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Die EZB ist sich der tatsächlich viel höheren Inflation voll bewusst

Wir steigen regelmäßig tief hinab in die Informationsgrube der Europäischen Zentralbank (EZB), wo es auch jede Menge endlos lange Reden von Funktionären der Notenbank zu finden gibt. Das allermeiste ist zum Einschlafen langweilig. Aber da ist uns doch glatt die Rede von Yves Mersch, Mitglied im Rat und im Executive Board der EZB, vom 27. Januar in die Hände gefallen (hier in voller Länger nachzulesen). Kennen Sie das auch? Offiziell hört man ständig was von 1% Inflation, oder mal 1,4%, oder mal 0,8%. Also de facto Preisstabilität? Aber wenn man für sich persönlich schaut, dann gibt es da eine richtig schön spürbare Inflation. Die Wohnungsmieten explodieren immer weiter. Und auch wenn im Einzelfall die Miete stabil bleibt, werden Strompreise und vor allem die Mietnebenkosten immer weiter in die Höhe getrieben.

Wie also, ja wie kann es dann sein, dass die offizielle Inflation (Buchtipp/Werbung: Gold: Wie Sie sich vor Inflation, Zentralbanken und finanzieller Repression schützen) immer so irgendwo um die 1% herum dümpelt? Tja, es ist halt die Frage, was man als Ersteller einer Statistik in den sogenannten „Warenkorb“ hineinpackt, anhand dessen die Inflation berechnet wird. Und natürlich ist auch die Gewichtung im Warenkorb interessant. Und was lesen wir da in der Rede von Yves Mersch? Zwei Faktoren stechen in Auge. Die Preise für selbstgenutztes Wohneigentum werden bisher überhaupt nicht für die Berechnung der Inflation berücksichtigt. Und zweitens, noch viel wichtiger, die viel zu geringe Berücksichtigung von Wohnungsmieten im Warenkorb.

Interessante Aussagen der EZB zum Thema Inflation

So sagt Mersch, dass gegenwärtig die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentum nicht im Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI, offizielle Berechnung der Inflation auf europäischer Ebene) enthalten seien, der zur Formulierung des mittelfristigen Inflationsziels von unter, aber nahe 2 % verwendet werde. Es gebe eine Reihe von technischen Erklärungen für diesen Ausschluss, aber es sei klar, dass die Haushalte die Kosten für das Wohnen als einen wichtigen Teil ihrer Lebensausgaben betrachten würden. Die Mieten machen etwa 6,5% des zur Messung der Inflation verwendeten Warenkorbes aus. Für viele Haushalte übersteigen die Mieten allein oder die Hypothekenzahlungen leicht ein Drittel ihres Nettoeinkommens. Es könne also eine beträchtliche Lücke bestehen zwischen dem, was die Haushalte als Anstieg ihrer Lebenshaltungskosten wahrnehmen, und dem, was mit dem HVPI gemessen wird, so Mersch.

Wenn man das liest, dann bedeutet das: Die EZB ist sich bewusst und gibt auch offen zu, dass die offiziell ausgewiesene Inflation (Verbraucherpreise) völlig realitätsfern berechnet wird. Hätte man zum Beispiel die letzten zehn Jahre die Wohnungsmieten drei oder vier Mal so stark gewichtet im offiziellen Warenkorb, dann hätte es wohl keinerlei Probleme gegeben das offizielle Inflationsziel der EZB von um die 2% zu erreichen (so möchten wir es behaupten). Aber es ist nun mal ein offenes Geheimnis. Zombieunternehmen und Länder wie Italien brauchen den Nullzins. Um die offiziell so maue Inflation ankurbeln zu können, muss nun mal der Zins niedrig bleiben – Kreditvergabe und Wirtschaft ankurbeln, dann klettert auch die Inflation nach oben – so die offizielle Lesart. Wie gut passt es da hochverschuldeten Einrichtungen ins Bild, dass die offizielle Inflation selbst nach Jahren von Gelddruckerei und Nullzins nicht anspringen will. So muss man nämlich diese Politik immer weiter fortsetzen? Umso besser ist es da wohl, dass seit Wochen der Ölpreis immer weiter fällt. Er wird vermutlich die offizielle Inflation der Eurozone für Februar wieder abschwächen.

Übrigens: Yves Mersch erwähnte in seiner Rede auch, dass die offiziell berechnete Inflation wohl um 0,2-0,5 Prozentpunkt steigen würde, wenn nur das selbstgenutztes Wohneigentum mit in den Warenkorb einbezogen werden würde – was man in den USA, Japan und Schweden schon so mache. Von der Erhöhung des Anteils der Wohnungsmieten im Warenkorb ist da noch gar nicht die Rede.

EZB Cartoon - Inflation im Fokus
Grafik: DonkeyHotey – Planet of the Euros – Cartoon CC BY 2.0



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3 Kommentare

  1. Natürlich ist selbst genutztes Wohneigentum nicht im Verbraucherpreisindex enthalten – es ist kein Verbrauchsgut. Ich zahle nicht mehr, wenn mein Haus im Preis steigt.

    Und dreifache Gewichtung? Die Nettokaltmiete hat bei Destatis einen Anteil von 19,6%, die Wohnkosten in Summe 32,5% – das dürfte dem deutschen Durchschnitt sehr, sehr nahe kommen. Bei einem dreimal größeren Gewicht, würde man also unterstellen, in durchschnittlicher deutscher Haushalt gibt fast ausschließlich Geld fürs Wohnen aus…Und wenn ich das Gewicht erhöhe, was würde dafür weniger stark gewichtet? In Deutschland sind die Wohnugnsmieten in der Vergangenheit sogar deutlich weniger stark gestiegen als die Gesamtinflation, ein stärkeres Gewicht hätte die Inflation also früehr gesenkt, nicht erhöht…

    Im Eurozonen-Durchschnitt ist es weniger Gewicht fürs Wohnen, aber die Inflations-Werte der Bundesbank/Destatis sind nur leicht anders als die der EZB. Destaits kommt im Schnitt seit Ende der 1990er auf 1,7% Inflation, Eurostat (nur für Deutschland) auf 1,6%.

    Aber gut, soll die EZB den Zin aauf 5% erhöhen – dann wären wohl viele Leute glücklich und wenn wir dann eine neue Rezession haben, lag es ganz sicher nicht daran.

    1. @TM. Super Klarstellung. Danke

  2. @™ bzgl. des Warenkorbs mit den Wohnpreisen haben Sie vollkommen recht, aber dass die ausgewiesene Inflation mit unter 2% nicht zutrifft, sondern schön gerechnet (widde widde wie, ich mal mir die Welt wie sie mir gefällt), dass kann wohl kaum jmd. ernsthaft abstreiten.

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