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Die neue EZB-Strategie – Top-Ökonom erklärt, was sie wirklich bedeutet

Der EZB-Tower in Frankfurt

Ohhh Wunder, ohh Wunder. Die EZB will „etwas mehr“ Inflation über 2 Prozent erlauben. Wer hätte damit bloß gerechnet? (leicht ironischer Unterton meinerseits). So lautet die wichtigste Aussage der Europäischen Zentralbank heute Mittag im Rahmen der Verkündung der neuen EZB-Strategie (hier alle Aussagen). Wenn sich die Wirtschaft in der Nähe der unteren Grenze der nominalen Zinssätze bewegt, bedürfe es besonders energischer oder anhaltender geldpolitischer Maßnahmen, um zu verhindern, dass sich negative Abweichungen vom Inflationsziel verfestigen. Dies könne auch eine vorübergehende Phase implizieren, „in der die Inflation moderat über dem Zielwert liegt“. So sagt es heute die EZB.

Top-Ökonom über die neue EZB-Strategie

Dazu hat Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, vor wenigen Minuten seinen Kommentar veröffentlicht, was nach seiner Meinung die neue EZB-Strategie bedeutet. Bis 2003 sei für die EZB das Ziel der Preisstabilität bei einer Inflationsrate von unter 2 Prozent erfüllt gewesen. Damit seien für sie Inflationsraten zwischen 0 Prozent und 2 Prozent in Ordnung gewesen. 2003 habe sie diese Definition geändert, und gab als neues Ziel eine Inflationsrate von knapp 2 Prozent aus („unter, aber nahe bei 2%“). Jetzt hat die EZB laut Dr. Jörg Krämer dieses Ziel weiter auf glatt 2 Prozent angehoben. Dabei betont sie ihre Verpflichtung zur „Symmetrie“. Positive und negative Abweichungen der Inflation von 2 Prozent seien für sie gleichermaßen unerwünscht.

Allerdings gibt es laut Dr. Jörg Krämer ein asymmetrisches Element im EZB-Konzept der Symmetrie: Der gleichgewichtige Realzins, der natürliche Zins, sei in den letzten Jahren gesunken. Weil die EZB ihren Leitzins aber nicht beliebig in den negativen Bereich senken kann, sei das Risiko gestiegen, dass sie ihren Leitzins nicht unter den neutralen Zins setzen könne. Sie sei dann ausgebremst, gegen eine zu niedrige Inflation vorzugehen. Deshalb sei es laut der EZB notwendig, besonders entschieden gegen eine unter 2 Prozent liegende Inflation vorzugehen. Dazu gehöre, in einer solchen Situation für eine gewisse Zeit eine Inflation über 2 Prozent zu akzeptieren.

Faktisch folgt die EZB laut Dr. Jörg Krämer damit der US-Notenbank Federal Reserve, die „im Durchschnitt“ eine Inflation von 2 Prozent erreichen will und ein Unterschießen des Inflationsziels durch Tolerierung einer Rate von über 2 Prozent zumindest teilweise kompensieren möchte. Die Fed bekenne sich übrigens zu einer Asymmetrie ihres Ansatzes, indem sie ähnlich wie die EZB argumentiere, dass eine unter 2 Prozent liegende Inflation wegen der Zinsuntergrenze und des Rückgangs des natürlichen Zinses gefährlicher sei als eine Inflation über 2 Prozent.

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Alles in allem laufe die neue EZB-Strategie darauf hinaus, dass die Notenbank in Frankfurt ihre Leitzinsen nicht bereits dann anhebt, wenn sich mittelfristig eine Inflationsrate von 2 Prozent abzeichnet. Stattdessen dürfte sie laut Dr. Jörg Krämer in Zukunft erst handeln, wenn ein vorheriges Unterschießen des Inflationsziels von 2 Prozent zumindest teilweise durch ein Überschießen ausgeglichen wird. Damit rücke ein Ende der sehr lockeren Geldpolitik in noch weitere Ferne – dies sei im Interesse der hoch verschuldeten Staaten, fache aber die Preise von Vermögenswerten weiter an und erhöht damit das Risiko, dass es in ein paar Jahren zu gefährlichen Blasen an den Finanz- und Immobilienmärkten komme.

Zu begrüßen sei laut Dr. Jörg Krämer übrigens, dass die EZB in Zukunft die Kosten selbstgenutzten Wohneigentums bei der Inflation berücksichtigen möchte. Dadurch könne die Inflation um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte höher ausfallen. Allerdings werde es noch lange dauern, bis Eurostat entsprechende Daten zur Verfügung stellt.



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