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Gefährliche Gelassenheit DAX nahe Allzeithoch – warum die Börsen die Risiken ignorieren

DAX trotzt Iran-Krise und Ölpreis-Anstieg
Grafik: ChatGPT

Der DAX steigt, obwohl eigentlich alles dagegen spricht. Der Ölpreis ist auf ein Siebenwochenhoch von 95 Dollar geklettert, die Lage im Nahen Osten eskaliert weiter und neben der Straße von Hormus gerät nun auch die wichtigste Ausweichroute durch das Rote Meer zunehmend unter Druck. Gerade Europa wäre von einer anhaltenden Störung der Energieversorgung besonders stark betroffen. Trotzdem stieg der deutsche Leitindex am Mittwoch zeitweise auf 25.250 Punkte und rückt damit wieder in Schlagdistanz zu seinem Allzeithoch bei 25.900 Punkten. Übersehen die Anleger die Risiken – oder gibt es gute Gründe für die erstaunliche Gelassenheit an der Börse?

Der Markt glaubt nicht an den Ernstfall

Auf den ersten Blick wirkt die Reaktion der Börsen überraschend. Vieles deutet darauf hin, dass die meisten Anleger trotz der zunehmenden Risiken nicht mit dem schlimmsten Szenario rechnen. Obwohl der Ölpreis infolge der Eskalation im Iran-Konflikt innerhalb von nur drei Wochen um fast 30 Prozent auf ein Siebenwochenhoch von rund 95 Dollar gestiegen ist, preisen die Finanzmärkte bislang keine dauerhafte Störung der globalen Ölversorgung ein.

Der kräftige Ölpreisanstieg allein reicht den Märkten offenbar noch nicht aus. Entscheidend ist vielmehr, ob die weltweite Ölversorgung dauerhaft beeinträchtigt wird. Genau davon scheinen viele Anleger derzeit nicht auszugehen – trotz der zunehmenden Spannungen rund um die Straße von Hormus und das Rote Meer.

Die Berichtssaison hat Vorrang

Hinzu kommt ein zweiter Faktor: Der Fokus der Anleger liegt derzeit klar auf der US-Berichtssaison. Besonders die Quartalszahlen von Alphabet und Tesla dürften heute Abend darüber entscheiden, ob die zuletzt angeschlagene KI-Rallye neuen Schwung erhält oder weitere Gewinnmitnahmen drohen.

Solange die großen Technologiekonzerne starke Ergebnisse liefern und ihre milliardenschweren Investitionen in Künstliche Intelligenz rechtfertigen können, rücken geopolitische Risiken an den Aktienmärkten häufig in den Hintergrund. Ein ähnliches Muster war bereits nach dem russischen Angriff auf die Ukraine zu beobachten: Nach dem ersten Schock rückten schon wenige Monate später wieder Unternehmensgewinne, Inflation und Zinserwartungen in den Fokus der Anleger.

Der DAX ist global aufgestellt

Auch der DAX selbst erklärt einen Teil seiner Robustheit. Viele Anleger verbinden den deutschen Leitindex automatisch mit der deutschen Wirtschaft. Tatsächlich erzielen die meisten DAX-Konzerne jedoch den Großteil ihrer Umsätze im Ausland.

Unternehmen wie SAP, Siemens, Airbus oder Allianz erwirtschaften einen Großteil ihrer Umsätze außerhalb Deutschlands. Sie sind damit deutlich weniger von der heimischen Konjunktur abhängig, als es der Name „Deutscher Aktienindex“ vermuten lässt. Eine schwächere Entwicklung in Europa belastet diese Konzerne zwar ebenfalls, trifft ihre Geschäfte jedoch längst nicht so stark wie viele rein europäisch ausgerichtete Unternehmen.

Zusätzlich stützen zuletzt auch die Konjunkturaussichten den DAX. So fielen die ZEW-Konjunkturerwartungen überraschend stark aus und signalisierten eine wachsende Zuversicht für die deutsche Wirtschaft. Rückenwind liefert zudem das milliardenschwere Infrastrukturpaket der Bundesregierung. Davon profitierten an der Börse zuletzt bereits vor allem Unternehmen wie Siemens Energy, Heidelberg Materials und Hochtief.

DAX ignoriert Risiken: Börse und Anleger trotzen Iran-Konflikt und Ölpreis-Anstieg

Die Folgen kommen später

Trotzdem bedeutet die aktuelle Gelassenheit keineswegs, dass die Risiken verschwunden sind. Im Gegenteil: Gerade Europa dürfte unter dauerhaft hohen Energiepreisen besonders leiden.

Steigende Dieselpreise verteuern Transporte, höhere Energiekosten belasten Industrie und Chemieunternehmen. Gleichzeitig könnte ein anhaltend hoher Ölpreis den Inflationsdruck wieder verstärken. Sollte sich dadurch die Hoffnung auf weitere Zinssenkungen der EZB oder der US-Notenbank Fed eintrüben, könnte sich das Marktumfeld schnell verändern.

Zusätzliche Aufmerksamkeit richtet sich daher bereits auf die EZB-Zinsentscheidung am Donnerstag. Zwar rechnen die Finanzmärkte nicht mit einer Zinserhöhung, doch Anleger werden genau verfolgen, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Risiken durch den jüngsten Ölpreisanstieg und die Eskalation im Nahen Osten einordnet. Hinweise auf einen wieder steigenden Inflationsdruck oder Signale, dass eine weitere Zinserhöhung im September zumindest nicht ausgeschlossen ist, könnten die Stimmung an den Aktienmärkten rasch verändern.

Der Markt setzt auf Optimismus

Derzeit spiegeln sich diese Belastungen jedoch noch kaum in den Unternehmensgewinnen der DAX-Konzerne wider. Genau deshalb sehen viele Investoren bislang keinen unmittelbaren Anlass, ihre Aktienbestände deutlich zu reduzieren.

Letztlich basiert die aktuelle Stärke der Aktienmärkte auf einer entscheidenden Annahme: dass die geopolitische Eskalation begrenzt bleibt und sich die wirtschaftlichen Folgen in Grenzen halten. Genau dieses Szenario scheint der DAX derzeit einzupreisen.

Ob diese Zuversicht gerechtfertigt ist, dürfte sich jedoch schon in den kommenden Wochen entscheiden. Bleibt der Ölpreis dauerhaft hoch, verschärfen sich die Probleme im Roten Meer und in der Straße von Hormus weiter oder enttäuscht die Berichtssaison, könnte sich die Stimmung an den Börsen schneller drehen, als es die aktuelle Gelassenheit vermuten lässt.



Stefan Jäger
Über den RedakteurStefan Jäger
Stefan Jäger berichtet als Finanzjournalist über das aktuelle Geschehen an den Aktien- und Edelmetallmärkten. Mit fundierter Fundamentalanalyse und präziser Technischer Analyse beleuchtet er zudem Chancen und Risiken verschiedenster Assets.
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1 Kommentar

  1. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Der DAX stand schon am Jahresanfang bei den 25 500, obwohl rein rechnerisch rund 500 Dividendenpunkte künstlich dazukamen… .

    Man muss deshalb feststellen: Der DAX läuft sich fest…. .

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