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Indizes

Die immateriellen Schäden des Handelsstreits – es ist die Psychologie!

Über den wirtschaftlichen Schaden des Handelskriegs

Wolfgang Müller

Veröffentlicht

am

Der Versuch eines größeren Überblicks

Es ist wie in einer Spirale. Beinahe im Monatsrhythmus werden Zölle erhoben, Gegenzölle errichtet und Sanktionen verschärft. „Tit for tat“, wie du mir, so ich dir. Aber sind das bereits die akkumulierten Schäden für die Volkswirtschaften, durch die Verteuerung von Waren oder der kostenintensive Umbau von Lieferketten? Wahrscheinlich nicht.

 

Wirtschaft ist Psychologie

Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie, das wusste schon der Vater unseres Wirtschaftsaufschwungs, Ludwig Erhardt. Diese zeitlose Erkenntnis sollte bei einer Fortführung des Trumpˋschen Protektionismus „America first“ mit all seinen Kollateralschäden erhebliche Folgen für die Weltwirtschaft haben. Die Gesamtrate an Zöllen, die die USA für Einfuhren in das Land erheben, ist bereits auf 4,2 Prozent gestiegen. Es gibt nur noch wenige Länder, die eine höhere Quote als die USA aufweisen und es soll noch höher gehen. Wie das ohne Inflationierung abgehen soll, kann ich mir nicht erklären!

Aber die weitaus größere Bedrohung geht von der Signalwirkung aus, die diese Handelspolitik für alle größeren Wirtschaftsplaner auf der Welt haben muss, die psychologische Seite. Gemeint ist der Einbruch im Vertrauen auf die Verlässlichkeit von Handelsbeziehungen, welches unerlässlich ist, anderenfalls könnte es zu einer Schockstarre führen und zu einem „wait and see“!

Ich habe hier in diesem Forum schon mehrfach das Beispiel von BASF genannt, kurz bevor dem Ausbruch der Finanzkrise 2008. Der damalige CEO des Chemiekonzerns, Jürgen Hambrecht, Chef eines Unternehmens, dessen Produktvielfalt wie ein Seismograf für die Weltwirtschaft anzusehen ist, sprach noch wenige Monate vor dem großen Niedergang, er spüre noch keine Bremsspuren in seinen Auftragsbüchern.

In kürzester Zeit stürzte die Wirtschaft lawinenartig nach unten, durch einen rasanten Produktionsstop und es kam zur größten Rezession seit dem 2.Weltkrieg.

Dazu noch ein aktuelles Beispiel: BMW. Der deutsche Automobilhersteller produziert seine Autos (z.B. SUVs) in Deutschland und zahlt Zölle für den Export in die USA – in Bälde eventuell höhere. Für die in China produzierten Fahrzeuge (im Werk Shenyang), wo die Fertigung für den X3 erst im letzten Jahr hochgefahren wurde, gibt es immer höhere Abgaben für den Export in die USA. Ab dem 10.Juni könnte dies auch für Autos gelten, die in Mexiko hergestellt werden, für den Verkauf in die USA. Jetzt kommt das Abgründige der ganzen Zolleskalation.

BMW hat ein Riesenwerk in Spartanburg/USA aufgebaut, von wo aus die Welt beliefert wird. Damit auch nach China, für dessen Export aber immer höhere Abgaben zu entrichten sind. Wenn aber die Produktion nicht zu 75 Prozent aus heimischer US-Produktion stammt, sind wiederum Abgaben fällig. Dazu gibt es ja noch Zölle auf Stahl und Aluminium, für die Chiptechnologie in den Fahrzeugen und, und, und. Wie wollen Verantwortliche unter diesen sich ständig extremeren Auflagen sinnvolle Investitionsentscheidungen fällen? Wenn das nicht weltweit zu Attentismus und einer Schockstarre führen wird..

 

Warum reagiert die Wall Street so träge?

Dafür gibt es ein paar Argumente. Zum einen besteht die US-Wirtschaft zu 70 Prozent aus Konsum und der floriert noch. Das Verbrauchervertrauen liegt fast auf Rekordniveau, die Löhne sind um drei Prozent auf Jahressicht gestiegen und die Arbeitslosigkeit befindet sich auf einem 50-Jahrestief. Übrigens würden diese Faktoren schon ausreichen, um einem amerikanischen Amtsträger einen gewaltigen Vorsprung für seine Wiederwahl zu bescheren – gesetzt den Fall diese Bedingungen bestünden noch in einem Jahr.

Zum zweiten stellt die US-Wirtschaft mit 80 Prozent eine Dienstleistungsgesellschaft dar, die immer noch auf hohem Niveau brummt. Abzulesen am Einkaufsmanagerindex in den USA, der gegenüber dem verarbeitenden Gewerbe mit einem Anteil von gut 18 Prozent zum BIP noch sehr dominant ist.

Bis die Produktionsseite Schlagseite bekommt und sich eine Lawine in Gang setzt. Die Anleger an den Börsen kennen diese Zusammenhänge und vertrauen auf die Stärke der heimischen Wirtschaft und auf Trump – weil sie es sich nicht vorstellen können, dass der Präsident durch sture Zollaktionen im Handelsstreit seine Chancen auf eine Wiederwahl sehenden Auges zerschießt. Erst am Donnerstag hatte er vor den Kameras wieder geprahlt, in welch gutem Zustand sich Arbeitsmarkt, Konsum und Verbrauchervertrauen befinden und wie gut sich die Löhne für Millionen Amerikaner entwickelt haben. Da werde man die Chinesen schon in die Knie zwingen. Die anderen Signale blendet er aus, wie auf anderen Gebieten auch – noch.

Noch ein Wort zur „langen Leitung der Wall Street“. Millionen Anleger preisen kursrelevante Neuigkeiten schneller ein, als es einzelne Analysten in Summa können, Zufallstreffer ausgenommen. Erklärungen für Bewegungen werden immer im Nachhinein nachgereicht.

Aktuell heißt das Folgendes. Die Verluste der Automobilindustrie durch die neuen Zölle sind für die Gesamtbewertung „noch“ untergeordnet. Ein Viertel der Gewinne an der Wall Street werden mit Finanzdienstleistungen erbracht. Allein JP Morgan hat schon eine größere Gewichtung als der gesamte US-Automobilsektor zusammen und die Bank hat im ersten Quartal erst Rekordgewinne gemeldet. Wenn es dieser Branche „ans Leder geht“, reagieren die Börsen ungleich stärker. Deshalb stürzten in der Finanzkrise 2008 auch die Indizes um 50 Prozent in die Tiefe. Wenn also die Eskalation im Handelsstreit den Dienstleistungs-, Konsum und Bankenbereich stärker tangiert, werden auch die Börsen heftiger reagieren.

 

Fazit

Die große Wende in den USA wird kommen, wenn die Verbraucher die Wirkung der Zölle in ihrem Portemonnaie spüren oder die Unternehmen im größeren Stile beginnen aus Rationalisierungsgründen Leute zu entlassen. Dann wird der Konsum leiden.

Außerdem, wenn die Börsen mindestens in eine Korrekturphase eintreten, also bei Verlusten größer als 10 Prozent. Da die Amerikaner zu 70 Prozent in irgendeiner Weise (Vermögensbildung, Altersvorsorge) am Aktienmarkt beteiligt sind, wären das bereits Verluste von über 3,5 Billionen Dollar. Eine Summe, die weit größer ist, als die Summen der Zölle oder Handelsbilanzdefizite. Bei einer Korrektur um 25 Prozent ginge es bereits um einen Wertverlust, der bereits der Hälfte des gesamten US-Bruttoinlandsprodukts entspräche.

Deshalb ist für mich die entscheidende Frage, erhebt Trump tatsächlich auch Abgaben auf die 325 Milliarden chinesischer Einfuhren im Juni und droht er der EU weiter?

Der materielle Schaden dürfte sich auch dann noch in Grenzen halten, aber der psychologische würde sich weiter potenzieren. Die großen „Muli-Nationals“ in vielen Ländern würden sich wegen unsicherer Rahmenbedingungen mit Investitionen weiter zurückhalten – die Rezession wäre wohl unausweichlich.

Ein schönes Beispiel für das derzeitige Tohuwabohu ist die US-Kamerafirma GoPro, deren Manager sich wie „Idioten“ vorkommen müssen. Aus Sorge vor weiteren Repressalien und Zöllen gegenüber China haben sie beschlossen, Teile ihrer Produktion von China nach Mexiko zu verlegen, um jetzt zu erfahren, dass ihre Produkte für die USA dort auch mit Zöllen belegt werden.

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    Jürgen

    3. Juni 2019 10:03 at 10:03

    Sie sollen ja auch nicht die Arbeitsplätze von China nach Mexiko verlagern, sondern in die USA ;-)
    Vielen Dank für den interessanten Artikel.

  2. Avatar

    Hans K

    3. Juni 2019 11:49 at 11:49

    In den USA gibt es ein Überangebot an zum Verkauf stehenden PKWs. Die Produktion von neuen PKWs für den US Markt müsste reduziert werden. Trump hofft sicher mit den Zöllen würde nur die PKW Produktion in Mexiko reduziert und die US PKW Produktion wird nicht gesenkt. Wobei Mexiko ein großer Absatzmarkt gebrauchter in den USA Produzierte PKWs ist. Mit Trumps Mexiko Zölle könnte die Mexiko Wirtschaft schwächen und weniger gebrauchte PKWs abnehmen, was die Restwerte von US PKWs sinken lässt und damit PKW Leasing und Finanzierung teurer machen. Die Deutschen Autokonzerne dürften auch zu große Fertigungskapazitäten in Mexiko aufgebaut haben. Vermutlich auch, damit der Deutsche Maschinenbau fette Aufträge bekommen konnte. Da zittern noch mehr Branchen hier.

    • Avatar

      Shong09

      3. Juni 2019 12:44 at 12:44

      Die Deutschen Autobauer haben sicherlich nicht zu Liebe von Maschinenbauern ihre Werke überdimensioniert. Eher im Vertrauen auf ein immer weiter so beim Wachstum des Autoabsatzes respektive Marktanteils. Die Rechtfertigung ungenügender Kapazitäten vor dem Aktionär ist sicherlich auch schwieriger als „das konnten wir doch nicht ahnen“.
      Wie man bei Bayer aber sieht, brauchst den Manager sowieso nicht zu interessieren. Mit einigen Führungskräften bei Bayer habe ich Kontakt, und diese waren vor ca. 1 Jahr blindlings für die Übernahme und nach dem Prozessfiasko immer noch. Nicht wenige sind aber mit einem goldenem Handschlag in den Ruhestand eingetreten. Kann einem als AN eigl auch nichts besseres passieren. Vorbehaltlich, man hat für sich selbst ein reines Gewissen

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Aktienmärkte: Wall Street mit Allzeithochs, Dax dümpelt – warum? Marktgeflüster (Video)

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Aktien

Aktienmärkte: „Die Coronakrise ist vorbei“ – wirklich?

Markus Fugmann

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„Die Coronakrise ist für die Aktienmärkte vorbei“, sagt der Mathematiker und Vermögensverwalter Andreas Beck. Diese Aussage überrascht, schließlich stecken wir mitten im zweiten, diesmal „differenzierten Lockdown“ (O-Ton Markus Söder) mit enormen wirtschaftlichen Folgeschäden. Andreas Beck rechnet aber dennoch mit einem guten Jahrzehnt für die Aktienmärkte – schon mangels Alternative angesichts der von den Notenbanken manipulierten Anleihemärkte. Die Nullzinsen, so Beck, hätten sich bereist bei Immobilien niedergeschlagen, es sei nur eine Frage der Zeit, bis das auch die Aktienmärkte vollständig einpreisen.

Aktienmärkte und Coronakrise: Das Jahrzehnt der Aktie?

Seit dem 09.November – der Meldung von BioNTech/Pfizer – haben die Aktienmärkte einen Paradigmenwechsel vollzogen: Man kauft die „Corona-Verlierer“. Für Andreas Beck bedeutet das: die Aktienmärkte blicken schon auf die Zeit nach der Coronakrise (auch die Rohstoff-Märkte, siehe etwa die Rally bei Kupfer, das für die Industrie sehr wichtig ist). Man preist also eine vollständige Erholung der Wirtschaft ein, eben weil die Coronakrise vorbei doch vorbei sei. Der Wirtschaft sei der zweite Lockdown faktisch „egal“ – sie habe sich an die neuen Umstände angepaßt.

Nun ist Andreas Beck Vermögensverwalter und Mathematiker, kein Epidemologe. Nun hat kürzlich der britische Epidemologe und Berater des britischen Premiers Boris Johnson, Jonathan Van-Tam, kürzlich davon gesprochen, dass die Coronakrise „niemals“ vorbei gehen werde (hier seine Aussage im Video). Ist es vielleicht doch so, dass Andreas Beck und mit ihm die Aktienmärkte die Coronakrise zu früh abhaken, also das Fell des Bären schon verteilen, bevor er erlegt ist?

Eines ist für Andreas Beck klar: die Schulden der Staaten werden niemals zurück gezahlt werden können – daher weredn sich die Staaten am Privatvermögen sener Bürger bedienen (müssen). Auch klar für Beck ist weiterhin: die demokratischen Länder werden sich die Dominanz der US-Tech-Unternehmen nicht mehr lange gefallen lassen. Er geht daher davon aus, dass in diesem Jahrzehnt daher dann „value“ besser laufen sollte als „growth“ und erklärt, wie er selbst investiert ist:

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