Vor dem G20-Gipfel gewinnt die Debatte über Chinas Überkapazitäten an Schärfe. Während Peking jede Schuld abweist, rückt die Idee eines neuen Plaza-Accords in den Fokus.
Drohende Wirtschaftskrise Made by China: Hilft Plaza 2.0?
Pekings aggressiver Exportkurs schürt weltweit die Angst vor einer schweren Erschütterung des Welthandels und zwingt die Politik zum Handeln. Im Vorfeld des G20-Gipfels im Dezember nimmt die Debatte über die wirtschaftlichen Verwerfungen spürbar an Fahrt auf. Während die Europäische Union ihren Fokus zunehmend auf konkrete Gegenmaßnahmen richtet, wiegelt das mächtige chinesische Handelsministerium ab und bestreitet schlicht die Existenz von Überkapazitäten. Nun schaltet sich mit Michael Froman, dem Präsidenten des einflussreichen Council on Foreign Relations, eine gewichtige US-Stimme ein und greift die Idee von Friedrich Merz für eine Neuauflage des Plaza-Accords auf.
Chinas Verdrängungsstrategie: Das Exportmodell stößt an Grenzen
Chinas Exporte erreichten im vergangenen Jahr laut Angaben der Zollbehörde GACC rund 3,8 Billionen US-Dollar. Der Handelsüberschuss wuchs in den ersten Monaten des laufenden Jahres bereits um rund 20 Prozent auf über 1,2 Billionen US-Dollar. Die OECD rechnet für die Weltwirtschaft mit einem Wachstum von lediglich 2,8 Prozent. Das kreiert ein mathematisches Problem: In absehbarer Zeit werden die chinesischen Ausfuhren auf einen Weltmarkt treffen, der die Waren aus China nicht mehr aufnehmen kann. Im Moment fährt Peking eine gezielte Verdrängungsstrategie, die aber aus der Not geboren ist.
Denn die Exporte kompensieren den schwachen Binnenkonsum, kenntlich in der Außenhandelsstatistik durch einen Überschuß von mehr als einer Billion US-Dollar im letzten Jahr. Auch in diesem Jahr wird, trotz steigender Importe, die Marke aus 2025 erreicht, wenn nicht überschritten werden. Die Krise der Binnenwirtschaft resultiert im Kern aus dem Platzen der Immobilienkrise Anfang der 2020er Jahre. Dies hat einen Kreislauf aus Konsumverweigerung und Deflation in Gang gesetzt, der sich bis heute durch die Wirtschaft zieht. Ohne die Gewinne aus den Exporten würde sich China seit Jahren in einer veritablen Rezession befinden. Aber auch ohne eine technische Rezession zeigen selbst die geschönten Daten, dass sich China in einer wirtschaftlich angespannten Situation befindet, sichtbar an der Jugendarbeitslosenquote von rund 17 Prozent (NBS, 2026) oder durch die Gig-Economy, in der rund 44 Prozent der städtischen Erwerbstätigen ihr Einkommen finden, das aber nicht durch Arbeitslosen-, Krankenversicherung oder andere Arten des staatlichen sozialen Netzes abgesichert ist. Hinzu kommen immer weiter fallende Immobilienpreise und Mieten, die den Wohlstand gerade der Mittelschicht vernichten.
China nutzt für seine Verdrängungsstrategie zwei grundsätzliche Mechanismen. Zum einen setzt der chinesische Staat gezielt Subventionen ein, um die Industrie zu entlasten. Sie greifen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, angefangen von günstigen Preisen für Land über Baukostenzuschüssen, Infrastruktur, Übernahme von Lohnkosten und Auslagerung der firmeninternen Entwicklung in staatliche Universitäten. Die OECD schätzt, dass die direkten und indirekten Subventionen für 60 Prozent der Zuwächse bei den Marktanteilen der chinesischen Exporteure verantwortlich ist. Die chinesische Zentralbank stützt die Exporte durch einen künstlich niedrig gehaltenen Yuan. Nach Berechnungen der beiden Ökonomen Brad Setser und Jürgen Matthes ergibt sich aus den Daten des IWF eine strukturelle Unterbewertung von 19 Prozent. Sie schätzen aber, dass die reale Unterbewertung eher bei 30 Prozent liegt. Hinzu kommt ein struktureller Kostenvorteil auf der Angebotsseite: Deutsche Industrieprodukte sind seit Anfang 2020 gegenüber chinesischen um rund 40 Prozent teurer geworden, ein Effekt aus dem Energiepreisschock, dem Lieferkettenschock und der parallelen Wechselkursentwicklung, den Matthes für das IW Köln berechnet hat.
Im Moment verdrängen chinesische die von anderen klassischen Exportländern, allen voran Deutschland. Beim ehemaligen Exportweltmeister gehen auf Grund der aggressiven chinesischen Methoden jeden Monat etwa 10.000 Industriearbeitsplätze verloren.
MOFCOM weist Vorwürfe zurück: Keine Überkapazitäten in China
China bestreitet, dass das Land überhaupt Überkapazitäten bereitstellt. Das chinesische Handelsministerium, das mächtige MOFCOM bestreitet in einem Papier vom Ende Juli, dass es einen Zusammenhang zwischen Subventionen und Überkapazitäten gebe und verweist dabei auf ähnliche Subventionen in den USA und Europa. Nach Ansicht Pekings gelten solche Unterstützungen als legitime, WTO-konforme Mittel der Innovationsförderung.
Den hohen Handelsüberschuss erklärt die MOFCOM als Ausdruck der hohen nationalen Sparquote und führt als Kronzeuge gegen die These, es gäbe in China Überkapazitäten. Denn auch klassische Exportnationen wie Deutschland und Japan erzielen hohe Ausfuhren und in ihrer Konsequenz Außenhandelsüberschüsse. Allerdings zeigt gerade Deutschland die Grenzen der chinesischen Argumentation. Denn Deutschlands Exporte waren immer nachfragegetrieben. China hingegen überschwemmt den Weltmarkt mit Waren, die nicht aktiv nachgefragt werden.
Auch bei den Subventionen ergibt sich ein schiefes Bild. Zwar ist es durchaus richtig, dass China damit Innovationen, wie z.B. den alternativ angetriebenen Autos (die sog. NEV) betreibt, aber damit Produktionskapazitäten von rund 55 Millionen Fahrzeugen aufgebaut hat, während der chinesische Markt im Jahr 2025 rund 30 Millionen Personenwagen absorbiert hat und auch weltweit nicht genügend Absatz zur Verfügung steht. Die Folge ist ein exzessiver Preis- und Überlebenskampf, der im Moment in einer Kannibalisierung der heimischen Automarken mündet.
Die Grenzen der Arithmetik: The World is Not Enough
Froman beschreibt in seinem Artikel in „Foreign Affairs“ das logische Ende der chinesischen Strategie, die sich zu Tode siegen wird. In nicht allzu ferner Zukunft werden das chinesische Angebot auf einen Weltmarkt treffen, der dieses nicht mehr aufnehmen kann. Der Preis- und Überlebenskampf, der schon im chinesischen Automarkt sichtbar wird, wird eine globale Dimension erreichen und zuerst zu einer deflationären Spirale führen und schließlich zu einem Zusammenbruch des chinesischen System.
An diesem Punkt wird es für die Weltwirtschaft häßlich, denn die Schockwellen werden vor allem den Globalen Süden treffen, als dessen Anwalt sich China geriert. Denn die Staaten Afrikas und Lateinamerikas fungieren als Rohstofflieferant für China. Bricht deren Nachfrage ein, hat dies unmittelbare Folgen für die Lieferanten. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass China mittlerweile der größte bilaterale Gläubiger für viele Entwicklungsländer ist, und ein Zahlungsausfall der Schuldner birgt das Risiko weiterer Staatsinsolvenzen. Und wie unnachgiebig China auf Zahlungsausfälle reagiert, hat das Beispiel Sri Lanka und Pakistan gezeigt. Verschärft wird die Lage dadurch, dass westliche Regierungen durch die hohe staatliche Verschuldung im Zuge von Pandemie und Energiekrise weit weniger fiskalischen Spielraum für eine Krisenreaktion besitzen als 2008.
Froman läßt das, was folgt, bewußt aus. Denkbar ist aber, dass sich die Weltwirtschaft an der „chinesischen Krankheit“ ansteckt und in einer Stagnationsfalle versinkt. Die Weltwirtschaft nimmt immer weniger Waren auf, China kauft dementsprechend weniger Rohstoffe und die Exporteure senken die Preise. Den Preiswettlauf nach unten halten westliche Exportländer nicht durch und verlieren immer mehr Arbeitsplätze. Gleichzeitig versinken die aufstrebenden Länder des Südens in eine Schuldenfalle.
G20-Agenda: Die Hürden für ein Plaza-Accord 2.0
In seinem Essay bietet Froman einen Ausweg an. Für ihn ist ein Abwarten bis zur nächsten Weltwirtschaftskrise keine Option. Ähnlich wie Bundeskanzler Friedrich Merz plädiert er deshalb für einen neuen Plaza-Accord, der auf dem G20-Gipfel im Dezember in Miami unter Führung der USA auf die Tagesordnung kommen soll. Die Vereinigten Staaten sollen Chinas Handelsungleichgewichte zum Kern der Gipfelagenda machen.
Doch ausgerechnet Washington ist die größte Schwachstelle dieses Plans. Der Plaza-Accord von 1985 entstand unter völlig anderen politischen Bedingungen. Die USA besaßen die Autorität, ihre Verbündeten hinter einer gemeinsamen Strategie zu versammeln. Trumps Handelspolitik setzt dagegen auf bilateralen Druck und hat das Vertrauen vieler Partner beschädigt. Dazu kommt, dass Peking Währungsverhandlungen vermutlich mit eigenen Forderungen verbinden wird, insbesondere bei den amerikanischen Beschränkungen für den Export von Halbleitern.
Trotzdem weist Fromans Vorschlag auf den derzeit einfachsten Hebel gegen Chinas Exportmodell. Bei einzelnen Produkten muss der Westen jeweils Subventionen und Wettbewerbsverzerrungen nachweisen. Der Wechselkurs wirkt dagegen auf die gesamte Volkswirtschaft. Genau deshalb dürfte die Frage nach der Bewertung des Yuan für die westliche Handelspolitik wichtiger werden.
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