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ETF: Die verkannten Risiken des Trend-Investments!

 
 

Anderes Beispiel: Diverse ETFs, die in Junkbonds investierten, konnten im März und April mit signifikanten Abschlägen auf den inneren Wert, die NAV, erworben werden. Grund dafür war, dass diese Fonds in einem an sich illiquiden Markt operierten, selbst allerdings hoch liquide handelbar waren. Junk Bonds werden vergleichsweise selten gehandelt. In dem Moment, in dem sich zahlreiche Anleger von ihren Fondsanteilen trennen wollten, konnten die Authorized Participants die enthaltenen Junk Bonds gar nicht in der nötigen Menge verkaufen. Wenn die Broker die Anleihen nicht verkaufen können, kaufen sie auch keine Fondsanteile an. Da die Anleger diese in ihrer Panik aber auf jeden Fall loswerden wollten, sank der Preis der Anteilsscheine schneller als der Preis der enthaltenen Anleihen.

Fonds-Pleite trotz steigender Preise des Basiswerts? Denkbar!

Weiteres Beispiel: Rohstoff-ETFs können nicht immer in den abgebildeten Basiswert direkt investieren. Ein Gold-ETF kann Goldbarren in einem Tresor lagern. Ein Öl-ETF könnte zwar riesige Tanklager unterhalten, doch das wäre unwirtschaftlich und nicht skalierbar. Daher bilden viele Rohstoff-ETFs den Basiswert mittels Terminkontrakten ab. Das sind Lieferverträge zum Beispiel für Erdöl. Das Problem dabei ist, dass die Lieferverträge auch eine Abnahmepflicht enthalten. Da die ETFs jedoch kein Öl abnehmen können, müssen sie die Futures vor dem Fälligkeitstag verkaufen und mit dem Geld neue Futures mit späterem Fälligkeitstermin kaufen.

In normalen Zeiten funktioniert das wunderbar. In der Krise funktionierte es nicht mehr. Aufgrund der stark eingebrochenen Ölnachfrage gab es im April einfach niemanden mehr, der die fälligen Future-Kontrakte kaufen wollte. Niemand brauchte Öl, niemand hatte noch freie Lagerkapazitäten. In ihrer Panik waren die Future-Besitzer bereit, „Käufern“ der Kontrakte fast 40 US-Dollar pro Barrel dafür zu bezahlen, dass sie die Abnahmeverpflichtung übernehmen.

Für einen Öl-Fonds ist das katastrophal. Und hätte der weltgrößte Öl-ETF nicht schon zwei Wochen vor der Fälligkeit der Futures verkauft, wäre er in der dritten April-Woche insolvent gewesen. Denn wenn ein Fonds für den alten Future signifikant weniger erlöst als er für den neuen bezahlen muss, entstehen Rollverluste. Allein durch die Rollverluste gibt es merkliche Abweichungen zwischen der Wertentwicklung des Futures und seinem Basiswert. Muss der Fonds jedoch Geld dafür bezahlen, die alten Futures loszuwerden, steht nicht nur kein Geld mehr zur Verfügung, um neue Futures zu verkaufen. Der Fonds schuldet seinen Handelspartnern auch noch Geld. Es käme also zum sofortigen Totalverlust für die ETF-Besitzer, obwohl der zugrunde liegende Basiswert, Öl, starke Preiszuwächse erfahren könnte.

Das sind Risiken, vor denen nach meiner Erinnerung in den vergangenen Jahren praktisch niemand warnte. ETF wurden als sicher angesehen, abgesehen von den natürlichen Preisschwankungen, denen alle Börseninvestments unterliegen. Ist es also an der Zeit, dem passiven Investment lebe wohl zu sagen? Ich meine, dass zumindest ein Umdenken stattfinden und passives Management künftig nicht mehr die dominierende Anlageform darstellen sollte.

Aktive Manager investieren inzwischen wie ETFs

Es gibt diverse Untersuchungen, die zeigen, dass aktive Portfoliomanager durchschnittlich nicht besser abschneiden als passive Index-Investoren. Der Grund liegt meiner Meinung nach hauptsächlich darin, dass aktive Portfoliomanager in guten Zeiten einem massiven Renditedruck unterliegen. Anleger erwarten, dass ein Fonds auf jeden Fall besser abschneidet als ein Index – und die Geduld der Anleger ist nicht groß. Fondsmanager, die 2018, 2019 oder jetzt der Ansicht waren und sind, dass die allermeisten Aktien überbewertet sind oder eine Korrektur bevorsteht, werden ihr Portfolio entsprechend ausrichten und temporär schlechter abschneiden als der Markt. Sie kaufen weniger Aktien oder verkaufen sogar. Sie halten mehr Cash in der Hinterhand, um bei fallenden Kursen einsteigen zu können. Doch Cash generiert in der Übertreibungsphase keine Rendite. Im letzten Abschnitt einer Hausse zeigen verantwortlich aktiv gemanagte Fonds daher eine Underperformance gegenüber breiten Aktien-Indizes. Warren Buffett ist solch ein Portfoliomanager. Anleger werden in dieser Zeit der Underperformance Geld aus dem Fonds abziehen. Auch Buffett sah und sieht sich seit Jahren Kritik ausgesetzt, da er underperformt und Geld hortet, statt investiert.

Das ist ein Problem für den Manager. Zwar wird dieser Manager in der Korrektur voraussichtlich bedeutend besser abschneiden als der Vergleichsindex und die meisten anderen, indexfolgenden Fonds. Wahrscheinlich ist sogar, dass dieser Manager langfristig den Index schlägt, da in Krisenphasen Outperformance besonders leicht erzielt werden kann. Doch diese Outperformance in der Krise führt nur selten dazu, dass Geld zurück in den Fonds strömt. Aus diesem Grund laufen die meisten Portfoliomanager mit der Herde. Wer Outperformance generieren will, agiert nicht defensiv und mit Blick auf Korrekturen vorausschauend, sondern lädt im Gegenteil seinen Fonds mit besonders riskanten Aktien voll. In der Boomphase ist die Outperformance damit sicher und nach der Krise, die die Performance zerstörte, startet man den nächsten Fonds. Es ist Warren Buffetts Durchhaltevermögen und seine Fähigkeit, die Wünsche der Anleger nach kurzfristiger Rendite zu ignorieren, die ihm seinen jahrzehntelangen Aufstieg ermöglichten.

Es ist Zeit, den ETF-Trend zu hinterfragen

ETFs haben Vor- und Nachteile, sie haben Chancen und Risiken, die über das reine Kursänderungsrisiko hinausgehen. Es ist an der Zeit, dass Anleger wieder beginnen, eigenverantwortlich Anlageentscheidungen zu treffen. ETFs haben dabei durchaus ihre Berechtigung in Portfolien. Die Diversifizierung sollte sich jedoch nicht darauf beschränken, verschiedene statt nur einen einzigen ETF im Sparplan zu erwerben. Ich sehe ETF als Depotbeimischung und nicht als das Depot selbst.



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4 Kommentare

  1. Danke für Ihre hervorragende Zusammenfassung ! – Bei allen Vorteilen der ETF wachsen die Risiken für den Gesamtmarkt mittlerweile erschreckend schnell.
    Man denke nur an die immensen Mengen an ETF, welche beispielsweise von der Japanischen Zentralbank gehalten werden.
    Ein kleine Ergänzung zu Ihren Ausführungen: Die Index-ETF, zum Beispiel auf den S&P, enthalten nicht alle 500 Werte, sondern meist nur einen repräsentativen Anteil. Der kontinuierlich erfolgende Transaktionaufwand sowie der Trackingfehler wäre sonst kaum zu bewältigen.
    Diese Beschränkung führt wiederum zur Übergewichtung grosser Werte.
    Mein Fazit:
    Ein Investment in Index-ETF mit dem Ziel eines in der Zukunft liegenden Tradinggewinnes mag sinnvoll sein, sofern man sich der Schwankungsbreite gegenwärtig ist und diese akzeptiert.
    Ein Investment in ETF mit dem Ziel Cashflow zu generieren (Dividendenstrategie, Rentenergänzung ..) macht immer weniger Sinn.
    In diesem Ziel kommt man an Investments in soliden Einzelwerten anhand fundamentaler Unternehmensanalyse nicht vorbei.
    Dass auch dies kein Hexenwerk ist, wäre einen Beitrag von Ihnen wert :-)
    Danke nochmals, herzliche Grüsse

  2. Pingback: The unrecognized risks of trend investments! | En24 News

  3. Auf FMW wurde schon mehrmals auf die Problematik dieses Produkts hingewiesen. ( müsste eigentlich als Kriegsmaterial eingestuft werden.Beim Eingeben des Begriffs ETF auf dem Archiv von FMW tauchen regelmässig Berichte auf.
    Zwei möchte ich hervorheben.
    ETF- Massenvernichtungswaffe oder smarte Anlagelösung? ( von Zipfel Hannes) v.5.9.2019
    ETFs Tickende Zeitbombe! von M. Fugmann
    Die Problematik sehe ich hauptsächlich bei den synthetischen ETFs die nur den Index abbilden aber die Aktien nicht hinterlegt sind, also ein Derivat mit Hebelwirkung.
    DIe Zündschnur dieser Bombe wurde von den Notenbanken schon mehrmals verlängert
    WAR DA NICHT ETWAS MIT ÖL WO VIELE DERIVATE DEN MARKT ÜBERSCHWEMMTEN.

  4. Alle in diesem Artikel angeführten Argumente gegen ETFs wurden von Gerd Kommer ausführlich und nachvollziehbar widerlegt.
    Einen Öl ETC mit einem Aktien ETF gleichzusetzen und somit Risiken einer Fondspleite für alle ETFs zu begründen – mit Verlaub – das ist entweder naiv ahnungslos oder vorsätzlich manipulativ.

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