Devisen

Die türkische Lira wieder unter Druck – Fed und Spannungen mit Deutschland

Die türkische Lira geht nach einer kurzfristigen Erholung wieder in den freien Fall über, nachdem die Fed immer hawkisher wird. Schlecht für Erdogan und seine gigantomanischen Prestige-Projekte wie den neuen Istanbuler Flughafen..

FMW-Redaktion

Erst der freie Fall der türkischen Lira, dann eine Erholungsphase, jetzt scheint es wieder in Richtung freier Fall zu gehen bei der türkischen Währung. Und dafür gibt es Gründe! Der erste und wichtigste: die absehbaren Zinsanhebungen durch die Fed. Weniger wichtig, aber eben auch ein Faktor sind die Spannungen mit Deutschland nach der Absage der Veranstaltungen gestern: immerhin ist Deutschland der wichtigste Exportmarkt für die Türkei (9% aller Ausfuhren), aus Deutschland werden 9,6% aller Importe eingeführt. Will sagen: ökonomisch ist Deutschland für die Türkei sehr viel wichtiger als die Türkei für Deutschland (insgesamt ist Deutschland für die Türkei der Handelspartner Nummer 1, die Türkei für Deutschland im Export jedoch nur Nummer 15, beim Import Nummer 21). Es steht also viel auf dem Spiel für die Türkei, und wenn sich die Beziehungen weiter verschlechtern, kann das ein seit dem Juli-Putsch ohnehin in ökonomischen Schwierigkeiten steckendes Land und seine Währung weiter belasten.

Rein charttechnisch hat die derzeitige Lage vor wenigen Tagen Rüdiger Born antizipiert und die Schwäche der Lira angesprochen bei seinem „Trade des Tages“ Dollar-Lira. Seit einigen Tagen beschleunigt sich die Abwärtsbewegung der Lira zum US-Dollar:

Längerfristig ist das Bild für die Lira ohnehin katastrophal:

Für türkische Unternehmen, die in Dollar verschuldet sind, ist das ein großes Problem. Vor allem für jene Firmen, die an den Großprojekten der Erdogan-Regierung wie dem Istanbuler Flughafen bauen. So schreibt ozguruz.org, die Seite des politisch verfolgten ZEIT-Autors Cem Dündar:

„Neben dem Abfluss von „hot money“ ist auch die hohe Nachfrage von Unternehmen, die in Fremdwährungen hochverschuldet sind, Grund für den teuren Dollar. Das betrifft insbesondere die Unternehmen, die an den sogenannten „Megaprojekten“ beteiligt sind. Das sind Projekte, die nach dem Public-private-Partnership Modell entworfen sind. Zu ihnen zählen der dritte Flughafen von Istanbul, die dritte Bosporusbrücke, der Eurasien-Tunnel, die Autobahn zwischen Gebze und Izmir sowie zahlreiche Krankenhauskomplexe. Die an ihnen beteiligten Unternehmen stehen mit 213 Milliarden $ an Fremdwährungskrediten in der Kreide. Jede Verteuerung des Dollars um 0,01 Lira bedeutet eine wechselkursbedingte Zunahme ihrer Schulden um 2 Milliarden Lira (knapp 500 Millionen €). Um ihre offenen Devisenpositionen abzubauen, kaufen diese Unternehmen deshalb sofort Dollar, sobald er ein wenig günstiger wird. Allein die Dollarnachfrage dieser Unternehmen reicht aus, um den Preis der Währung auf einem hohen Niveau zu halten.“

Mithin steht also mit einem weiter steigenden Dollar die gigantischen Projekte der de facto von Erdogan geführten Regierung auf der Kippe! Schon dieser stete Dollar-Bedarf dürfte also dafür sorgen, dass die Lira weiter unter Druck bleibt, zumal die Regierung vor dem Referendum offenkundig derzeit auch einige das Staatsbudget belastende Geschenke verteilt, um sich die Zustimmung zum Referendum im April zu erkaufen:

„Um einer Stärkung des „Nein“-Lagers aufgrund negativer wirtschaftlicher Impulse vorzubeugen, wird das Regime bis zum Referendum unter anderem versuchen, bestimmten Teilen der Gesellschaft unter die Arme zu greifen und dabei eine Verschlechterung der Staatsbilanzen in Kauf nehmen. Es geht dabei um Steuererleichterungen, vergünstigte Kredite, kostensenkende Maßnahme, Steueramnestien für bestimmte Teile der Gesellschaft und ähnliche Instrumente. Finanziert wird das über den Arbeitslosenfonds und den neu gegründeten Vermögensfonds. Mit diesen schmerzlindernden Mitteln sollen die Symptome der Krise bekämpft werden.“

Je autoritäter eine Regierung, desto gigantischer die Bauprojekte – das gilt auch und vor allem für die Türkei unter Erdogan, wie der neue Flughafen in Istanbul zeigt, der dann der größte der Welt sein wird (vor dem Flughafen in Atlanta). Mithin ist also die Dollar-Stärke die Achillesverse Erdogans – und er dürfte hoffen, dass Trump den Dollar schwach sehen will, sonst droht das schöne Kartenhaus bald einzubrechen!


Präsident Erdogan
Foto: Prime Minister Office / Wikipedia (CC BY-SA 2.0)



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