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Deutsche Börse-Chef Kengeter: Ein „Keim der Aufklärung“

FMW-Redaktion

Deutsche Börse-Chef Carsten Kengeter hat gestern auf dem SZ-Finanztag in Frankfurt versucht „Schöne Welt“ zu machen. Er warb für den Zusammenschluss der Börsen Frankfurt und London. Es ging darum die versammelte Frankfurter Finanzszene davon zu überzeugen, dass die Fusion sogar in ihrem Sinne ist. Nachteile für Frankfurt werde es nicht geben.

Kengeter versteht sich offenbar als eine Art Reformator, der die deutsche Finanzszene endlich aus der Dunkelheit ins Licht führen möchte, so kann man seine Aussagen durchaus verstehen. So zitierte er gestern in seiner Rede Immanuel Kant und sagte der große Denker aus Königsberg habe gesagt, dass bei jedem Übergang in eine neue geschichtliche Phase ein Keim der Aufklärung übrig bleibe. Sieht sich da jemand als großer Visionär, der über den Dingen steht?

Die neue Gruppe (LSE + Deutsche Börse) manifestiere sich in den zwei Hauptsitzen Frankfurt und London, die genau so fortbestehen würden, so Kengeter. Das volle Dienstleistungsangebot beider Standorte bleibe erhalten. Die Verbindung von London und Frankfurt würde eine „Liquiditätsbrücke“ schaffen, die das Angebot von Wertpapieren wie auch deren Liquidität deutlich ausbaue. Mag alles sein, nur wir meinen langfristig wird es so kommen: Kengeter wird Chef der neuen Börse, die Leitungsfunktionen werden in London angesiedelt, da die Holding ja ihren Hauptsitz in London hat. D.h. auch die Hauptversammlung findet dort statt. Entscheidungen werden in London getroffen, Direktoren und das mittlere Management aus Frankfurt finden sich regelmäßig in London ein um dort Anweisungen zu erhalten.

Dann in ein paar Jahren, wenn Kengeter ganz normal durch einen anderen Chef ersetzt wird, folgt mit fast 100%iger Wahrscheinlichkeit ein angelsächsischer Nachfolger. Denn erstens schart er jetzt schon um sich herum mehrere Briten. Und außerdem stammen jetzt schon 85% der Aktionäre der Deutschen Börse nicht aus Deutschland. Warum sollte dann irgendjemand noch einen Deutschen als Nachfolger von Kengeter wählen? Unlogisch, wenn die Zentrale in London sitzt und die Aktionäre eh keine Deutschen sind.

Ist Kengeter irgendwann weg, gibt es auch keine Gründe mehr sich aus Höflichkeit oder optischer Rücksichtnahme zurückzuhalten. Nach ein paar Jahren, wenn dann ein neuer Chef die Megabörse leitet, zieht auch die Eurex endgültig nach London um (so darf man es vermuten), die jetzt schon teilweise dort tätig ist. Zurückbleiben in Frankfurt wird dann wohl eine Art Marketing-Büro zuständig als Ansprechpartner für deutsche Kunden. Und übrig bleiben dürfte auch der Handelssaal in Frankfurt, der schon jetzt eh nur noch eine Kulisse für Fernsehteams ist, denn der Handel findet sowieso nur noch elektronisch statt.

Kengeter sagte gestern „Mir liegt der Finanzplatz Frankfurt am Herzen. Deshalb bin ich in der Pflicht, für den Finanzplatz etwas zu tun.“ Frankfurt stehe im globalen Wettbewerb, und die Verbindung zwischen den beiden sei eine Chance für beide, und kein Nullsummenspiel, so Kengeter. Glaubt Kengeter ernsthaft, dass der Finanzplatz Frankfurt durch das Verlassen der Firmenzentrale gestärkt wird? Der Sog geht immer dorthin, wo die Entscheidungen getroffen werden. Dieser Sog wirkt sich langfristig auch auf Kunden und Geschäftspartner der Börse aus, z.B. Technologiedienstleister, die der Börse zuarbeiten. Warum sollen die dann noch in Frankfurt bleiben, wenn ihr Ansprechpartner und die zentralen Server in London beheimatet sind?

Kengeter selbst lebt eh schon in London. Er sieht die Fusion wohl längst nicht mehr durch die nationale Brille, sondern versucht mit einigen schwammigen und netten Worten die Gemüter hierzulade zu beruhigen. Er sieht die Fusion wohl rein aus unternehmerischer Sicht. Aber für den Finanzplatz Frankfurt geht es um die langfristige Abwanderung tausender Arbeitsplätze, um Steuereinnahmen, und um das internationale Standing.

Außer warme blumige Worte gab es von Herrn Kengeter bisher keine harten Fakten, wie ein Erodieren des Finanzplatzes Frankfurt verhindert werden soll. Aber genau darauf wird vor allem das hessische Wirtschaftsministerium achten. Auch von anderer Stelle weht eine steife Briese. Frankreichs Wirtschaftsminister Emmanuel Macron sagte die Fusion London und Frankfurt dürfte kartellrechtliche Fragen aufwerfen. Da wird sich sicherlich jemand an die EU-Kommission wenden, damit die sich den Deal „mal ganz genau anschaut.“



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1 Kommentar

  1. Dieser Kengeter ist doch nur ein weiterer Draghi im Angelsachsenmomopoly!Das Original zerstört im Auftrag von Goldman-Sachs&Co.den €uro&damit nach Logik von A.M.Europa und der andere schafft die europäische Vermögensverwaltung in die City.Good old Europe,R.I.P.!

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