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Nachrichten, Trends und Expertenaussagen Diesel in Europa vor Verknappung? Blick auf Indizien

Steht das Angebot an Diesel vor einer Verknappung, steigt der Dieselpreis? Schauen wir auf Indizien, Nachrichten und Expertenaussagen.

Diesel tanken an einer Tankstelle

Sollte man sich als Fahrer eines Diesel-Fahrzeugs jetzt schon mal einen größeren Vorrat an Diesel anlegen, weil der Dieselpreis in den nächsten Monaten spürbar ansteigen wird? Wissen kann man es mit letzter Gewissheit vorher nie. Aber einige Indizien sprechen aktuell dafür, dass es zu mehr Nachfrage und gleichzeitig einer Verengung des Angebots kommen könnte. Und diese Konstellation spricht normalerweise für steigende Preise.

Anstehende Verknappung bei Diesel

Fatal daran ist die einfache Marktlogik. Europa versucht derzeit mit Biegen und Brechen wegzukommen vom Gas, damit man seine Abhängigkeit zu Russland verringert. Das bedeutet aber auch logischerweise: Alle Alternativen zu Gas werden vermehrt nachgefragt, was auch für Diesel gelten dürfte. Jüngst sieht man bereits steigende Öl-Importe nach Europa, während aus Russland weniger Brennstoff bezogen wird. Dazu kommt aktuell noch der Raffinerie-Streik in Frankreich. In unserem Nachbarland herrscht an Tankstellen landesweit bereits Mangel, Autos stehen Schlange. Auch das bedeutet wohl wenig Gutes. Denn Franzosen könnten vermehrt auf die Idee kommen in den benachbarten Ländern Benzin und Diesel zu raffen.

Auch wird derzeit von US-Regierungsseite über Ausfuhrbeschränkungen von Diesel nachgedacht, weil der Treibstoff vor allem an der US-Ostküste relativ begrenzt vorrätig ist, und die Raffineriekapazitäten gering sind. Kommt es so, ist für Europa weitere Verknappung von Brennstoffen aufgrund geringerer Importe ein denkbares Szenario. Und man bedenke: Der Winter in Europa hat noch nicht mal begonnen, und die Lage scheint sich bereits zu verschärfen.

Starke Preisanstiege

Schauen wir auf die aktuelle Nachrichtenlage, und gehen mehr ins Detail. Die Preise für Diesel steigen in Europa und den USA sprunghaft an und sorgen für einen erneuten Inflationsdruck im Vorfeld eines Winters, in dem größere Versorgungsunterbrechungen erwartet werden, so berichtet es aktuell Bloomberg. Der europäische Benchmark-Dieselpreis näherte sich Anfang dieser Woche dem Gegenwert von 180 Dollar pro Barrel. In den USA stiegen die Preise in Kalifornien auf über 190 Dollar, während sie im New Yorker Hafen nahe bei 170 Dollar lagen. Dies war der stärkste Preisanstieg seit mehreren Monaten und ein Vorbote eines Winters, in dem vor allem Europa mit Versorgungsengpässen rechnen muss, da man versucht sich von Kraftstoffen aus russischer Produktion zu lösen. Die Tatsache, dass industrielle Verbraucher Gas durch Öl ersetzen, wirkt sich ebenfalls positiv auf die Nachfrage nach Diesel aus.

Heizöl-Preisaufschlag zu Rohöl

„Der globale Dieselmarkt ist derzeit sehr stark“, sagte Mark Williams, Forschungsdirektor für kurzfristige Öle bei WoodMackenzie Ltd. „Höhere Preise für Diesel haben das Potenzial, einen noch stärkeren Inflationsdruck zu erzeugen, insbesondere wenn der derzeitige Preisanstieg anhält, was ein erhebliches Abwärtsrisiko für die Nachfrage darstellt und die Wahrscheinlichkeit einer weltweiten Rezession erhöht.“

Der jüngste Preisanstieg für Diesel in Europa wurde durch die Verknappung des Angebots in Frankreich begünstigt, wo ein Streik über die Löhne in den Ölraffinerien die Kraftstoffversorgung eingeschränkt und die Regierung gezwungen hat, strategische Reserven anzuzapfen. In den USA sind die Lagerbestände vor der Wintersaison bedrohlich niedrig. Das Gleiche gilt für die unabhängigen Vorräte in Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen, dem nordwesteuropäischen Ölhandelszentrum. Der Verbrauch von Heizöl – einem dieselähnlichen Kraftstoff – steigt im Winter normalerweise an.

Probleme in Frankreich und den USA

Das Angebot wird auch durch die saisonalen Wartungsarbeiten in Raffinerien beeinträchtigt, während einige europäische Länder beginnen die Vorräte, die sie zu Beginn des Jahres zur Preisdämpfung freigegeben haben, wieder abzubauen. Die hohen Preise für Diesel und niedrigen Lagerbestände werden schnell zu einem politischen Brennpunkt.

In den letzten Wochen haben die US-Energieministerin Jennifer Granholm und andere Regierungsbeamte die Führungskräfte der Ölraffinerien wegen der niedrigen Dieselbestände gerügt und die Möglichkeit von Exportbeschränkungen sowie die Verpflichtung der Unternehmen, Mindestvorräte in den USA zu halten, ins Spiel gebracht.

Die französische Regierung droht damit, die Kontrolle über einige der größten Raffinerien des Landes zu übernehmen, die durch Streiks zum Stillstand gekommen sind, während fast ein Drittel der Tankstellen des Landes unter Versorgungsengpässen leiden.

Letzten Monat erklärte die Schweiz, dass industrielle Nutzer ab dem 1. Oktober Heizöl anstelle von Erdgas in Zweistoffkraftwerken verbrennen sollten und dass die Haushalte ihre Heizöltanks sofort auffüllen sollten.

Der Winter naht

„Wir nähern uns dem Winter in der nördlichen Hemisphäre, der die Heizölnachfrage ankurbelt“, sagte Jonathan Leitch, ein Ölanalyst bei Turner, Mason & Co. „Es wird auch mit einer Umstellung auf andere Brennstoffe gerechnet, was bedeutet, dass mehr Diesel in der Stromerzeugung eingesetzt werden könnte, wenn nicht genügend Erdgas verfügbar ist.

Da die Preise in Europa in die Höhe schießen, beeilen sich die Raffinerien in Asien und im Nahen Osten, eine Flut von Kraftstoffen nach Europa zu schicken, da Frankreich und andere Länder nach Alternativen zu Gas suchen. Die Einführung großer Quoten für die Ausfuhr von raffinierten Kraftstoffen in China könnte für eine gewisse Entspannung sorgen, nachdem die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt einen Großteil des Jahres damit verbracht hat, ihre Kraftstoffausfuhren auf die globalen Märkte zu drosseln.

Nach Angaben des Beratungsunternehmens FGE werden die Kraftstofflieferungen aus China bis zum Jahresende voraussichtlich um 500.000 Barrel pro Tag auf fast 1,2 Millionen Barrel steigen. Dies dürfte Europa dabei helfen, sein Defizit bei Diesel auszugleichen, auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass damit die Versorgungslücke vollständig geschlossen werden kann.

Auch die Exporte aus den USA haben in den letzten Monaten zugenommen, was den Druck auf Europa etwas mindert, aber den eigenen Aufbau von Lagerbeständen begrenzt. Die Versorgung an der US-Ostküste ist besonders eingeschränkt, nachdem in den letzten Jahren mehrere Raffinerien in dieser Region geschlossen wurden.

Die Aussicht, dass große Raffinerien in Afrika und im Nahen Osten ihre Produktion wieder aufnehmen, könnte helfen, während anhaltend hohe Preise die wahrscheinliche Beeinträchtigung des weltweiten Wirtschaftswachstums nur noch verstärken und damit die Nachfrage nach Diesel dämpfen werden.

Vorerst bleibt jedoch die Möglichkeit einer stärkeren Volatilität bestehen. Kurz nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine Anfang des Jahres stiegen die Preise sprunghaft über den Gegenwert von 220 $ pro Barrel.

Torbjorn Tornqvist, der Vorstandsvorsitzende des Handelsunternehmens Gunvor Group, sagte auf einer Konferenz in der vergangenen Woche, dass sich der europäische Dieselmarkt auf das Niveau der Knappheit zubewegt, die zur Zeit des Preisanstiegs herrschte. Diesel ist „immer noch der engste Teil des Marktes“, sagte Paul Horsnell, Leiter der Rohstoffforschung bei Standard Chartered. „Das Hauptdefizit bei den Lagerbeständen konzentriert sich dort, und die größten Sorgen über den Verlust von russischem Material gibt es auch bei den Destillaten.“

FMW: Auch wenn es entlastende Faktoren gibt, so scheint sich die Lage bei der Versorgung mit Diesel in Europa und an der US-Ostküste erst einmal zuzuspitzen. Für den Dieselpreis an den Tankstellen steht daher womöglich ein Preisauftrieb an? Ob man im Vorfeld steigender Preise schon mal Reserven anlegt, das ist natürlich jedem selbst überlassen. Und natürlich soll dies kein Aufruf zu Hamsterkäufen sein!

FMW/Bloomberg



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4 Kommentare

  1. Es ist einfacher und übersichtlicher, wenn hier nur geschrieben wird, was nicht knappt wird oder schon ist.

  2. Dieselautos waren ein europäisches, noch mehr deutsches Phänomen. Die Amerikaner mochten die nie so besonders, Benzin kostete ja bei ihnen nichts.
    Am Mittelklasse/Oberklasse Gebrauchtwagenmarkt gab/gibt es fast nur Diesel. Wenn man einen Benziner wollte, mußte man ihn neu kaufen.
    Tempora mutantur.

  3. Columbo, das ist nicht ganz richtig! Kalifornien (Nähe Los Angeles) hat Dieselpreise um 6,50 USD. Texas (Nähe Houston) liegt bei 3,50 USD. Vielleicht haben die ami´s nicht so viele Dieselprivatwagen, aber LKW fahren hier ziemlich viele und Diesellokomotiven fahren auch sehr viele, so ist das nicht.
    Grüße aus Houston

    1. @DirkB

      Danke für die Info.

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