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Deflation statt Inflation! Gute Argumente von Wirtschaftsforschern

Claudio Kummerfeld

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Beispielbild einer Geldbörse - Coronakrise bring Deflation oder Inflation?

Bekommen wir nun im Zuge der Coronakrise Inflation oder Deflation? Bekannte Kommentatoren der Kapitalmärkte wie Dirk Müller, Marc Friedrich oder Markus Krall sind sich sicher, dass die Inflation kommen wird, aber so richtig kräftig. Auch auf FMW gibt es Autoren, die die Inflation im Anflug sehen, weil die Geldmenge durch Notenbanken und viel neue Schulden der Staaten extrem schnell anwächst, bei begrenztem Angebot. Das kann so kommen, aber sicher ist das nicht.

Gute Argumente für die Deflation

Aber es gibt auch die entgegengesetzte Meinung. Der Ölpreis ist kollabiert, und bringt uns geraume Zeit erstmal deutlich niedrigere Preise für Benzin und Heizöl. Einzelhändler in der Bekleidungsbranche dürften die nächsten Monate auch versuchen vorhandene Bestände mit großen Rabatten abzustoßen. Auch bei den Verkaufspreisen von Immobilien sowie Mietpreisen sieht es derzeit eher nach Deflation als Inflation aus (mehr dazu hier). Aktuell hat das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln ein Papier veröffentlicht, in dem man auch der Meinung ist, dass wir Deflation vor uns haben. Trotz der Geldschwemme der Notenbanken sei aber nicht mit einem Anstieg der Inflation zu rechnen – wahrscheinlicher sei vielmehr eine Deflation. Man muss es stets betonen: Welche Seite recht hat, wissen wir vielleicht erst in sechs oder zwölf Monaten. Aber hier und heute, da sind die Argumente des IW aufschlussreich und interessant. Lesen Sie hier im Wortlaut:

Die Corona-Krise hat in vielen Industrien die Produktion gestoppt. Viele Menschen sorgen sich daher, dass die Preise steigen. Zusätzlich beflügelt werden die Inflationssorgen durch eine nie gekannte Geldschwemme. Um den Unternehmen in der Krise zu helfen, haben viele europäische Länder umfangreiche Hilfsprogramme gestartet. Allein Deutschland stellt insgesamt 750 Milliarden Euro bereit. Zusätzlich hat die Europäische Zentralbank ihre Anleihenkäufe ausgeweitet. Dennoch stehen die Zeichen jetzt eher auf Deflation als auf Inflation – und zwar aus drei Gründen.

Nachfrage der Unternehmen und Haushalte ist niedrig

Erstens: Den Unternehmen sind die Umsätze eingebrochen, es drohen hohe Verluste. Manager sind froh, wenn sie mit den Hilfsgeldern jetzt Gehälter, Zinsen und bestellte Waren zahlen können – an Investitionen ist kaum zu denken. Da die Unternehmen die Hilfskredite zurückzahlen müssen, werden sie Investitionen auch in naher Zukunft eher aufschieben und stattdessen Schulden abbauen. Durch die Zurückhaltung bei den Investitionen fehlt dann Nachfrage, wodurch die Preise stagnieren.

Zweitens: Die Nachfrage der Haushalte trägt ebenso wenig zur Inflation bei. Zwar werden die Konsumenten bald einige Ausgaben, zum Beispiel für den Friseur, nachholen, dann jedoch ihr Kaufverhalten in gewohntem Muster fortführen. Restaurants, Konzerte oder Fußballspiele können sie nicht nachträglich besuchen; zudem werden Veranstaltungen dieser Art wahrscheinlich ohnehin eine Zeit lang gar nicht möglich sein. Zudem haben die Hamsterkäufe am Anfang der Corona-Krise die Vorratskammern gefüllt, die entsprechenden Produkte werden jetzt kaum nachgefragt. Außerdem ist davon auszugehen, dass die Haushalte aus Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Krise jetzt mehr Geld sparen, wodurch ebenfalls die Nachfrage sinkt – und damit kaum Inflationsdruck entsteht.

Fallender Ölpreis trägt zur Deflation bei

Drittens: Die Inflationsrate wird zu einem großen Teil durch die Veränderung des Ölpreises erklärt – sinkt der Ölpreis, fällt in der Regel auch das Preisniveau. Derzeit ist der Ölpreis sehr niedrig. Dazu hat auch die geringe Benzin- und Kerosinnachfrage aufgrund unterlassener Reisen beigetragen. Was den Zusammenhang zwischen Ölpreis und Inflation angeht, sind verschiedene Szenarien denkbar: Inflationsdruck könnte in Zukunft über den Benzinpreis entstehen: Menschen, die früher eher mit Bus und Bahn unterwegs waren, fahren in Zeiten von Infektionsrisiken mehr mit ihren eigenen Autos. Es ist aber auch möglich, dass dienstliche Reisen ausbleiben, da Video-Konferenzen und digitales Arbeiten stark an Akzeptanz gewonnen haben.

Insgesamt ist ein Anstieg der Inflation nicht wahrscheinlich. Vielmehr könnte Corona uns in eine Deflation führen. Fallende Preise wirken auf Verbraucher erst einmal attraktiv, aber für die Wirtschaft sind sie gefährlich: Wenn Unternehmen und Konsumenten erwarten, dass Waren und Dienstleistungen immer günstiger werden, schieben sie viele Ausgaben auf. So kann sich die Deflation schnell verfestigen und die wirtschaftliche Entwicklung bremsen.

6 Kommentare

6 Comments

  1. Avatar

    LEO

    29. April 2020 11:38 at 11:38

    Na, ob man der Deflation so genau trauen sollte, sei mal dahingestellt.
    Es geht in der Preisfrage letztlich um essenzielle Güter sprich Wohnen, Essen, etc. Dinge, die man nunmal einfach braucht, auch wenn die Wirtschaft still steht. Dieser virtuelle Warenkorb hat noch nie Sinn ergeben. Der Preis für Kraftstoff ist niedrig, weil ihn aktuell keiner benötigt. Hat hier irgendjemand die Illusion, dass der Liter Super weiterhin 1,109 Euro kosten wird, wenn wir uns hier wieder einigermaßen normalisiert haben?
    Die Miet- und Kaufpreise für Immobilien haben sich kaum verändert, sind sogar leicht gestiegen. Die Einkommen hingegen sind gefallen (Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit), während die Geldmenge erhöht wurde. Eine virtuelle Inflation gibt es schon. Und eine offene Inflation in einigen Bereichen auch (z.B.Lebensmittel).
    Die Notenbanken lassen keine Deflation zu. Es ging und wird auch weiterhin mMn nur die eine Richtung gehen.

    • Avatar

      thinkSelf

      29. April 2020 15:52 at 15:52

      Ein genereller Warenkorb ist immer problematisch. Aber eben auch der Tatsache geschuldet das man eine Komplexe Wirklichkeit eben nicht in eine einzige Kennzahl packen kann. Da Menschen aber mit Komplexität nicht gut umgehen können ist das halt eine Krücke.
      Das eigentliche Problem ist, dass aus dieser Übersimplifizierung Schlussfolgerungen gezogen werden, die sich gar nicht ziehen lassen.

      Aber ich sehe auch vor allem eine deflationäre Phase. Denn die gigantischen Liquiditätsschwemmen kommen bei der breiten Masse nicht au und die Supervermögenden erzeugen keine Inflation bei Frühstücksmüsli oder Aldi Gartenmöbeln.

      Erst wenn das Angebot auf Grund von Pleiten oder Geschäftsaufgabe stärker einbricht als die Kaufkraft wird es zur Inflation kommen.
      Und da kann eine Deflation natürlich den Anlass für liefern. Können die Unternehmen ihre Kosten nicht im gleichen Maße senken, wie ihre Preise verfallen dann kippt das genau aus diesem Grund irgendwann.
      Deswegen wird es auch keine „Rückabwicklung“ der Globalisierung geben. Denn das kann sich schlicht niemand leisten. Und sollte der Staat das z.B. durch Importverbote oder Zölle zu erzwingen versuchen werden die entsprechenden Produkte entweder vollständig vom Markt verschwinden oder genau diese Aktion die Inflation auslösen.

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    Quintus

    29. April 2020 14:23 at 14:23

    Herr Kummerfeld
    Meine bescheidene Meinung zu den Argumenten des IW:
    Deflation oder Inflation? Was das IW hier schreibt läßt mich zweifeln, ob jemand über die Konsequenzen seiner Ausführungen überhaupt nachgedacht hat! Die notwendige Fortführung der aufgelisteten Argumente des letzten Absatzes des IW sind entweder verlustig gegangen, oder wohlwollend dem Nirwana überlassen worden. Dies ist allerdings unerläßlich, da folgenreich. Dies auszuführen aber müßig. Selbst angehende Ökonomen würden diese Ausführungen kopfschüttelnd begleiten. Aber nicht ob ihrer Richtigkeit wegen, sondern der fehlenden, daraus zu folgernden, Schlüsse der Autoren.

    Jede! durch eine Krise hervorgerufene Inflation findet ihre Basis in der Deflation. Eine Deflation ist eine zwingende, aber zeitlich begrenzte Phase die der Inflation vorauseilt. Um ein langanhaltendes deflationäres Szenario(welches jede Ökonomie in eine Abwärtsspirale bugsieren würde) zu vermeiden, muß auf monetärer Basis entgegengewirkt werden.
    Die Geldbazookas werden erst aufhören zu donnern, wenn die Deflation in ein inflationäres Geschehen umschwenkt. Dies ist ein äußerst schwer zu steuerndes Element, welches historisch belegt fast immer scheiterte. Ein gesteuertes Inflationsziel mit einem Zielkorridor (bisher ca. 2% in der EU) ist in einer derart breitgefächerten, mit einer unglaublichen Vehemenz auf uns zurollenden Krise NICHT MÖGLICH.

    Wie so etwas endet ist nicht schwer zu erraten. Deflation-Inflation-Hyperinfaltion-Neuaflage des Euros(eventuell eines verkleinerten EU-Währungsraumes) bzw. Rückkehr zur DM.
    Alles Andere sollte unter dem Fach: „Augen zu und durch“ abgeheftet werden.

  3. Avatar

    franko33

    29. April 2020 14:35 at 14:35

    Man sollte nicht außer Acht lassen,die Fraktion der „Inflation“wird leider
    ebenso Recht bekommen
    Der Markt,sprich das Angebot an Waren wird sich entsprechend ändern.
    Restaurants,Bars und Klubs und Läden werden schließen,das heißt hier wird es ein schmaleres
    Angebot geben.Stimme dem Verfasser aktuell durchaus zu,wir werden eine Deflation
    erleben,die sich gewaschen hat.Dies wird zur Folge haben,daß Maschinen/Produktionslinien
    zur Herstellung der jetzt nicht mehr abgefragten Waren komplett entfallen.OK – Asien wird
    einige dieser Lücken füllen,doch zu welcher Qualität? Sie wird sinken und die Verschiebung Richtung Weltmacht China könnte sich beschleunigen.Ebenso steigt eine
    Abhängigkeit – siehe als Beispiel Pharmabereich.Es wird meiner Meinung nach sehr darauf
    ankommen Produktionsketten schnell,preisgünstig und gut aufstellen zu können,um nicht
    in eine Verwerfung abzurutschen,wie die Hyperinflation.

  4. Avatar

    BENEDIKT MÜLLER

    13. Mai 2020 14:42 at 14:42

    Untergang Untergang und nochmals Untergang. Muss jedesmal lachen wenn einer mit Hyperinflation daherkommt xD …
    Frag mich auch wie lange es dauern wird bis alle begriffen haben, dass wir in einer Währungsgemeinschaft leben und nicht nur Deutschland das Maß aller Dinge ist.

  5. Avatar

    Konstantin Schendler

    19. Mai 2020 00:12 at 00:12

    Der Beitrag ist richtig gut! Prima. Eigentlich bin ich der selben Meinung wie Sie, Herr Kummerfeld.

    Ob der Preis für die Nudeln und die Tomatensauce steigt, ist einerlei. Doch wenn bei einem Anlagenbauer 2 Aufträge zu je 2 Mio. Euro weniger eingehen, hat dies über die komplexe Herstellungskette eine ganz andere Relevanz für den Markt.

    Auch wer zu Hause am Schreibtisch sitzt und Videokonferenzen führt, wird kaum den neusten Luxus-Schlitten von Audi, BMW oder Daimler fahren wollen. Das Ego hat solche Ausgaben in der Krise nicht nötig (…und von der Modeindustrie gar nicht erst zu sprechen).

    Auch ist der Wohnort nicht mehr derart ausschlaggebend. Eine Wohnung in 10 Min. Reichweite zum Arbeitsplatz ist nicht mehr nötig bei geringerem Einkommen wegen Kurzarbeit. Da lohnt sich schonmal der Umzug ins (günstigere) Umland. Das erzeugt langfristig Verhandlungsdruck mit dem Vermieter.

    Problematisch ist, dass viele Medien immer dieselben Experten fragen. Das führt zwar dazu, dass eine Meinung in der Bevölkerung prägend wird, aber sie entspricht nicht unbedingt dem Relevanten.

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Ernst Wolff über das globale Finanzsystem – Geld und Demokratie

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Spätestens die Wirtschaftskrise 2007/2008 ließ an der Seriosität des globalen Finanzsystems zweifeln. Wer seine Zweifel allerdings durch Sachkenntnis untermauern möchte, bekommt schnell ein Problem: Er trifft auf ein Dickicht aus komplizierten und oft widersprüchlichen Informationen, die noch dazu in einer für Laien unverständlichen Fachsprache gehalten sind. Kein Wunder also, dass der Versuch, das Finanzsystem zu verstehen, häufig schon in der Anfangsphase scheitert. Genau hier setzt Ernst Wolff an. Im Folgenden ein Ausschnitt auf der Einleitung meines neuen Buches (hier zu kaufen).

Die zwei großen Fehleinschätzungen unserer Zeit

Es gibt in unserer Gesellschaft zwei Ansichten, die von der überwiegenden Mehrheit der Menschen geteilt und von fast niemandem angezweifelt werden. Sie betreffen zum einen die politischen Strukturen, unter denen wir leben, und zum anderen die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Realität, auf der diese politischen Strukturen basieren. Zusammen bilden beide so etwas wie eine von der breiten Allgemeinheit stillschweigend akzeptierte Übereinkunft. Ansicht Nr. 1 lautet: Bei uns regiert das Volk. Ansicht Nr. 2 lautet: Das Finanzsystem ist nur ein Teilbereich unserer Gesellschaft, den man nicht unbedingt verstehen muss.

Geht man diesen Ansichten auf den Grund, dann stellt man allerdings fest, dass sie nicht etwa auf intellektueller Einsicht oder auf Erfahrungswerten basieren, sondern den Menschen zunächst von Elternhaus, Schulen, Ausbildungsbetrieben und Universitäten mit auf den Weg gegeben und später ein Leben lang von Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eingetrichtert werden – mit dem Ergebnis, dass ihr Wahrheitsgehalt kaum jemals in Frage gestellt wird.

Schaut man genauer hin, stellt man fest, dass sich hinter diesen Ansichten ganz handfeste Interessen verbergen, deren Durchsetzung nur einem kleinen Teil der Bevölkerung nützt. Im Grunde handelt es sich also um zwei vorsätzlich herbeigeführte Fehleinschätzungen, die weitreichende Konsequenzen haben. Sie tragen nämlich entscheidend dazu bei, die bestehende Ordnung und ihre Machtstrukturen zu festigen und verhindern so, dass die Menschen diese Strukturen durchschauen – mit der Folge, dass sie dadurch unfähig werden, an den bestehenden Verhältnissen etwas zu ändern.

Sehen wir uns beide Fehleinschätzungen deshalb etwas genauer an:

Fehleinschätzung Nr. 1: „Bei uns regiert das Volk“. In einem Obergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs hängt ein Schild mit der Aufschrift „400 Meter von hier regiert das Volk“. Der Hinweis gilt dem südlich vom Bahnhof gelegenen Reichstagsgebäude, Sitz des deutschen Parlaments, und soll dem Betrachter ganz offensichtlich eine uns allen bekannte Botschaft vermitteln:

Wir leben in einem Gesellschaftssystem, in dem wir als Volk das Sagen haben. Und da das Volk zu groß ist, um als Ganzes regieren zu können, übergeben wir diese Aufgabe an sogenannte Volksvertreter. Die bestimmen wir, indem wir sie alle vier Jahre wählen. Sollten sie nicht so handeln, wie wir das von ihnen erwarten, dann können wir sie nach dem Ablauf ihrer Amtszeit wieder abwählen und durch andere ersetzen.

Diese Grundsätze der parlamentarischen Demokratie werden uns von Kindesbeinen an mit auf den Weg gegeben und im Verlaufe unseres Lebens durch eine Reihe weiterer Informationen ergänzt und untermauert. So erfahren wir unter anderem: Unsere Wahlen sind frei, gleich, geheim, allgemein und unmittelbar und werden auf der Grundlage einer Verfassung abgehalten, die unsere Würde für unantastbar erklärt und uns körperliche Unversehrtheit garantiert. Wir sind vor dem Gesetz alle gleich und haben das Recht, unsere
Meinung zu äußern und uns mit anderen zum Zwecke gemeinsamer Meinungsäußerung zu versammeln.

Die Formulierungen erwecken in uns den Eindruck, dass es sich bei der parlamentarischen Demokratie um ein zu unser aller Gunsten entwickeltes System handelt, das den Einzelnen schützt, dem Gemeinwohl dient und dessen oberstes Ziel darin besteht, den Willen
der Mehrheit der Bevölkerung in die Tat umzusetzen. Doch ist das tatsächlich so? Wollen wir alle, dass immer weniger Menschen immer größere Vermögen anhäufen, während der Lebensstandard der Masse bestenfalls stagniert, in vielen Fällen sogar sinkt? Dass der Niedriglohnsektor explodiert, dass Arbeits- und Obdachlosigkeit um sich greifen? Dass von Jahr zu Jahr mehr Geld für Rüstung und den Ausbau von Sicherheitsapparaten ausgegeben wird, während am Bildungs- und Gesundheitswesen immer drastischer gespart wird? Sind wir dafür, dass die Umwelt zunehmend zerstört wird? Dass in unserem Namen Kriegseinsätze unterstützt werden? Dass Persönlichkeitsrechte abgebaut und wir alle immer stärker überwacht werden?

Wendet man sich direkt an die Menschen und fragt sie, was sie von dieser Entwicklung halten, dann fällt die Antwort eindeutig aus: Die meisten sind damit nicht einverstanden, viele lehnen sie sogar rundheraus ab. Wie aber kann das sein? Wie kommt es, dass zwischen dem, was die Menschen wollen, und dem, was in ihrem Namen und auf Grund ihrer offensichtlich frei getroffenen Wahlentscheidung umgesetzt wird, ein solch krasses Missverhältnis besteht – in einer Gesellschaft, deren Verfassung doch besagt, dass alle Macht vom Volk ausgeht?

Wir lassen uns täuschen

Die Antwort auf diese Frage lautet: Wir lassen uns täuschen. Wir akzeptieren die wohlklingenden Formulierungen unserer Verfassung, die auf dem Gleichheitsgrundsatz basieren, und schließen daraus, dass wir alle nicht nur gleiche Rechte genießen und gleich behandelt werden, sondern dass wir alle gleich sind. Das aber stimmt nicht. In einer vom Geld beherrschten Gesellschaft wie der unseren können die Menschen auf Grund ihrer Vermögensverhältnisse gar nicht gleich sein. Wer über viel Geld und großen Besitz verfügt, ist nämlich nicht nur wohlhabender, sondern kann sich auf Grund seiner wirtschaftlichen Überlegenheit über diejenigen, die weniger besitzen, erheben, sie von sich abhängig machen und sie im Extremfall sogar vollends beherrschen. Die Vermögensverhältnisse entscheiden also nicht nur darüber, wer reich und wer arm ist, sondern vor allem darüber, wer in welchem Ausmaß Macht ausüben kann und welche gesellschaftlichen Hierarchien sich im Lauf der Zeit bilden.

Diese Aufspaltung der Gesellschaft hat schon lange vor der Einführung des Parlamentarismus und sogar schon lange vor der Einführung des Geldes begonnen. Ihre Anfänge gehen auf die Tauschwirtschaft zurück. Sie ist die Grundlage, auf der sich ein Zustand entwickeln konnte, der die gesamte bisherige Geschichte der Menschheit prägt: die soziale Ungleichheit. Sie hat es den Menschen, die mehr Besitz angehäuft und damit mehr Macht erlangt haben als andere, ermöglicht, Strukturen zu schaffen, die ihren privilegierten Status festigen, die sie einmal erworbene Privilegien auf Dauer beibehalten und diese sogar auf nachfolgende Generationen übertragen lassen.

Im ausgehenden Mittelalter sind die Besitzer großer Vermögen noch einen Schritt weiter gegangen und haben sich das Geldsystem und damit den Blutkreislauf der Gesellschaft unterworfen, indem sie Banken gegründet und sich so das Recht der Geldschöpfung angeeignet haben. Später, nach der Gründung der Nationalstaaten, haben die von ihnen beherrschten Banken sich dieses Recht auf der Grundlage nationaler Währungen mit den Zentralbanken geteilt und damit als „Finanzwesen“ einen ganz eigenen Wirtschaftszweig geschaffen, der mit der Zeit immer einflussreicher wurde. Da dem Rest der Bevölkerung nicht entging, dass auf diese Weise einige Wenige zusehends reicher und mächtiger wurden, hat sich immer stärkerer Widerstand gegen diese Entwicklung gebildet. Als mit der Industrialisierung dann Schulen eingeführt, der Analphabetismus nach und nach überwunden und das allgemeine Bildungsniveau immer weiter angehoben wurde, nahm dieser Widerstand für die Privilegierten zunehmend bedrohlichere Formen an, sodass sie sich gezwungen sahen, Zugeständnisse zu machen.

Ein historisches Zugeständnis

Das historisch wichtigste Zugeständnis – und die zugleich geschickteste Täuschung der Öffentlichkeit – war die Einführung des Parlamentarismus. Indem die Gleichheit der Menschen in einer von Ungleichheit geprägten Welt zum Verfassungsgrundsatz erhoben wurde, entstand mit der parlamentarischen Demokratie eine Fassade, hinter der sich die tatsächlichen Machtstrukturen nicht nur hervorragend verbergen, sondern ungehindert weiter ausbauen ließen. Das Prinzip dieser Täuschung ist im Grunde recht einfach: Man unterschlägt einen fundamental bedeutsamen Mechanismus, der die gesellschaftliche Realität seit Jahrhunderten prägt, und übertüncht ihn mit hochtrabenden Worten. So gibt es bis heute weltweit keine einzige parlamentarische Demokratie, in deren Verfassung die Bedeutung des Geldes für die Entstehung von Machtstrukturen erwähnt oder in der das Prinzip der Geldschöpfung auch nur angesprochen wird. Dafür aber wird in den meisten Verfassungen, verbrämt mit blumigen Formulierungen über die soziale Verpflichtung von Eigentum, der Schutz desselben garantiert – und zwar ohne jede Begrenzung nach oben.

Auf diese Weise ist eine Herrschaftsform entstanden, die sich vordergründig auf den Willen der Mehrheit des Volkes stützt, die aber tatsächlich einer Minderheit nützt und die es darüber hinaus geschafft hat, die soziale Ungleichheit in krassem Widerspruch zum offiziell beteuerten Gleichheitsgrundsatz zu einem akzeptierten und gesetzlich geschützten Dauerzustand werden zu lassen.

Ernst Wolff über das Finanzsystem und die Politik
Der Buchautor Ernst Wolff

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Das sind die Informationsquellen der Profis – Werbung

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Lieber Börsianer,

gelegentlich werde ich als Börsenanalyst oder Vermögensberater gefragt, woher ich meine Informationen beziehe? Oder anders gefragt: Wie recherchiert ein Profi eine Aktie? Zunächst möchte ich mein Berufsbild etwas entmystifizieren. Auch Profis kochen nur mit Wasser und stützen ihre Entscheidungen wesentlich auf öffentlich zugängliche Informationen. Am Anfang steht also immer die Lektüre des Geschäftsberichts und die harte Analyse der Geschäftszahlen.

Dann beginnt die Arbeit des Analysten erst richtig. Aktienanalyse ist People´s Business. Zu Deutsch: Wir müssen mit den handelnden und verantwortlichen Personen des Unternehmens in Kontakt kommen. Als Vermögensverwalter lässt man durchblicken, dass man umfassende Investitionen im Unternehmen beabsichtigt. Damit haben Sie schon einmal das Ohr Ihres Gesprächspartners.

Zunächst werden Sie abgespeist mit professionellem Werbeversprechen. Etwa so: Wir setzen voll auf die Elektro-Mobilität und expandieren derzeit proaktiv im chinesischen Wachstumsmarkt.

Das ist eine absolute Null-Information. Als Analyst haken Sie jetzt konkret nach. Zum Beispiel: Mit welchen Produkten geht das Unternehmen nach China? Wer sind die Konkurrenten? Was ist der Wettbewerbsvorteil des Unternehmens? Warum soll der Kunde ausgerechnet ihre Zylinderdichtung (beispielhaft) kaufen? Wie funktioniert der Vertrieb?

Es gibt nun zwei Möglichkeiten: Ihr Gesprächspartner bleibt hartnäckig im Ungefähren. Dann sind die Expansionspläne wohl noch nicht weit gediehen. Die Aktie ist also eher kein Kauf. Oder aber: Ihr Gegenüber packt…..

Wollen Sie meine komplette Analyse lesen?

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US-Wahl egal für die US-Märkte? Experte Andre Stagge mit ausführlicher Erklärung

Redaktion

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Ande Stagge über die aktuelle Lage im S&P 500 und zur US-Wahl

Ist der Ausgang der US-Wahl letztlich egal für die US-Aktienmärkte? Das denken manche Beobachter. Der Börsenexperte Andre Stagge (hier mehr zu seiner Person) bespricht dieses Thema im folgenden aktuellen Video im Detail. Ausführlich geht er auf die einzelnen Standpunkte von Joe Biden und Donald Trump ein. Zum Beispiel seien die Steuerideen von Joe Biden eindeutig schlecht für die Wirtschaft. Natürlich muss man fair sein und erwähnen, dass die US-Unternehmen durch die große Steuersenkung von Donald Trump im Jahr 2017 massiv profitiert hatten. Andre Stagge glaubt an einen Wahlsieg von Joe Biden, und dass dies letztlich nicht gut für die Märkte wäre – auch wegen der Idee von Joe Biden den Mindestlohn in den USA drastisch anzuheben. Wichtig werde auch die Phase direkt nach der Wahl, und ob Donald Trump bei einer möglichen knappen Wahlniederlage Probleme machen wird.



Ist die US Wahl egal by Andre_Stagge on TradingView.com

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