Devisen

Dein Geld, das unbekannte Wesen

Ein Gastbeitrag von Bernd Udo Hack

Dein Geld, das unbekannte Wesen, oder: Unser fehlerhaftes Geldsystem

Geldwertstabilität ist eine Utopie- nicht aber ein bewegliches (labiles) Gleichgewicht

Es gibt wohl kaum ein Phänomen, über das die Menschen so wenig wissen wie über Geld, obwohl es im täglichen Leben eine große Rolle spielt und „die Welt regiert“, wie ein geflügeltes Wort sagt. In der Schule lernt man dazu nichts; an den Hochschulen nur wenig, und davon ist auch noch der wesentliche Teil falsch. „Der Nebel um das Geld“ (1996) lautet daher zu Recht das Hauptwerk von Bernd Senf, Berliner emeritierter Professor der Volkswirtschaftslehre.

Sinn und Wirkungsweise des Geldes werden deutlich, wenn man sich in die graue Vorzeit zurückversetzt, als es noch kein Geld gab und die Menschen in einer Tauschwirtschaft lebten. Man stelle sich jemanden vor – nennen wir ihn A -, der 10 kg Rindfleisch übrig hat und es eintauschen will gegen Kartoffeln, die ihm gerade fehlen. Er muss jetzt auf dem Markt einen Tauschpartner finden, der Kartoffeln übrig hat und das Rindfleisch des A gebrauchen kann. Man merkt, das ist gar nicht so einfach. Schaltet man aber das Tauschmittel Geld dazwischen, wird der Geschäftsablauf vereinfacht sowie in zeitlicher und räumlicher Hinsicht entzerrt: A verkauft sein Rindfleisch an den Erwerber B für 100 Euro, verzichtet vorübergehend auf die gewünschte Gegenleistung und kauft 3 Tage später an einem anderen Ort für die 100 Euro die benötigten Kartoffeln von dem Verkäufer C. Dank des Geldes werden die in der Tauschwirtschaft notwendige Gegenseitigkeit zwischen Veräußerer und Erwerber aufgehoben; und praktisch auch die Gleichzeitigkeit. A kann die Gegenleistung auch noch später und an einem anderen Ort als dem ursprünglichen Tauschplatz erwerben.

Die Erfindung des Geldes ist ungemein hilfreich, ja genial, und unerlässlich, um in unserer spezialisierten und arbeitsteiligen Wirtschaft den Tausch von Waren und (Dienst-) Leistungen zu bewerkstelligen, die wir für unseren täglichen Lebensunterhalt benötigen. Aber es hat in seiner gegenwärtigen Ausgestaltung einen schwerwiegenden Mangel. Dieser besteht darin, dass der Herausgeber des Geldes, der Staat mit seiner Zentralbank, die Wertbeständigkeit des Geldes proklamiert und erstrebt. Diese kann es aus Gründen der Logik gar nicht geben und hat es auch nie gegeben. Denn der Wert des Geldes wird bestimmt durch die Menge der Waren, die dafür am Markt erhältlich sind. Und die Waren sind nur begrenzt haltbar, sie verlieren mit dem Lauf der Zeit schrittweise ihren Sachwert (Nutzwert): Lebensmittel verderben, Industrieprodukte oxidieren usw. (Problem der Haltbarkeit). Das ist ein Naturgesetz. (Nur ganz wenige Materialien wie Gold, Silber, Diamanten usw. sind in ihrer Substanz wertbeständig.) Wenn aber die Waren ihren Wert peu à peu verlieren, muss das im gleichen Maße für das Ersatzstück gelten, das an ihre Stelle tritt, das Geld. Das Surrogat kann logischerweise keine höhere Qualität haben als das zugrundeliegende Original. Das gleicht dem Versuch der Alchemisten im Mittelalter, künstliches Gold herzustellen. Geld wirkt wie ein Gutschein für die Bezahlung der noch ausstehenden Gegenleistung.

Probleme entstehen für den Markt und für den potenziellen Veräußerer C, wenn A den Erwerb der noch ausstehenden und an sich benötigten Gegenleistung (Kartoffeln) aus spekulativen Gründen zurückstellt, seinen „Gutschein“ von 100 € zunächst nicht umlaufen lässt, um den C unter Druck zu setzen und zu einer Preissenkung zu zwingen, seine Ware zu verschleudern. Denn die Kartoffeln sind nicht unbegrenzt haltbar; Verderbnis droht. Außerdem benötigt er den Erlös aus dem Kartoffelverkauf für seinen eigenen Lebensunterhalt oder, um seine Mitarbeiter zu bezahlen. Das Abwarten des A, Attentismus genannt, bringt den Wirtschaftskreislauf ins Stocken. A erleidet außer einem vorübergehenden Konsumverzicht keinen Nachteil. Denn sein Geld soll ja nach herrschender, aber falscher Ansicht wertbeständig sein – im Gegensatz zu der realen Ware – und seinen „Substanzwert“, seine Kaufkraft, unvermindert behalten. Die Gleichzeitigkeit des Tauschgeschäfts darf mit Hilfe des Mediums Geld, das wie ein Katalysator wirkt, zeitlich nicht unbegrenzt hinausgeschoben werden.

Die vermeintliche (Substanz-)Wertbeständigkeit gibt dem Geld gegenüber der zugrunde liegenden Ware einen entscheidenden, aber nicht gerechtfertigten Vorteil, der über die leichtere Übertragbarkeit, Lager- und Transportfähigkeit weit hinausgeht, die ihm ohnehin schon zukommen.

Diese Erkenntnis ist beileibe nicht neu. Einige kluge Menschen haben das schon vor langem erkannt: Aristoteles und Diogenes im antiken Griechenland; Rudolf Steiner (1861-1925) und Silvio Gesell (1862-1930), ein leider viel zu wenig beachteter Sozialreformer, in neuerer Zeit. Sie forderten ein Altern des Geldes bzw. „rostende Banknoten“. Technisch sind rostende Banknoten machbar, indem man das Geld in zeitlichen Abständen mit einem Abschlag belegt, also mit einer Minderung seines Wertes, seiner Kaufkraft. Das führt zu einem verstetigten Geldumlauf, zu Fließendem Geld – Umlaufsicherung; denn keiner möchte sein Geld teilweise verlieren; er gibt es lieber aus – und beflügelt die Wirtschaft, wie z. B. im Hochmittelalter in Europa (Brakteaten) oder 1932/33 in der Gemeinde Wörgl/Tirol während der Weltwirtschaftskrise geschehen. Die Arbeitslosigkeit ging dort erheblich zurück. Die österreichische Nationalbank hat aber dieses gelungene Experiment aus Unkenntnis und/oder im Interesse der Bankenwelt unterbunden und zerstört. Wäre man in Deutschland Silvio Gesell gefolgt, hätte man die Arbeitslosigkeit damals schnell beseitigen und wahrscheinlich Adolf Hitler und den Zweiten Weltkrieg vermeiden können. Heute arbeiten die Regionalgeldsysteme nach diesem Prinzip.

Dieser Betrug, dem Geld die widernatürliche Wertstabilität beizulegen, ist die erste Ursache der heutigen materiellen Menschheitsprobleme.

Geldwertstabilität ist also eine Utopie. Es kann nur ein bewegliches (labiles, nicht stabiles) Gleichgewicht geben zwischen der Menge an Waren/Leistungen einerseits und der Menge an umlaufendem Geld andererseits. Es muss eine Geldreform her.



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2 Kommentare

  1. Noch so ein Halb-Gelehrter mit Schwundgeldvorstellungen, die er nicht tiefgründig durchdacht hat – wann hört diese Spinnerei darum endlich auf?
    Vielleicht mögen die Herrn „Experten“ mal darlegen, warum man sich die Flexibilität des Geldes erhalten, aber die eigene Arbeitsleistung darüber unbedingt entwerten soll? Reicht denn die heutige Inflation (= Werteschwund) dafür nicht schon genügend aus?

  2. Danke für den interessanten Artikel. Das mit dem Gleichgewicht ist ein ähnlicher guter Gedanke wie bei giregio.de Dort sind es kommunizierende Röhren… Diese streben immer zum Ausgleich. Wo zu viel drin ist, gehts nach unten, und wo zu wenig drin ist, gehts nach oben.

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