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Die immateriellen Schäden des Handelsstreits – es ist die Psychologie!

Über den wirtschaftlichen Schaden des Handelskriegs

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Der Versuch eines größeren Überblicks

Es ist wie in einer Spirale. Beinahe im Monatsrhythmus werden Zölle erhoben, Gegenzölle errichtet und Sanktionen verschärft. „Tit for tat“, wie du mir, so ich dir. Aber sind das bereits die akkumulierten Schäden für die Volkswirtschaften, durch die Verteuerung von Waren oder der kostenintensive Umbau von Lieferketten? Wahrscheinlich nicht.

 

Wirtschaft ist Psychologie

Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie, das wusste schon der Vater unseres Wirtschaftsaufschwungs, Ludwig Erhardt. Diese zeitlose Erkenntnis sollte bei einer Fortführung des Trumpˋschen Protektionismus „America first“ mit all seinen Kollateralschäden erhebliche Folgen für die Weltwirtschaft haben. Die Gesamtrate an Zöllen, die die USA für Einfuhren in das Land erheben, ist bereits auf 4,2 Prozent gestiegen. Es gibt nur noch wenige Länder, die eine höhere Quote als die USA aufweisen und es soll noch höher gehen. Wie das ohne Inflationierung abgehen soll, kann ich mir nicht erklären!

Aber die weitaus größere Bedrohung geht von der Signalwirkung aus, die diese Handelspolitik für alle größeren Wirtschaftsplaner auf der Welt haben muss, die psychologische Seite. Gemeint ist der Einbruch im Vertrauen auf die Verlässlichkeit von Handelsbeziehungen, welches unerlässlich ist, anderenfalls könnte es zu einer Schockstarre führen und zu einem „wait and see“!

Ich habe hier in diesem Forum schon mehrfach das Beispiel von BASF genannt, kurz bevor dem Ausbruch der Finanzkrise 2008. Der damalige CEO des Chemiekonzerns, Jürgen Hambrecht, Chef eines Unternehmens, dessen Produktvielfalt wie ein Seismograf für die Weltwirtschaft anzusehen ist, sprach noch wenige Monate vor dem großen Niedergang, er spüre noch keine Bremsspuren in seinen Auftragsbüchern.

In kürzester Zeit stürzte die Wirtschaft lawinenartig nach unten, durch einen rasanten Produktionsstop und es kam zur größten Rezession seit dem 2.Weltkrieg.

Dazu noch ein aktuelles Beispiel: BMW. Der deutsche Automobilhersteller produziert seine Autos (z.B. SUVs) in Deutschland und zahlt Zölle für den Export in die USA – in Bälde eventuell höhere. Für die in China produzierten Fahrzeuge (im Werk Shenyang), wo die Fertigung für den X3 erst im letzten Jahr hochgefahren wurde, gibt es immer höhere Abgaben für den Export in die USA. Ab dem 10.Juni könnte dies auch für Autos gelten, die in Mexiko hergestellt werden, für den Verkauf in die USA. Jetzt kommt das Abgründige der ganzen Zolleskalation.

BMW hat ein Riesenwerk in Spartanburg/USA aufgebaut, von wo aus die Welt beliefert wird. Damit auch nach China, für dessen Export aber immer höhere Abgaben zu entrichten sind. Wenn aber die Produktion nicht zu 75 Prozent aus heimischer US-Produktion stammt, sind wiederum Abgaben fällig. Dazu gibt es ja noch Zölle auf Stahl und Aluminium, für die Chiptechnologie in den Fahrzeugen und, und, und. Wie wollen Verantwortliche unter diesen sich ständig extremeren Auflagen sinnvolle Investitionsentscheidungen fällen? Wenn das nicht weltweit zu Attentismus und einer Schockstarre führen wird..

 

Warum reagiert die Wall Street so träge?

Dafür gibt es ein paar Argumente. Zum einen besteht die US-Wirtschaft zu 70 Prozent aus Konsum und der floriert noch. Das Verbrauchervertrauen liegt fast auf Rekordniveau, die Löhne sind um drei Prozent auf Jahressicht gestiegen und die Arbeitslosigkeit befindet sich auf einem 50-Jahrestief. Übrigens würden diese Faktoren schon ausreichen, um einem amerikanischen Amtsträger einen gewaltigen Vorsprung für seine Wiederwahl zu bescheren – gesetzt den Fall diese Bedingungen bestünden noch in einem Jahr.

Zum zweiten stellt die US-Wirtschaft mit 80 Prozent eine Dienstleistungsgesellschaft dar, die immer noch auf hohem Niveau brummt. Abzulesen am Einkaufsmanagerindex in den USA, der gegenüber dem verarbeitenden Gewerbe mit einem Anteil von gut 18 Prozent zum BIP noch sehr dominant ist.

Bis die Produktionsseite Schlagseite bekommt und sich eine Lawine in Gang setzt. Die Anleger an den Börsen kennen diese Zusammenhänge und vertrauen auf die Stärke der heimischen Wirtschaft und auf Trump – weil sie es sich nicht vorstellen können, dass der Präsident durch sture Zollaktionen im Handelsstreit seine Chancen auf eine Wiederwahl sehenden Auges zerschießt. Erst am Donnerstag hatte er vor den Kameras wieder geprahlt, in welch gutem Zustand sich Arbeitsmarkt, Konsum und Verbrauchervertrauen befinden und wie gut sich die Löhne für Millionen Amerikaner entwickelt haben. Da werde man die Chinesen schon in die Knie zwingen. Die anderen Signale blendet er aus, wie auf anderen Gebieten auch – noch.

Noch ein Wort zur „langen Leitung der Wall Street“. Millionen Anleger preisen kursrelevante Neuigkeiten schneller ein, als es einzelne Analysten in Summa können, Zufallstreffer ausgenommen. Erklärungen für Bewegungen werden immer im Nachhinein nachgereicht.

Aktuell heißt das Folgendes. Die Verluste der Automobilindustrie durch die neuen Zölle sind für die Gesamtbewertung „noch“ untergeordnet. Ein Viertel der Gewinne an der Wall Street werden mit Finanzdienstleistungen erbracht. Allein JP Morgan hat schon eine größere Gewichtung als der gesamte US-Automobilsektor zusammen und die Bank hat im ersten Quartal erst Rekordgewinne gemeldet. Wenn es dieser Branche „ans Leder geht“, reagieren die Börsen ungleich stärker. Deshalb stürzten in der Finanzkrise 2008 auch die Indizes um 50 Prozent in die Tiefe. Wenn also die Eskalation im Handelsstreit den Dienstleistungs-, Konsum und Bankenbereich stärker tangiert, werden auch die Börsen heftiger reagieren.

 

Fazit

Die große Wende in den USA wird kommen, wenn die Verbraucher die Wirkung der Zölle in ihrem Portemonnaie spüren oder die Unternehmen im größeren Stile beginnen aus Rationalisierungsgründen Leute zu entlassen. Dann wird der Konsum leiden.

Außerdem, wenn die Börsen mindestens in eine Korrekturphase eintreten, also bei Verlusten größer als 10 Prozent. Da die Amerikaner zu 70 Prozent in irgendeiner Weise (Vermögensbildung, Altersvorsorge) am Aktienmarkt beteiligt sind, wären das bereits Verluste von über 3,5 Billionen Dollar. Eine Summe, die weit größer ist, als die Summen der Zölle oder Handelsbilanzdefizite. Bei einer Korrektur um 25 Prozent ginge es bereits um einen Wertverlust, der bereits der Hälfte des gesamten US-Bruttoinlandsprodukts entspräche.

Deshalb ist für mich die entscheidende Frage, erhebt Trump tatsächlich auch Abgaben auf die 325 Milliarden chinesischer Einfuhren im Juni und droht er der EU weiter?

Der materielle Schaden dürfte sich auch dann noch in Grenzen halten, aber der psychologische würde sich weiter potenzieren. Die großen „Muli-Nationals“ in vielen Ländern würden sich wegen unsicherer Rahmenbedingungen mit Investitionen weiter zurückhalten – die Rezession wäre wohl unausweichlich.

Ein schönes Beispiel für das derzeitige Tohuwabohu ist die US-Kamerafirma GoPro, deren Manager sich wie „Idioten“ vorkommen müssen. Aus Sorge vor weiteren Repressalien und Zöllen gegenüber China haben sie beschlossen, Teile ihrer Produktion von China nach Mexiko zu verlegen, um jetzt zu erfahren, dass ihre Produkte für die USA dort auch mit Zöllen belegt werden.

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    Jürgen

    3. Juni 2019 10:03 at 10:03

    Sie sollen ja auch nicht die Arbeitsplätze von China nach Mexiko verlagern, sondern in die USA ;-)
    Vielen Dank für den interessanten Artikel.

  2. Avatar

    Hans K

    3. Juni 2019 11:49 at 11:49

    In den USA gibt es ein Überangebot an zum Verkauf stehenden PKWs. Die Produktion von neuen PKWs für den US Markt müsste reduziert werden. Trump hofft sicher mit den Zöllen würde nur die PKW Produktion in Mexiko reduziert und die US PKW Produktion wird nicht gesenkt. Wobei Mexiko ein großer Absatzmarkt gebrauchter in den USA Produzierte PKWs ist. Mit Trumps Mexiko Zölle könnte die Mexiko Wirtschaft schwächen und weniger gebrauchte PKWs abnehmen, was die Restwerte von US PKWs sinken lässt und damit PKW Leasing und Finanzierung teurer machen. Die Deutschen Autokonzerne dürften auch zu große Fertigungskapazitäten in Mexiko aufgebaut haben. Vermutlich auch, damit der Deutsche Maschinenbau fette Aufträge bekommen konnte. Da zittern noch mehr Branchen hier.

    • Avatar

      Shong09

      3. Juni 2019 12:44 at 12:44

      Die Deutschen Autobauer haben sicherlich nicht zu Liebe von Maschinenbauern ihre Werke überdimensioniert. Eher im Vertrauen auf ein immer weiter so beim Wachstum des Autoabsatzes respektive Marktanteils. Die Rechtfertigung ungenügender Kapazitäten vor dem Aktionär ist sicherlich auch schwieriger als „das konnten wir doch nicht ahnen“.
      Wie man bei Bayer aber sieht, brauchst den Manager sowieso nicht zu interessieren. Mit einigen Führungskräften bei Bayer habe ich Kontakt, und diese waren vor ca. 1 Jahr blindlings für die Übernahme und nach dem Prozessfiasko immer noch. Nicht wenige sind aber mit einem goldenem Handschlag in den Ruhestand eingetreten. Kann einem als AN eigl auch nichts besseres passieren. Vorbehaltlich, man hat für sich selbst ein reines Gewissen

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Dax-Wochenausblick: Test der 1.000 Punkte Range – folgt bald der Ausbruch?

Stefan Jäger

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Im folgenden Video bespricht Marius Schweitz von Projekt30 die abgelaufene Woche im Dax und gibt einen ausführlichen Ausblick auf die kommende Handelswoche. Dabei geht er konkret auf die übergeordnet Seitwärtsrange ein und zeigt mögliche Szenarien auf, wie sich die ausgebildete 1.000 Punkte Range auflösen könnte. Im deutschen Leitindex haben sich sehr spannende Chart-Formationen herauskristallisiert, die auf eine große Bewegung hindeuten. In dem Video sehen Sie aber nicht nur einen Dax-Ausblick, sondern auch noch weitere Einschätzungen zum Dow Jones, Bitcoin, Gold, Euro, Softbank und Deutsche Bank.

Die Setiwärtsrange im Dax von Juli bis Oktober

Im März startete die rasante Corona-Rally, die viele Anleger als die „meistgehasste Rally aller Zeiten“ betiteln, aber seit ein paar Monaten ist sie ins Stocken geraten. Zwischen März und Juli kannte der deutsche Leitindex im Grunde nur eine Richtung – nämlich gen Norden. Im Juli hat der Anstieg aber erstmals ein abruptes Ende gefunden, nachdem der Dax das Hoch bei 13.315 Punkten erzielt hatte. Seitdem konnte er diesen Bereich nur zweimal wieder erreichen. Zum einen am 03.09. mit dem Hoch bei 13.460 und schließlich noch einmal am 14.09. bei 13.339.

Demgegenüber stehen zusammen mit dem Tief vom letzten Donnerstag drei Marken, die die Unterkante der Range bilden. Die drei Punkte setzen sich aus dem August-Tief (03.08.) bei 12.365, dem September-Tief (25.09.) bei 12.341 und schließlich dem Oktober-Tief (22.10.) bei 12.345 zusammen. Aus diesen drei Marken hat sich ein starker Unterstützungsbereich gebildet. Als zusätzliche Unterstützung kann man noch das Tief von Anfang Juli bei 12.254 hinzuzählen. Ein Bruch der Range-Unterkante dürfte folglich einem kräftigen Impuls auf der Unterseite auslösen. Erfahrungsgemäß wird die gleiche Höhe der Range in die entsprechende Richtung abgearbeitet. Angenommen, dass der Ausbruch im Dax auf der Oberseite gelingt, dann ergibt sich daraus ein Ziel bei 14.340 Punkten. Dementgegen liegt das Ziel bei einem Ausbruch auf der Unterseite bei 11.340 Punkten.

Dax-Wochen-Ausblick KW44 - 1.000 Punkte Seitwärtsrange von Juli bis Oktober

Aktuelle Chart-Fomationen im Dax

Auf verschiedenen Zeitebenen haben sich im Dax interessante Chart-Formationen entwickelt. Zum einen hat sich im 10-Minuten-Chart ein Descending Broadening Wedge (DBW) ausgebildet, das eine bullische Formation darstellt. Im Stundenchart ist zudem ein großes DBW-Wedge aktiv, das bei einer Auflösung hohe Ziele auf der Oberseite ermöglicht. Auf der bärischen Seite sehen wir außerdem noch eine aktive Wolfe Wave (Keil), die den bärischen Trigger bei 12.341 auslösen könnte. Dadurch würden sich Kurse unter der 12.000 Punkte-Marke ergeben. Auf Tagesbasis hat sich zwischen Juli und Oktober zusätzlich eine SKS gebildet. Sowohl die genannten Formationen, als auch die wichtigen charttechnischen Marken für die kommende Woche werden ausführlich und für jeden verständlich im Video erläutert.

Fazit

Der Dax steht vor einer ausschlaggebenden Richtungsentscheidung, diese kann eine Bewegung von mehr als 1.000 Punkten einleiten. In dem Video-Ausblick wird ausführlich auf die möglichen Szenarien eingegangen. Insbesondere die von Marius Schweitz herausgearbeiteten Chart-Formationen sind sehr sehenswert und zeigen die Möglichkeiten auf, wie es im Dax in der nächsten Woche und darüber hinaus weitergehen kann. Zudem erscheint für alle Leser und Leserinnen von Finanzmarktwelt ab Montag wie gewohnt der DAX daily. Viel Spaß beim schauen des Videos.

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US-Wahl: Noch drei Monate Unsicherheit – Wall Street hat Trump abgehakt

Auf eines können sich die seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse lebenden US-Amerikaner und die Wallstreet weiterhin verlassen: auf die bei der US-Wahl im Schatten bleibende US-Notenbank Fed

Hannes Zipfel

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Nur etwas mehr als eine Woche dauert es bis zur US-Wahl, aber fast 90 Tage sind es noch, bis in den USA die Amtseinführung des neuen bzw. alten Präsidenten stattfindet. Bis dahin sind große Würfe im US-Kongress in Sachen Wirtschaftshilfen unwahrscheinlich. Können die Aktienmärkte ihren Optimismus auch gegen die ungewöhnliche Vielfalt an Unsicherheiten aufrechterhalten und ihre Kursniveaus verteidigen – oder droht ein neuer Crash?

US-Wahl der Extreme

Die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 finden in einer Zeit statt, in der die Finanzmärkte mit außergewöhnlichen Unsicherheiten konfrontiert sind. Diese begannen schon vor gut einem Jahr mit der Beinahe-Implosion des US-Repo-Marktes. Damals konnte nur durch Notfallmaßnahmen der US-Geldpolitik in Form von Interventionen am Geldmarkt und durch die zur Verfügung Stellung von internationalen US-Dollar-SWAP-Linien ein Kollaps des Bankensystems verhindert werden.

Ohne die anhaltende und im Zuge der Pandemie sogar noch drastisch ausgeweitete Notfallpolitik der US-Notenbank Fed wäre der Stress am Markt für US-Repo-Geschäfte wohl auch ein Thema bei der US-Wahl gewesen. Schließlich war es auch die hohe Neuverschuldung durch das US-Finanzministerium die zu der Liquiditätsaustrocknung am Markt für kurzlaufende US-Staatsanleihen führte. Dabei lautete eines der spektakulärsten Wahlversprechen von Donald J. Trump gegenüber The Washington Post im April 2016 die damals 19,3 Billionen US-Dollar hohen Bundesschulden im Falle seiner Wahl innerhalb von nur acht Jahren komplett zu tilgen. Auch ohne die Kosten der Corona-Pandemie war das utopisch und nichts weiter als billige Wahlkampfpropaganda. Die Schuldenuhr zeigt gemäß US-Finanzministerium zum 22. Oktober 2020 übrigens einen Stand von 27,1 Billionen US-Dollar an (Public Total Debt). Ein Anstieg um 7,3 Billionen US-Dollar bzw. 36 Prozent seit dem Amtsantritt von Präsident Trump im Januar 2017.

Weitere Unsicherheitsfaktoren für die zukünftige Wirtschafts- und Gewinnentwicklung in den USA sind neben der wieder stark an Dynamik gewinnenden Corona-Pandemie die Zerschlagungsbestrebungen von „Big Tech“, die nach wie vor prekäre Lage am US-Arbeitsmarkt mit über 30 Millionen Transferleistungsempfängern sowie saisonbereinigt rund 12,6 Millionen Arbeitslosen im September 2020.

Fast unbemerkt von den Devisenmärkten hat sich kurz vor der US-Wahl das Handelsbilanzdefizit der USA mit 67,1 Mrd. US-Dollar im August 2020 auf das höchste Niveau seit der Lehman-Krise im Jahr 2008 aufgebläht. Der Handelskrieg, nicht nur mit China, konnte diese Entwicklung nicht verhindern. Nach wie vor sind die USA in der Gesamtbetrachtung nicht in der Lage, in vielen Sektoren international wettbewerbsfähig zu sein (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Die Herausforderungen, mit denen die USA in Friedenszeiten während dieser US-Wahl konfrontiert werden, sind einmalig. Dies gilt auch für den Amtsinhaber Donald J. Trump, der in vielen seiner Handlungen und Worte sehr unkonventionell und extrem anmutet. Man kann nur spekulieren, wie ein Präsident oder eine Präsidentin anderen Charakters eine solche Gemengelage meistern würde.

Der heimliche Präsident tritt bei der US-Wahl gar nicht an

In Kombination mit dem US-Staatsdefizit in Höhe von ca. 17 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ergibt sich mit dem Defizit im Außenhandel ein fatales Bild für die größte Volkswirtschaft der Welt. Das Mantra des stärksten und mächtigsten Landes der Welt ist nur noch eine hohle Phrase, basierend auf der Androhung von Waffengewalt und extraterritorialen Repressalien. Ob die Welt ohne diesen Status besser dastünde, ist seriös nicht prognostizierbar und auch nicht, wie lange diese Epoche der US-Dominanz noch währt.

Auf eines können sich die seit Jahrzehnten über ihre Verhältnisse lebenden US-Amerikaner und die Wallstreet aber weiterhin verlassen: auf die bei der US-Wahl im Schatten bleibende US-Notenbank Fed, die beliebig viele Dollars zum Ausgleich des Zwillingsdefizits und zur Aufrechterhaltung der US-Wirtschaft erzeugen kann. Natürlich auch, um die Party im Börsensaal auf der Titanic in Schwung zu halten. Dem heimlichen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Jerome Hayden „Jay“ Powell und seinem Offenmarkt-Komitee sei Dank.

Die Bilanzsumme der US-Notenbank (Fed) hat nun kurz vor der US-Wahl mit einem Gesamtvolumen von 7,18 Billionen US-Dollar das absolut und in Relation zum jährlichen BIP höchste Niveau aller Zeiten erreicht. Dabei kann man den geldpolitischen Akteuren keine Parteinahme für den ein oder anderen Kandidaten im US-Wahlkampf unterstellen. Die Intention der anhaltenden Geldflutung des Finanzsystems ist schlicht und einfach, dessen Existenz weiterhin sicherzustellen. Gegen diese Zwangslage wird auch in Zukunft keiner der zur Wahl stehenden Kandidaten Politik betreiben können. Damit manifestiert sich die Rolle der zum Teil in privater Hand befindlichen Fed als Staat im Staate weiter und die Demokratie US-amerikanischer Prägung wird trotz Wahl endgültig zur Illusion.

Die Wallstreet hat Trump schon abgehakt

Die Finanzmärkte haben diesen Zusammenhang längst hergestellt, was auch erklärt, warum sich die Vermögenspreise trotz der Vielfalt extremer Unsicherheiten, inkl. dem Ausgang der US-Wahl, in luftigen Höhen bewegen. Besonders deutlich wird dies an der positiven Korrelation zwischen steigenden Umfragewerten für den Herausforderer Joseph Biden und der Zuversicht auf ein noch größeres, von der Fed finanziertes Stimulusprogramm. Für diese Aussicht ignoriert man sogar mögliche Steuererhöhungen für Einkommensmillionäre und Unternehmen im Falle eines Sieges der Demokraten bei der US-Wahl.

Aus Sicht vieler tief religiöser Trump-Wähler stellt sich ohnehin die Frage, warum man den exzentrischen Präsidenten nochmals wählen sollte? Schließlich hat er mit der Neubesetzung des obersten Gerichts und der größten Steuerreform der letzten 35 Jahre schon sehr viel erreicht. Wie viel mehr könnte er in einer zweiten Amtsperiode noch erreichen, was sein exzentrisches und volatiles Verhalten aus Sicht evangelikaler und katholischerer Wähler entschuldigt?

Die Zeitlücke nach der US-Wahl

Lediglich die zeitliche Verzögerung zwischen dem Wahltermin am 3. November und der Amtseinführung am 20. Januar könnte bei dieser US-Wahl ein besonderes Risiko darstellen. Die Zahlungen aus den Corona-Hilfspaketen gehen bereits seit August deutlich zurück, die zweite Welle der Pandemie schließt in den USA mit neuen Rekordansteckungen nahtlos an die erste Welle an. Wie lange wird es dauern, bis sich dies in der Konsumentenstimmung sowie den Konjunktur- und Unternehmenszahlen niederschlagen wird?

Ein nochmaliger Corona-Crash als erneute Einstiegsopportunität?

Im wahrscheinlichsten Fall wäre ein nochmaliger Rückschlag bei den Vermögenspreisen eine ebenso lohnenswerte Einstiegsmöglichkeit wie bereits während des Lockdown-Crashs im März dieses Jahres.

Man sollte also trotz aller Risiken nicht zu viele Chips vom Tisch nehmen, auch wenn die Gemengelage zur Vorsicht mahnt. Doch Fakt bleibt: Auf die Fed ist Verlass und deren Pulverkammern, bestehend aus ungedecktem digitalem FIAT-Geld, sind unlimitiert und können unabhängig von finanzpolitischen Entscheidungen des Kongresses die Unternehmen, die Verbraucher und die Finanzmärkte stützen.

Fazit und Ausblick

Mag man zu den US-Präsidentschaftskandidaten stehen, wie man will, für die Finanzmärkte spielt die Musik schon lange nicht mehr in der Pennsylvania Avenue 1600 in Washington (Weißes Haus), sondern Ecke Constitution Ave NW und 20th St. NW (Board of Governors of the Fed).
Besonders bei dieser US-Wahl spielen für Anleger starke Nerven und das Aushalten hoher Volatilität eine große Rolle. Ebenso wie ein gesunder Opportunismus. Dabei ist es für den Anlageerfolg unerheblich, welchen Kandidaten man persönlich präferiert oder ob man an dieses oder jenes glaubt oder nicht glaubt. Entscheidend ist das Verständnis für den Zusammenhang zwischen digitaler Notenpresse und Vermögenspreisen. Diese Konstante wird uns mit weiter zunehmender Bedeutung noch eine Weile erhalten bleiben.

Die US-Wahl bringt zunächst Unsicherheit, aber entscheidend für die Aktienmärkte ist die Fed

 

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Finanznews

US-Wahl: Wer liegt falsch? Marktgeflüster (Video)

Die US-Wahl rückt immer näher – und die verschiedenen Märkte senden unterschiedliche Signale! Wer hat Recht – und wer liegt daneben? Eine Analyse der Lage

Markus Fugmann

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Die US-Wahl rückt immer näher – und die verschiedenen Märkte senden unterschiedliche Signale! Das sind die Anleihemärkte, die mit steigenden Renditen von einem klaren Sieg von Joe Biden und den US-Demokraten ausgehen und daher mit einem großen Stimulus rechnen. Die Aktienmärkte dagegen scheinen noch unentschlossen und fokussieren sich auf das kurzfristige Geschehen, ergo die Hoffnung auf einen Stimulus noch vor der US-Wahl. Anders aber sieht es der Devisenmarkt: der US-Dollar bleibt robust, große Player haben ihre Wetten auf einen fallenden Dollar aufgelöst. Wenn aber der Dollar nicht schwächer wird heißt das, dass es den von den Anleihemärkten prognostizierten klaren Sieg der US-demokraten bei der US-Wahl nicht geben wird. Haben also die Devisenmärkte recht – oder doch die Anleihemärkte?

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