Europa

Die Briten verschulden sich immer mehr – wird schon gut gehen..

FMW-Redaktion

In UK hat man über Schulden stets eine andere Meinung vertreten als etwa in Deutschland: erzählt man einem Briten, dass man keine Schulden habe, erntet man meist ungläubiges Kopfschütteln – seltsam, die Deutschen, so der Tenor.

Vielleicht sind wir Deutschen in dieser Hinsicht ja wirklich seltsam – aber man kann durchaus argumentieren, dass man besser schlafen kann, wenn man nicht mehr ausgibt, als man einnimmt oder mehr Schulden als Geld auf dem Konto hat. In UK sieht man das nicht so eng, Geld ist dafür da, ausgegeben zu werden, Schulden sind kein Problem. Und derzeit haben die Briten, die ja am 23.Juni die Entscheidung darüber treffen, ob sie aus der ungeliebten Eurozone ausscheiden, mit Schulden schon gar kein Problem: so stieg die Verschuldung der Briten bei sogenannten „unsecured lendings“ (z.B Kreditkarten) um 9,1% zum Vorjahresmonat – das ist der schnellste Anstieg seit 10 Jahren. Als die Verschuldung im Jahr 2005 zuletzt ähnlich stark gestiegen war, hatte UK 14 Jahre ununterbrochenes Wachstum hinter sich – bevor dann das BIP im Jahr 2009 um 4,3% einbrach.

Insgesamt nahmen die Briten 1,6 Billionen Pfund mehr Schulden auf, als sie an Schulden zurück zahlten – man konsumiert derzeit in UK sorgenfrei und glaubt, dass der vermeintlich gute Zustand der Wirtschaft weiter anhalten werde. Es ist eine fast reine Dienstleistungsgesellschaft entstanden, ähnlich wie in den USA, die kaum mehr Güter herstellt. Das geht in guten Phasen gut, in schlechten weniger: wenn die Zeiten schwieriger werden, wird man eben manche Dienstleitung nicht mehr in Anspruch nehmen, die man sich dann nicht mehr leisten kann. Bei vielen Gütern hingegen ist das ungleich schwieriger.

Die Schuldenaufnahme geht vor allem so lange gut, bis die Zinsen steigen – und damit die Schuldenlast. Dass die Briten so eifrig neue Schulden aufnehmen, liegt auch daran, dass sie inzwischen ahnen, dass auch in UK die Zinsen so schnell nicht steigen werden – trotz des monatelangen vorgebrachten Mantras der Bank of England, dass man die Zinsen anheben werde, ganz bestimmt. Aber davon ist die Bank of England inzwischen abgerückt.

Gleichwohl sieht man auch bei der Notenbank die fröhliche Schuldenorgie mit Sorge. Viel Raum für eine weiter steigende Verschuldung gebe es nicht mehr, wenn man nicht gefährliche Ungleichgewichte riskieren wolle, so John Cuncliffe, der bei der Notenbank für die Finanzstabilität verantwortlich zeichnet. Am 23.März wird sich das Financial Policy Committee der Bank of England treffen und über das Thema diskutieren. Dort weiß man: es ist eben nicht so, wie Bank of England-Chef Carney neulich gesagt hatte: der Konsum sei stark, weil er sich aus starken Einkommen speise. Viel des Konsums läuft auf Pump – das zeigen die neuesten Zahlen eindrucksvoll.

Indirekt gestand das Carney kürzlich sogar selbst ein – die Briten seien ziemlich stark verschuldet, und wenn man nicht Fehler der Vergangenheit wiederholen wolle, müsse man eben diese Verschuldung bremsen:

“They are still relatively indebted, and we want to make sure that, the collective, we do not repeat the mistakes of the past of getting too indebted and then getting shocked – shocked – by movements on rates.“

Denn eines ist klar: die Zinsen dürfen nicht steigen, sonst könnte das Kredit-Kartenhaus zusammen brechen. Carney aber will sich alle Optionen offen halten – eben auch die Zinsen anheben, wenn die Bank of England das für ökonomisch notwendig halten sollte. Bei der massiven Verschuldung der Briten auf die Bremse zu drücken, liegt daher durchaus im Interesse der Bank of England, wenn sie sich ihre Handlungsspielräume erhalten will. Für die konsumfreudigen Briten wäre das keine so gute Nachricht..



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3 Kommentare

  1. Gleiche Schulden mit minimal höheren Zinsen
    Oder
    Gleiche Zinsen mit schnell wachsenden schulden .
    Der Berg wächst ,egal wie .

  2. Wenn wir mal ganz ehrlich sind: jeder, der Währungseinheiten besitzt (egal ob digital oder Baumwollscheinchen) oder nicht, hat Schulden oder einen Schuldtitel mit welchem er „bezahlt“. Da Schuld immer etwas negatives darstellt, kann man dem derzeitigen Finanzsystem irgendwie nichts positives abgewinnen. (mMn)

  3. HInzukommt, daß bei den Briten die Kreditkarten viel verbreiteter sind, als bei Deutschen. In dem Moment geht das Ausgeben schneller und viel unkontrollierter:
    http://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article125119968/Warum-Millionen-von-Briten-verschuldet-sind.html
    ZItat „Leider wird Konsum (in England) als etwas Gutes, gesellschaftlich Wertvolles angesehen“, sagt Linda Isted, Beraterin bei der Debt Advice Foundation. „Es gibt keine Werbung für ein Produkt, bei der nicht auch ein Kredit angeboten wird“, weiß sie. Dazu kommt: Anders als in Deutschland ist Bargeld in Großbritannien auf dem Rückzug, Zahlungen per Kreditkarte oder Contactless – eine Karte, die nur noch auf das Lesegerät getippt werden muss – werden beliebter. Das macht es noch einfacher, den Überblick zu verlieren“, sagt Linda Isted. Bei kontaktlosen Zahlungen bekommt der Kunde im Normalfall nicht mal mehr einen Beleg aus Papier, der ihn daran erinnern könnte, dass er Geld ausgegeben hat. …
    Und bei uns soll das Bargeld auch abgeschafft werden. Scheibchenweise.

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