Es geht nicht um China – es geht um uns, also um Deutschland!
Der Besuch des Bundeskanzlers in Peking war mehr als ein diplomatischer Termin. Er war ein Moment der Selbstvergewisserung in einer Welt, in der sich Machtverhältnisse sichtbar verschieben. Deutschland reist nach China als exportorientierte Industrienation. China empfängt Deutschland als wirtschaftliche Systemmacht.
In der deutschen Debatte über China dominieren häufig moralische Kategorien – Fragen nach Menschenrechten, politischen Systemen oder geopolitischen Spannungen. Diese Themen sind legitim und wichtig. Doch sie verdecken mitunter die eigentliche, strukturell entscheidende Frage.
Sind wir in der Lage, mit einem aufsteigenden System wirtschaftlich, technologisch und institutionell Schritt zu halten?
China ist dabei nicht das Problem, sondern der Maßstab. Der Besuch in Peking macht diese Realität deutlicher als jede theoretische Analyse. Während wir politische Abwägungen treffen und regulatorische Rahmenbedingungen verfeinern, priorisiert China systematisch industrielle und technologische Entwicklung. Während wir Debatten führen, skaliert China Produktionskapazitäten, Infrastruktur und digitale Systeme.
Das ist keine ideologische Wertung, sondern eine Beschreibung unterschiedlicher Dynamiken. Und im globalen Wettbewerb entscheidet letztlich Dynamik.
Die Reise nach Peking war deshalb weniger Außenpolitik als eine stille Selbstprüfung. Nicht die Frage, was China will, steht im Zentrum. Entscheidend ist, ob wir strukturell fähig sind, mitzuhalten.
Die ökonomische Realität: China und Deutschland
Gemessen an der Kaufkraftparität liegt Chinas Wirtschaftsleistung bei rund 38 Billionen US-Dollar. Deutschland erreicht etwa sechs Billionen.
Diese Differenz ist kein Prestigeproblem. Sie ist ein Handlungsspielraum.
Größere Wirtschaftsmasse bedeutet:
• höhere Investitionsfähigkeit
• größere industrielle Skalierung
• stärkere Forschungsbudgets
• mehr militärische Finanzierung
• größere internationale Verhandlungsmacht
Noch entscheidender ist die Wachstumsdifferenz. China wächst trotz struktureller Probleme weiter mit vier bis fünf Prozent. Deutschland bewegt sich um die Nulllinie.
Über mehrere Jahre hinweg entsteht dadurch kein temporärer Abstand, sondern ein struktureller Trend. Relative Positionen verschieben sich nicht sprunghaft, sondern still – aber stetig.
Wachstum kumuliert. Ein struktureller Vorsprung von zwei bis drei Prozentpunkten über zehn Jahre erzeugt eine neue Hierarchie. Zinseszinseffekte wirken auch in der Realwirtschaft.
Was heute nach wenigen Prozentpunkten aussieht, wird morgen zu einem systemischen Abstand. Das ist Mathematik. Keine Meinung.
Industrie entscheidet
China hat einen Industrieanteil von rund 30 Prozent am BIP. Deutschland liegt bei etwa 20 Prozent. Diese zehn Prozentpunkte sind kein statistisches Detail, sondern Ausdruck unterschiedlicher wirtschaftlicher Architektur. Sie definieren, wie viel reale Wertschöpfung im eigenen System verankert bleibt.
Industrie bedeutet:
• Kontrolle über Lieferketten
• Produktionssouveränität
• technologische Umsetzungskraft
Industrie ist nicht Nostalgie. Sie ist die Fähigkeit, Innovation in physische Realität zu übersetzen. Ein Land ohne industrielle Tiefe ist abhängig. Ein Land mit industrieller Tiefe ist handlungsfähig. Wer Komponenten, Vorprodukte und Endfertigung beherrscht, bestimmt Geschwindigkeit und Richtung der technologischen Entwicklung.
China integriert vertikal. Europa fragmentiert horizontal. Das ist der strukturelle Unterschied.
Skalierung ist Macht
China reicht jährlich rund 1,5 Millionen Patente ein. Deutschland rund 170.000.
China produziert rund vier Millionen MINT-Absolventen pro Jahr. Deutschland etwa 350.000.
Diese Zahlen sind keine Symbolik. Sie sind Innovationsbreite. Sie definieren, wie viele Ideen parallel entstehen können. Sie definieren, wie viele Projekte gleichzeitig skaliert werden können.
Innovation entsteht nicht nur im Labor. Sie entsteht durch Masse. Durch Wiederholung, durch Versuch, durch parallele Entwicklungslinien. Wer Breite besitzt, erhöht die Wahrscheinlichkeit technologischer Durchbrüche. Wer skaliert, verschiebt Märkte. Und wer Märkte verschiebt, verschiebt Macht.
Deutschland und China – Die stille Machtverschiebung
Deutschland und China sind wirtschaftlich verflochten. Doch Interdependenz ist kein Gleichgewicht. Sie ist ein Verhältnis von Abhängigkeiten – und von Alternativen.
Die entscheidende Frage lautet: Wer kann wen schneller ersetzen? China dominiert:
• seltene Erden
• Batteriezellen
• Solarmodule
• zahlreiche elektronische Vorprodukte
Deutschland ist zugleich stark vom chinesischen Absatzmarkt abhängig. Teile der Industrie erzielen dort einen erheblichen Anteil ihres Umsatzes.
Wenn China Abhängigkeiten reduziert und Europa nicht, verschiebt sich das Machtgefüge automatisch. Nicht durch Konflikt. Sondern durch Substitution. Sie ist die stille Form von Macht.
KI beschleunigt alles
Künstliche Intelligenz ist kein Innovationszyklus wie andere. Sie verändert Produktionsstrukturen, Verwaltung, Militär, Finanzsysteme. Sie wirkt horizontal – über alle Sektoren hinweg.
Die Integration von KI erfordert: schnelle regulatorische Anpassung, industrielle Umsetzung,
• massive Investitionen, flexible Arbeitsmärkte.
China kann diese Integration kohärenter vornehmen. Strategische Prioritäten werden gebündelt, Skalierung wird früh angestoßen.
Der Westen integriert unter regulatorischer Dichte und politischer Fragmentierung.
Bestehende Systeme verteuern Anpassung. Geschwindigkeit wird zum geopolitischen Faktor.
Das eigentliche Problem liegt im Inneren
Der internationale Wettbewerb ist nicht unser größtes Problem. Unser größtes Problem ist fehlende Entscheidungsgeschwindigkeit. Deutschland ist institutionell noch stabil. Aber Stabilität ersetzt keine Handlungsfähigkeit.
Politische Mehrheitsbildung dauert lange. Reformen werden verwässert. Konflikte werden vertagt. Das Ergebnis ist kein Stillstand – aber zu wenig Tempo.
In einer Phase globaler Beschleunigung wird Tempo zum Standortfaktor. Die nächsten Jahre erzwingen konkrete Entscheidungen:
• Welche Industrien erhalten staatliche Priorität – und welche nicht?
• Welche Ausgaben werden gekürzt, um Investitionen zu ermöglichen?
• Welche Genehmigungsprozesse werden radikal verkürzt?
• Welche Strukturen werden trotz Widerstand reformiert?
Wer alles gleichzeitig erhalten will, erhält nichts strategisch. Priorisierung bedeutet:
Ein Ziel definieren – und anderes zurückstellen. Das ist keine moralische Debatte. Es ist eine Frage wirtschaftlicher Überlebensfähigkeit.
Deutschland: Wohlstand ist kein Dauerzustand
Deutschland lebt vom Kapitalstock vergangener Jahrzehnte. Von Infrastruktur, Know-how, industrieller Substanz und institutioneller Glaubwürdigkeit. Doch Kapital verschleißt.
Maschinen veralten. Netze altern. Kompetenzen wandern ab.
Produktivität erneuert sich nicht von selbst. Wettbewerbsfähigkeit ist keine historische Errungenschaft. Sie ist eine laufende Leistung.
Geschichte zeigt:
• Wohlstand geht selten in einem dramatischen Moment verloren.
• Er erodiert schleichend.
• Durch unterlassene Entscheidungen.
• Durch vertagte Reformen.
• Durch Bequemlichkeit im Bestand.
Es geht um Zukunftsfähigkeit
Das aktuelle politische Gefüge ist auf Stabilisierung ausgerichtet. Stabilisierung schützt Vorhandenes.
Doch die kommende Situation verlangt etwas anderes: klare Prioritäten, schnelle Umsetzung, Bereitschaft zum Konflikt. Nicht Konsens um jeden Preis. Nicht Absicherung jeder Interessengruppe. Sondern Entscheidung. Und die Akzeptanz, dass Priorisierung immer auch Verzicht bedeutet.
Von Regeln zu Protokollen – die neue Machtform
Die globale Ordnung war über Jahrzehnte regelbasiert. Verträge, Abkommen, Sanktionen – sie wirkten ex Post. Verhalten wurde bewertet, Verstöße sanktioniert. Regeln greifen, nachdem etwas geschehen ist. Sie reagieren.
Doch Macht verschiebt sich zunehmend von Regeln zu Protokollen. Ein Gesetz verbietet im Nachhinein. Ein Protokoll begrenzt im Vorhinein.
Ein Gesetz kann geändert, aufgehoben oder neu verhandelt werden.
Ein technisches Protokoll hingegen strukturiert Systeme dauerhaft. Es ist in Infrastruktur, Code und Architektur eingebaut. Das hat weder die Gesellschaft noch die Politik kapiert.
Aktueller Stand
SWIFT ist ein Zahlungsprotokoll. Wer ausgeschlossen wird, verliert faktisch Zugang zum globalen Finanzsystem. Nicht durch eine politische Debatte –sondern durch technische Deaktivierung. 5G-Standards legen technisch fest, wie Geräte, Netze und Systeme miteinander kommunizieren.
Nur wer diese Vorgaben erfüllt, ist kompatibel – und darf am Markt teilnehmen.
Wer Standards definiert, entscheidet daher vorab über Marktzugang und strukturelle Abhängigkeiten.
KI-Architekturen bestimmen, welche Anwendungen möglich sind –bevor Investitionen getätigt werden.
Was technisch nicht vorgesehen ist, kann wirtschaftlich nicht entstehen. Protokolle wirken ex ante. Sie definieren den Möglichkeitsraum.
Und genau darin liegt die strukturelle Machtverschiebung: Wer Protokolle definiert, gestaltet Märkte, bevor der Wettbewerb beginnt. Wer Standards setzt, schafft Pfadabhängigkeiten. Wer Architekturen kontrolliert, erzeugt strukturelle Abhängigkeiten.
Diese Macht ist schwer widerrufbar. Denn sie wirkt unterhalb der politischen Oberfläche.
China investiert nicht nur in Industrieproduktion. Es investiert gezielt in Normierungsgremien, Standardisierungskomitees, technische Allianzen und digitale Infrastrukturen. Es verbindet industrielle Skalierung mit institutioneller Präsenz.
Technologie, Markt und Standard werden strategisch zusammengedacht.
Europa hingegen reagiert vor allem regulatorisch. Es setzt Rahmenbedingungen, definiert Grenzwerte, erlässt Verordnungen.
Regulierung begrenzt. Protokoll-Gestaltung strukturiert. Dieser Unterschied ist fundamental.
Die innenpolitische Dimension: Ex-ante-Begrenzung des politischen Raums
Diese Verschiebung von ex post zu ex ante findet nicht nur global statt. Sie hat eine innenpolitische Parallele.
Wenn politische Mehrheitsbildung dauerhaft strukturell begrenzt wird, wenn bestimmte Koalitionsoptionen prinzipiell ausgeschlossen sind, wenn der politische Möglichkeitsraum vorab definiert ist, dann entsteht auch hier eine ex-ante-Struktur.
Die sogenannte Brandmauer ist in diesem Sinne kein tagespolitisches Instrument.
Sie ist eine Architekturentscheidung. Sie definiert nicht einzelne Inhalte. Sie definiert den Rahmen des politisch Möglichen.
Für die Chinesen ist dies ein sehr mächtiges und sogar entscheidendes Geschenk, kein einmaliges, sondern ein dauerhaftes Geschenk – solange die Brandmauer Bestand hat.
• Das kann moralisch begründet sein.
• Es kann historisch begründet sein
• Es kann stabilisierend wirken.
Aber es reduziert strukturell die Bandbreite politischer Konstellationen. Weniger Konstellationen bedeuten:
• höhere Kompromissdicht
• längere Verhandlungen
• geringere Reformgeschwindigkeit
In einer stabilen Welt ist das tragfähig. In einer Phase globaler Beschleunigung wird Tempo jedoch zum Wettbewerbsfaktor.
Wenn externe Akteure systemisch skalieren, Technologie, Industrie Standards bündeln und interne Entscheidungsräume gleichzeitig enger werden, entsteht eine asymmetrische Dynamik.
China erweitert seinen technologischen Möglichkeitsraum. Deutschland verengt seinen politischen Möglichkeitsraum. Das ist keine moralische Wertung. Es ist eine strukturelle Beobachtung. Externe Protokollmacht trifft auf interne Konsensarchitektur.
Die strategische Frage lautet deshalb doppelt: Wer definiert die globalen technischen Protokolle? Und wie groß ist der eigene politische Entscheidungsraum?
Denn Zukunftsfähigkeit entsteht nicht nur durch industrielle Stärke.
Sie entsteht durch die Fähigkeit, schnell und klar zu entscheiden bevor Systeme sich festschreiben.
Wenn globale Standards erst gesetzt sind, ist politische Diskussion nachgeordnet. Und wenn innenpolitische Architektur schnelle Priorisierung erschwert, wird Reaktion teurer.
Das ist die eigentliche Machtverschiebung: Sie findet außen technisch statt – und innen strukturell.
Der globale Süden entscheidet mit
Rund 85 Prozent der Weltbevölkerung Leben außerhalb der OECD-Staaten.
Diese Zahl allein verändert die Perspektive. Viele dieser Länder wachsen mit vier, fünf oder sechs Prozent pro Jahr. Für sie ist Wachstum kein Luxus. Es ist Stabilitätsvoraussetzung.
Im Vordergrund stehen: Energieversorgung, Infrastruktur, Industrialisierung, Beschäftigung
Diese Staaten bewerten Politik anders. Sie fragen nicht zuerst nach normativer Feinabstimmung. Sie fragen nach Umsetzung.
China bietet Finanzierung, Geschwindigkeit und industrielle Umsetzung. Es liefert Kraftwerke, Straßen, Netze, Fabriken. Es koppelt Investitionen an langfristige Partnerschaften.
Europa bietet Regulierung, Nachhaltigkeitsstandards und institutionelle Rahmen. Das ist wichtig Aber es macht langsamer.
Entwicklung folgt Dynamik. Wer Projekte realisiert, gewinnt Vertrauen. In Aufholökonomien zählt Wachstum mehr als moralische Selbstvergewisserung Nicht aus Zynismus – sondern aus Notwendigkeit.
Internationale Institutionen verändern sich nicht durch Reden. Sie verändern sich durch Gewicht. Und Gewicht entsteht durch wirtschaftliche Dynamik, Investitionen und Finanzierungskraft. Wenn der globale Süden wächst und China dort strukturell präsent ist, verschiebt sich langfristig auch die institutionelle Prägung. Konkret: Der Westen verliert sukzessive an Einfluss
Nicht abrupt. Aber kumulativ.
Die innenpolitische Frage ist eine Systemfrage
Deutschland steht vor strukturellen Entscheidungen, die nicht kosmetischen Natur sein dürfen, sondern um Prioritäten.
Es geht um:
• Ressourcen neu verteilen
• Bestandssysteme überprüfen
Investitionen stärker auf Zukunftstechnologien lenken
• Genehmigungsverfahren deutlich beschleunigen
• Technologieprogramme klar fokussieren statt breit streuen
Diese Entscheidungen sind nicht angenehm. Sie erzeugen Widerstände. Sie betreffen Interessen. Sie verlangen Verzicht an anderer Stelle.
Doch genau hier liegt der Kern: Wenn die politische Architektur primär auf Stabilisierung und maximalen Konsens ausgerichtet ist, dann werden harte Prioritäten oft vertagt. Vertagung wirkt harmlos. Ist sie aber nicht. Vertagung bedeutet: andere entscheiden schneller.
China bündelt strategische Projekte zentral. Industriepolitik, Technologieprogramme und Infrastruktur werden koordiniert umgesetzt. Prioritäten werden gesetzt – und durchgesetzt.
In Deutschland hingegen werden Entscheidungen häufig in langen Abstimmungsprozessen ausgehandelt. Kompromisse sichern politische Stabilität verlangsamen aber Umsetzung.
In einer beschleunigten Welt wird Reformgeschwindigkeit zum Wettbewerbsfaktor.
Nicht die Lautstärke politischer Debatten entscheidet. Nicht moralische Positionierung. Sondern die Fähigkeit, Ressourcen schnell und klar zu bündeln. Wenn ein System Prioritäten setzen kann, gewinnt es Tempo.
Wenn es vor allem moderiert, verliert es Zeit. Und Zeit ist im globalen Wettbewerb ein realer Faktor.
Staatsquote und Ressourcenbindung
Deutschland weist eine hohe Staatsquote auf. Ein erheblicher Anteil der volkswirtschaftlichen Wertschöpfung fließt in Transfers, Verwaltung und Bestandssysteme. Das schafft soziale Stabilität. Es reduziert individuelle Risiken. Es sichert gesellschaftlichen Zusammenhalt. Stabilität ist ein Wert. Doch Stabilität bindet Kapital.
Gebundenes Kapital steht nicht für strategische Investitionen zur Verfügung. Und genau hier entsteht der strukturelle Zielkonflikt. Der Gesundheitssektor ist ein prägnantes Beispiel für Kostenbindung. Er wächst seit Jahren überproportional. Er bindet qualifiziertes Personal. Er absorbiert erhebliche finanzielle Mittel.
Das ist politisch gewollt. Aber es verschiebt Ressourcen dauerhaft in konsumtive Strukturen. Es geht nicht um Sozialabbau. Es geht um Opportunitätskosten. Jeder Euro, der in bestehende Systeme fließt, steht nicht für:
• Forschung
• industrielle Modernisierung
• Infrastruktur
• digitale Transformation
zur Verfügung.
Hier zeigt sich der Unterschied zu China deutlicher. China hat ebenfalls hohe staatliche Steuerung – doch der Schwerpunkt liegt stärker auf investiven Ausgaben.
Industrieprogramme, Infrastruktur, Technologiecluster und strategische Sektoren werden gezielt priorisiert.
Der Staat agiert dort nicht primär redistributiv (verteilen), sondern expansiv und investiv. In Deutschland stabilisiert der Staat. In China erweitert er strategische Kapazitäten.
Das ist keine moralische Bewertung. Es ist ein Unterschied in der Priorisierung.
Ressourcenallokation ist Machtpolitik im Inneren. Sie entscheidet darüber, welche Sektoren wachsen –und wie schnell ein Land seine wirtschaftliche Substanz erneuert.
In einer Phase globaler Machtverschiebung wird diese Frage zentral.
Bildung als strategische Variable
China priorisiert MINT-Kompetenzen systematisch. Der Zugang zu Spitzenuniversitäten erfolgt über leistungsorientierte Auswahlverfahren. Technische Exzellenz wird früh identifiziert und gezielt gefördert.
Die hohe Zahl technischer Absolventen erzeugt Innovationsbreite. Breite bedeutet: mehr Entwickler, mehr Ingenieure, mehr parallele Projekte. Skalierung beginnt im Bildungssystem.
Deutschland verfolgt ein stärker „ausgleichsorientiertes“ Modell. Soziale Durchlässigkeit und föderale Vielfalt stehen im Vordergrund. Beide Systeme haben normative Berechtigung.
Doch im globalen Wettbewerb entscheidet nicht nur soziale Balance. Entscheidend ist das Leistungsniveau in Schlüsseltechnologien. Nicht einzelne Eliteinstitute bestimmen die Zukunftsfähigkeit. Systemische Breite entscheidet.
Die zentrale Frage lautet daher: Reicht unser technisches Leistungsniveau aus,
um in KI, Halbleitern, Robotik und Energietechnologien langfristig mitzuhalten?
Wenn die Breite fehlt, fehlt die Skalierung. Und ohne Skalierung entsteht keine technologische Führungsfähigkeit.
Das Zeitfenster – Warum fünf bis sieben Jahre?
Weil das einem typischen Investitionszyklus in Industrieanlagen entspricht.
Weil zwei KI-Generationen ausreichen, um Standards zu setzen – oder zu verlieren.
Weil technologische Infrastruktur in ähnlichen Zeiträumen festgeschrieben wird.
Standards, die sich einmal durchsetzen, erzeugen Pfadabhängigkeiten. Spätere Anpassung ist möglich – aber teurer und strategisch nachgeordnet.
Bis 2030 wird sich zeigen, ob Deutschland strukturelle den Hebel behält – oder verliert. Nicht abrupt. Nicht dramatisch, schleichend. Aber dauerhaft. Wer in diesem Zeitfenster nicht priorisiert, wird später reagieren müssen. Und Reaktion ist immer schwächer als Gestaltung.
Das Reform-Tableau
Deutschland braucht kein ideologisches Reset. Es braucht operative Klarheit. Konkret heißt das:
• Produktivitätswachstum von über zwei Prozent
• Erhöhung des absoluten F&E-Volumens
• deutliche Beschleunigung von Genehmigungsprozessen
• klare Fokussierung auf strategische Schlüsseltechnologien
• Überprüfung der Ressourcenallokation
• gesellschaftliche Konsolidierung
Nicht alles fördern. Nicht alles gleichzeitig absichern.
China priorisiert strategische Sektoren mit klarer industrieller Zielsetzung. Deutschland diskutiert häufig breiter, länger, konsensorientierter. Reformfähigkeit ist keine parteipolitische Kategorie. Sie ist eine Machtkategorie. Sie entscheidet über Tempo. Und Tempo entscheidet über Relevanz.
Schluss – Klartext
Der Besuch in Peking war kein diplomatisches Ereignis. Er war ein Realitäts-Check.
China wird Europa nicht konfrontativ verdrängen. Es wird Europa entbehrlich machen, wenn Europa strukturell langsamer bleibt.
Wohlstand ist kein historischer Besitzstand. Es ist das Ergebnis fortlaufender Produktivität, Wer Anpassung vertagt, verliert Spielraum. Wer Priorisierung vermeidet, verliert Tempo.
Die kommenden Jahre verlangen Entscheidungskraft. Nicht rhetorische Überlegenheit. Nicht moralische Selbstgewissheit. Sondern Priorisierung.
Die Zeit arbeitet nicht für uns. Sie arbeitet für die, die handeln.
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Das ist ja alles unstrittig (hoffentlich), aber die Frage ist, was sollte konkret getan werden? Ich denke, da würden die Antworten auch unter Bejahung aller obigen Aussagen weit auseinandergehen.
Ich würde z.B. sagen, als erstes müßte der sog. Klimaschutz vollständig weichen um Ressourcen freizugeben und Handlungsspielräume zu eröffnen. Da wird es in diesem Forum hier heftigen Widerspruch geben.
Ich würde ferner sagen, das ein staatlich finanziertes Studium daran gekoppelt sein muss, dass die Absolventen eines solchen Studiums später auch überproportional zum Einkommen des Gemeinwesens beitragen können. Das ist keine Schwarz-Weiß-Diskussion, aber sicher ist, dass MINT-Fächer dies in weitaus höherem Maße garantieren, als Genderstudies.
Ich würde aber auch sagen, dass Deutschland weder in der Lage noch in der Notwendigkeit ist, mit China vollumfänglich konkurrieren zu müssen. Das wäre aber die USA.
Auch würde ich sagen, dass kein Land gezwungen ist, sich allen Normierungen zu unterwerfen. Es müßte aber in einer Demokratie offen und mit allen Folgen durch die Politik geleitet darüber diskutiert werden. (Unvorstellbar mit Politikern, die den Alltag der Menschen nicht kennen und deren intellektuelles Niveau niedriger als beim Bevölkerungsdurchschnitt ist.)
Abschließend: der Westen durchlebt seit „1968“ einen Wertewandel, der u.a. dazu führt, dass keine Normalbiografie mehr existiert. Durch die Einwanderung aus anderen Kulturräumen wird die Vielfalt zusätzlich erhöht. Unter diesen Rahmenbedingungen ist eine Priorisierung wie vorgeschlagen kaum möglich.
Die Vorstellung des Kanzlers besteht nach meinem Eindruck darin, die Reste der Bevölkerung die die alte Normbiografie lebt (Schulabschluß, Beruf und/oder Studium, Ehe und Familie, arbeiten oder unternehmen bis zur Hinfälligkeit), völlig auszuquetschen, und den Wandel einfach zu ignorieren. Wofür z.B. seine Ansicht über Teilzeit spricht, in der er völlig ignoriert, dass die Teilzeit häufig auch Notwendigkeit ist.
Diese Strategie ist aussichtslos, weil gerade die durch den von ihm ignorierten Wandel erwachsenen Möglichkeiten, auch diesen Menschen viele Möglichkeiten zum Ausweichen geben.
Und da diesen Menschen von ÖRR und Konzernmedien erfolgreich eingeredet worden ist, dass alles „in Butter“ ist, kann auch kein Verständnis erwarten.
An das angesagte Zeitfenster bis 2030 mache ich für mich daher einen gepflegten Haken und richte mich individuell auf „stilvolles verarmen“ ein.
Man sollte nicht vergessen, dass China bei seiner sehr hohen Sparquote enormes Kapital zur Verfügung hat.
…Chinas Bruttosparquote ist eine der höchsten weltweit und belief sich 2024 auf etwa 43,4 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP)…
https://www.google.com/search?q=wie+hoch+ist+die+Sparquote+in+China&num=10&sca_esv=998a066a4e114733&biw=1604&bih=772&sxsrf=ANbL-n4LMazmx6T_G932OHBTgzTH2A1fqg%3A1772634295697&ei=t0CoaeGjKoOokdUPyof_0AQ&ved=0ahUKEwih24usuYaTAxUDVKQEHcrDH0oQ4dUDCBE&uact=5&oq=wie+hoch+ist+die+Sparquote+in+China&gs_lp=Egxnd3Mtd2l6LXNlcnAiI3dpZSBob2NoIGlzdCBkaWUgU3BhcnF1b3RlIGluIENoaW5hMgUQIRifBTIFECEYnwVIwjJQ6w9YjyhwAXgBkAEAmAHaAaABpQWqAQUwLjMuMbgBA8gBAPgBAZgCBaAC2AXCAgoQABiwAxjWBBhHwgIEECMYJ8ICBRAAGO8FwgIIEAAYgAQYogTCAgcQIRigARgKmAMAiAYBkAYIkgcFMS4zLjGgB_IPsgcFMC4zLjG4B80FwgcFMi0zLjLIByGACAA&sclient=gws-wiz-serp
Viele Grüße aus Andalusien
Helmut
Die Lösung wäre ein Wahlgesetz wie in GB und USA. Hätten wir das würde heute die Union alleine regieren.