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Den deutschen Spar-Michel umerziehen mit Nullzinsen? Gegenrede

Der Handelsblatt-Autor Jan Mallien ist offenbar der Meinung, dass die Nullzinsen der EZB nicht nur eine geldpolitische Maßnahme sein sollen um die Kreditvergabe anzuregen, und um privaten wie gewerblichen Kreditkunden  den Zugang zu günstigen Krediten zu ermöglichen. Nein, die Nullzinsen sollen offenbar auch ein Instrument der Bestrafung und Umerziehung des Bürgers sein? Nämlich des Bürgers, der in der Coronakrise auf der Sonnenseite steht. Denn viele Menschen, die nicht von Jobverlust oder Kurzarbeit betroffen sind, häufen dieser Tage steigende Bankguthaben an.

Es ist klar. Wer nicht in Urlaub fliegt und nicht in Restaurants geht wie sonst üblich, und dazu noch ein wenig unterschwellige Zukunftsangst mit sich rumträgt, wird seit Monaten wohl stetig steigende Kontoguthaben anhäufen. Zum einen ist es für diesen Personenkreis ein beruhigendes Gefühl mehr Geld auf der hohen Kante zu haben. Und zum anderen kann man wie gesagt derzeit auch kaum bis gar kein Geld ausgeben, selbst wenn man es wollte. Also, Geld sparen ist doch eine gute Sache in der Krise, für denjenigen Bürger, der es sich leisten kann?

Oder ist es die Bürgerpflicht auch in dieser Krise (wie auch immer) krampfhaft zu konsumieren, sei es bei Zalando, Otto, Amazon oder im Kaufhaus mit Maske? Egal ob man etwas braucht, Hauptsache kaufen, kaufen, kaufen, um der Volkswirtschaft, dem Steuerhaushalt, und den Mitmenschen hinter der Ladenkasse bei Karstadt was Gutes zu tun? Liest man den aktuellen Kommentar des Handelsblatt-Journalisten Jan Mallien, dann kommt einem die Idee, dass die Nullzinsen ein Instrument sind, um dem deutschen Spar-Michel endlich seine „schlechte Angewohnheit“ (Sparen statt Konsumieren) abzugewöhnen.

Jan Mallien bezieht sich auf die wohl fortgesetzte Politik der EZB, nämlich weiterhin Nullzinsen und Negativzinsen. Richtigerweise weist er darauf hin, dass es die Gewinner und Verlierer der Coronakrise gibt, nämlich die Menschen in Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und brutaler Existenzangst – und auf der anderen Seite die Bürger mit Job und wachsenden Sparguthaben. Und eben die solle man per „Anreiz“ dazu bringen mehr zu konsumieren, statt zu sparen. Es sei „wünschenswert“, dass die Haushalte weniger sparen, so Jan Mallien. Dazu schreibt er Zitat „Niedrige Zinsen helfen, dieses Missverhältnis stärker ins Gleichgewicht zu bringen. Auch eine etwas höhere Inflation, die näher an zwei Prozent liegt, würde helfen. Beides entlastet die Schuldner und erhöht den Anreiz für die Haushalte, zu investieren und zu konsumieren statt zu sparen.“ Es sei deswegen gut so, dass die EZB „die Schleusen offen halte“.

Man kann die Politik der Nullzinsen schlecht oder auch gut finden. Man kann sie gut finden zur Ankurbelung der Wirtschaft. Aber sie als Umerziehungsmaßnahme für die Sparer zu betrachten? Das ist wohl die falsche Sichtweise. Und außerdem: Die Realität zeigt abseits aller ökonomischen Weisheiten: Der „einfache“ Bürger und Sparer, der lässt sich von der Abschaffung der Zinsen nicht beirren und auch nicht umerziehen. Die Realität der letzten Jahre zeigt nämlich, dass mangels Zinsen von den Bürgern schlicht und einfach die monatliche Summe, die aufs Sparbuch gepackt wird, ansteigt, sozusagen als Ausgleich für den nicht mehr vorhandenen Zins.

Jan Mallien schreibt „Wenn man zum Beispiel auf Restaurantbesuche verzichtet, bleibt mehr auf dem Konto, aber die Gastronomie erleidet Einbußen.“ Die niedrigen Zinsen und ein Ankurbeln der Inflation sollen den Sparer für sein Sparen bestrafen? Sollte der Bürger nicht selbst entscheiden dürfen, ob er spart oder konsumiert? Bislang hat ja noch nicht mal die Mehrwertsteuersenkung dazu geführt, dass die breite Masse der Bürger die Klamottenregale in den Innenstädten stürmt.

Auch wenn Jan Mallien es nett formuliert mit Worten wie „Wünschenswert“ und „Anreiz“, so geht es doch letztlich um die Bestrafung derer, die einfach nicht einkaufen wollen, sondern lieber sparen. Man könnte es auch den Versuch einer Umerziehung nennen. Vielleicht reichen die aktuellen Nullzinsen noch nicht aus? Vielleicht bald auch 0,5 Prozent Negativzinsen ab dem ersten Euro Sparguthaben auch für alle Bestandssparer, dazu noch Sparkonto-Gebühren als weiterer „Anreiz“ für Konsum? Und vielleicht noch ein paar zusätzliche Prozente weniger bei der Mehrwertsteuer, damit auch noch der letzte Spar-Michel begreift, dass er endlich sein Sparkonto zu leeren hat? Es müssen nämlich endlich neue Pullover, Hosen, Schuhe, Fernseher, Autos und Gartenmöbel her!

Gewiss, es geht wohl zu weit anzunehmen, dass Jan Mallien sich eine regelrechte Umerziehung der Sparer wünscht. Aber seine Worte haben ein bestimmtes Geschmäckle.



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5 Kommentare

  1. Straight from the horse’s mouth:

    Artikel in der „Welt“ vom 12.11.2020

    Wolfgang Schäuble:

    “Der freie Zahlungs- und Devisenverkehr kann nicht länger eine Rechtfertigung für Steueroasen sein, die in Wahrheit Regulierungsoasen sind. Sie stehen exemplarisch für den Übergang von einem überzogenen Finanzmarkt zu schwerer Kriminalität – und wir lassen das zu.”

    “Ich meine, dass der Kapitalismus, wie wir ihn derzeit betreiben, auf Kosten der ohnehin Schwachen geht. Unter dem Stichwort `freier Welthandel` beuten wir Arbeitskräfte in Ländern wie Bangladesch in einer menschenunwürdigen Weise aus.”

    Quelle:
    https://www.welt.de/politik/deutschland/plus219858454/Wolfgang-Schaeuble-Wir-muessen-den-Schock-der-Pandemie-nutzen.html

  2. Ja, und wo geht die Dividende und der Aktienwert so hin?
    Und wo liegt damit auch die größte Einflussmacht?

    Im Jahr 2017 laut einem Artikel der Welt vom 30.03.2017:
    1. 1624,8 Millionen € Blackrock, USA
    2. 757,9 Millionen € KfW, Bundesrepublik Deutschland
    3. 700,0 Millionen € Vanguard, USA
    4. 678,1 Millionen € Norwegische Staatsfonds
    5. 641,2 Millionen € Deutsche Bank, Deutschland
    6. 632,1 Millionen € Familie Quandt / Klatten
    7. 406,0 Millionen € Bund,Bundesrepublik Deutschland

    Quelle:
    https://www.welt.de/finanzen/geldanlage/article163262475/Die-Gewinne-der-Dax-Konzerne-kassieren-vor-allem-Auslaender.html

    Stand in Deutschland 2020:
    1. Arbeitslose: ( 2,78 Mio. Okt. 2020)
    2. Arbeitslose die nicht unter 1, erfasst sind: ( 0,76 Mio. Okt. 2020)
    3. Kurzarbeiter: ( 3,3 Mio. Okt. 2020)
    4. Hartz IV Empfänger: ( 3,83 Mio. Okt. 2020)
    5. Rentner gesamt ca. 21, Mio. 15,7 % davon prekär ( 3,2 Mio. 2019)
    Summe ca. 13,9 Mio entspricht ca. 16,7%
    Gesamtbevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ca. 83,1 Mio

    Also die fallen bei mehr Konsum schon mal weg.
    Da muss man gar nicht erst nach Bangladesch schielen …

    >> Die untere Hälfte der Vermögensverteilung besitzt nach wie vor etwa 3 % des gesamten Nettovermögens (siehe Schaubild auf S. 25). Der Anteil der oberen 10 % der Haushalte am
    Gesamtvermögen sank von rund 60 % im Jahr 2014 auf 55% im Jahr 2017. Dafür erhöhte sich
    der Anteil der Gruppe zwischen dem neunzigsten Perzentil und dem Median im gleichen Zeitraum von 38 % auf 42 %. <<

    Quelle:
    https://www.bundesbank.de/resource/blob/794130/d523cb34074622e1b4cfa729f12a1276/mL/2019-04-vermoegensbefragung-data.p

  3. Gelddrucken und die ungedeckten Scheine in rauhen Mengen unter die Leute bringen, die angeordnete Insolvenzverschleppung, die Gratiskredite zur Refinanzierung gewaltiger Schulden, Helikoptergeld an Bürger zur Verschwendung und Zwangskäufen anregen, Sparer enteignen und sie für schuldig erklären, dass sie zu wenig konsumieren und und und …. Bitte es ist dringend Zeit, die Politiker und Verantweortlichen endlich mal einem Intelligenztest zu unterziehen. Solche Typen reden noch davon, dass man den Bürger digital überwachen muss, damit er nicht noch ein paar Euro am Staat vorbeischleusen könne.
    Frage: Warum wohl sehen immer mehr Bürger die Regierungsmitglieder und Politiker allgemein als absolute Zumutung an? Ist das noch schwer zu erraten?

  4. Hallo d. Webre!
    Alles geht zurück auf den Konflikt jedes Einzelnen zwischen Eigeninteressen und denen der gerade herrschenden sozialen Umgebung.

    Der Herr Schäuble mit seiner finanziellen Abgesichertheit findet jetzt gerade den Gedanken spannend armen Schweinen irgendwo auf dem Planeten zur Seite springen zu wollen.

    Einem Robinhooder sind solcherlei Überlegungen fremd, er will ohne Rücksicht raffen, obwohl er wissen müßte daß dies nur geht wenn ein anderer verliert. Rücksicht? Altruismus? Ha ha.

    Herr Schäuble ist nicht der erste und einzige Mensch, der den „Egoismus“ der Einzelperson geißelt. Ich fürchte es war vor 2 Mio. Jahren schon zu „beklagen“.
    Ich habe so eine komische Ahnung, daß sich in einer Mio. Jahre überhaupt nichts ändern wird!

    Ich habe schon immer starke Bedenken gehabt wenn jemand die menschliche Art in Teile sezieren tut und dann seine Erkenntnisse zum besten gibt!

  5. @Mike Lohmann
    Ihr ständiges Gewäsch von Helikoptergeld an Bürger zur Verschwendung und Zwangskäufen … NERVT LANGSAM wegen seiner Widersprüchlichkeit. Es gibt und gab noch nie Helikoptergeld an Bürger.
    Ebenso nervt Ihr Bitte es ist dringend Zeit, die Politiker und Verantweortlichen endlich mal einem Intelligenztest zu unterziehen. Was würde das bringen? Es geht um Macht, Herrschaft, Positionen, um die Erhaltung politischer Posten. Verbunden mit wirtschaftlichen Zukunftsaussichten.

    Welche Rolle soll da und dort Intelligenz spielen? Wäre die nicht eher hinderlich?

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