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Hintergrund

Deutschland: Medial auf dem Weg in die Provinz

Markus Fugmann

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am

Herrlich, dass unsere Medien so schön einer Meinung sind. Wer etwa derzeit angesichts der Ukraine-Krise aus dem Konsens ausschert, ist gleich ein Russland-Versteher, oder noch schlimmer, ein Putin-Versteher. In den Tagesthemen der ARD etwa wimmelt es täglich geradezu von Begriffen wie „Bruch des Völkerrechts“, Russland betreibe eine Interessenspolitik aus dem 19.Jahrhundert etc. Bei ähnlichen Vergehen des Westens in der Vergangenheit dagegen nimmt man es nicht ganz so genau, oder gab es etwa eine völkerrechtliche Grundlage für den Sturz Gaddafis in Libyen?

Und überhaupt: man beruft sich auf die Verfassung der Ukraine, hat aber verfassungsrechtlich keine Bedenken beim Umsturz auf dem Maidan. Egon Bahr hat es gewagt, darauf hinzuweisen, dass es in der Politik immer um Interessen von Staaten geht, und weniger um Prinzipien. Die Medien aber wollen uns weismachen, dass wir nur aus humanitären, demokratischen, völkerrechtlichen, verfassungsrechtlichen und sonstigen Gutmenschenprinzipien natürlich für die derzeitige Ukraine sein müssen. Kein Wort etwa über handfeste Interessen westlicher Staaten, politisch und wirtschaftlich.

Und wo wir schon bei der ARD sind: früher war nicht alles besser, aber zumindest internationaler. Die Tagesschau begann mit Außenpolitik, die ersten zehn Minuten gehörten der großen weiten Welt, dann ein bisschen Innenpolitik, am Ende Sport und die Wettervorhersage. Und heute: zehn Minuten Innenpolitik, dann eher pflichtgemäß Meldungen aus dem Ausland, Sport und das Wetter. Von der aktuellen Verschärfung im Konflikt zwischen Israel und Palästinensern kein Wort. Ist ja wohl auch nicht so wichtig, da berichtet man dann lieber politisch korrekt von den Paralympics in Sotschi und über die gefühlt 327.Goldmedalle einer deutschen Sportlerin dort, die vorher keiner gekannt hat, und die nachher wieder alle vergessen haben werden.

Auch im ZDF ist es nicht viel besser. Die einzige, die bissige Interviews geführt hatte, war Marietta Slomka, und die hat offensichtlich nach dem Gabriel-Interview einen Maulkorb bekommen – jedenfalls finden Interviews von ihr mit Politikern nicht mehr statt. Die Fernsehmedien spiegeln sozusagen die Große Koalition der Selbstzufriedenheit in Deutschland wider – wenn es wirtschaftlich nicht so schlecht geht, kuckt man gerne wieder auf den eigenen Bauchnabel.

Und das gilt auch weitgehend für die sogenannten Qualitätsmedien wie Spiegel online etc. Die haben Angst, dass ihnen die Leser weglaufen und versuchen deshalb, den kleinsten gemeinsamen Massen-Nenner zu treffen. Der wirtschaftliche Druck ist enorm. Auch bei Spiegel online erfahren wir daher täglich, was im Dschungelcamp so passiert oder ob Nena bei The Voice of Germany aussteigt oder nicht. Aber wenig etwa von Dingen, die uns betreffen oder schon bald betreffen könnten, wie zum Beispiel ein von Reuters aufgedecktes Geheimpapier der EU-Kommission, das vorsieht, die Rentenersparnisse von Millionen von EU-Bürgern als Kredite in die Wirtschaft umzuleiten, ob unter Zwang oder freiwillig ist (noch) unklar. Nö, ist ja nicht so wichtig!

Faktisch unterscheidet sich unsere Medienlandschaft nicht mehr großartig von der im autoritär geführten Russland. Es ist eine Art Seehofer-risierung der Medienlandschaft, latent autoritär wird uns erzählt, wie wir die Dinge so wahrzunehmen haben. Und das Volk ist gläubig, wählt mit überwältigender Mehrheit eine Kanzlerin, deren einzige Botschaft war: Weiter so!

Es wird Zeit, dass wir wieder die Augen öffnen und uns den Einheitsbrei der Medien nicht mehr gefallen lassen. Daher macht es Sinn, verstärkt Medien aus dem Ausland wahrzunehmen, deutschsprachig etwa aus der Schweiz, und viel natürlich aus angelsächsischen Ländern. Dort kommen Meldungen von großer Relevanz, die hierzulande nicht aufscheinen. Finanzmarktwelt.de sieht deshalb eine Hauptaufgabe darin, den medialen Einheitsbrei etwas bunter zu machen und gegen den Trend der Provinzialisierung aktiv vorzugehen!

10 Kommentare

10 Comments

  1. Avatar

    BigBen

    28. März 2014 11:47 at 11:47

    sehr lesenswerter Kommentar, weiter so !!!

    das ist gesteuerte Demokratie, anders funktioniert es ja nicht.

    das Volk muss dumm sein und bleiben, sonst siehe 1989 in der DDR …

  2. Avatar

    Thomas Oßwald

    28. März 2014 11:57 at 11:57

    Grosses Lob Herr Fugmann,

    endlich mal jemand, der sein „Mundwerk“ weit aufreisst und seine Meinung kundtut. Weiter so…ich lese Ihre Kommentare gerne und liebe Ihre erfrischenden Videos.
    Danke und Ihnen und Ihrer Mannschaft bei Finanzmarktwelt ein baldiges, erholsames Wochenende…
    Ihr Thomas Oßwald

  3. Avatar

    englaender

    28. März 2014 12:52 at 12:52

    Hallo Herr Fugmann, Faules Spiel kann man die Berichterstattung langsam nennen.. Wir verfolgen die russischen und deutschen Nachrichten parallel. Da wo es spannend wird , wird in Deutschland ausgeblendet. Gestern waren Tausende Neonazis in Kiev und wollten das Regierungsgebäude stürmen. Haben Sie schon etwas heute davon in der deutschen Presse gehört ? So geht das am laufenden Band hier in unserem so demokratisch vorbildlichen Land…. Das Volk der grossel Lümmel soll wohl verblöden… Ernst Englaender ….p.S. wer die Todesscharfschützen auf den Maidan bestellt hat ist immer noch nicht geklärt. Warum ?

  4. Avatar

    Dr.Volker Thiem

    28. März 2014 16:18 at 16:18

    Sie sprechen mir aus der Seele!!!

  5. Avatar

    HRK

    28. März 2014 17:23 at 17:23

    Guter Artikel!
    Und die Zensur geht noch weiter: Ein kritischer Leserkommentar von mir auf Zeit-Online, indem ich „von höherer Stelle verordnete antirussische Berichterstattung mit amerikanischem Nachgeschmack“ unterstellt habe wurde nicht nur gelöscht, sondern auch gleich der ganze langjährige Account gesperrt. Und da bin ich nicht der einzige.

    Eine große Frechheit ist auch daß wir per Gesetz dazu verpflichtet sind diese Berichterstattung (zumindest bei den öffentlich rechtlichen) per Rundfunkgebühr zu unterstützen ob wir Sie nun gut finden oder nicht.

    Das finde ich alles schon etwas bedenklich.

  6. Avatar

    Romanuss

    28. März 2014 18:45 at 18:45

    Der Weg zur neuen, von den USA bzw. vom geheimen Netzwerk machtgieriger Milliardäre bestimmten, Weltordnung dauert denen zu lang, weil zu viel Frieden in der Welt ist. Also geben die USA, die selbst gegen ihre eigenen Gesetze verstoßen und grundlos, immer mit Zustimmung der westlichen Welt, gegen andere Länder Krieg führen, den Ton an. Und die meisten, bisher verantwortungsvollen, gebildeten Journalisten scheinen über Nacht eine Gehirnwäsche bekommen zu haben und betreiben eine gefährliche Kriegshysterie.
    Russland soll sich unterwerfen, weil es der Welt-Terrorist USA so will. Da paktiert die sogenannte „demokratische“ Regierung Deutschland mit den Maidan – Faschisten, weil es der westlichen Demokratie entspricht. Ich hoffe sehr, dass die geballte Kraft verantwortungsvoller Internet-User bald so mächtig wird, dass sich verantwortungslose Politikdarsteller und Journalisten genauestens überlegen sollten, was sie tun. Russland soll wissen, dass es NIE allein ist und unserer starken Unterstützung sicher sein soll. Wenn es eine starke Reaktion seitens Russland gegen Westen geben sollte, so tragen die kriegerischen USA mit ihren Vasallenstaaten (besonders das ehemalige demokratische Deutschland) die Verantwortung. Merkel dient jetzt nur noch 100% dem amerikanischen Finanzkapital und der NATO-Rüstung und NULL Prozent dem deutschen Volk, so wie es eigentlich nicht geschworen hatte. Der deutsche Michel sollte endlich sein Gehirn einschalten und aufwachen, denn dann können wir alle mehr tun.

  7. Avatar

    Olli

    28. März 2014 18:53 at 18:53

    Erpressung und Nötigung
    Die gleiche Nummer wie in Griechenland, Zypern & Co. – wo es auch um Gasvorkommen geht.
    IWF, Vereinte Nationen, Weltbank – alles von den USA dominierte Gremien die dieses “freiheitlich-demokratischen” Praktiken ermöglichen.
    Darum geht es in der Ukraine tatsächlich:

    http://www.ardmediathek.de/das-erste/monitor/monitor-die-spd-und-das-russische-erdgas?documentId=20165074

    Wenn Geld nichts bewirkt wird halt geschossen:

    http://www.youtube.com/watch?v=ETSzkx6CG0o

  8. Avatar

    Horst Herbert

    29. März 2014 01:01 at 01:01

    Soso, die Medienlandschaft unterscheidet sich nicht mehr großartig vom autoritären Russland. Das ist an Lächerlichkeit nicht zu überbieten. Genausowenig wie der ständige Fingerzeig auf die empfundenen Verfehlungen des Westens, die selbsamerweise dazu benutzt werden, das russische Vorgehen zu legitimieren – ohne natürlich Russland zumindest ähnliche Verfehlungen zuzugestehen, denn das würde ja die schön einseitige Argumentation zunichte machen.
    Zu diesem Zweck werden dann Fakten verbogen, so wie zum Beispiel das Vergessen der vorhandenen Resolution des Sicherheitsrates als Grundlage des eingreifen der NATO zum Schutz der Zivilbevölkerung in einem bestehenden Bürgerkrieg in Libyen (Belagerung von Bengasi). Das hat mit dem russischen Einmarsch in eine bereits autonome Teilrepublik der Ukraine nichts zu tun.
    Vielleicht besteht insofern Einigkeit unter den „Einheitsmedien“ weil sie einfach die Wahrheit berichten? Und wenn es so geschäftsschädigend ist, die bemühte „alternative Wahrheit“ zu berichten, warum betreibt dann z.B. die FAZ aus Popularitätsgründen ein Forum, in dem fast nur genau solche veschwörungstheoretischen Ansichten vertreten werden?
    Die Frage ist nur, warum jetzt auch selbsternannte Börsenexperten auf verschiedenen Kanälen und Garagen-Webseiten als politische Kommentatoren auftreten und von Dingen schwafeln, die sowohl ihre finanzanalytische Integrität als auch ihre intellektuelle Selbstachtung beschädigen müssen. Vielleicht ist auch nur schon Wahlkampf und es sollen stimmen für AfD oder Linkspartei mobilisiert werden. Die inhaltlichen Unterschiede sind ja nur marginal.
    Eine gute Nacht (oder angenehmen Urlaub in Russland) wünscht,
    Ihr,
    Horst Herbert

    • Avatar

      BigBen

      31. März 2014 17:01 at 17:01

      gut gebrüllt löwe,

      seit jahren nun schon die gleiche leiher, … verschwörungstheorien, stammtischparolen, wahlkampfgeschrei usw.

      fehlt nur noch die nazikeule …

      kritik an unserer medienlandschft sollte durchaus seine daseinsberechtigung haben.

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finanztreff

Beste aller Welten eingepreist! Videoausblick

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten – kein Risiko, nirgends..

Markus Fugmann

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am

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten: die Fed werde ihnen nicht mehr weh tun, es werde einen tragfähigen Deal zwischen den USA und China geben, dazu auch eine Lösung im US-Budgetstreit (heute muß sich Trump entscheiden, ob er den Kompromißvorschlag annimmt oder nicht). Gleichzeitig sind die US-Indizes so überkauft wie seit Ende 2016 nicht mehr (als damals nach einem ersten Schock über die Wahl Trumps eine massive Rally eingesetzt hatte). All das kann noch extremer werden – aber die Vergangenheit lehrt: lange geht so eine Vertrauensseligkeit nicht gut. Der Dax hinkt den US-Märkten weiter hinterher..

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Hintergrund

Dax: Bullenpower sieht anders aus..

Über das radikale Auseinanderdriften der globalen Aktienmärkte..

Markus Fugmann

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am

Der Dax kann seine Erholung fortsetzen – aber es fehlt dieser Erholung schlicht an Dynamik! Die Anstiege verlaufen langsam, die Abverkäufe dagegen mit hoher Dynamik, sodass der Index – auf die letzten Handelswochen gesehen – ein Schritt nach vorne macht, um dann zwei Schritte wieder zurück zu machen. Von Entwarnung kann daher noch überhaupt keine Rede sein!

Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

Veröffentlicht

am

Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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