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Deutscher Arbeitsmarkt im Rausch: Was stimmt da nicht mit der Zahl der offenen Stellen?

FMW-Redaktion

Wir alle wissen es, denn wir vertrauen selbstverständlich den offiziell vermeldeten Arbeitsmarktstatistiken blind. Deutschland im Job-Rausch, dazu spült der Demografiewandel die Arbeitslosigkeit auch fast weg. Da mag man sich fast fragen, warum bei konstant großer Arbeitskräftenachfrage und einem dramatischen Rückgang der arbeitsfähigen Bevölkerung (aufgrund Geburtenschwund) überhaupt noch Arbeitslose in Deutschland vorhanden sind. Denn immer noch gibt es offiziell 6,3% oder 2,77 Millionen Arbeitslose. Die müssten doch schon längst alle in Lohn und Brot sein?

Wir haben in der Vergangenheit schon mehrfach die Zahl der offenen Stellen beleuchtet. Dies ist die Zahl der Stellen, die die freie Wirtschaft anzubieten hat, die aber nicht besetzt werden können. Die Zahl stieg fast eine Ewigkeit lang von Monat zu Monat an, und ging laut Bundesagentur für Arbeit jüngst zurück auf 646.991 Stellen. Aber halt – warum hört man denn heute von einer Zahl von 1,04 Millionen unbesetzter Stellen? Diese Zahl meldet heute das „Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ (IAB), eine hundertprozentige Tochter der Bundesagentur für Arbeit – also sozusagen eine Art Forschungsabteilung der Behörde. Zitat:

Im vierten Quartal 2016 gab es auf dem ersten Arbeitsmarkt bundesweit 1.044.000 offene Stellen. Damit lag die Zahl der offenen Stellen um 6.000 über dem hohen Niveau des vierten Quartals 2015. Das geht aus der IAB-Stellenerhebung hervor, einer regelmäßigen Betriebsbefragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Verglichen mit dem dritten Quartal 2016 zeigt sich ein Anstieg um rund 80.000 offene Stellen. Ein Anstieg vom dritten auf das vierte Quartal entspricht dem üblichen Saisonmuster. Vom dritten Quartal 2015 auf das vierte Quartal 2015 fiel er mit rund 60.000 etwas geringer aus, in den Vorjahren dagegen höher. In Westdeutschland waren im vierten Quartal 2016 gut 801.000 offene Stellen zu vergeben, in Ostdeutschland gut 242.000. Der Anteil der sofort zu besetzenden Stellen an allen offenen Stellen hat mit rund 81 Prozent einen neuen Höchststand erreicht. „Die Ergebnisse der IAB-Stellenerhebung zeigen eine anhaltend gute und robuste Arbeitsmarktnachfrage in ganz Deutschland“, erklärte dazu der IAB-Arbeitsmarktforscher Alexander Kubis am Dienstag in Nürnberg.

1,04 Millionen unbesetzte Stellen Ende 2016 gegen 646.991 Ende Januar. Und quasi beide Zahlen aus dem selben Haus? Was stimmt hier nicht? Tja, die 646.991 ist die Zahl, die gerne öffentlich in der Tagesschau vermeldet wird. Aber wer weiß, vielleicht offeriert man dort heute auch die größere Zahl. Denn wie so oft ist auch im ach so schönen Deutschland Statistik reine Ansichtssache. Die Bundesagentur für Arbeit errechnet die Zahl einfach aus der Anzahl der offenen Stellen, die Arbeitgeber in ihrer eigenen Datenbank als offene Stellen melden. Die quasi hauseigene Forschungstochter IAB macht es aktiv, in dem sie eine Umfrage bei 11.500 Unternehmen vornimmt.

Aber auch das heißt: Die Zahl unbesetzter Stellen dürfte bei Millionen von Unternehmen und Kleinst-Gewerbetreibenden in Deutschland weit weit weit höher sein als 1,04 Millionen, weil die IAB eben nur 11.500 Unternehmen befragt. Und da kommen wir automatisch wieder zur Ausgangsfrage. Wie kann es sein, dass bei diesem super Konjunktur- und Job-Boom sowie dem angeblich brutalen Demografiewandel 1 oder 1,5 oder vielleicht 2 Millionen Arbeitsstellen in Deutschland unbesetzt bleiben? Da ist mal wieder die Frage: Sind die Arbeitslosen zu faul? Oder wurden sie in den letzten Jahren durch die Jobcenter alle in völlig falschen Fachbereichen weiter-qualifiziert? Oder kann es beispielsweise sein, dass die Qualifizierungsmaßnahmen der Jobcenter für die private Wirtschaft rein gar nichts taugen?


Grafik: Bundesagentur für Arbeit



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3 Kommentare

  1. Dass die Qualifizierungsmaßnahmen der Jobcenter für die private Wirtschaft rein gar nichts taugen, ist ja empirisch belegt.
    ABER: wer in Maßnahmen steckt, zählt nicht als arbeitslos. Das ist der einzige Grund warum da Milliarden verschwendet werden.

  2. Ehrlich gesagt blicke ich da trotz eurer Erläuterung nicht mehr durch. Jedenfalls wirkt es auf mich wenig vertrauenserweckend, wenn ständig die Methodik geändert wird. Statistik wie es gerade gebraucht wird. Wie sähe die Zahl aus, wenn man die Methodik anwenden würde, die vor sagen wir mal 20 oder 30 Jahren gebräuchlich war? Damit es vertrauenswürdiger wird, sollte jemand außerhalb der Behörde und mit möglichst wenig Politik-Nähe die Statistik machen.

  3. gehen sie mal nach berlin in ein völlig „normales“ job center. übel….platzt aus allen nähten. das ist die realität. sehen sie sich die einschlägigen jobangebote an. lächerlich bis grausam. entweder sittenwidrig bezahlt, loser jobs als produktionshelfer im schichtsystem, pflege pflege pflege, ja die neue zielgruppe der alten ja und wie immer bei „anständigen“ kaum noch vorhandenen jobs heißt es wie eh und jeh, alter 28, 20 jahre berufserfahrung, voll flexibel (besser keine fam. !) 4 jahre auslandsaufenthalt und logisch haward abschluß…lol.
    diese politische, willkürlichen lügenstatistiken sind nichts anderes, als der indoktrinäre hirnhammer, (fake) refugees welcome. nur, diese leute werden die geforderten „angebote“ mit garantie nie echt besetzen. zum einen nicht können und zum anderen nicht wollen. und falls einmal die integrative qualifitzierung greift, die ja bekanntlich steuer mrd. bringt, zumindest der asylindustrie, dann sind die jobs durch die digitale aufrüstung 4.0 wieder weg….schauen sie sich in berlin die migrationsbezirke an. 70% leben vom sozialgeld und rente, der rest von geschäftemacherei und dönerbuden und gemüseständen. aaaber jeder verbraucher zählt im wachstumsexzess. wow welch eine wertschöpfungskette. ach ja, nee, dienstleistungskette. die schöpft auch werte…ab und der deutsche normalo schaut in die altersarmut. halt dumm gelaufen für die länger hier zahlenden….

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