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Energiekrise Welche Brennstoffe sich für Industrie und Haushalte statt Erdgas anbieten

Welche Brennstoffe sich zum Heizen als Ersatz für Erdgas anbieten? Hier eine Analyse auch der Probleme, wenn Alternativen genutzt werden.

Gas Stop Illusatration

Spätestens mit dem Absenken der Lieferungen auf 33 Millionen Kubikmeter Gas am Tag über die Gasleitung Nord Stream 1 ist klar, dass es jetzt ernst wird. „Deutschland steht unmittelbar vor einem Energieversorgungsnotstand. Sichere u01nd bezahlbare Energie und insbesondere eine für alle ausreichende Versorgung mit Erdgas wird spätestens im kommenden Winter nicht mehr selbstverständlich sein. Daher sind jetzt pragmatische Lösungen gefragt, um den Unternehmen so schnell wie möglich den Wechsel vom knappen Brennstoff Erdgas hin zu anderen Energieträgern, für die es einen funktionierenden Weltmarkt ohne Russland gibt, zu ermöglichen. Hierzu zählen beispielsweise Öl, Kohle oder Flüssiggas“, brachte es die Bayerische Staatsregierung zu ihrer Kabinettssitzung am 26. Juli auf den Punkt.

Mehr Erdgas zum Einspeichern

Um die Wirtschaft zu entlasten und mehr Erdgas als Vorrat für den Winter einspeichern zu können, setzt sich die Staatsregierung für einen unbürokratischen und reibungslosen Brennstoffwechsel ein. Immissionsschutzrechtlich langwierige und komplizierte Genehmigungsverfahren dürften dem Fuel Switch nicht im Weg stehen. Folglich arbeitet die Staatsregierung an Änderungen zum Bundesimmissionsschutzgesetz, die in den Bundesrat zeitnah eingebracht werden sollen. Anlagen mit anderen Brennstoffen sollten schneller zugelassen und Vorratslager für alternative Brennstoffe wie Öl mit geregelt werden. Ebenfalls seien Nachbesserungen für Anlagen zur Abfallbehandlung nötig.

BASF sorgt für den Winter vor

Der Chemieriese BASF ist an dieser Stelle bereits aktiv geworden und hat Abhilfemaßnahmen auf den Weg gebracht, um den Verbrauch von Erdgas merklich zu verringern. Schließlich liegt der Bedarf nach Angaben von Martin Brudermüller, Vorsitzender des Vorstands, in der Telefonpressekonferenz am 27. Juli in Europa mit bei 48 Mrd. kWh und am Standort Ludwigshafen bei 37 Mrd. kWh. Innerhalb der chemischen Industrie benötigte BASF ein Drittel. Das sind rund vier Prozent am gesamtdeutschen Verbrauch in Deutschland und ein gutes Drittel in der Chemieindustrie, für die Erdgas noch mit Abstand der wichtigste Energieträger ist. Dazu legte der Verband der Chemischen Industrie legte jüngst im Juli eine Präentation zum Energieverbrauch vor.

„Die Vorbereitungen für die Substitution von Erdgas (z. B. durch Heizöl) kommen, soweit technisch möglich, gut voran und technische Optimierungen sind erfolgt“, fasste Brudermüller zur Wintervorsorge zusammen. „Darüber hinaus haben wir Szenarien entwickelt und setzen Maßnahmen zur Optimierung der Produktion an unseren europäischen Standorten um.“ So wurde die Ammoniakproduktion heruntergefahren, da sie große Mengen Erdgas benötige. Für die Strom- und Dampferzeugung in Ludwigshafen erfolgte teilweise der Umstieg auf Heizöl. Damit ließen sich rund 15 Prozent des für die Strom- und Dampferzeugung benötigten Erdgases ersetzen. Der Weiterbetrieb am Standort Ludwigshafen sei bis zu einer Reduzierung des maximalen BASF- Erdgasbedarfs auf 50 % gesichert.

Drohender Blackout durch Heizlüfter

Entfielen im letzten Jahr fast 40 Prozent des Erdgasverbrauchs auf die Industrie, verbrauchten Privathaushalte für Warmwasser und Heizung ein gutes Drittel. Ziehen in Ein- und Mehrfamilienhäuser verstärkt Holz- und Kohleöfen ein, sind Heizlüfter aktuell so gefragt wie das Toilettenpapier am Beginn der Corona-Pandemie. Über den Run auf kostengünstige Geräte in Baumärkten berichteten deutsche Medien. „Von Januar bis Juni 2022 wurden in Deutschland rund 600.000 Einheiten verkauft, was einem Plus von knapp 35 Prozent verglichen zum Vorjahreszeitraum entspricht“, teilte das Meinungsforschungsinstitut GfK auf Anfrage des Tagesspiegels mit.

„Wir sehen die aktuelle Entwicklung mit einiger Sorge, da unsere Stromversorgung für eine derartige gleichzeitige Zusatzbelastung nicht ausgelegt ist“, warnte Martin Kleimaier, Leiter des Fachbereichs „Erzeugung und Speicherung elektrischer Energie“ der Energietechnischen Gesellschaft im VDE (VDE ETG) jüngst im Juli. „Da die Heizgeräte einfach an eine Haushaltssteckdose angeschlossen werden, können sie – im Gegensatz zu elektrischen Wärmepumpen oder sogenannten Nachtspeicher-Heizungen – im Falle von drohenden Netzüberlastungen nicht vom Netzbetreiber abgeschaltet werden“, so Kleimaier weiter.

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Neben lokalen Netzüberlastungen reicht die derzeitige Kraftwerkskapazität laut VDE für diese zusätzlichen Lasten nicht aus. Etwa 50 Prozent der ca. 40 Millionen Haushalte in Deutschland heizten derzeit mit Erdgas. Würden an einem sehr kalten Wintertag die Hälfte dieser Haushalte ein elektrisches Heizgerät mit einer typischen Leistungsaufnahme von 2.000 Watt in Betrieb nutzen, ergebe sich zusätzlich ein Stromverbrauch von rund 20 Gigawatt. „Dies entspricht einer Steigerung der aktuellen Jahreshöchstlast in Deutschland um ein Viertel, was weder die Stromnetze noch die vorhandenen Kraftwerke leisten könnten, zumal Gaskraftwerke in einer Gasmangellage ebenfalls nicht verfügbar wären“, schlussfolgert der VDE. Zu den Gasheizungen empfiehlt der Branchenverband, diese maßvoll weiter zu betreiben und die Effizienz zu steigern.

Günstig soll es sein

Die Angst im Winter ohne Wärmeversorgung dazustehen, treibt indes Haushalte um, nach günstigen Alternativen Ausschau zu halten. Da scheint ein günstiger Heizlüfter aus dem Baumarkt gerade recht zu kommen. Dass der Strom bei Netzüberlastung ausfallen könnte, steht da nicht auf der Rechnung sowie der Umstand, dass das Heizen mit Strom sehr teuer werden kann. Um laut Focus etwa eine 50-Quadratmeter-Wohnung komplett zu heizen, seien vier bis fünf Heizlüfter mit je 2000 Watt Leistung nötig. Die Anschaffungskosten bewegten sich dann zwischen 150 und 200 Euro. „Damit die gesamte Heizperiode von Oktober bis März durchzuheizen, würde beim aktuellen Strompreis rund 3400 Euro kosten. Das ist für die allermeisten Haushalte nicht bezahlbar.“

Auch die Preisrallay für Holzpellets verschärfte sich, konstatierte das Onlineportal HeizPellets 24.de am 28. Juli. Ende Juli kosteten „Holzpellets in Deutschland ca. 14,4 Cent. Heizöl schlägt mit gut 16 Cent zu Buche und Neuverträge für Erdgas mit atemberaubenden 22 Cent. Besonders bei letzterem sind durch die angekündigte Kostenumlage der Uniper-Rettung durch die Bundesregierung weitere Preissteigerungen von mehreren Cent je kWh wahrscheinlich.“ Im Juli ereigneten sich in schneller Folge Preissprünge, die sich aus verknappenden Warenbeständen und anhaltend hoher Kaufaktivität entstanden seien. Die neue Dynamik ging einerseits aus mehr Nachfrage hervor, da der Bestand an Pelletheizungen sich jährlich erhöhe. Andererseits sei gleichzeitig das Angebot an Holzrohstoffen weggebrochen. Dazu dezimierten gestörte Lieferketten in Folge des Ukrainekriegs und konjunkturbedingt schrumpfende Restholzmengen aus Sägewerken und Möbelindustrie die Lagerbestände. Gleichzeitig heizten die Medienmeldungen zur Energiekrise das Sicherheitsbedürfnis der Verbraucher an. Knappes Erdgas treibt dabei die Energiepreise in allen Sektoren nach oben.



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4 Kommentare

  1. Pro Dotto Diddi Otto

    Wenn die heimische Heizung mal ausfällt, zum Aufwärmen einfach ’ne Runde mit dem E-Auto rausfahren und die Abwärme des Motors nutzen!

  2. Die Bundesregierung schaut nun bewusst tatenlos zu, wie sich die Bürger mit Heizlüftern eindecken.
    Sobald absehbar ist, dass der Strom knapp wird, werden Sparmaßnahmen durchgesetzt.
    Z. B., die Bürger dürfen nur noch den Durchschnittsverbrauch minus 20 % verbrauchen. Alles was dann über den Verbrauchsdurchschnitt (minus 20 %) liegt, wird mit 50% Aufschlag berechnet, oder mit 100%. Mal sehen wie knapp der Strom wird.
    Vielleicht gibt es auch eine andere Regelung, aber es wird immer darauf hinauslaufen die Leute zum sparen zu zwingen.
    Und desto mehr Heizlüfter gekauft worden sind, desto mehr können die Sparmaßnahmen damit begründet werden.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

  3. Einen Grund also sagen zu können: „Make Oil great again“.

  4. Es hat schon was von Satire wenn eine Zeitschrift die die Größten Preistreiber zu seinen Kunden zählt , selbige völlig ungeschoren davon kommen läßt.
    Der Finanzsektor ist derjenige der die Preise beim kleinsten Ereignis in die Höhe treibt.
    Und das läuft schon seit Jahren so,
    nicht erst seit dem Ukraine Konflikt.
    Die Lobbyarbeit an den schaltstellen der Macht tut ihr übriges. Ob das die Politik der einzelnen Staaten oder aber der Bündnisse EU oder Globale Organisation sind. Sie befördern mit ihrer Politik die Enteignung des einzelnen Bürgers der jeweiligen Länder durch Preistreiberreien ungeahnten ausmaßes.
    Und keiner dieser “ Feinen Damen und Herren müssen sich vor grober Kritik fürchten den Zeitschrift wie diese hier klammern diese Methoden der Profit-Gier einfach mal aus.
    Das wird meines Erachtens soweit laufen das noch sehr viel mehr Menschen an eigentlich vollen Trögen verhungern und oder nicht mehr in der Lage sind ihr Leben zu bezahlen.
    Eine satte und essentielle Selbstkritik mit den dazu passenden änderungen ist hier von Nöten.
    Das größte Problem ist das bei einem Wirdschafts Crash keiner ungeschoren davon kommt.
    Und dieser Crash rast auf uns zu.
    Für Geld Aktien oder Bilanzen wird man sich dann weder Kavia noch Schampus leisten können weil das schlicht und einfach nicht mehr zu kaufen gibt.
    Soweit ich mitbekommen habe, sind Geldscheine und Aktien obtionen nicht gerade Schmack -oder Nahhaft.

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