Märkte

Die ABCD-Companies oder die „Big-Boys“ der Rohstoffe

Ernte von Weizen

Wer hat’s erfunden? In der Schweiz sitzen die größten Agrar-Rohstoffhändler der Welt. Rohstoffe sind die Grundlage unserer industriellen Gesellschaft. Sie sind Anlass von Kriegen, Triebkraft wirtschaftlicher und technischer Entwicklungen und Basis vieler gigantischer Vermögen, die im Laufe der Geschichte angehäuft und auch wieder verloren wurden. Zweifelhafte Berühmtheit erlangten hier die Gebrüder Hunt, die in den späten 70ger Jahren den Silbermarkt zu dominieren versuchten, bis die Silber-Kurse am sogenannten “Silver Thursday” (27. März 1980) abstürzten. Dieser Milliarden-Verlust ließ sie in Folge in Konkurs gehen.

Verschwiegener Markt für Rohstoffe

Der Markt der Rohstoffhändler ist äußerst verschwiegen und sehr diskret. Geschäfte in Millionenhöhe werden am Telefon abgeschlossen, das gesprochene Wort gilt! Und jedes Geschäft bringt logistische Herausforderungen mit sich, die wiederum neue technische Entwicklungen und groß angelegte infrastrukturelle Bauprojekte auslösen. Der Bedarf an Transportkapazität und Tonnage steigt seit 1985 kontinuierlich an. Die Weltflotte umfasst ca. 5200 Containerschiffe mit einer Kapazität von 21 Millionen Containern und ist für den Transport der Rohstoffe unverzichtbar. Der Handel über die Weltmeere ist der vitale Kreislauf, der unsere Weltwirtschaft am Leben hält. Alles dreht sich im Grunde um Rohstoffe, und die großen Spieler in diesem Geschäft, die „Big Boys“, sitzen alle in der Schweiz. Die Neutralität, die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die vorteilhafte Besteuerung und die Bankenkonzentration bilden das ideale Umfeld, um Rohstoffhandel im ganz großen Stil zu betreiben.

Wer sind die „Big Boys“ im Agrar-Rohstoffhandel, die ABCD-Companies?

Die großen Agrarhändler haben die beschauliche Stadt Genf am Genfer See zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Aktivitäten gemacht. Sie teilen sich 80 Prozent des Welthandels mit Getreide untereinander auf und nennen sich in Fachkreisen die ABCD-Companies; dieser Begriff ist vergleichbar mit den „Seven Sisters“ (Sieben Schwestern) – damit waren die sieben großen Ölfirmen gemeint, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts den Ölmarkt und die Welt untereinander aufgeteilt hatten. Hinter dem Begriff ABCD-Companies verbergen sich die vier Unternehmen ADM (A), Bunge (B), Cargill (C), und Louis Dreyfuss Company (D). Nur ADM und Bunge sind an der Börse notiert, Cargill und Louis Dreyfuss Company zählen zu den größten nicht-börsennotierten Unternehmen Europas. Der Ukraine-Krieg hat die Unternehmen wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Laut der letzte Pressemitteilung gaben Cargill und ADM bekannt, ihre Geschäfte in Russland zwar zurück zu fahren, „essentielle“  Nahrungsmittelbetriebe aber weiterhin produzieren zu lassen. Bunge Ltd. gab bekannt, seine Speiseölproduktion für den heimischen russischen Markt weiter zu betreiben, sonst aber ihr Geschäft nicht weiter auszubauen. Die Louis Dreyfuss Company hat die Geschäfte in Russland seit dem 4. März eingestellt.

Um als großer Spieler im Rohstoff-Geschäft bestehen zu können, muss man Produzent, Industrieller und Finanzier zugleich sein. Es ist nicht ungewöhnlich, dass eine Firma wie Louis Dreyfuss Company im Agrarbereich, im Metall- und Energiesektor, im Schiffbau und im Finanz- sowie Immobilienmarkt tätig ist. Das Unternehmen besitzt und verwaltet Hedgefonds, Containerschiffe, entwickelt und betreibt Telekommunikationsinfrastrukturen und ist auch an der Verwaltung und dem Besitz von Immobilien beteiligt. 2018 wurde das erste Geschäft auf Blockchain-Basis durch den Verkauf einer Ladung Sojabohnen aus den USA an die Shandong Bohi Industry Co. In China abgewickelt. Diese Abwicklung auf Blockchain-Basis könnte in der aktuellen Krise ganz neue Alternativen eröffnen, den Geldfluss trotz Sanktionen zu ermöglichen.

Weizen als politisches Druckmittel

Seit Beginn des Ukraine-Krieges ist der Weizen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Russland und die Ukraine sind große Weizenproduzenten, die durch den Krieg und die Sanktionen für den Weltmarkt auszufallen drohen. An den Terminbörsen wird der Weizenkontrakt mit viel Aufmerksamkeit verfolgt, insbesondere von Staaten, die auf den Import angewiesen sind. Ägypten, das Land mit dem weltweit größten Weizenimport, hat am 10. März bereits ein Exportverbot für Weizen und Weizenprodukte beschlossen. Laut Statista importierte Ägypten in 2021/22 geschätzt 13 Millionen Tonnen Weizen.

An diesem Beispiel wird deutlich, welche Logistik hinter diesen nackten Zahlen steht. 13 Millionen Tonnen Weizen sind 650.000 TEUs. TEU bedeutet: Twenty-Foot Equivalent Unit oder auf Deutsch: 20-Fuß-Container. Das sind also 33 voll beladene gigantische 20.000 TEU Containerschiffe, wie die “Ever Given” der Reederei Evergreen, die Ägypten jedes Jahr benötigt, um seine Bevölkerung von 92 Millionen Menschen zu ernähren. Dies ist jetzt mal kein Vergleich mit Fußballfeldern oder dem Saarland, doch ist allen noch das Containerschiff “Ever Given” ein Begriff. Es erlangte im März 2021 traurige Berühmtheit, als es havarierte und ganze sechs Tage lang den Suezkanal blockierte. Aber mit Container Schiffen alleine lässt sich solch eine Aufgabe nicht bewältigen, zudem benötigt man noch Tiefseehäfen, Docks, Terminals, Silos, Lagerhäuser, LKWs und vieles mehr. Und mindestens zwei Milliarden US-Dollar, um das Geschäft zu finanzieren.

Da die großen Agrarhändler am Terminmarkt ihre physischen Geschäfte absichern und auch als Spekulanten auftreten, wäre es nicht ungewöhnlich, wenn die Preise für Agrarrohstoffe weiter steigen, wie 2010 während der Dürreperiode in Russland. Damals kam es zu einem Exportverbot für Weizen aus Russland. Wer keine moralischen Bedenken hat, findet in ADM und Bunge zwei börsennotierte Unternehmen, mit denen man auf eine weitere Preissteigerung und hohen Volatilitäten bei Rohstoffen wetten kann. Im Chart sieht man ADM und Bunge relativ zu Weizen und dem S&P500 seit Kriegsbeginn.

ADM (Archer-Daniels-Midland Company)
Schlußkurs 11.03.2022: 83.60 US-$
Marktkapitalisierung: 46.997 Milliarden US-$
Dividenden Rendite: 1.91%
KGV: 17.60

Bunge Ltd. (BG)
Schlußkurs 11.03.2022: 109.93 US-$
Marktkapitalisierung: 15.548 Milliarden US-$
Dividenden Rendite: 1.91%
KGV: 8.02

ADM und Bunge relativ zu Weizen und dem S&P500 seit Kriegsbeginn

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