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Deutschland: Von der wirtschaftlichen Lokomotive zum Sorgenfall?

Deutschland - bald ein Sorgenkind?

Wird Deutschland von der wirtschaftlichen Lokomotive bald zum Sorgenfall? Der „Sugar Rush“, als Umschreibung für den wirtschaftlichen Aufschwung nach den Tiefen von Corona im Jahr 2020, ebbt in vielen westlichen Regionen ab. Im letzten Jahr fielen fast alle Volkswirtschaften der Welt in die Rezession – bis auf China -, um ein paar Quartale später wieder durchzustarten. Eine durch extreme staatliche Maßnahmen (Kurzarbeiter- und Helikoptergeld, Zinssenkungen, plus opulente Anleihekäufe) gepushte Konjunktur ließ das Wachstum in zweistelligen Raten nach oben schießen. Bis die Nachteile der Geldflut und einem gleichzeitigen Herausklettern aus einer Rezession durch etwa 150 Staaten dieser Welt einen Kollaps von Lieferketten und steigenden Preisen in allen Bereichen zur Folge hatte. Jetzt fallen die Wachstumsraten auf Niveaus von vor Corona und ganz besonders erwischt hat es Deutschland. Mit einer Folge, an die man im Vorjahr nicht gedacht hatte.

Deutschland: Die Rezession 2020 und das Wachstum im dritten Quartal 2021

Dass unsere Volkswirtschaft als Exportnation durch die Lieferengpässe, speziell unsere Schlüsselindustrie, der Automobilsektor, besonders beeinträchtigt werde, war schon voraussehbar. Aber dass sich unserer Wachstum gleich auf Niveaus unterhalb unserer Nachbarländer absenken würde, überraschte schon, schließlich ist unser Arbeitsmarkt, staatlich gestützt, sehr gut durch die Krise gekommen. Schließlich war die Rezession in Deutschland weniger dramatisch als erwartet ausgefallen.

Die Corona-Rezession 2020 im Vergleich:

Deutschland: minus 4,9 Prozent
EU-Gesamt: minus 6,3 Prozent, Eurozone 6,8 Prozent
Spanien: minus 11 Prozent
Italien: minus 8,8 Prozent
Frankreich: minus 8,2 Prozent
Österreich: minus 6,3 Prozent
Zum Vergleich USA (minus 3,5 Prozent) und Großbritannien (minus 9,8 Prozent).

Während es in den USA aber schon im ersten Quartal 2021 kräftiges Wachstum mit über 6 Prozent gegeben hatte, rutschte Deutschland in Q1 mit minus 1,7 Prozent sogar wieder in die Rezession. Nach einem kurzen Aufbäumen in Q2 geht es schon wieder abwärts.

Das letzte Quartal Q3 – Deutschland lahmt

Deutschland und seine Wirtschaft

Am letzten Freitag liefen die lang erwarteten Nachrichten mit der Bekanntgabe der Wachstumsraten für das dritte Quartal in den großen Volkswirtschaften über die Laufbänder. Mit Spannung deshalb, weil das Wort Stagflation schon des Öfteren die Runde gemacht hat, also der Zustand einer hohen Inflation, bei gleichzeitig abflauendem Wachstum. Lieferengpässe und höhere Kosten forderten ihren Tribut und so kam es zur erwarteten Abschwächung: In den USA auf 3,0 Prozent für Q3, für die Eurozone auf 2,2 Prozent und zur Enttäuschung Vieler, in Deutschland auf 1,8 Prozent.

Enttäuschtend deshalb, weil es in Italien um 2,6 Prozent und in Frankreich sogar um 3,0 Prozent nach oben gegangen war. Auch Spanien blieb mit zwei Prozent unter der Schätzung von 2,9 Prozent, lag aber noch vor der großen Volkswirtschaft. Deutschland entwickelte sich nun schon das dritte Quartal in Folge schlechter als die anderen großen Volkswirtschaften in Europa – ist man wieder auf dem Weg zum kranken Mann Europas? Denn die 19 Länder der Eurozone sind aktuell im Schnitt um 0,4 Prozent stärker gewachsen als das Land, dem man zugetraut hatte, bereits im letzten Quartal des Jahres gesamtwirtschaftlich über dem Niveau von Ende 2019 zu stehen. Aktuell geht man für Q4 aber sogar von einer weiteren Abschwächung des Wachstums aus.

Die vermeintliche Stärke und der Wiederaufbaufonds

Als man im März 2021 den 750 Milliarden Euro schweren Wiederaufbaufonds im Deutschen Bundestag verabschiedet hatte, ging man noch davon aus, dass Deutschland aufgrund seiner deutlich schwächeren Rezession 2020 (4,9 %) weniger Unterstützung aus dem Fonds benötigen würde. Milliarden Euro fließen nach Italien, auch das stark wachsende Frankreich ist nur ein kleiner Nettoeinzahler. Der Fonds umfasst 750 Milliarden Euro, von denen 390 Milliarden als Zuschüsse nicht zurückgezahlt werden müssen, während weitere 360 Milliarden Euro als Kredite laufen werden.

Deutschland ist mit 65 Milliarden Euro der größte Nettoeinzahler und als größte Volkswirtschaft auch größter Bürge. Aus heutiger Sicht hat man ziemlich schlecht verhandelt.

Schlussfolgerung

Deutschland ist zweifelsohne derzeit von der Situation an den Märkten mit Lieferengpässen und hoher Inflation sehr in seiner konjunkturellen Entwicklung betroffen. Hinzu kommen die Kosten für den Umbau unserer Energiewirtschaft, die auch ein gewisses Alleinstellungsmerkmal Deutschlands aufweisen. Niemand steigt weltweit gleichzeitig so aus Atomenergie und Kohle aus. Was in nächster Zeit zu weiteren konjunkturellen Belastungen führen wird sowie dem Wirtschaftstandort Deutschland mit seinen Steuerzahlern Stress verursachen könnte.

„EZB“, der rheinländische Marktanalyst Robert Halver hat diese Abkürzung oftmals mit „Einer Zahlt Bestimmt“ sarkastisch umschrieben. Nur könnte man in der aktuellen Gemengelage nicht die Zentralbank dahinter vermuten, eher das finanzkräftigste Mitgliedsland in Europa.



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1 Kommentar

  1. Das war nicht voraus zusehen? Man mag halten was man will von der AfD, aber Herr Böhringer hat vor der so genannten Corona-Hilfen gewarnt auch die Zahlungen an die EU ( Übernahme der Zahlungen GB) hat er bemängelt. Auch von Herr Sinn kann man halten was man will aber seine Worte: Eine Energiewende ins nichts.
    Die Politik hat alles aber auch alles getan um Deutschland so schlecht aussehen zulassen.
    Der Deutsche zahlt alles was kommt in dieser EU und man redet was wir für Vorteile von der EU haben, da kann ich nur sagen 65 Milliarden Einzahlungen jedes Jahr und über 1 Billion Target 2 Salden, für den Arbeitnehmer die höchsten Steuern und Abgaben, Vorteile sehen anders aus.

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