. Dies gilt primär für die US-Notenbank Fed. Bereits Mitte des Jahres dürfte eine Null vor dem Komma des US-Leitzinses stehen, was bei den US-Kapitalmarktzinsen bis zu einer Laufzeit von fünf Jahren bereits der Fall ist. Der de facto Leitzins (Effective Fed Funds Rate) liegt aktuell noch bei 1,55 Prozent. Wobei offiziell ein Zinskorridor von 1,5 bis 1,75 Prozent gilt. Da das Zinssenkungspotenzial aber weltweit beschränkt ist, müssen weitere Instrumente aus dem Werkzeugkasten der Notenbanken genutzt werden.

Damit ist der verstärkte Rückgriff auf die sogenannte „unkonventionelle“ Geldpolitik gemeint. Diese kam erstmals im Zuge der Finanzkrise 2008 ff. zum Einsatz und ist bis heute bei allen größeren Notenbanken noch aktiv. Primär geht es dabei um die Erzeugung neuen Geldes aus dem Nichts und dessen Verteilung auf die Wirtschaftssubjekte. Aktuell laufen mehrere solcher „QE“-Programme (Quantitative Easing = geldmengenmäßige Lockerung). Dabei nutzen die Notenbanken ihr Geldschöpfungsprivileg und erzeugen digitales Giralgeld aus dem Nichts, das sie für den Aufkauf von Vermögenswerten aller Art nutzen. In der Vergangenheit kauften sie damit bereits Staatsanleihen, Regionalobligationen, Bankenanleihen, Unternehmensanleihen sowie Asset Backed Securities, Aktien, ETF und Gold.

Durch eine Ausweitung der bestehenden QE-Programme könnten zusätzliche Ausgaben des Staates zur Bekämpfung des Coronavirus finanziert werden. Über den Ankauf von Asset Backed Securities (ABS) kann im großen Stil Liquidität für die Privatwirtschaft sowie für Infrastrukturprojekte zur Verfügung gestellt werden. So könnten direkt und zinslos Konjunkturprogramme aus der digitalen Notenpresse finanziert werden.

Gleichzeitig könnten Marktinterventionen zur Stabilisierung von Aktienkursen und anderen Vermögenswerten genutzt werden. Die Bank of Japan und die Schweizerische Nationalbank kaufen bereits seit Jahren im großen Stil Aktien auf. Die japanische Zentralbank (BOJ) hat bereits 8 Prozent aller Aktien am Kabutochō absorbiert und 77,5 Prozent aller japanischen ETF-Bestände. Eine Stabilisierung der Vermögenspreise ist wichtig für die Konsumbereitschaft und die allgemeine Wirtschaftsstimmung sowie die Eigenkapitalbeschaffung von Unternehmen über die Börse. Selbst wenn betroffene Bürger quarantänebedingt nur von zu Hause aus online einkaufen können, benötigen sie dafür Kaufkraft.

Da nicht alle Wirtschaftssubjekte gleichermaßen von steigenden Vermögenspreisen profitieren, weil sie schlicht keine Aktien besitzen, ist eine weitere Maßnahme denkbar: das digitale Abwerfen von Notenbankgeld über Unternehmen und Privathaushalten (Helikoptergeld). Damit könnten Einnahme- und Lohneinbußen bei den betroffenen abgefedert werden, die durch Quarantänemaßnahmen, Verlust des Arbeitsplatzes oder Geschäftseinbußen entstehen.

Eine weitere Ausbaustufe des Helikoptergeldes wäre das sogenannte „Schwundgeld“, dass die jetzige EZB-Präsidentin Christine Lagarde bereits in ihrer Funktion als Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) für solche Notfälle ins Spiel brachte. Dabei wird zusätzliches Geld von den Notenbanken erzeugt, an die Bürger verteilt und mit einem Verfallsdatum versehen. Dadurch wird sofortiger Konsum erzwungen und die Geldumlaufgeschwindigkeit erhöht. Das Risiko der unkonventionellen Geldpolitik liegt in der überproportionalen Erhöhung der Geldmenge im Vergleich zum Angebot an Gütern und Dienstleistungen. Da bedingt durch die Zerstörung von Lieferketten ohnehin ein Angebotsschock droht, würde es in der Folge der Aufblähung der Geldmenge und der höheren Geldumlaufgeschwindigkeit zu stark steigenden Preisen kommen (Teuerungsschock).

Die meisten Zentralbanken kommen dadurch in Konflikt mit ihren politischen Mandaten. Diese umfassen neben der Stabilität des Finanzsystems und im Falle der Fed der Vollbeschäftigung auch die Preisstabilität. Doch auch hier haben sich die Geldpolitiker bereits flexibel gezeigt. Ein Überschießen der Teuerungsrate könne in Kauf genommen werden, da diese in den letzten Jahren mehrheitlich und signifikant unter den Zielraten der Notenbanken lag. Die DZ-Bank erläutert diese bedeutende Änderung der Inflationssteuerung durch das Umschwenken von einem asymmetrischen Inflationsziel auf ein symmetrisches Inflationsziel in einem Blog-Beitrag am Beispiel der EZB.

Fazit und Ausblick

Unsere moderne und vernetzte Gesellschaft begünstigt durch die weitverzweigten Verkehrsverbindungen und Handelswege die rasche Ausbreitung einer Seuche. Nur durch die Unterbrechung dieser Verbreitungswege kann die Expansionsgeschwindigkeit des Coronavirus eingedämmt werden. Umso langsamer eine Epidemie/Pandemie verläuft, umso besser können Patienten versorgt und Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Gleichzeitig bedeuten diese Gegenmaßnahmen jedoch eine massive Einschränkung der globalisierten Wirtschaft. Und das zu einem Zeitpunkt, wo sich die weltweite Konjunktur trotz Rekordschuldenaufnahme bereits abkühlt. Es gilt nun ein Systemcrash zu vermeiden, der die zwangsläufige Folge einer passiven Geldpolitik wäre. Da Nichtstun in jeder Hinsicht unverantwortlich wäre, sollte dies für die Protagonisten bei den Zentralbanken auch keine Option sein. Welche der genannten Maßnahmen umgesetzt werden oder ob es sogar weit darüber hinaus geht, ist nicht seriös prognostizierbar. Fakt ist aber, dass die Zentralbanken handeln müssen, um einen Kollaps des Finanz- und Wirtschaftssystems zu vermeiden. Sie müssen dabei schnell, unkonventionell und abhängig vom ökonomischen Schaden und der Panik an den Finanzmärkten aggressiv vorgehen.

Die Folgewirkungen dieser unkonventionellen geldpolitischen Notfallmaßnahmen sind momentan nur grob einschätzbar aber in Hinblick auf das Alternativszenario dennoch zu präferieren. In einem Folgeartikel werde ich noch die möglichen Auswirkungen der nun folgenden geldpolitischen Notfallmaßnahmen auf die Finanzmärkte detailliert beleuchtet.

13 Kommentare

13 Comments

  1. Avatar

    Dreamtimer

    29. Februar 2020 19:27 at 19:27

    „Pharmakologen und Virologen erwarten erst für Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres wirksame Impfstoffe, sodass sich die Epidemie sehr wahrscheinlich zu einer weltweiten Pandemie ausweiten wird.“

    Erwarten Sie sich lieber nicht zuviel von Impfstoffen:

    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3019510/

    Es scheint vor allem die Re-Infektion zu sein, die besonders gefährlich ist, da das Virus die Immunabwehr nutzt, statt von ihr aufgehalten zu werden. Vielleicht versteht man jetzt, warum die Besorgnis größer ist, als bei einer Grippe.

    „Wobei die Sterblichkeitsquote in China wegen der dort weniger gut ausgebauten medizinischen Versorgungsinfrastruktur deutlich höher ist als bei uns im Westen.“

    Ist wohl eher so, dass man dort schon Erfahrung machen musste mit anderen Corona-Viren. Ist halt ein böses, kleines Kerlchen, das Coronavirus und seine Sippe.

  2. Avatar

    Lausi

    29. Februar 2020 22:24 at 22:24

    Man kann die ganze Sache auch so sehen: Die mittelfristig anstehende Bombe ist nicht mehr aufzuhalten. Fragt sich nur, ob es eine deflationäre oder eine inflationäre Bombe werden wird. Ich denke, dass diese Entscheidung letztlich von den Zentralbanken getroffen wird, und ich denke, dass sie sich für die inflationäre Bombe entscheiden werden.

    Das Coronavirus ist ein Schlag in die Magengrube der Weltwirtschaft. Schon jetzt ist der Schlag recht übel, und er könnte noch weitaus übler werden. Wenn es so kommen sollte, so sollten auch die Firmen-Vermögenswerte (Aktien, Anleihen) entsprechend sinken, und an den Finanzmärkten zu einer Deflation führen. Weil sinkende Börsen/Vermögenswerte aber Gift für die Wirtschaft sind, und diese obendrein noch virusgebeutelt ist, wird den Zentralbanken nichts anderes übrig bleiben, als mit expansiver Geldpolitik dagegenzuhalten.

    Was könnte eine expansive Geldpolitik in so einer Situation aber auslösen? Eine deutlich steigende Inflation! Man stelle sich vor: Virusbedingt – durch die gedrosselte Produktion – ensteht ein Angebotsdefizit, und das trifft auf eine – durch die expansive Geldpolitik (im Extremfall Helikoptergeld) – üppig mit Geld ausgestattete Nachfrage. Eine scharf anziehende Inflation wäre da unvermeidbar.

    Und dann sitzen die Zentralbanken in der Falle: Bleiben sie expansiv, dann riskieren sie eine unkontrollierbare Inflation (Stagflation), und sollten sie auf restriktiv umschwenken, dann riskiren sie einen deflationären Schock. Ich vermute mal, dass sich die Zentralbanken ihrer expansiven Politik treu bleiben, und sich für die Inflation entscheiden werden. Die Inflation könnte dann auch eine relativ rasante Entwicklung nehmen, und zu einem schnellen Exitus führen.

    Irgendwie muss ich dabei an den Big Bang denken: Zuerst kontrahiert sich alles, um dann in einer gewaltigen Explosion allen um die Ohren zu fliegen. Halleluja!

    • Avatar

      Brett

      1. März 2020 10:55 at 10:55

      Die Möglichkeit zur Inflation ist aus meiner Sicht sowieso die einzige Variante die es noch gibt die überschuldeten Staaten kalt zu Entschulden, ist das Virus gerade desswegen sehr willkommen? Dient es später als Ausrede?

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    Bombasti

    1. März 2020 06:07 at 06:07

    @ Lausi, diese Bombentheorie tönt bombastisch, bombenmässig realistisch. Die zu Höchstpreisen zurückgekauften Aktien werden die Firmen zusätzlich schädigen u.die Profiteure können zuschauen wie ihre ausgehölten Firmen ohne Reserven die Krise überstehen.

  4. Avatar

    Philipp Keller

    1. März 2020 08:09 at 08:09

    finde die Artikel von Zipfel immer wieder sehr lesenswert.
    Wenn man mal sehr weit in die Zukunft blickt, könnte das Virus, wenn es in den USA nicht gut gehandelt wird auch die Widerwahl von Trump gefährden.
    Er hat ja einen absoluten Vollidioten (Pence) zum Krisenmanager ernannt und dessen erste Amtshandlung war es, den Ärzten einen Maulkorb zu verpassen.
    Und das wäre dann wirklich ziemlich übel für die US Aktien.

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    Kritisch on fire

    1. März 2020 08:49 at 08:49

    Dr. Krall hat doch alles genau beschrieben und auch die möglichen Weggabelungen bei dieser sich abzeichnenden Entwicklung vorgezeichnet. Man könnte fast meinen, es läuft wie nach Drehbuch – leider, wobei diesen „Schwarzen Schwan“ sich Dr. Krall auch nicht ausgemalt hatte. Das Virus wirkt wie ein Brandbeschleuniger für Krall´s Theorie und demnach wird es wohl richtig heftig. ABER, wie er in seinem neuesten Buch (Die bürgerliche Revolution) beschreibt stehen wir alle vor einer Entscheidung und diese wird durch das Virus und dessen Auswirkungen nur beschleunigt, was man durchaus als positiv sehen kann, sofern unser aller Entscheidung in Richtung Freiheit und nicht Sozialismus geht.

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    BrettonWood

    1. März 2020 10:52 at 10:52

    Was ich mich Frage ist, WARUM stellt man die ganze Wirtschaft ab, wenn sowieso klar ist das wir den Verlauf nicht aufhalten werden können? Ist dies die Willkomeme Entschuldigung um die Probleme zu bereinigen? Interessant ist auch das das Virus insbesondere für Personen über 60 gefährlich ist….die Welt hat ein überlaterungsproblem, gerade zB china dank der Uahrelangen 1 Kind Politik….nun kommt ein Virus das vorallem
    Alte dahinrafft und für Junge praktisch ungefährlich ist, ja sogar oftmals komplett ohne symptome vorübergeht….was soll da das abschalten der wirtschaft bringen? Obwohl man bereits eingesehen hat das dies nichts beingt werden nun Veranstaltungen überall abgesagt, was natürlich breite wirtschaftliche Folgen haben wird, neben dennen die nun sowieso schon da sind, dies wird sich auch ganz allgemein im Konsum
    Niederschlagen da solange ungewissenheiten vorherschen man doch lieber abwarten wird mit Neuinvestitionen,
    Man würgt die Wirtschaft nun also in die Rezzession
    Obwohl das eigentlich gar nicht nötig wäre den die arbeitende Bevölkerung bis 60 ist kaum gefährdet….entweder ist das ein Orechestriertes Spiel das ganz andere Zwecke verfolgt oder man erzählt uns nur die halbe Wahrheit….

    Für die Grippe gibt seit ewig einen Impfstoff und niemand will ihn…für mich oasst das einfach in keiner Form zusammen….

  7. Avatar

    Torsten

    1. März 2020 19:24 at 19:24

    Man sollte Italien von Corona und von der Mafia säubern und die EZB sollte aufhören italienische Staatsanleihen zu kaufen.

    Danke Italien für die Verbreitung von Corona “Made in Italy”

    • Avatar

      Dreamtimer

      2. März 2020 05:38 at 05:38

      Refugees welcome – oder wie Markus Krall über Corona twitterte: faszinierende Wesen auf der Suche nach einem Ökosystem.

    • Avatar

      BrettonWood

      2. März 2020 06:27 at 06:27

      Superzynisch…Deutschland sollte man auch seit 100 Jahren von den Nazis befreien….Erfolglos…..Die Schweoz vor den Steierhinterhiezern, ah und nicht zu vergessen, die ganze Bieralkoholoker in Deutschland bzw Weinalkoholiker in Frankreich in Italien….habe ich noch was vergessen? Ah ja die Idioten unter uns sollte man auch mal loswerden

      • Avatar

        Konterindikator

        2. März 2020 08:44 at 08:44

        @Brettonwood
        -Ah ja die Idioten unter uns sollte man auch mal loswerden-
        Wer soll dann hier noch Posten?

  8. Avatar

    Kritisch on fire

    2. März 2020 10:40 at 10:40

    O-Ton Hr. Wirtschaftsminister Altmaier:
    „Wir dürfen nicht zulassen, dass Corona unseren Wirtschaftsaufschwung kaputt macht“!
    Meine bescheidenen Fragen dazu:
    1. Welchen Wirtschaftsaufschwung?
    2. Will er dem Virus die Einreise verbieten?
    3. Meint er es wirklich so wie er es sagte?
    Und das ist eine öffentliche Aussage eines Wirtschaftsminister! Ich gratuliere zu dieser unglaublich intelligenten und realitätsbezogenen Meinung eines Spitzenpolitikers der Exportnation Nr. 1 in EU.
    Na dann, sehr geschätzte Nachbarn der Exportnation Nr. 1 in der EU, macht euch keine Sorgen, er wird schon dafür sorgen, dass der ungleubliche Wirtschaftsaufschwung nicht kaputt gemacht wird. Reales BIP in 2017 = +2,5%, 2018 = +1,4% und 2019 (erwartet) = +0,5% (Quelle STATISTA)

  9. Avatar

    Prognosti

    2. März 2020 12:03 at 12:03

    Ja diese Minister lügen einfach oder wissen Nichts. Krankheitsminister Spahn hat auch vor einigen Tagen
    dem Volk erklärt ,dass Deutschland gut vorbereitet sei für die Pandemie.Jetzt fehlen die minimalsten Sachen ,weil man sie nach China verkauft hat. Just in Time Produktion ohne Lagerhaltung wird die MMT Oekonomie ausbremsen.
    Ja der mit viel Gratisgeld erzwungene „NICHT- ABSCHWUNG“ sollte jetzt wieder gestoppt werden.
    LÜGEN U. TRICKSEN REICHT DIESMAL NICHT MEHR!

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Konsumklima und Kaufverhalten im Oktober – aktuelle Daten

Claudio Kummerfeld

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Einkaufswagen

Die Coronakrise nimmt wieder mehr Fahrt auf. Deutschland hat mehr täglich Neuinfizierte als noch im Frühjahr, und die Restriktionen im Alltag nehmen wieder zu. Der selbe Reflex wie im Frühjahr zeigt sich aktuell bei den Verbrauchern – aber offenbar noch nicht im selben Ausmaß. Das kann man gut ablesen im Konsumklima und im Kaufverhalten der Deutschen. Heute früh wurden Daten zu Konsumklima und Kaufverhalten für Oktober veröffentlicht.

Konsumklima

Das einmal im Monat veröffentlichte GfK-Konsumklima zeigt heute früh, dass der Optimismus der deutschen Verbraucher im Oktober spürbar schwindet. Rund drei Viertel der Verbraucher gehen demnach aktuell davon aus, dass COVID-19 eine große bziehungsweise sehr große Bedrohung darstellt, und etwa die Hälfte macht sich große beziehungsweise sehr große Sorgen, wenn es um die persönliche Zukunft geht. Sowohl die Konjunktur- und Einkommenserwartungen wie auch die Anschaffungsneigung müssen Einbußen hinnehmen. Folglich prognostiziert GfK für das Konsumklima für November 2020 einen Wert von -3,1 Punkten, und damit 1,4 Punkte weniger als im Oktober dieses Jahres. Gut sichtbar ist der Abwärtstrend im Konsumklima im folgenden Chart. Ein Balken steht für einen Monat.


source: tradingeconomics.com

Kaufverhalten

Das Statistische Bundesamt hat heute früh Daten zum Kaufverhalten in Deutschland veröffentlicht. Man hat sich die Woche vom 12. bis 17. Oktober 2020 angeschaut, und mit früheren Zeiträumen verglichen. Wegen der steigenden Infektionszahlen ist die Nachfrage nach ausgewählten Hygieneartikeln und Lebensmitteln teils deutlich gestiegen. Die Verkaufszahlen von Toilettenpapier waren vom 12. bis 17. Oktober 2020 fast doppelt so hoch (+89,9 %) wie im Durchschnitt der Vorkrisen-Monate August 2019 bis Januar 2020. Der Absatz von Desinfektionsmitteln lag knapp drei Viertel (+72,5 %) und der von Seife knapp zwei Drittel (+62,3 %) über dem Vorkrisen-Durchschnitt. Die Grafik, die bis ins letzte Jahr zurückreicht, zeigt: Die Panikkäufe im Frühjahr waren deutlich heftiger als heute, aber der Trend zum Kauf bestimmter Waren geht aktuell bergauf.

Chart zeigt Kaufverhalten vor und während der Coronakrise

Hier weitere Detailaussagen der Statistiker:

Die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln und Seife blieb auch während des Sommers, als sich der Absatz von Lebensmitteln weitgehend normalisiert hatte, leicht überdurchschnittlich. In der 42. Kalenderwoche zog nun auch die Nachfrage nach bestimmten Lebensmitteln an. So stieg der Absatz von Mehl verglichen mit dem Vorkrisen-Durchschnitt um mehr als ein Viertel (+28,4 %) und der Absatz von Hefe um mehr als ein Drittel (+34,8 %). Die Verkaufszahlen von Teigwaren wie Nudeln waren hingegen leicht unterdurchschnittlich (-0,2 %).

Statistik zeigt Kaufverhalten für einzelne Produkte

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Coronakrise: Größter Schuldenanstieg – aber Zinsen rutschen in Euroland

Wir erleben in der Eurozone gerade wegen der Coronakrise den größten Schuldenanstieg der Geschichte. Gleichzeitig sinken die Zinssätze. Die Vergemeinschaftung von Schulden hat begonnen

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Wir erleben in der Eurozone gerade wegen der Coronakrise den größten Schuldenanstieg in seiner Geschichte. Jegliche fiskalische Zurückhaltung weicht angesichts einer pandemischen Bedrohung der Volkswirtschaften. Gleichzeitig sinken die Zinssätze in den Mitgliedstaaten in atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung der deutschen Bunds. Der letzte Auslöser war der große Wiederaufbaufonds, den die Gemeinschaft trotz des Widerstandes der sparsamen Fünf – Dänemark, Schweden, die Niederlande, Finnland und Österreich – beschlossen hat. Wittern die Märkte angesichts der Coronakrise eine Vergemeinschaftung der Schulden?

Coronakrise: Die Einführung des Euro und die Zinsen

Die Einführung der Gemeinschaftswährung am 1. Januar 1999 brachte für einige der elf Teilnehmerstaaten zunächst eine gewaltige Erleichterung bei der Bewältigung der Staatsschulden. Im Jahr 2000 musste man für italienische Langläufer kaum mehr bezahlen, als für die deutschen „Bunds: in etwa 5,5 Prozent. Etwa sechs Jahre zuvor lag der Zinssatz für die 10-Jährigen bei fast 14 Prozent. Waren da nicht noch die so genannten Maastricht-Verträge mit den Konvergenzkriterien für eine Aufnahme, die eine Höhe der Staatsverschuldung von max. 60 Prozent und eine Neuverschuldung von höchstens drei Prozent erlaubten? Doch wenn selbst das Vorbild Deutschland diese über mehrere Jahre nicht erfüllen konnte, wie dann Disziplin einfordern von den anderen Staaten?

Kurzum: Die Zinserleichterungen wurden erfreut mitgenommen, die Schuldenstände jedoch nicht zurückgeführt. In der Staatsschuldenkrise nach 2011 weiteten sich die Spreads aus, Griechenland stand am Rande des Bankrotts, bis man sich mit Umschuldungsprogrammen und Schuldenerlass zur Rettung Griechenlands und damit auch der Eurozone durchrang. Denn auch die Zinsaufschläge von Italien, Spanien, Portugal und teilweise auch die von Frankreich waren in die Höhe gesprungen.

Bis die Europäische Zentralbank, in Gestalt ihres Chefs, Mario Draghi in Aktion trat, der die mittlerweile mehrfach kopierten und psychologisch entscheidenden Worte sprach: „Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough.” Die Folgen sind bekannt: Zinssenkungen auf null, massive Anleihekäufe bis zur erlaubten Obergrenze von 33 Prozent pro Staat und ein für nicht möglich gehaltener Verfall der Zinslandschaft, der in der Coronakrise gerade seinen Höhepunkt feiert.

Die Pandemie, PEPP und der Wiederaufbaufonds

Das Jahr 2020 wird nicht nur wegen des globalen Vormarschs eines Virus in die Geschichte eingehen als das Jahr der Coronakrise. In einer weltweiten Allianz einigten sich Staaten und Notenbanken zu bisher noch nie gesehenen und einmalig hohen Rettungsprogrammen. In Europa lautet der Name für das große Ankaufprogramm für Staatsanleihen und privater Schulden PEPP – Pandemic Emergency Purchase Programme – zunächst in Höhe von 750 Milliarden Euro, welches am 2. Juni nochmals um 600 Milliarden Euro aufgestockt wurde. Da es ausgerechnet die hoch verschuldeten südlichen Länder durch die Pandemie besonders hart getroffen hat – Italiens und Spaniens Bruttoinlandsprodukt sanken im zweiten Quartal um 13 beziehungsweise 18,5 Prozent – musste man noch einmal nachlegen, um einen Zinsanstieg für diese Länder zu verhindern. Der von Frankreich initiierte und hart umkämpfte Wiederaufbaufonds war der nächste Schritt, ein spezielles Konstrukt gemeinsamer Anleihen in Höhe von zunächst 750 Milliarden Euro.

Die Zinsen in der Eurozone – Limes gegen null

Der viel umkämpfte Wiederaufbaufonds hat eindeutig das Ziel gerade den Staaten zu helfen, die einerseits hoch verschuldet aber andererseits besonders schwer betroffen von der Coronakrise in Not geraten sind. Durch die Emission gemeinsamer Anleihen werden Schulden finanziert, die die EU aufnimmt und für die alle Mitglieder gemeinsam geradestehen. Zweifellos ist das der Einstieg in eine Vergemeinschaftung von Schulden im Euro-Raum. Investoren jubelten, speziell auch aus dem Ausland, weil man sich jetzt sicher ist, dass man die Eurozone unter allen Umständen beisammen halten will, auch wenn man früher beschlossenen Festlegungenzuwider handelt. Die Folge ist ein Absturz der Zinsen in Tiefen, die nichts mehr mit der Bepreisung von Risiko zu tun haben.

Es wurde in letzter Zeit schon öfters berichtet, wie tief die Zinsen für länger laufende Anleihen im Süden gefallen sind, zum Beispiel in Italien mit 0,78 Prozent für die 10-Jährigen – die also inzwischen genauso hoch stehen, wie die bisher sicherste Staatsanleihe der Welt, die 10-jährige US-Treasury. Aber es geht noch extremer: Für griechische Anleihen mit einer Laufzeit von sechs Monaten werden schon Minuszinsen bezahlt, in Italien akzeptieren Sparer schon vier Jahre Laufzeit mit Zinsen nahe null, in Spanien und Portugal muss man für eine positive Rendite schon Langläufer mit acht Jahren Laufzeit wählen. Dabei stellt sich die Frage: Ist ganz Europa durch die Notenbankpolitik in der Coronakrise auf dem Weg zu Nullzinsen, also zur Schuldenaufnahme zum Nulltarif? Wenn man sich eine Übersicht betrachtet, die die Zinsdifferenz auflistet, die europäische Staaten zu den abnorm niedrigen deutschen 10-jährigen Bund (circa minus 0,60 Prozent) zahlen müssen, so kann man nur zu dieser Schlussfolgerung gelangen.

Zinsaufschläge zu deutschen Langläufern, in Prozent:

Niederlande plus 0,11
Österreich plus 0,17
Belgien plus 0,25
Slowakei plus 0,26
Frankreich plus 0,29
Irland plus 0,37
Portugal plus 0,78
Spanien plus 0,80
Zypern plus 1,00
Italien plus 1,34
Griechenland plus 1,45

Nochmal, die Vergleichsbasis ist nicht null, sondern deutlich darunter.

Fazit

Die Politik der Notenbanken in der Coronakrise hat eine Situation geschaffen, in die wohl niemand jemals geraten wollte. „Point of no return?“ Staatsfinanzierung durch die Notenbanken?

Ist diese Entwicklung nicht auch der Einstieg in eine gemeinsame europäische Schuldenunion? Vermutlich ja, denn die Präsidentin der EZB, Christine Lagarde, zugleich Ex-Finanzminsterin von Frankreich, hat gerade erst in einem Interview mit der Tageszeitung „Le Monde“ den Gedanken geäußert, man müsse über ein dauerhaftes konjunkturelles Stützungsinstrument nachdenken. Der Fonds in Höhe von 750 Milliarden Euro solle erhalten bleiben – damit er immer wieder verwendet werden kann, wenn außergewöhnliche Umstände eintreten. Wer soll eigentlich die auslaufenden und zu ersetzenden Anleihen von Italien und Griechenland kaufen, Staaten, die demnächst mit 200 beziehungsweise 160 Prozent zum BIP verschuldet sind, deren Staatsanleihen aber bereits fast keine Rendite mehr abwerfen?

Wie wird man dieses Programm wohl abkürzen?

 

Die Coronakrise lässt die Schulden explodieren, aber die Zinsen fallen

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Ernst Wolff über das globale Finanzsystem – Geld und Demokratie

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Spätestens die Wirtschaftskrise 2007/2008 ließ an der Seriosität des globalen Finanzsystems zweifeln. Wer seine Zweifel allerdings durch Sachkenntnis untermauern möchte, bekommt schnell ein Problem: Er trifft auf ein Dickicht aus komplizierten und oft widersprüchlichen Informationen, die noch dazu in einer für Laien unverständlichen Fachsprache gehalten sind. Kein Wunder also, dass der Versuch, das Finanzsystem zu verstehen, häufig schon in der Anfangsphase scheitert. Genau hier setzt Ernst Wolff an. Im Folgenden ein Ausschnitt auf der Einleitung meines neuen Buches (hier zu kaufen).

Die zwei großen Fehleinschätzungen unserer Zeit

Es gibt in unserer Gesellschaft zwei Ansichten, die von der überwiegenden Mehrheit der Menschen geteilt und von fast niemandem angezweifelt werden. Sie betreffen zum einen die politischen Strukturen, unter denen wir leben, und zum anderen die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Realität, auf der diese politischen Strukturen basieren. Zusammen bilden beide so etwas wie eine von der breiten Allgemeinheit stillschweigend akzeptierte Übereinkunft. Ansicht Nr. 1 lautet: Bei uns regiert das Volk. Ansicht Nr. 2 lautet: Das Finanzsystem ist nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft, den man nicht unbedingt verstehen muss.

Geht man diesen Ansichten auf den Grund, dann stellt man allerdings fest, dass sie nicht etwa auf intellektueller Einsicht oder auf Erfahrungswerten basieren, sondern den Menschen zunächst von Elternhaus, Schulen, Ausbildungsbetrieben und Universitäten mit auf den Weg gegeben und später ein Leben lang von Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eingetrichtert werden – mit dem Ergebnis, dass ihr Wahrheitsgehalt kaum jemals in Frage gestellt wird.

Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass sich hinter diesen Ansichten ganz handfeste Interessen verbergen, deren Durchsetzung nur einem kleinen Teil der Bevölkerung nützt. Im Grunde handelt es sich also um zwei vorsätzlich herbeigeführte Fehleinschätzungen, die weitreichende Konsequenzen haben. Sie tragen nämlich entscheidend dazu bei, die bestehende Ordnung und ihre Machtstrukturen zu festigen und verhindern so, dass die Menschen diese Strukturen durchschauen – mit der Folge, dass sie dadurch unfähig werden, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern.

Sehen wir uns beide Fehleinschätzungen deshalb etwas genauer an:

Fehleinschätzung Nr. 1: „Bei uns regiert das Volk“. In einem Obergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs hängt ein Schild mit der Aufschrift „400 Meter von hier regiert das Volk“. Der Hinweis gilt dem südlich vom Bahnhof gelegenen Reichstagsgebäude, Sitz des deutschen Parlaments, und soll dem Betrachter ganz offensichtlich eine uns allen bekannte Botschaft vermitteln:

Wir leben in einem Gesellschaftssystem, in dem wir als Volk das Sagen haben. Und da das Volk zu groß ist, um als Ganzes regieren zu können, übergeben wir diese Aufgabe an sogenannte Volksvertreter. Die bestimmen wir, indem wir sie alle vier Jahre wählen. Sollten sie nicht so handeln, wie wir das von ihnen erwarten, dann können wir sie nach dem Ablauf ihrer Amtszeit wieder abwählen und durch andere ersetzen.

Diese Grundsätze der parlamentarischen Demokratie werden uns von Kindesbeinen an mit auf den Weg gegeben und im Verlaufe unseres Lebens durch eine Reihe weiterer Informationen ergänzt und untermauert. So erfahren wir unter anderem: Unsere Wahlen sind frei, gleich, geheim, allgemein und unmittelbar und werden auf der Grundlage einer Verfassung abgehalten, die unsere Würde für unantastbar erklärt und uns körperliche Unversehrtheit garantiert. Wir sind vor dem Gesetz alle gleich und haben das Recht, unsere
Meinung zu äußern und uns mit anderen zum Zwecke gemeinsamer Meinungsäußerung zu versammeln.

Die Formulierungen erwecken in uns den Eindruck, dass es sich bei der parlamentarischen Demokratie um ein zu unser aller Gunsten entwickeltes System handelt, das den Einzelnen schützt, dem Gemeinwohl dient und dessen oberstes Ziel darin besteht, den Willen
der Mehrheit der Bevölkerung in die Tat umzusetzen. Doch ist das tatsächlich so? Wollen wir alle, dass immer weniger Menschen immer größere Vermögen anhäufen, während der Lebensstandard der Masse bestenfalls stagniert, in vielen Fällen sogar sinkt? Dass der Niedriglohnsektor explodiert, dass Arbeits- und Obdachlosigkeit um sich greifen? Dass von Jahr zu Jahr mehr Geld für Rüstung und den Ausbau von Sicherheitsapparaten ausgegeben wird, während am Bildungs- und Gesundheitswesen immer drastischer gespart wird? Sind wir dafür, dass die Umwelt zunehmend zerstört wird? Dass in unserem Namen Kriegseinsätze unterstützt werden? Dass Persönlichkeitsrechte abgebaut und wir alle immer stärker überwacht werden?

Wendet man sich direkt an die Menschen und fragt sie, was sie von dieser Entwicklung halten, dann fällt die Antwort eindeutig aus: Die meisten sind damit nicht einverstanden, viele lehnen sie sogar rundheraus ab. Wie aber kann das sein? Wie kommt es, dass zwischen dem, was die Menschen wollen, und dem, was in ihrem Namen und auf Grund ihrer offensichtlich frei getroffenen Wahlentscheidung umgesetzt wird, ein solch krasses Missverhältnis besteht – in einer Gesellschaft, deren Verfassung doch besagt, dass alle Macht vom Volk ausgeht?

Wir lassen uns täuschen

Die Antwort auf diese Frage lautet: Wir lassen uns täuschen. Wir akzeptieren die wohlklingenden Formulierungen unserer Verfassung, die auf dem Gleichheitsgrundsatz basieren, und schließen daraus, dass wir alle nicht nur gleiche Rechte genießen und gleich behandelt werden, sondern dass wir alle gleich sind. Das aber stimmt nicht. In einer vom Geld beherrschten Gesellschaft wie der unseren können die Menschen auf Grund ihrer Vermögensverhältnisse gar nicht gleich sein. Wer über viel Geld und großen Besitz verfügt, ist nämlich nicht nur wohlhabender, sondern kann sich auf Grund seiner wirtschaftlichen Überlegenheit über diejenigen, die weniger besitzen, erheben, sie von sich abhängig machen und sie im Extremfall sogar vollends beherrschen. Die Vermögensverhältnisse entscheiden also nicht nur darüber, wer reich und wer arm ist, sondern vor allem darüber, wer in welchem Ausmaß Macht ausüben kann und welche gesellschaftlichen Hierarchien sich im Lauf der Zeit bilden.

Diese Aufspaltung der Gesellschaft hat schon lange vor der Einführung des Parlamentarismus und sogar schon lange vor der Einführung des Geldes begonnen. Ihre Anfänge gehen auf die Tauschwirtschaft zurück. Sie ist die Grundlage, auf der sich ein Zustand entwickeln konnte, der die gesamte bisherige Geschichte der Menschheit prägt: die soziale Ungleichheit. Sie hat es den Menschen, die mehr Besitz angehäuft und damit mehr Macht erlangt haben als andere, ermöglicht, Strukturen zu schaffen, die ihren privilegierten Status festigen, die sie einmal erworbene Privilegien auf Dauer beibehalten und diese sogar auf nachfolgende Generationen übertragen lassen.

Im ausgehenden Mittelalter sind die Besitzer großer Vermögen noch einen Schritt weiter gegangen und haben sich das Geldsystem und damit den Blutkreislauf der Gesellschaft unterworfen, indem sie Banken gegründet und sich so das Recht der Geldschöpfung angeeignet haben. Später, nach der Gründung der Nationalstaaten, haben die von ihnen beherrschten Banken sich dieses Recht auf der Grundlage nationaler Währungen mit den Zentralbanken geteilt und damit als „Finanzwesen“ einen ganz eigenen Wirtschaftszweig geschaffen, der mit der Zeit immer einflussreicher wurde. Da dem Rest der Bevölkerung nicht entging, dass auf diese Weise einige Wenige zusehends reicher und mächtiger wurden, hat sich immer stärkerer Widerstand gegen diese Entwicklung gebildet. Als mit der Industrialisierung dann Schulen eingeführt, der Analphabetismus nach und nach überwunden und das allgemeine Bildungsniveau immer weiter angehoben wurde, nahm dieser Widerstand für die Privilegierten zunehmend bedrohlichere Formen an, sodass sie sich gezwungen sahen, Zugeständnisse zu machen.

Ein historisches Zugeständnis

Das historisch wichtigste Zugeständnis – und die zugleich geschickteste Täuschung der Öffentlichkeit – war die Einführung des Parlamentarismus. Indem die Gleichheit der Menschen in einer von Ungleichheit geprägten Welt zum Verfassungsgrundsatz erhoben wurde, entstand mit der parlamentarischen Demokratie eine Fassade, hinter der sich die tatsächlichen Machtstrukturen nicht nur hervorragend verbergen, sondern ungehindert weiter ausbauen ließen. Das Prinzip dieser Täuschung ist im Grunde recht einfach: Man unterschlägt einen fundamental bedeutsamen Mechanismus, der die gesellschaftliche Realität seit Jahrhunderten prägt, und übertüncht ihn mit hochtrabenden Worten. So gibt es bis heute weltweit keine einzige parlamentarische Demokratie, in deren Verfassung die Bedeutung des Geldes für die Entstehung von Machtstrukturen erwähnt oder in der das Prinzip der Geldschöpfung auch nur angesprochen wird. Dafür aber wird in den meisten Verfassungen, verbrämt mit blumigen Formulierungen über die soziale Verpflichtung von Eigentum, der Schutz desselben garantiert – und zwar ohne jede Begrenzung nach oben.

Auf diese Weise ist eine Herrschaftsform entstanden, die sich vordergründig auf den Willen der Mehrheit des Volkes stützt, die aber tatsächlich einer Minderheit nützt und die es darüber hinaus geschafft hat, die soziale Ungleichheit in krassem Widerspruch zum offiziell beteuerten Gleichheitsgrundsatz zu einem akzeptierten und gesetzlich geschützten Dauerzustand werden zu lassen.

Ernst Wolff über das Finanzsystem und die Politik
Der Buchautor Ernst Wolff

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