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Deutschland droht bis zum Jahr 2030 eine 24 GW Stromlücke

Kraftwerke werden in Deutschland schneller stillgelegt als neue gebaut werden. Die anstehende Stromlücke ist gigantisch.

Stromerzeugung
Grafik: ChatGPT

Deutschland steuert auf eine mögliche Versorgungslücke von 10 bis 24 Gigawatt im Jahr 2030 in Zeiten hoher Nachfrage zu, da Kraftwerke schneller stillgelegt als gebaut werden. Die Lücke muss laut Analysten überbrückt werden. Das System droht nun länger auf klimaschädliche Kohle angewiesen zu sein, so Bloomberg News. Weiter wird berichtet. Der Strombedarf dürfte wegen der Zunahme von E-Autos, Wärmepumpen und der Umstellung industrieller Prozesse weiter steigen — wenn auch nicht so stark wie einst angenommen. Doch seit dem Atomausstieg wurden weiterhin Kohlekraftwerke aus dem Markt genommen, während es noch immer keinen Kapazitätsmarkt gibt. Das Land hat zuletzt nur wenige flexible Kraftwerke zugebaut, sodass es an Kapazitäten mangelt, wenn Wind und Sonne schwächeln.

In diesem Vakuum schätzt Sabrina Kernbichler, leitende Stromanalystin bei Energy Aspects, eine Versorgungslücke von bis zu 10 Gigawatt in “sehr seltenen Fällen” hoher Nachfrage und geringer Wind- und Solarproduktion. Nathalie Gerl, ihre Kollegin bei LSEG, sieht ein mögliches Defizit von bis zu 24 Gigawatt an kalten Wintertagen, wenn die Nachfrage rund 78 Gigawatt erreicht und noch keine neuen Gaskraftwerke am Netz sind.

Die Strompreise spiegeln die Belastung wider. Deutschland ist zu einem der teuersten Strommärkte Europas geworden — ein Ergebnis, vor dem Analysten seit Jahren gewarnt hatten — und treibt die Kosten für Haushalte und Industrie nach oben. Die Bundesnetzagentur erklärte auf Anfrage von Bloomberg News, gesetzgeberische Maßnahmen für den Zubau neuer, steuerbarer Kapazitäten seien “dringend geboten”. Bundeskanzler Friedrich Merz hat bereits signalisiert, dass er im Zweifel die Energiesicherheit über den Klimaschutz stellen würde.

Neue Gaskraftwerke sollten helfen, doch die entscheidende beihilferechtliche Genehmigung der Europäischen Union steht weiterhin aus. Dabei hieß es in einem Papier zum Koalitionsausschuss Mitte November, dass eine Einigung der Regierung mit Brüssel bereits “in den nächsten Tagen” angestrebt werde. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche rechnet nun mit Auktionen im März, wobei die Anlagen erst 2031 ans Netz gehen sollen.

Doch selbst wenn alle Genehmigungen rasch erteilt werden, zeichnen sich weitere Hürden ab. Die Investmentbank Macquarie Group warnt vor einem weltweiten Mangel an Gasturbinen, verschärft durch den stark steigenden, KI-getriebenen Strombedarf in den USA. Dieser Engpass bedeute, dass der Großteil der in Deutschland geplanten 10 Gigawatt Kapazität in diesem Jahrzehnt kaum in Betrieb gehen werden, schrieb Serafino Capoferri, Associate Director und Carbon Strategist, in einer Notiz.

Grafik zeigt Strompreise in Deutschland und Frankreich

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist der Kohleausstieg. Der Plan, die Braunkohle-Meiler des Energiekonzerns RWE in Nordrhein-Westfalen schon 2030 zu schließen, steht nun infrage. Denn Berlin könnte angesichts der Versorgungslücke gezwungen sein, die Laufzeit einiger Anlagen zu verlängern — die Entscheidung dazu soll im kommenden August fallen.

Hier wäre die wahrscheinlichste Variante, diese Kraftwerke in eine Braunkohlereserve zu überführen, ähnlich der Netzreserve, die bereits für die Steinkohle genutzt wird, so Kernbichler. Die Bundesregierung kann im kommenden Jahr entscheiden, ob die RWE-Kraftwerke Neurath und Niederaußem — zwei der größten Braunkohleanlagen im Westen — bis 2033 in eine solche Reserve gestellt werden. Sie würden dann als Netz-Absicherung für die rheinische Schwerindustrie bereitstehen.

“Allerdings müsste die Regierung mehrere Punkte klären”, sagte Kernbichler. Beispielsweise sei eine lange Vorlaufzeit erforderlich, um Braunkohleeinheiten hochzufahren, wenn sie vollständig abgekühlt sind.

Falls 2030 keine neuen Kapazitäten verfügbar sind, könnten laut Gerl Steinkohleeinheiten, die bereits in der Netzreserve stehen, erneut in den Markt zurückkehren. Ähnliches hatte der Bund während der Energiekrise bereits erlassen, als Russland nach seinem Einmarsch in die Ukraine die Gaslieferungen stark gekürzt hatte. Auch die Prognosen der Regierung zum Strombedarf — derzeit 600–700 Terawattstunden bis Ende des Jahrzehnts — werden laut Kernbichler Einfluss darauf haben, ob die für 2026 geplanten Kohleschließungen verschoben werden.

FMW/Bloomberg



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19 Kommentare

  1. Die moralisch überhöhte Klimapolitik der Grünen wird aber dafür den Planeten retten.

    Außerdem sollte man bedenken, dass die SPD der sozialistischen Ideologie folgend, den Kampf gegen die Arbeitgeber gewinnen wird.

    Das wird zumindest das Problem einer hohen Stromnachfrage der Unternehmen nachhaltig lösen.

    Die neuen Probleme bezahlt dann ja Gott sei Dank der Staat.

    Egal ob Rot oder Grün in einer Regierung ihre radikal sozialistischen Ideen umsetzen, um bei deren immer radikaleren Wählern zu punkten, die Zukunft und Realität wird uns alle dafür bestrafen.

    1. Nein sie wird den Planeten eben nicht retten, denn sie senkt nicht das CO2.

      Würde Kohle durch Gas ersetzt werden, würde das CO2 in diesem Sektor halbiert.

      Dass dass was die vorbeten, das einzig wahre 100%-Ziel, wirkt, glauben nur die treuen Fans. Würden diese mal einen echten, realistischen Strich unter die letzte Regierungsarbeit machen und gegenrechnen, wie viel CO2 durch die Wärmepumpen (die bei gut gedämmten Wohnungen zum Einsatz kommt) im Vgl. zur enormen Kürzung bei den Dämmzuschüssen (die bei den miesesten 10% der Bestandsimmobilien am allermeisten Sinn macht) eingespart wurde, dann müssten die das Fazit ziehen, dass sie das Klima mehr geschädigt haben.

      Das nächste Thema der Subvention von Stahl durch H2 Direktreduktion wirkt ja ebenfalls nicht, da sie nicht gemacht wird. Das ist also eher ein theoretisches Ding, dass vielleicht mal in Zukunft da sein wird oder nicht.

      Das Geld hätten die besser genommen, um effektiv Dämmung zu subventionieren. Das hätte was echtes gebracht. Scheint aber zu langweilig für diese Art von Visionären zu sein.

      Das Fördern von Elektroautos (von der Umweltsauerei in der Herstellung mal abgesehen) wirkt ebenfalls dem Ausstieg aus Kohle entgegen, da noch mehr Elektroverbraucher in den Markt strömen. Und dann muss ja noch das Netz ausgebaut werden und, und und…

      Sorry, komplett nach hinten losgegangen dieser visonäre Quatsch.

      Effektive Förderung von Dämmung
      Bau von Gaskraftwerken (=> Kohleausstieg)
      Tempolimit auf Autobahnen (kostenlos)

      Das hätte was gebracht, ziemlich viel sogar.

      Diese fanatisch wirkende blinde Fankultur verstehe ich nicht.

  2. Dr. Sebastian Schaarschmidt

    Über 5000 Leute arbeiten im dortigen Ministerium und den untergeordneten Behörden… wie der Bundesnetzagentur…aber niemanden fällt was auf. ..?

  3. „Neue Gaskraftwerke sollten helfen, doch die entscheidende beihilferechtliche Genehmigung der Europäischen Union steht weiterhin aus. Dabei hieß es in einem Papier zum Koalitionsausschuss Mitte November, dass eine Einigung der Regierung mit Brüssel bereits “in den nächsten Tagen” angestrebt werde. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche rechnet nun mit Auktionen im März, wobei die Anlagen erst 2031 ans Netz gehen sollen.“

    Das Thema Gaskraftwerke wird und wurde verschleppt:

    https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/robert-habeck-braucht-dringend-50-gaskraftwerke-sonst-scheitert-der-kohleausstieg-li.370057

    Die Dinger werden dringend benötigt aus mehreren Grünen:

    -Zur Stabilisierung der EE (diese können überhaupt erst weiter ausgebaut werden, wenn das Tehma gefrühstückt ist)
    -Um di evermaledaite Kohle abzuschalten, die doppelt so viel CO2 rausballert als die geplanten Gaskraftwerke

    Mal so nebenbei, das ist jetzt die neue Position (hat sich in 2 Jahren komplett gedreht, so wie die Rolle im Parlament, von Regierung zu Opposition sozusagen):

    https://www.gruene.de/artikel/neue-gaskraftwerke-der-union-sind-ein-teurer-irrweg

    Ich kann das nicht mehr nachvollziehen.Ein Witz! Und schecht für das Klima obendrei, denn alleine der Austausch von Kohle zu Gas würde an die 50% CO2 einsparen.

  4. Wenn die Deindustrialisierung nur schnell genug vorangetrieben wird, könnte es mit dem Strom reichen.

    Viele Grüße aus Andalusien
    Helmut

  5. kohlekraftwerke kommen in die Reserve oder bleiben am Netz, sollten nicht genug Akkukraftwerke vorhanden sein. So einfach könnte es sein. Wenn diese Kraftwerke nur wenige Wochen im Jahr laufen wäre die CO2-Abgabe für den so produzierten Strom irrelevant.

    Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die Regierung die Kraftwerke abschalten lässt. Der Rentenbeschluß zeigt doch wie egal ihr vernünftige Beschlüsse sind.

    1. „Wenn diese Kraftwerke nur wenige Wochen im Jahr laufen wäre die CO2-Abgabe für den so produzierten Strom irrelevant.“

      Das geht mit den Kohlekraftwerken glaube ich nicht. Das sind Dauerbrenner, ähnlich wie Atomkraftwerke. Für den Schwankungsausgleich der EE braucht es schnell regelbare Kraftwerke, Gas oder ähnliches.

      1. Akkukraftwerke werden die täglichen Schwankungen ausgleichen. Zwar noch nicht morgen, aber sicher bis 2030. Die Kohlekraftwerke braucht man dagegen für die saisonalen Schwankungen.

  6. Hallo @ Robert
    Was kostet dann der Strom aus Kraftwerken, die nur wenige Tage oder Wochen im Jahr laufen?

    Viele Grüße aus Andalusien
    Helmut

    1. Der größte Kostenblock sind die Kapitalkosten, doch ich vermute die sind bereits abbezahlt. Braunkohlekraftwerke gibt es nur zusammen mit den Kohlegruben in der Nähe. Ich denke nicht, dass man die nur wenige Wochen Winter in Betrieb nehmen kann, weshalb man sich einen Vorrat an Braunkohle anlegen müsste und anschließend die Grube dicht macht. Schwierig, aber machbar.

  7. Die Bunterepublik hat fertig und wird als Freizeitpark für reiche Chinesen, Russen und Araber Ihr Dasein fristen….

  8. Ausbau der Energiespeicher läuft stark, bald wird kein Windrad mehr abgeschaltet weil der Strom nicht abgenommen werden kann.

    Das spart Subventionen und könnte entweder Strompreise senken oder weitere Förderung von Energiespeichern ermöglichen

  9. Es ist eine angemessene Jahreszeit für den alljährlichen Dunkelflaute-Untergangsartikel.
    Endlich! Wenn schon die Wetterverhältnisse nicht wirklich mitspielen wollen, auf gewisse Autoren können wir uns regelmäßig verlassen. Daher ist dieser Artikel über Player von der Ersatzbank völlig nachvollziehbar. Sabrina Kernbichler und Nathalie Gerl, zwei allseits bekannte und hoch kompetente Koryphäen 😄 werden da schon richtig liegen. Möglicherweise haben die beiden mit Gaskraft-Kathie studiert.

    Damit ließe sich zumindest der kausallogische Zusammenhang von KI-getriebenem Strombedarf in den USA und Gaskraftwerken in Deutschland erklären 😄

    Die Google-KI äußert sich auf Nachfrage folgendermaßen:

    Frage:
    „Zu den Kunden von Energy Aspects gehören große Ölkonzerne, Regierungen, Hedgefonds, Vermögensverwalter und institutionelle Investoren weltweit. Sind sie daher objektiv gegenüber erneuerbaren Energien?“

    Antwort:
    „Die Berichterstattung und die Schwerpunkte der Analysen werden unweigerlich von den Informationsbedürfnissen der zahlenden Kundschaft bestimmt. Ein Ölkonzern möchte wissen, wie sich Regularien auf sein Ölgeschäft auswirken.
    Branchenverflechtung: Mitarbeiter haben oft einen Hintergrund bei Ölkonzernen, Banken oder Regulierungsbehörden. Es kann eine gewisse „Branchen-Bubble“ entstehen, die bestimmte Perspektiven bevorzugt.
    Es ist daher unwahrscheinlich, dass sie aus einer objektiven Perspektive argumentieren. Ihr Fokus liegt auf der Marktauswirkung und dem finanziellen Risiko der Energiewende für ihre Kunden.“

  10. @ Herr Kummerfeld

    Ich denke, Sie können sich solche Artikel vorläufig sparen. Es gibt hier eine Gruppe im Land, die hat eine eigene Logik entwickelt. Die werden es nicht mehr begreifen. Vielleicht wenn die Bude kalt und dunkel ist.

    Man sieht es schon darin, dass es ursprünglich der grüne Plan war, alles mit Sonne, Wind und Gas zu machen, aber jetzt das Gas auf einmal auch nicht mehr sein soll. Jetzt sollen es Speicher richten, die es in dem erforderlichen Umfang nach heutigem Wissen nicht geben wird.

    Es ist sinnlos. Lassen wir den Dingen ihren Lauf. Schreiben Sie lieber mal über individuelle Notlösungen.

    1. @Felix
      Sie klingen desillusioniert und für einen ehemaligen Offizier schon sehr bedenklich nach Kapitulation. Dabei waren es doch bisher immer Sie, der die Fahne der Meinungsfreiheit mit dem damit verbundenen Gegenwind stolz hochgehalten hat.

      Ihr aktueller Vorschlag beinhaltet dennoch interessante Aspekte. Warum nicht, machen wir aus FMW doch ein Prepper-Forum. Wie viele und welche Notstromaggregate braucht der Deutsche, wie groß sollte die Vorratskammer für Konserven sein, welche Konserven sind empfehlenswert.
      Braucht es Dieselvorräte oder nicht? Welche Campingkocher sollte man zuhause haben, Butan, Isobutan oder Propangas.
      Macht eine Heizdecke überhaupt noch Sinn, oder doch lieber ausreichend Pullover und Daunenjacken? Wolle oder Funktionskleidung.
      Sollte der Deutsche im Notfall ein Lagerfeuer im Wohnzimmer entfachen? Wie umgeht man in dem Fall die Rauchmelder?

      Das sind alles spannende Anregungen für eine neue Artikelserie, bis die nervigen Grünen endlich anderweitig zum Schweigen gebracht werden.

      1. Herr Tobsch,

        Als Offizier müssen sie wissen, ob Verteidigung, Verzögerung oder Angriff angesagt ist. Beim Thema Energie weiß inzwischen jeder, der unbefangen denkt, was los ist. Die Lage ist hochkritisch und die Klimakids werden es erst begreifen, wenn es zu spät ist.

        Was sie aufzählen sind tatsächlich alles wichtige Fragen, für die es aber genügend einschlägige Quellen gibt. Für ein Wirtschafts- und Finanzforum stelle ich mir das allerdings etwas mehr „makro-orientiert“ vor.

        Z.B. würde mich interessieren, wie hoch der Selbstversorgungsgrad der Bevölkerung tatsächlich wäre, und welche Maßnahmen sich für daher viele zuerst empfehlen würden. Auch mit der Ausrichtung, was man wahrscheinlich für die jungen Grünwähler nebenan miteinlagern sollte oder welche Medikamente für Rentner als erstes knapp werden. Dazu bräuchte es soziologische Forschung, die die Prepper nicht leisten können.

        Eine Diskussion über Ersatzgeld wäre auch interessant. Da bietet peinlicherweise die Bitcoin-Szene mehr an, als alle Wirtschaftsforen. So als ob das nie mehr eine Rolle spielen könnte.

  11. 10-24 GW ist wie der Wetterbericht, es wird am 1.5.2026 zwischen 10 und 24 Grad warm.

    1. @Torsten
      Und am Maifeiertag stellt sich dann heraus, dass es 32° C waren 😄

      1. Besser als gedacht am Ende – so wird es werden 👍

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