Anleihen

Der kaputte europäische Anleihemarkt: Beispiel „Deutsche Bahn“

FMW-Redaktion

Nennen Sie es wie Sie wollen: Verrückt, kaputt, irrational, verstörend, komisch? Wenn man Geld verleiht und für sein Risiko eines Zahlungsausfalls eine Risikoprämie von 0 erhält, kann etwas nicht stimmen. Darauf verwiesen wir gestern schon bei der historischen Emission des deutschen Staates zu 0,00% Zinsen für 10 Jahre. Nun folgt die Deutsche Bahn als offiziell privatwirtschaftliches Unternehmen.

Nun gut, man muss natürlich erwähnen, dass sie eine Tochter der deutschen Staates ist, und somit de facto irgendwie dem deutschen Staat zuzurechnen ist. Dennoch arbeitet sie eigenständig als privatwirtschaftliches Unternehmen. Sie emittierte diese Woche eine 5 Jahre laufende Anleihe mit einem Zinskupon von 0,00%. Eine wie gesagt erstaunliche Risikoprämie! Das Volumen der Emission, das zuerst bei 250 Millionen Euro liegen sollte, wurde dank der rosigen Aussichten raufgesetzt auf 350 Millionen Euro. Der Witz: Im Rahmen der Emission wird auch hier noch das jährliche Zinsausschüttungsdatum genannt (wirklich ein toller Gag).

Der Ausgabepreis der Anleihe von 100,03% führt zu einer realen Negativrendite von -0,006% p.a., da die Anleihebesitzer am Ende der Laufzeit ja 100,00% zurückgezahlt bekommen. Egal, ruhig zu Kursen über 100% verkaufen, denn die Nachfrage für das 350 Millionen-Angebot lag bei einem Volumen von 840 Millionen Euro. Daran kann man sehen, wie verzweifelt so manch Institutioneller sein muss. Worin kann eine Hoffnung liegen? Ja, all das könnte noch schlimmer werden, und der Kurs so einer Anleihe könnte steigen, und man streicht dann einen Kursgewinn ein.

Offiziell werden Schulden der Deutschen Bahn als Unternehmensschulden angesehen, daher wäre es die erste Unternehmensanleihe mit einer Minusrendite. Glückwunsch! Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die EZB wird aller Wahrscheinlichkeit nach über ihr CSPP-Programm für Unternehmensanleihen auch hier mitgekauft haben, was wohl der Hauptgrund für die Negativrendite ist. Genau wissen wir das ab dem 18. Juli, wenn die EZB ihre offizielle Liste aller Unternehmensanleihen veröffentlicht, die sie in den letzten Wochen gekauft hat. Man darf gespannt sein. Relativ sicher ist ja auch schon, dass die EZB mehrere Anleihen von Brauereien in den USA gekauft hat. Haleluja, wir freuen uns schon auf diese Liste.

Die EZB fegt weiter die Renditen in den Keller, und man darf gespannt sein, wann das erste wirklich richtig private Unternehmen mit einer Negativrendite platzieren kann (mit Segen der EZB).



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1 Kommentar

  1. Die EZB Ankäufe von Unternehmensanleihen führen auch zu Wettbewerbsverzerrungen. Begünstigt werde nur bestimmte große kapitalmarktfähige Unternehmen. Kleine und mittlere Unternehmen und diejenigen, die sich nicht über Anleihen finanzieren, müssen erheblich höhere Kapitalkosten tragen. Diese Begleitfolgen können nicht Aufgabe einer Zentralbank sein.
    Das Zinsniveau macht nur dann Sinn, wenn man für die nächsten Jahre eine Deflationsrate von > 4% erwartet. Wenn es einen Crash bei Anleihen und Aktien gibt, könnte sich ein solches Szenario realisieren. Dann wird es aber sehr ungemütlich werden.

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