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Das unerkannte Erdbeben in Europa: Identitätskrise und Rechtspopulismus

Markus Fugmann

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Von Markus Fugmann

Was haben die Videos von Enthauptungen des IS in Syrien oder Irak mit dem Aufstieg der AfD zu tun? Vermutlich mehr, als man zunächst denken möchte. Denn es kommt darin eine Militanz zum Ausdruck, die uns selbst militarisiert. Uns zumindest zu einer Identitätsdefinition zwingt: wer sind wir, was wollen wir – und welche Botschaft des Totalen Krieges wird uns da vermittelt? Bilder, Videos – das geht uns viel mehr an, als würden wir etwa von Enthauptungen in der Zeitung lesen und uns kurz gruseln. Es spricht Bände, dass Obama als Reaktion auf die Enthauptung eines US-Journalisten den Lufteinsatz in Syrien/Irak gegen den IS verstärken ließ – die westliche Führungselite sieht sich also gezwungen, auf die mediale Bombe zu reagieren – mittels Krieg.

Faktisch ist der Westen bereits in einer defensiven Verteidigungshaltung. Uns, dem Westen, entgleitet die Welt. Sie ist zu global, um sie noch beherrschen zu können. Es entstehen neue Machtzentren in dieser Welt. Wir, der Westen, aber leben noch geistig in der – bei aller Apokalyptik – irgendwie doch kuscheligen und materiell gut ausgestatteten Welt des Kalten Krieges. Der Westen als Sieger des Kalten Krieges hat gedacht, dass seine Werte sich nun auf der ganzen Welt durchsetzen werden – und steht verblüfft und ratlos vor der Tatsache, dass dem nicht so ist.

Im Gegenteil. Die Welt hat sich mehr verändert als wir – wir aber haben ein Geschwindigkeitsproblem, weil wir nicht erkennen, dass der Sieg im Kalten Krieg bereits Geschichte ist. Trotz, vielleicht sogar wegen des Internets (der vielleicht letzten bahnbrechenden Dominanz-Erfindung des Westens), ist der Westen seltsam ratlos.

Die Zeiten werden härter, zunächst einmal politisch und kulturell. Unterbewußt ist uns das schon klar, auch wenn wir weiter machen wie bisher. Man gewöhnt sich plötzlich wieder an etwas wie die NATO, die als reines Militärbündnis, noch dazu im Kalten Krieg, doch eigentlich schon tot zu sein schien. Schon das zeigt, dass wir uns wieder militarisieren. Russland und der IS sind dabei die derzeitigen Kernmobilisierungen, der erste Feind.

Aber nicht mehr lange. Die Wahrscheinlichkeit ist recht hoch, dass der Westen sich mit Russsland einigen wird. Eine gemeinsame Basis – etwa mit christlichen Grundwerten – wird diese Eingiung erleichtern, schon im Kalten Krieg hat das irgendwie funktioniert. Russland will als Führungsmacht der orthodoxen Welt anerkannt werden – und wenn der Westen dem zustimmt, wird es für alle Beteiligetn leichter. Denn die zukünftigen Grundkonflike laufen eher gegen andere Zivilisationen. Zunächst die militanten islamische Länder, dann aber vor allem mit China im ostasiatische Raum. Es werden harte Fakten sein, die den Westen mit China in Konflikt bringen werden – etwa das Ausgreifen Chinas in Ostasien.

Der Islam aber bleibt machtpolitisch zersplittert. Der IS ist der Versuch, das zu ändern. Nämlich endlich wieder einen mächtigen islamischen Kernstaat zu erschaffen, der sich gegen die Dominanz des Westens wehren kann. Er tut das in der Form des terroristischen Machtstrebens – das zeigt im Grunde schon seine Schwäche. Der Terror ist die Sprache jener, die sich im Besitz der einzig richtigen Kutlur und Religion wähnen, aber faktisch die Erfahrung machen, dass sie von westlicher Hochtechnologie, etwa in Form einer Drohne, einfach weggebomt werden können. Sie sind technologisch unterlegen, und die einzige Chance die sie haben, ist dieses Technologiedefizit zu verringern, um so wirklich als prägender Machtfaktor in Erscheinung zu treten.

Gleichwohl zwingt uns die Nicht-westliche Welt zur Neudefinition der eigenen Identität. Mit dem 11.September 2001 ist der Glaube verloren gegangen, dass die Welt immer besser wird. Seitdem hat der Westen Angst, zieht sich mehr und mehr auf sich selbst zurück. Das Internet erleichtert diesen Rückzug, weil der Kontakt mit der Rest-Welt mit dem Computer funktioniert und keine Reisen mehr erfordert. Es ist ein Rückzug ins Innere, der auch die Politik in Europa maßgeblich erfasst hat.

So zeigt der Siegeszug der AfD am letzten Wochenende, dass sich die Tektonik der Politik auch in Deutschland, dem derzeitigen Machtzentrum Europas, verschoben hat. Der Erfolg der AfD ist insofern von Relevanz, weil die AfD im Grunde die einzige Fundamentalopposition gegen die derzeitige Konsensgesellschaft ist, die in der Großen Koalition in Deutschland ihren logischen Ausdruck findet.

Die AfD hat in Deutschland das Potential, die erfolgreichste Bewegung seit Jahren zu werden – sie vereint Konservatismus und Euro-Skepsis. Die AfD hat sachlogisch recht, dass der Euro für Deutschland ein kaum zu kalkulierendes Haftungsrisiko darstellt – und erklärt damit aber faktisch den europäischen Einigungsprozeß für illegitim. Keine andere Partei wagt es auch nur, den Euro oder die EU wirklich fundamental in Frage zu stellen. Die AfD tut es – und zieht damit ein potentiell größer werdendes Klientel an.

Wie groß das Klientel ist, zeigt sich in Frankreich mit dem Front National, zuletzt in Schweden der Sieg von Rechtspopulisten, oder UKIP in UK (man vermeidet schon fast instinktiv das Wort „Großbritannien“ angesichts der Schottland-Dramatik) – und viele andere. Der Ruck ins rechte Gefühlslager ist eine Folge des Bedürfnisses, diese Welt, die sich uns aufdrängt mit ihren Konflikten, irgendwie in die Schranken zu weisen. „Wir sind wir“, das ist die Botschaft. Es ist ein Identitätsangebot in einer Zeit, in der der Westen, könnte man sagen, schon „hinter der Kurve“ ist („behind the curve“). Wir sind irgendwie zu spät dran, sind gezwungen uns zu definieren, obwohl wir das gar nicht mehr wollen. Was haben noch wir mit Religion zu tun? Es gibt im Westen weitgehend eine strikte Trennung zwischen Religion und Politik – und jetzt entsteht eine immer bedeutender werdender Gegentwurf dazu: Religion, Vorrang des Kollektivs vor dem Einzelnen – all das, was eigentlich unseren westlichen Prizipien entgegensteht.

In China etwa ist die Religion die Kommunistische Partei, weil es in der chinesischen Kultur nicht den westlich-messianischen Ewigkeitsanspruch gibt. Im Christentum dagegen, das den Westen geprägt hat, kommt ein Heiland auf die Welt, und diese Welt ist dann auf einmal völlig anders, als sie vorher war. Das ist die Grund-DNA der westlich-christlichen Welt. Auch deshalb glauben wir immer wieder an die geniale Inspiration, die geniale Erfindung, die alles vorher Dagewesene verändert. Gestalten wie Steve Jobs, Mark Zuckerberg etc., die genialen Erinder des Neuen, Welt-verändernden. Wir glauben an das Individuum, der Rest der Welt gibt dem Kollektiv den Vorzug. Der Nicht-Westen aber hält uns für Heuchler, die mit ihren angeblich universalen Werten nur ihre eigenen Interessen durchsetzen – und so ganz unrecht ist dieser Vorwurf nicht. In den Augen der nicht-westlichen Welt führt der Westen immer noch einen „Kreuzzug“, sind wir Christen, obwohl uns selbst das Bewußtsein dafür schon fast abhanden gekommen ist. Alte Konflikte aus dem Mittelalter brechen wieder auf – sie waren nur durch den Kalten Krieg und den Sieg des Westens in der Folgezeit kaschiert.

Der Siegszug des Rechtspopulismus zeigt klar, wie sehr der Westen bereits in der Defensive ist. Es ist ein Phänomen des Machtverlustes, der Ratlosigkeit, der Identitätssuche. Das Schicksal des Westens und Europas wird davon abhängen, welche Antworten wir geben werden auf die Frage: „Wer sind wir?“ Der Rechtspopulismus ist die erste große politische Strömung, die hier eine Antwort geben will. Hoffentlich bleibt es nicht die letzte – es bedarf nämlich intelligenterer Strategien, um in dieser globalen Welt bestehen zu können..

10 Kommentare

10 Comments

  1. Avatar

    Chris T.

    16. September 2014 15:16 at 15:16

    Der Autor irrt, die AfD stellt weder den Euro noch die EU fundamental in Frage. Vielmehr soll die Euro-Zone soll durch den (vorübergehenden) Austritt der südeuropäischen Mitgliedsstaaten reformiert und die EU entbürokratisiert, aber nicht demontiert werden. Die Rückkehr zu D-Mark strebt die Partei dagegen nicht an, diese Lösung soll nur ultima ratio für den Fall sein, dass sich stabile Währungsverbünde in Europa als unmöglich erweisen.

    Im Übrigen erklären diejenigen, die sich gegen den Euro wenden, nicht zwingend auch den europäischen Einigungsprozess für illegitim. Die europäische Einigung hat schließlich mehr als 40 Jahre auch ohne gemeinsame Währung funktioniert.

    Außerdem sollte man die AfD nicht in eine Reihe mit Front National, UKIP und andere „rechtspopulistische“ Parteien in Europa stellen, von denen sich die AfD deutlich abgrenzt. Parteichef Bernd Lucke will ja nicht einmal die Bezeichnung „konservativ“ für die AfD gelten lassen.

  2. Avatar

    peter

    16. September 2014 15:21 at 15:21

    Vielleicht sind die Leute einfach nur nicht mehr so beknackt, linksgrünveganverschwult für normal zu halten. Vielleicht sehen langsam immer mehr, dass der Kaiser nackt ist. Und vielleicht ist nicht alles „Neue“ automatisch auch gut.

    • Avatar

      roxsi

      16. September 2014 17:30 at 17:30

      Sehr richtig!

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    Heiner

    16. September 2014 15:58 at 15:58

    Markus Fugmann – seines Zeichen der Autor dieses Beitrages … glaubt doch nicht ernsthaft selbst was er hier geschrieben hat. Dieser Beitrag ist derart aus dem Zusammenhängen gelöst zusammengepinselt, da schüttelt es den Hund samt der Hütte.

    • Avatar

      Hinterfrager

      16. September 2014 23:16 at 23:16

      Könnte ein gewisser Heiner der versammelten Gemeinde bitte darlegen, was er en detail an diesem Artikel auszusetzen hat? Es dreht sich nach meiner Lesart hierbei nämlich um einige durchaus denkwürdige, übergeordnete Zusammenhänge, die sich zwar nicht jedem auf den ersten Blick in ihrer gesamten Tragweite erschließen, aber durchaus verständlich formuliert sind…

  4. Markus Fugmann

    Markus Fugmann

    16. September 2014 16:02 at 16:02

    @Heiner, äh.. doch doch, ich glaube an meinen „zusammengepinselten“ Beitrag – und der Glaube versetzt ja bekanntermaßen auch Hundehütten..

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    Tedd

    16. September 2014 21:00 at 21:00

    „Der IS ist der Versuch, das zu ändern. Nämlich endlich wieder einen mächtigen islamischen Kernstaat zu erschaffen…“

    So weit so gut, aber FÜR wen?

    http://www.epochtimes.de/Al-Baghdadi-ISIS-Chef-ein-israelischer-Mossad-Agent-a1175966.html

    In dem Zusammenhang wissenswert: messianische Endzeitprohetie
    https://www.youtube.com/watch?v=aaVBKhi0fCE

    Die AFD ist harmlos für das System, wenn auch regional verschieden so entspricht das Programm in der Summe CDU+CSU+FDP.
    Das ganze ist ein Fangnetz für Unzufriedene, die eingesehen haben, dass eine gemeinsame Währung so nicht funktionieren kann.
    Rechts? -> „Deutschland ist ein Einwanderungsland“ v. Lucke.

    Die Piratenpartei war spätestens dann entlarvt als sie den m.M.n. eindeutigen Kriegsverbrecher Kissenger empfangen haben.

    Dem Autor rate ich dazu die Artikel zu kompremieren und leere Worthülsen, wie „Rechts populismus“ mal zu hinterfragen.

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    Helmut

    16. September 2014 21:29 at 21:29

    Armer Markus.

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    Konrad Kugler

    16. September 2014 23:57 at 23:57

    Die als Rechtspopulismus verleumdete Bewegung nannte man früher Konterrevolution.
    Und die Aktivisten Reaktionäre.

    Reaktionäre sind Leute, denen der herrschende ideologische Blödsinn auf den Wecker geht.

    Die gegenwärtige „Kreuzzugs-Motivation“ heißt Demokratismus.

  8. Avatar

    Zeitzeuge

    3. Oktober 2014 12:30 at 12:30

    Auch so kann geistige Verwirrung sich äußern. Halbwissen, vor allem zu geschichtlichen und politischen Aspekten – ist auch gefährlich und führt den Halbwissenden selbst auf die falschen Fährten, die die Systeminitiatoren durch die Systemprotagonisten auslegen ließen. Ein absolut mißlungenen Deutungsversuch.

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Aktienmärkte und Wirtschaft 2020: Ein Jahr der Extreme

Wer es geschafft hat, die wirtschaftliche Entwicklung des Jahres 2020 oder die der Aktienmärkte auch nur ein paar Wochen vorherzusagen, sollte Lotto spielen

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Wer es geschafft hat, die wirtschaftliche Entwicklung des Jahres 2020 oder die der Aktienmärkte auch nur ein paar Wochen vorherzusagen, sollte mal Lotto spielen, bei diesem Glück. Denn das Coronajahr wird in die Geschichte eingehen mit all seinen Anomalien, die es gewiss noch nicht allzu häufig in dieser Form gegeben hat. Wirtschaft, Finanzen und Aktienmärkte lieferten (und liefern?) Ausschläge ungeahnten Ausmaßes.

Aktienmärkte: Die saisonalen Muster – Fehlanzeige

Viele Börsianer versuchen aus den statistisch gehäuften, jahreszeitlich bedingten Mustern, Profit zu erzielen. Aber 2020?

Das Jahr begann relativ stabil, am Ende des Januars hatten sich S&P 500 und Dax kaum bewegt, was nach der Statistik auf einen ruhigen Jahresverlauf hindeuten würde. Bis Ende Februar ging es aufwärts, dann kam Corona. Nach der fulminanten Aufholjagd von Ende März und durch den April hinweg hätte man doch erwarten können, dass ein „Sell in May, but remember to come back in September“ funktioniert, nur erreichten die US-Indizes just am 2. September ein Allzeithoch, um praktisch den ganzen Monat hindurch zu korrigieren. Im Wahljahr sollte es einen schwachen Monat Oktober geben, bis zur letzten Woche, in der eine Wahlrally einsetzt. Doch was haben wir in den letzten Tagen erlebt? Einen Einbruch des Dow Jones von 2000 Punkten und beim Dax von über 1000 Zählern. Nun steht nur noch die Jahresendrally im Schlussquartal, als eiegntlich sehr sicheres saisonales Muster der Aktienmärkte, zur Disposition.

Der Konjunkturverlauf – ohne historisches Vorbild

Die Pandemie um Covid-19 führte zu einem bisherigen Konjunkturverlauf, den wohl kein Ökonom auf der Rechnung hatte. Chinas Konjunktur stürzte im ersten Quartal um 6,8 Prozent in die Tiefe und erholte sich in Q2 bereits schon wieder um 4,9 Prozent. Im Westen erwischte es im zweiten Quartal Großbritannien am stärksten mit minus 20,4 Prozent, gefolgt von Spanien mit minus 18,5 Prozent, Deutschland kam mit minus 9,7 Prozent noch relativ glimpflich davon, so wie die USA mit minus 9,5 Prozent auf Quartalsbasis. Auf Jahressicht allerdings mit erschreckenden 31,4 Prozent und gestern kam die erste Schätzung für das dritte Quartal in den Staaten: Plus 33,1 Prozent im Jahresvergleich, was auf den ersten Blick wie nach einer totalen Erholung aussieht, aber es hätten über 45 Prozent Anstieg sein müssen, um diesen Quartalseinbruch zu egalisieren.

Im europäischen Verfahren gerechnet: Nach minus 9,5 Prozent (Q2), jetzt plus 7,4 Prozent.

Auf alle Fälle brachte 2020 bisher die schnellste und tiefste Kurzrezession aller Zeiten, mit einem Wirtschaftseinbruch, der fast überall einem unvollständigen V gleicht, eher einem spiegelverkehrten Wurzelzeichen, das eine Erholung um etwa 90 Prozent anzeigt. Jetzt erleben wir die zweite Coronawelle, die in manchen Ländern vermutlich eine Double-Dip-Recession im vierten Quartal des Jahres zur Folge haben wird. Wie reagiren nun die Aktienmärkte?

Die Entwicklungen der Aktienmärkte

Wenn es bisher eine so genannte V-förmige Erholung geben sollte, dann haben dies die Aktienmärkte vollzogen. Nach einem Absturz der Märkte ab dem 20. Februar, wie man ihn noch nie in einer solchen Geschwindigkeit beobachtet hat – es brauchte nur 16 Tage vom Allzeithoch bis in einen Bärenmarkt – stürzten S&P 500 und Dax innerhalb von nur 34 Tagen um 33,9 beziehungsweise 39,6 Prozent in die Tiefe: Beim US-Leitindex auf 2206 und beim Dax auf 8255 Punkte. Aber es folgte eine ebenso spektakulären Erholung innerhalb nur eines halben Jahres.

Der Dax brauchte nur gut zwei Monate, um bis Anfang Juni um 57 Prozent auf 12913 Punkte zu steigen und nur ein halbes Jahr um mit 13460 Punkten fast sein Allzeithoch von Ende Februar zu erreichen (13788 Punkte).

Was dem US-Leitindex S&P 500 am 2. September mit 3580 Punkten gelungen ist (Februar-ATH 3386 Punkte): Rekorde der Aktienmärkte inmitten des größten Wirtschaftseinbruchs seit dem Zweiten Weltkrieg. Wie konnte so etwas zustande kommen?

Notenbankbilanzen und Zinsniveau

Wer geglaubt hatte, dass das Jahr 2019 mit seinen über 100 Zinssenkungen durch die Notenbanken dieser Welt der Höhepunkt gewesen sein müsste, den belehrte spätestens der März 2020 eines Besseren. Die Federal Reserve folgte vielen westlichen Notenbanken und senkte die US-Leitzinsen auf 0 bis 0,25 Prozent. Begleitet von Anleihekäufen, die die Fed-Bilanz innerhalb von wenigen Monaten von vier auf 7,18 Billionen Dollar explodieren ließ. Die Europäische Zentralbank war vor Kurzem bei 6,74 Billionen Euro angelangt, zusammen mit der Bank of Japan erreicht man bereits über 20 Billionen Dollar. Die Bilanzsummen der Notenbanken marschieren in ungeahnte Höhen: In Japan auf 136 Prozent zum BIP, in Europa auf 66 Prozent und in den USA auf 37 Prozent.

Dies hat laut JP Morgan folgendes zur Folge (Stand Mitte Oktober):

Weltweit gibt es 17 Billionen Dollar an Anleihen, die keine oder sogar Minuszinsen abwerfen. Berücksichtigt man die jeweiligen Inflationsraten, so beträgt die Summe der Anleihen, die eine negative Realrendite abwerfen 32 Billionen Dollar, oder 76 Prozent aller Staatsanleihen von Industrieländern. Der Anlagenotstand für Kapitalsammelstellen (wie Staats- und Pensionsfonds) hat im Herbst des Jahres 2020 eine bisher noch nicht gesehene Dimension erreicht – und das erklärt die Kurse der Aktienmärkte.

Jetzt stehen die US-Wahlen an und der Sieger muss aus faktischen Gründen angesichts von über 11 Millionen Arbeitslosen und 50 Millionen Lebensmittelmarkenbeziehern in den USA zwangsläufig ein fünftes Rettungspaket auflegen. Außerdem ergab eine Umfrage im Sommer, dass 40 Prozent der Amerikaner keine 400 Dollar an Reserven besitzen, um sich zum Beispiel ein defektes Haushaltsgerät ersetzen zu können. Man kann sich immer nur wundern, wie die US-Regierung hier das Bild einer gesunden US-Wirtschaft zeichnen kann.

Bei einer weiteren Verschuldung stellt sich irgendwann die Frage: Wann wird sich dies bei den Kapitalmarktzinsen bemerkbar machen? In jeder Volkswirtschaft gibt es das Phänomen des Bruchs mit der Linearität, plötzliche Ausbrüche aus einer stabilen Entwicklung, davor sind auch die Vereinigten Staaten nicht gefeit.

Die Forschung für einen Impfstoff

Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde mit solcher Intensität an einem Impfstoff gegen ein Virus geforscht – Sars-CoV-2. 160 bis 200 Projekte gibt es derzeit weltweit, einige Vakzine befinden sich bereits in der klinischen Phase 3 und die großen Staaten haben vorsorglich schon drei Milliarden Impfdosen bestellt, ohne zu wissen, welches Mittel sich überhaupt durchsetzen und welchen Effekt es überhaupt haben wird. Die Aktien von Moderna, CureVac oder Biontech explodieren an den Börsen um mehrere 100 Prozent, weil viele Investoren einen Milliardenmarkt wittern. Viele Projekte werden im Sande verkaufen, viele Millionen versickern, weil keiner weiß, was sich durchsetzt – und vor allen Dingen wann?

Die Entwicklung der Pandemie

Viele führende Virologen warnen, dass die Welt noch bis Ende des Jahres 2021 mit dem Virus leben müsse oder vielleicht sogar auf Dauer. Was bedeutet dies konkret? Derzeit gibt es weltweit über 45 Millionen bestätigte Infektionen, was angesichts von 7,6 Milliarden Menschen nur ein gutes halbes Prozent der Weltbevölkerung ausmachen würde. Aber sind das überhaupt realistische Zahlen? Wurden aus bestimmten Metropolen der Welt – New York, Neu-Dehli, Sao Paulo, Mexiko City – nicht schon Antikörpertests ausgewertet, die auf eine 20 bis 50 prozentige Durchseuchung von Teilen der Bevölkerung hinweisen?

In Ländern wie den USA, Brasilien, Spanien, Belgien u.a. werden offiziell Infektionsraten von 2,5 bis 3 Prozent der Bevölkerung gemeldet, aber der Chef der US-Seuchenbehörde CDC der USA, Redfield, hat sich in diesem Jahr geäußert, dass man mit einer Dunkelziffer von Faktor 10 bei den Infektionen rechnen könne. Die USA haben bereits über neun Millionen Coronainfizierte bei einer Bevölkerung von gut 330 Millionen. Wie viele Menschen werden bis Ende 2021 schon mit dem Virus infiziert worden sein? Selbst der deutsche Virologe, Professor Streeck, rechnet mit einer gewaltigen Durchseuchung bis dahin. Es sei auch bis jetzt nicht klar, welche Immunität ein Impfstoff zur Folge haben wird? Wie viele Menschen werden sich überhaupt impfen lassen (müssen)? Fragen über Fragen.

Aber bei Fortführung der Gedankengänge über die Infektion der Menschheit mit Covid-19 schleicht sich ein unangenehmes Gefühl ein: Deutschland hat im Vergleich zur Bevölkerungszahl eine sehr niedrige Infektionsrate (0.59 Prozent), auch wenn man eine Dunkelziffer mit einbezieht, die aber aufgrund unserer Maßnahmen nicht allzu hoch sein dürfte. Was aber nicht anderes heißt, dass für unser Land noch ein weiter Weg in Sachen Corona bevorsteht – außer der Impfstoff kommt rechtzeitig und mit hoher Wirksamkeit.

Ausblick

Doch zurück zur Wirtschaft und zur Börse. Was bedeutet die aktuelle Gemengelage für das Jahresende der Aktienmärkte? Der Ausgang der Wahlen, die Börsenentwicklung, die Pandemie? In Summa „not predictable“. Doch wird auf eines Verlass sein: Das Gelddrucken geht weiter – so hat Madame Lagarde erst gestern die weiteren Notenbankkäufe der EZB bestätigt: bis mindestens Mitte 2021 wolle man alles tun und den ganzen Instrumentenkasten nutzen, um die Erholung der Wirtschaft zu fördern.

Auch die Bundesregierung hat eine große Summe an Ausfallszahlungen für den Monat des Lockdowns, November, angekündigt, um die wirtschaftlichen Folgen des verordneten Stillstands (Lockdown light) abzumildern.

Die Geldflut wird nicht verebben. Und wenn man den Chart zwischen Notenbankbilanz und Entwicklung der Aktienmärkte (S&P 500) betrachtet, so könnte man eigentlich auf eine bestimmte Jahresendprognose kommen.

Und was die Pandemie und die mögliche Wirkung der gerade angekündigten Lockdown-Maßnahmen betrifft, so empfiehlt sich ein Blick auf Israels Infektionszahlen, dem Land, welches bereits vor einigen Wochen solche verhängt hat..

Aktienmärkte und Wirtschaft im Coronajahr 2020

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Aktien

Dax mit Crash? Mögliche Ausweitung der EZB-Maßnahmen, Ideen zu SAP und Allianz

Redaktion

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Gibt es im Dax einen neuen Crash? Diese Frage bespricht Manuel Koch im folgenden Video mit einer Expertin. Auch Thema seines Videos sind die ganz frisch verkündeten neuen Rettungsgelder für die Wirtschaft, damit der anstehende kleine Lockdown im November verkraftet werden kann. Wichtig ist auch die heute angedeutete Ausweitung der EZB-Maßnahmen im Dezember.

Manuel Koch bespricht im Video auch zwei Handelsempfehlungen der trading house-Börsenakademie. Die Aktien der Allianz seien eine Short-Chance per Stop-Sell-Order. Die Aktien von SAP seien ein Kauf per Stop-Buy-Order. Beide Ideen werden ausführlich begründet.

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Corona-Hilfen: Ausfallzahlungen im November, und eine ganz wichtige Änderung!

Claudio Kummerfeld

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Neue Corona-Hilfen vom Bund

Aufgepasst liebe Selbständige und Unternehmer, es tut sich was bei den Corona-Hilfen des Bundes. Es ist ja inzwischen bekannt, dass die Bundesregierung betroffene Unternehmer mit bis zu 75 Prozent der Umsätze aus November 2019 entschädigen will, wenn sie jetzt im November 2020 durch Betriebsschließungen Umsatzeinbußen erleiden. Dies soll für Betriebe mit weniger als 50 Mitarbeitern gelten. Für Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern gibt es gestaffelt Erstattungen von 70 Prozent und weniger. Vor allem die Gastronomie wird wohl profitieren, aber auch Freizeiteinrichtungen, und womöglich deren Zulieferbetriebe. Details werden gerade noch geklärt. Diese Corona-Hilfen sind sehr wichtig. Sonst hätte dieser neue kleine Lockdown, der ab Montag startet, wohl endgültig viele Unternehmen finanziell ruiniert.

Die genauen Details der neuen Hilfen sollen laut Olaf Scholz noch veröffentlicht werden auf https://www.ueberbrueckungshilfe-unternehmen.de . Noch ist die Seite nicht auf aktuellem Stand, aber aus den ganz frischen Aussagen der beiden Minister hört man, dass die beiden Ministerien genau in diesem Minuten die Details ausarbeiten. Also sollte man morgen oder am Wochenende diese Seite mehrmals besuchen und nach neuesten Infos Ausschau halten. Anträge sollen schnell bearbeitet werden. Wir empfehlen die nächsten Tage auch immer einen Blick zu werfen auf die Webseiten des Bundeswirtschaftsministeriums und des Bundesfinanzministeriums.

Corona-Hilfen mit kleinem, aber sehr wichtigem Detail

Aber ein wichtiges Detail bei den Corona-Hilfen wird für viele Unternehmer eine große Erleichterung darstellen, um jetzt weiter durchhalten zu können. Denn bisher galt die ziemlich unsinnige und unfaire Regelung, dass die KfW-Schnellkredite in der Coronakrise nur für Unternehmen zugänglich waren, die mindestens 10 Mitarbeiter haben. Jetzt liest man im offiziellen Infotext des Bundeswirtschaftsministeriums (siehe hier), dass der KfW-Schnellkredit für Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten zugänglich gemacht werden soll. Diese winzige Änderung bei den Corona-Hilfen kann für viele kleine Unternehmer die Rettung bedeuten, zumindest in Sachen Liquiditätshilfe. Hier weitere Details im Wortlaut vom Ministerium:

Es hat sich als unvermeidlich erwiesen, für die Dauer der nächsten vier Wochen auch viele Unternehmen zu schließen, um auf diese Weise Kontakte im erforderlichen Umfang zu reduzieren. Das betrifft unter anderem Gastronomiebetriebe, Bars, Clubs und Diskotheken, aber auch Dienstleistungsbetriebe, Messen, Kinos, Freizeitparks oder Fitness-Studios. Viele von ihnen haben Vorbildliches bei der Umsetzung von Hygiene- und Abstandskonzepten geleistet und seit Ausbruch der Pandemie schwere Umsatzrückgänge hinnehmen müssen.

Die Bundesregierung wird diese Betriebe umfassend unterstützen, um ihnen den Fortbestand in dieser schweren Zeit zu erleichtern:

Wir gewähren den von temporären Schließungen erfassten Unternehmen eine außerordentliche Wirtschaftshilfe, die bis zu 75 Prozent des Umsatzes des Vorjahresmonats erfasst;

Wir werden die Leistungen der Überbrückungshilfe verlängern und für die hauptbetroffenen Wirtschaftsbereiche wesentlich verbessern;

Wir öffnen den KfW-Schnellkredit für Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten;

Die Regelungen gelten unter anderem für Unternehmen, Selbständige und Soloselbständige. Insbesondere auch in der Kultur- und Veranstaltungswirtschaft.

Die beschlossenen Maßnahmen zeigen, dass wir unsere Unternehmen nicht allein lassen, sondern zielgerichtet unterstützen. Hierzu stellen wir Mittel bis zu einer Höhe von 10 Milliarden Euro bereit.

Hier weitere aktuelle Aussagen aus der vorhin gelaufenen PK von Olaf Scholz und Peter Altmaier, in Kurzform zusammengefasst:

Der Kultur- und Veranstaltungswirtschaft will man auch über den November hinaus eine Perspektive aufzeigen. Und auch der Gastronomie will man helfen die anstehende harte Zeit zu überstehen. An Einzelheiten arbeite man jedoch noch. Auch will man eine Verlängerung der „Überbrückungshilfe III“ bis ins nächste Jahr hinein erreichen. Und bis zu 300.000 Euro sollen auch über Kredite der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bereitgestellt werden können.

Hier die PK im Video:

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