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Interessantes aus der Presse

Das Geschäft mit der Angst oder: der Versicherungsvertreter. Eine Satire

Markus Fugmann

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am

Eine Satire von Jürgen Sprenzinger

Vorbemerkung: Jürgen Sprenzinger zählt zu den wenigen Autoren in Deutschland, die es auf eine Millionen-Auflage gebracht haben (so sein Buch „Sehr geehrter Herr Maggi“). Sein Erfolgsmodell: Sprenzinger nahm die Werbung von Unternehmen bierernst – und schrieb den Unternehmen dann groteske Briefe. So bestellte er z.B. bei einer Rüstungsfirma einen Panzer:

„Jedenfalls hab ich gehört, der Leopard 2 sei ein guter Panzer und den hätte ich gern. Aber wenns geht, nicht in dunkelgrün wie die Bundeswehr, aber vielleicht auch eine unauffällige Farbe, ein schönes tiefes Blau, das täte mir gefallen, außerdem will ich nicht mit einem Bundeswehrpanzer verwechselt werden, weil das vielleicht zu Mißverständnissen führen tät. Die Sonderlackierung zahle ich natürlich extra, da laß ich mich nicht lumpen, das Geld hab ich ja“.

Es ist uns eine große Ehre, nun Jürgen Sprenzinger als Autor bei finanzmarktwelt.de begrüssen zu dürfen!

Das Geschäft mit der Angst oder: der Versicherungsvertreter

Dass Versicherungen von der Angst der Leute leben, ist hinlänglich bekannt. Vielleicht ist nachfolgende Geschichte etwas übertrieben (absichtlich), aber das Prinzip der „Angstmache“ kommt ganz deutlich zum Ausdruck …

Nachmittags läutet es an meiner Haustüre. „Nie hat man seine Ruhe – Menschen sind etwas Lästiges!”, denke ich und öffne widerwillig die Haustüre.
„Guten Tag, Herr Sprenzinger, mein Name ist Stemmer, ich komme von der Schwallianz-Versicherung und wollte mal mit Ihnen sprechen.“
„Das tun Sie doch bereits“, entgegne ich.
„Sehen Sie, Herr Sprenzinger, wir machen gerade eine Aktion und wollten einmal feststellen, ob Sie Versorgungslücken haben.“
Bevor ich richtig begreife, was der Mann überhaupt von mir will, steht er schon in der Diele. Ich marschiere ins Wohnzimmer, er rennt wie ein anhänglicher Hund hinter mir her, zwangsläufig biete ich ihm einen Platz an.
„Nun“, beginnt er, „laut unserer Statistik sind viele Menschen völlig unterversichert. Und Sie wissen selbst – das Leben ist gefährlich und es kann einem ja so allerhand passieren, ein Unfall, ein Todesfall…“
„Ja“, sage ich, „dieses Leben ist eines der gefährlichsten.“
Durch diese Bemerkung aufgemuntert, fährt er fort: „Sehen Sie, Sie wissen es selbst. Darf ich Sie fragen: Haben Sie eine Lebensversicherung?“
„Ja“, sage ich, „eine Risikolebensversicherung, falls ich über den Jordan gehen sollte …“
„Sehr gut, sehr gut – dann sind ja zumindest Ihre Hinterbliebenen abgesichert. Aber sehen Sie, Herr Sprenzinger, Sie werden auch nicht jünger und der Zahn der Zeit …“
„Das weiß ich selbst“, entgegne ich etwas verärgert. „Ich habe drei Spiegel im Haus.“
„Oh, gleich drei Spiegel!“ Er schaut mich durchdringend an.
„Warum?“, frage ich zurück, „Sind drei Spiegel eine Seltenheit?“
„Nein, keinesfalls – doch was ist, wenn ein Spiegel kaputt geht?“
„Dann hab ich nur noch zwei“, entgegne ich.
„Ja, ja, das ist schon klar, aber wer ersetzt Ihnen den kaputten Spiegel in solch einem Fall?“, fragt er.
„Das weiß ich auch nicht“, meine ich daraufhin – „ich kaufe halt einfach einen neuen …“
„Nun stellen Sie sich aber einmal vor, es handelt sich gar nicht um Ihren eigenen Spiegel, sondern um den Spiegel eines Bekannten.“ Er schaut mich streng an.
„Ich interessiere mich grundsätzlich nicht für anderer Leute Spiegel“, entgegne ich.
„Das sollten Sie aber“, entgegnet er, „denn sehen Sie, es kann doch passieren, dass Sie beispielsweise einen Bekannten besuchen, Sie rutschen in dessen Wohnung aus und fallen in seinen Spiegel – der zerbricht in tausend Scherben und ist somit nicht mehr zu gebrauchen …“
„Der Spiegel spiegelt also nicht mehr“, sage ich.
„Ja, genau. Jetzt ist das zufällig kein Spiegel für 50 Mark vom Karstadt – nein, sondern ein teurer Rokoko-Spiegel, der sagen wir, 2000 Euro gekostet hat. Und den sollen Sie nun ersetzen.“
„Ich habe keinen einzigen Bekannten, der so blöd wäre, sich einen Rokoko-Spiegel für 2000 Euro an die Wand zu hängen, zudem falle ich meist nie in den Spiegel – eher mit der Tür ins Haus“, entgegne ich.
„Das war doch nur ein Beispiel“, fährt er fort, „ich wollte Ihnen nur klar machen, dass man heutzutage unbedingt eine Haftpflichtversicherung braucht. Denn es kann doch leicht passieren, dass Sie unbeabsichtigt etwas beschädigen und es anschließend natürlich ersetzen müssen. Haben Sie in solch einem Fall eine Haftpflichtversicherung, dann melden Sie uns den Schaden und wir bezahlen ihn. Haben Sie überhaupt eine Haftpflichtversicherung?“
„Nein, eigentlich nicht, aber ich sag’s Ihnen wie es ist”, raunze ich, „ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Spiegel zerstört!“
„Gut“, meint er weiter, „das war vielleicht ein schlechtes Beispiel.“. Der Mann sieht mich eindringlich an. „Aber nehmen wir ruhig einen anderen Fall: Sie fahren mit dem Fahrrad in eine Straßenkreuzung ein, dabei fliegt Ihnen eine Mücke ins Auge, und dadurch übersehen Sie ein herannahendes Auto. Der Autofahrer ist deshalb gezwungen, eine Vollbremsung zu machen. Hinter diesem Auto fährt ein Lkw, der brennbares Material, zum Beispiel Benzin geladen hat. Der Lkw rechnet natürlich nicht mit der Vollbremsung des vorausfahrenden Pkw und fährt diesem von hinten auf.“
„Ein saudummer Zufall“, entfährt es mir.
„Ja, aber solche Sachen gibt es!“ Er hebt warnend den Zeigefinger. „Das könnte noch viel schlimmer ausgehen!“
Ich schüttle den Kopf. Er fährt fort: „Natürlich könnte das schlimmer ausgehen. Stellen Sie sich weiterhin vor: Der Lkw kippt um, das Benzin läuft auf die Straße …”
„… und plötzlich kommt ein Fußgänger mit einer brennenden Zigarette um die Ecke …”, mutmaße ich.
„Genau – woher wissen Sie das? Also, richtig. Ein Fußgänger kommt mit einer brennenden Zigarette um die Ecke …“
„Es macht Bumm!“, sage ich.
„Richtig – es macht Bumm. Und plötzlich steht die ganze Straße in Flammen …“ Der Mann hat einen roten Kopf bekommen und redet nun mit Händen und Füßen.
„Das wäre ein Inferno. Ich hab da erst vor Kurzem einen Film gesehen, da ist der gesamte Stadtkern von Los Angeles …“, bemerke ich.
„Ein Inferno wäre das, richtig. Stellen Sie sich vor, der Brand weitet sich aus …“, unterbricht er mich.
„Und auch das Feuerwehrhaus brennt bereits …“, werfe ich ein.
„Und auch das Feuerwehrhaus brennt bereits …“, wiederholt er.
„Den Brand könnte man nie mehr löschen, der würde sich auf die ganze Stadt ausbreiten“, sage ich.
„Das wäre eine Katastrophe! Niemand könnte solch einen Brand jemals löschen – alles wäre in Schutt und Asche! Das wäre fast wie ein Kriegszustand. Und wissen Sie, wer an allem schuld wäre?“ Eindringlich sieht er mich an.
Jetzt komme auch ich langsam in Fahrt: „Aber das alles könnte ja noch viel schlimmer kommen“, sage ich und fahre ungerührt fort: „Denn stellen Sie sich nur mal vor, zufällig wäre in der Nähe der Stadt ein Atomwaffenlager. Und da gehen ein paar Atombomben hoch …“
„Nun“, entgegnet er todernst, „wir wollen jetzt nicht übertreiben …“
„Doch“, entgegne ich, „das könnte durchaus sein! Stellen Sie sich vor, da gingen zehn bis zwanzig Atombomben hoch. Für ein so kleines Land wie Deutschland wäre das Ende! Auch die Nachbarländer wie Österreich oder die Schweiz wären davon betroffen. Denn der radioaktive Fallout wäre in so einem Fall beträchtlich …“
„Natürlich könnten Sie da Recht haben“, meint er, „aber soweit würde das nun auch wieder nicht gehen, glaube ich …“
„Was??“, schreie ich ihn an, „Soweit würde das nicht gehen? Natürlich geht radioaktiver Fallout bis in die Schweiz! Und nicht nur das! Sogar Frankreich wäre davon betroffen! Und nun stellen Sie sich vor: Die Franzosen sähen das als Angriff auf ihr Land und würden nun wiederum zum Gegenschlag ausholen! Da sie nicht wissen, woher der radioaktive Fallout kommt, würden Sie natürlich auch Amerika und England angreifen. Die Folge wäre die totale Vernichtung der Erde!“
Der Versicherungsvertreter springt auf: „Nun machen Sie aber einen Punkt! Das ist doch blanker Unsinn!“
„Unsinn sagen Sie? Sie haben ja gar keine Ahnung! Das könnte noch viel, viel schlimmer kommen. Das wäre erst der Anfang vom Ende!“
Der Mann ist bleich geworden.
„Denn überlegen Sie doch mal”, rede ich unbeirrt weiter, „durch die vielen Atomexplosionen wirft es die Erde doch mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der gewohnten Umlaufbahn. Dadurch kommen alle anderen Planeten des Sonnensystems aus dem Gleichgewicht, weil ja das ganze Gravitationsfeld gestört ist. Nichts ist mehr so, wie es einmal war, alles wird instabil – das gesamte Sonnensystem bricht zusammen!“
„Unfassbar, das wäre unvorstellbar“, stöhnt der Mann. Er sitzt wie ein Häufchen Elend auf meiner Couch.
„Nichts mehr in der Galaxis wäre in Ordnung, glauben Sie mir“, erkläre ich, „Und ich bin ziemlich sicher, das könnte noch viel, viel weitreichendere Folgen haben, einen Totalkollaps des gesamten Universums beispielsweise …“
Der Mann wischt sich den Schweiß von der Stirn und flüstert „Oh mein Gott!“
„Und wissen Sie, wer schuld ist an der ganzen Katastrophe?“, frage ich.
„Sie! Nur Sie und Sie ganz allein!“, schreit er mich plötzlich an. „Hätten Sie besser aufgepasst mit Ihrem blöden Fahrrad und wären Sie nicht in die Kreuzung gefahren ohne Ihre Augen aufzumachen, dann wäre jetzt nicht das gesamte Universum vernichtet!“
Nun geht auch mir der Gaul durch, denn der Mensch begreift anscheinend überhaupt nichts.
„Nicht ich bin schuld, nicht ich – die Mücke ist schuld! Wäre Sie mir nicht ins Auge geflogen, dann wäre das alles nicht passiert – dann hätte ich doch niemals das Auto übersehen! Nicht ich hätte die Haftpflichtversicherung gebraucht, sondern eigentlich die Mücke!“

Hastig packt der Typ seine Aktentasche und steht auf. „Sie sind ein Irrer!“, schreit er noch einmal vor der Haustüre, „Ein Wahnsinniger, übergeschnappt, eine Gefährdung für die gesamte Menschheit …!“

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Allgemein

Lesetipp: Die Kamelkurve prophezeit der Welt die Krise

Redaktion

Veröffentlicht

am

Von

FMW-Redaktion

Dubai ist ein Frühindikator für die Welt. Und die Dinge stehen derzeit nicht zum Besten im Wüstenstaat. Warum die „Kamelkurve“ die Krise auch für die Weltwirtschaft ankündigen könnte, lesen Sie in der „Welt“ hier..

https://twitter.com/Schuldensuehner/status/679258959895773184/photo/1

Weitere Artikel zu Dubai finden Sie hier..

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FMW

Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Heute erscheint das Buch von Barry Eichengreen „Die großen Crashs 1929 und 2008. Warum sich Geschichte wiederholt“ auf deutsch (englisches Original: „Hall of Mirrors“). Barry Eichengreen ist der Nestor der Crash-Forschung, in seinem Werk analysiert er die Gründe, die zu den Crashs der Jahre 1929 und 2008 führten. Wir haben zu diesem Thema am Freitag ein Interview mit dem Autor veröffentlicht unter dem Titel „Eichengreen: Ein deutscher Marshallplan für Griechenland„.

Hier nun, mit freundlicher Genehmigung des FinanzBuch Verlags, ein Auszug aus der Einleitung des Buches:

Barry Eichengrenn Crash 1929 und 2008

Dies ist ein Buch über Finanzkrisen. Es beschreibt die Ereignisse, die
solche Krisen verursachen. Es handelt auch davon, warum Regierungen
und Märkte so reagieren, wie sie es tun. Und es handelt von den
Konsequenzen.
Es schildert die große Rezession von 2008 und 2009 und die große
Depression von 1929 bis 1933 – die beiden großen Finanzkrisen unseres
Zeitalters. Nicht nur in politischen Kreisen weiß man, dass es Parallelen
zwischen diesen beiden Episoden gibt. Viele Kommentatoren haben
beschrieben, wie das Wissen über das frühere Ereignis – die »Lektionen
aus der Großen Depression« – die Reaktionen auf die Ereignisse 2008
und 2009 beeinflusst hat. Weil diese Ereignisse so auffällig denen der
1930er-Jahren ähnelten, lieferte diese Erinnerung an die Vergangenheit
eine Art Objektiv, durch das man sie betrachten konnte. Die Tendenz, die
Krise aus der Perspektive der 1930er-Jahre zu sehen, wurde noch dadurch
verstärkt, dass Politiker von Ben Bernanke – Vorsitzender des Board of
Governors der Federal Reserve – bis Christina Romer – Vorsitzende des
ökonomischen Beratungskomitees des Präsidenten Barack Obama – diese
Geschichte in ihren früheren Karrieren als Akademiker studiert hatten.
Infolge dieser Lektionen verhinderten die Politiker das Schlimmste.
Nachdem die Pleite von Lehman Brothers das globale Finanzsystem an
den Rand des Abgrunds geführt hatte, versicherten sie, dass sie keine
weitere Pleite einer für das System äußerst wichtigen Finanzinstitution
mehr zulassen würden, und sie hielten dieses Versprechen. Sie widerstanden
einer Politik unter dem Motto: »Bettle deinen Nachbarn an«, die in
den 1930er-Jahren den Zusammenbruch der internationalen Transaktionen
verursacht hatte. Die Regierungen erhöhten ihre öffentlichen Investitionen
und senkten die Steuern. Die Zentralbanken fluteten die Finanzmärkte
mit Liquidität und gewährten einander solidarisch Kredite in einer
Weise, die es so noch nie gegeben hatte.

Diese Entscheidungen waren vor allem vom Wissen über die Fehler der
Vorgänger beeinflusst. In den 1930er-Jahren unterlagen die Regierungen
der Verführung des Protektionismus. Sie ließen sich von einem veralteten
ökonomischen Dogma leiten, kürzten ihre öffentlichen Ausgaben
zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und versuchten, ihre Budgets ins
Gleichgewicht zu bringen, als stimulierende Investitionen notwendig gewesen
wären. Es machte keinen Unterschied, ob die betreffenden Politiker
Englisch sprachen, wie Herbert Hoover, oder Deutsch, wie Heinrich
Brüning. Ihre Maßnahmen verschlimmerten nicht nur den Niedergang,
sondern sie scheiterten sogar an der Aufgabe, das Vertrauen in die öffentlichen
Finanzen wiederherzustellen.
Die Zentralbanker hielten an der Idee fest, dass sie nur so viele Kredite
bereitstellen müssten, wie es für die legitimen Bedürfnisse der Unternehmen
erforderlich war. Sie gewährten mehr Kredite, wenn die Wirtschaft
expandierte, und weniger, wenn es einen Rückgang gab, womit sie Booms
und Krisen noch verstärkten. Sie vernachlässigten ihre Verantwortung für
finanzielle Stabilität und schritten nicht als Kreditgeber in Notfällen ein.
Das Ergebnis war ein sprunghaftes Ansteigen von Bankenpleiten und ein
verkümmerndes Kreditgeschäft. Man ließ zu, dass die Preise kollabierten
und Schulden nicht mehr zu managen waren. Milton Friedman und
Anna Schwartz geben in ihrem einflussreichen Werk über die Geschichte
der Geldpolitik den Zentralbanken die Schuld an diesem Desaster. Sie
kommen zu dem Fazit, die unfähige Politik der Zentralbanken sei mehr
als jeder andere Faktor für die ökonomische Katastrophe der 1930er-Jahre
verantwortlich gewesen.
Da die Verantwortlichen die Lektionen aus dieser früheren Episode gelernt
hatten, gelobten sie, es diesmal besser zu machen. Wenn damals die
Welt in Deflation und Depression gestürzt war, weil ihre Vorgänger weder
die Zinsen gesenkt noch die Finanzmärkte mit Liquidität geflutet hatten,
würden sie diesmal mit einer expansiven Geld- und Finanzpolitik reagieren.
Wenn die Finanzmärkte zusammengebrochen waren, weil ihre Vorgänger
panische Anstürme auf die Banken nicht verhindert hatten, würden
sie auf ganz entschiedene Weise mit den Banken umgehen. Wenn
Bemühungen, den Staatshaushalt auszugleichen, den Niedergang in den
1930er-Jahren verstärkt hatten, würden sie finanzielle Anreize schaffen.
Wenn der Zusammenbruch der internationalen Kooperation die Probleme
der Welt verschlimmert hatte, würden sie persönliche Kontakte und
multilaterale Institutionen nutzen, um sicherzustellen, dass es diesmal
eine angemessene Koordination politischer Maßnahmen gab.
Als Resultat dieser ganz anderen Reaktionen erreichte die Arbeitslosenquote
in den USA 2010 einen Spitzenwert von 10 Prozent. Das war
immer noch besorgniserregend hoch, aber die Quote lag doch weit unter
den katastrophalen 25 Prozent während der großen Depression. Hunderte
Banken gingen pleite, aber nicht Tausende. Es gab viele Verwerfungen
an den Finanzmärkten, aber deren völliger und äußerster Kollaps wie in
den 1930er-Jahren wurde mit Erfolg abgewendet.
Das war nicht nur in den USA so, sondern auch in anderen Ländern.
Jedes unglückliche Land ist auf seine eigene Weise unglücklich und ab
2008 gab es unterschiedliche Grade der wirtschaftlichen Unzufriedenheit.
Aber abgesehen von einigen fehlgeleiteten europäischen Ländern erreichte
dieses Unglück nicht das Niveau der 1930er-Jahre. Weil die politischen
Maßnahmen besser waren, fielen die sozialen Verwerfungen, die
Schmerzen und das Leid geringer aus.
So sagt man jedenfalls.
Diese nette Geschichte ist leider zu einfach.
Sie lässt sich nicht mit der Tatsache in Einklang bringen, dass man die
Risiken nicht antizipiert hat. Bei einem Besuch der London School of
Economics 2008 hat Königin Elisabeth II. eine später berühmt gewordene
Frage gestellt: »Warum hat das niemand kommen sehen?«, fragte sie
die versammelten Experten. Sechs Monate später schickte eine Gruppe
prominenter Wirtschaftswissenschaftler der Königin einen Brief und entschuldigte
sich für »den Mangel an kollektiver Fantasie«.

(..)

Die Architekten des Euro waren sich dieser Geschichte bewusst. Man erinnerte
sich sogar noch intensiver an sie, weil 1992 bis 1993 der Wechselkursmechanismus
zusammenbrach, der die europäischen Währungen
miteinander verband wie ein Seil eine Gruppe von Bergsteigern. Daher
bemühten sie sich um ein stärkeres währungspolitisches Arrangement.
Es sollte auf einer Einheitswährung basieren und nicht von den Wechselkursen
zwischen einzelnen Landeswährungen abhängig sein. Die Abwertung
einer Landeswährung sollte nicht mehr möglich sein, weil die einzelnen
Länder dann keine nationale Währung mehr haben würden, die sie
abwerten könnten. Dieses Euro-System sollte nicht von nationalen Notenbanken
reguliert werden, sondern von einer supranationalen Institution,
der Europäischen Zentralbank.
Wichtig ist, dass der Vertrag zur Einrichtung der Währungsunion keine
Möglichkeit zum Ausstieg vorsah. In den 1930er-Jahren konnte ein Land
durch eine unilaterale Entscheidung seiner nationalen Legislatur oder seines
Parlaments den Goldstandard abschaffen. Im Gegensatz dazu wäre
die Abschaffung des Euro in einem Land ein Vertragsbruch und würde
das gute Verhältnis dieses Landes mit seinen Partnerstaaten innerhalb der
EU gefährden.
Die Architekten des Euro vermieden zwar einige Probleme des Goldstandards,
sorgten dafür aber für andere Probleme. Indem das Euro-System
ein trügerisches Bild der Stabilität schuf, setzte es große Kapitalströme in
die südeuropäischen Länder in Gang, welche schlecht dafür gerüstet waren,
mit ihnen umzugehen – wie schon in den 1920er-Jahren. Als diese
Ströme die Richtung wechselten, führten die Unfähigkeit der nationalen
Zentralbanken, Geld zu drucken, und der nationalen Regierungen, sich
dieses Geld zu leihen, zu tiefen Rezessionen – wie schon in den 1930er-Jahren.
Der Druck, etwas zu verändern, wurde immer stärker. Die Unterstützung
von Regierungen, die das nicht taten, wurde schwächer. Es häuften
sich die Prognosen, der Euro werde ebenso scheitern wie der Goldstandard;
Regierungen in notleidenden Ländern würden ihn verlassen. Und
falls sie zögern sollten, dies zu tun, würden sie von anderen Regierungen
und politischen Führern abgelöst werden, die zum Handeln bereit wären.
Schlimmstenfalls könnte sogar die Demokratie in Gefahr sein.
Es stellte sich heraus, dass dies ein falsches Verständnis der Lehren aus
der Geschichte war. Als Regierungen in den 1930er-Jahren den Goldstandard
aufgaben, waren der internationale Handel und das Kreditwesen
schon zusammengebrochen. Diesmal taten die europäischen Länder gerade
genug, um dieses Schicksal zu vermeiden. Daher musste man den
Euro verteidigen, um den gemeinsamen Markt, den Handel innerhalb
Europas und den Zahlungsverkehr zu bewahren. In den 1930er-Jahren
zählte die politische Solidarität zu den frühen Opfern der Depression.
Trotz der Belastungen durch die Krise setzten die Regierungen diesmal
ihre Konsultationen und ihre Zusammenarbeit mithilfe internationaler
Institutionen fort, die stärker und besser entwickelt waren als die
in den 1930er-Jahren. Die wirtschaftlich und finanziell starken EU-Länder
vergaben an ihre schwachen europäischen Partner weiterhin Kredite.
Diese Kredite hätten zwar höher sein können, aber verglichen mit den
1930er-Jahren waren sie dennoch umfangreich.
Und schließlich kam es nicht zu einer Krise der Demokratie, wie sie
diejenigen prognostiziert hatten, die mit dem Kollaps des Euro rechneten.
Es gab Demonstrationen, auch solche, bei denen es zu Gewalttaten kam.
Regierungen stürzten. Aber anders als in den 1930er-Jahren überlebte
die Demokratie. Die Kassandras des Zusammenbruchs hatten die Wohlfahrtsstaaten
und die sozialen Sicherheitsnetze übersehen, die infolge der Depression
aufgebaut worden waren. Sogar dort, wo die Arbeitslosenrate
bei mehr als 25 Prozent lag, wie es in den am schlimmsten betroffenen
Teilen Europas der Fall war, kam es nicht zu offenkundiger Verzweiflung.
Das schwächte die politische Gegenreaktion. Es begrenzte den Druck, das
bisherige System zu verlassen.
Es ist allgemein bekannt, dass die Erfahrung der Großen Depression
die Wahrnehmung und die Reaktionen auf die große Rezession stark
geprägt hat. Aber um zu verstehen, wie diese Geschichte genutzt – und
missbraucht – wurde, muss man sich nicht nur die Depression genauer
ansehen, sondern auch die Entwicklungen, die sie ermöglicht haben. Wir
müssen also ganz am Anfang beginnen, nämlich im Jahr 1920.

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Interessantes aus der Presse

Verwirrung um Lagardes Grexit-Aussagen: IWF bringt Korrektur

Markus Fugmann

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am

Von Markus Fugmann

Hat sie oder hat sie nicht? Das ist hier die Frage – der IWF sagt nun: sie hat nicht. Gemeint sind die Aussagen der IWF-Chefin Lagarde gegenüber der „FAZ“. So wird ihr Satz allgemein so zitiert:

„Der Austritt Griechenlands ist eine Möglichkeit“, würde aber nicht das Ende der Eurozne bedeuten („likely not spell the end of the
euro.“).

Doch taucht ein wörtliches Zitat in dem Artikel der „FAZ“ gar nicht auf.

Nun hat der IWF gestern eine Richtigstellung der Äusserungen Lagardes herausgebracht, „to clarify and put into context the quotes reported in the FAZ
interview.“ Das Interview der „FAZ“ mit Lagarde wurde in englischer Sprache durchgeführt, der IWF hat die Aussagen Lagardes nun gestern im Original veröffentlicht.

Nun hat ein Sprecher des IWF auf Nachfrage einer Nachrichtenagentur klar gemacht, dass Lagarde in dem Interview weder das Ende der Eurozone noch das Ende des Euro in dem Interview erwähnt habe. Ofefnkundig versucht also der IWF, die Wellen, die das Interview mit der „FAZ“ aufgebracht hat, wieder zu glätten. Man ist nervös – auch und gerade beim IWF..

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