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DIW vs IfW: Perfekte Konjunktur ohne Probleme, oder Überhitzung mit Spätfolgen? Also was denn jetzt?

Die beiden angesehenen (?) und gerne in prominenten Medien zitierten Wirtschaftsforschungsinstitute "Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung" (DIW) und das "Institut für Weltwirtschaft" (IfW) haben heute quasi gleichzeitig...

FMW-Redaktion

Die beiden angesehenen (?) und gerne in prominenten Medien zitierten Wirtschaftsforschungsinstitute „Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW) und das „Institut für Weltwirtschaft“ (IfW) haben heute quasi gleichzeitig ihre Meinung zur Aussicht für die deutsche Konjunktur veröffentlicht. Dabei kommen sie aber zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen. Von daher überlassen wir es Ihnen als Leser/in, wer denn nun recht hat.

DIW

Das DIW hebt seine Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Vergleich zum Juni um 0,4 Prozentpunkte auf 1,9 Prozent im Gesamtjahr 2017 an. Auch für das kommende Jahr sei mit einem Anstieg der Wirtschaftsleistung in dieser Größenordnung zu rechnen. Die Zahl der Beschäftigten steige weiter, und die exportorientierten Industrieunternehmen profitieren laut dem DIW von einer derzeit sehr dynamischen Auslandsnachfrage, und das Geld in den Portemonnaies der privaten Haushalte sitze nach wie vor vergleichsweise locker. Hier die wirtschaftlichen Eckdaten, wie sie sich laut DIW bis 2019 entwickeln werden.


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Laut DIW drohe aber ganz gewiss keine Überhitzung der Wirtschaft. Auszugsweise im Zitat aus der heutigen DIW-Veröffentlichung:

Eine Überhitzung droht gleichwohl nicht: Dafür spricht neben den nur verhalten steigenden Löhnen und Preisen auch, dass die Unternehmen trotz der guten Auslastung nach wie vor nur äußerst zögerlich in neue Maschinen und Ausrüstungen investieren. Dies dürfte viele Ursachen haben – auch die Rahmenbedingungen in Deutschland verhindern eine dynamischere Investitionstätigkeit.

Marcel Fratzscher (DIW-Präsident): „Die deutsche Wirtschaft steht nur scheinbar gut da, obwohl sie in diesem Jahr deutlich wächst. Der Aufschwung wird nicht von Dauer sein, denn er ist zu einem guten Teil geliehen. Die niedrigen Zinsen und die sehr gute Arbeitsmarktsituation werden nicht von Dauer sein. Daher muss die Politik spätestens nach der Bundestagswahl endlich damit beginnen, die deutsche Wirtschaft zukunftsfest zu machen. Wir brauchen mehr Investitionen in Bildung, Verkehrswege und vor allem die digitale Infrastruktur, denn die ist hierzulande einem wohlhabenden Industrieland nicht würdig. Wenn die Haushaltsspielräume stattdessen für Steuersenkungen und höhere Sozialausgaben verwendet werden, kommt dies besonders künftigen Generationen teuer zu stehen.“

IfW

Das Kieler „Institut für Weltwirtschaft“ (IfW) sieht die Lage etwas anders. Hier spricht man von der „Hochkonjunktur“, der man sich annähere. Die deutsche Wirtschaft steigere ihre Leistung schneller, als es ihr gut tue, so das IfW. Die Zuwachsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) dürfte laut aktueller Konjunkturprognose des IfW 2 Prozent in diesem Jahr, 2,2 Prozent im nächsten Jahr und 2,1 Prozent im Jahr 2019 betragen. Damit nehme die Überauslastung zu, was eine schmerzhafte spätere Korrektur wahrscheinlicher werden lasse.

Zitat IfW auszugsweise:

Die konjunkturelle Dynamik der deutschen Wirtschaft nimmt zu und mit ihr die Gefahr einer deutlichen Überhitzung mit entsprechendem Rückschlagpotenzial. Die Kapazitätsauslastung liegt bereits merklich über dem Normalniveau, und die Zunahme der deutschen Wirtschaftsleistung weicht von einem nachhaltigen Wachstumspfad immer mehr nach oben ab. Dies geht aus dem heute veröffentlichen Konjunkturbericht des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) bis 2019 hervor, in dem die Forscher auf Aufwärtsrevisionen in der amtlichen Statistik reagieren. Insgesamt behalten sie ihr bisheriges Konjunkturbild aber bei.

Und auch dies sagt das IfW, was wir für sehr interessant halten:

„Eine Hochkonjunktur fühlt sich gut an, sie ist aber gesamtwirtschaftlich schädlich. Die Übertreibungen im Boom verführen die privaten Akteure zu Fehlentscheidungen, meist flankiert von einer allzu leichtfertigen Wirtschaftspolitik. Geschäftsmodelle, die nur im Boom funktionieren, müssen früher oder später wieder kassiert werden. Ähnlich ist es mit staatlichen Leistungen, denen die nachhaltige Finanzierung fehlt. Insgesamt werden so knappe Mittel fehlgelenkt und der Strukturwandel gehemmt.“

Die Phase sehr niedriger Preissteigerungen der letzten drei Jahre ist vorbei. Für den Prognosezeitraum zeichnet sich eine jährliche Inflationsrate ab, die nahe bei 2 Prozent liegt. Der gesamtwirtschaftliche Budgetüberschuss dürfte weiter steigen. „Daraus große Spielräume für Ausgabensteigerungen und Steuersenkungen abzuleiten, wäre falsch. Mit einer vorausschauenden Finanzpolitik sind die Spielräume eng begrenzt, da die Überschüsse temporären Phänomenen wie der hohen konjunkturellen Dynamik sowie der niedrigen Zinsen geschuldet sind.

„Die Europäische Zentralbank hat keinen Grund mehr, noch länger an ihrer ultralockeren Geldpolitik festzuhalten. Sie steht angesichts der konjunkturellen Fakten in der Pflicht, die geldpolitischen Zügel wieder anzuziehen. Hierzu muss sie die Zügel überhaupt erstmal wieder in die Hand nehmen und den Märkten ein klares Ausstiegsszenario kommunizieren. Das mag schwierig genug sein, aber es wird nicht einfacher, indem man immer mehr Liquidität in die Märkte pumpt. Zu einer Gesundung des Euroraums gehört in erster Linie, dass die wirtschaftlichen Akteure wieder mit marktbestimmten Zinsen kalkulieren können.



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