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Verschlechterung gegenüber vielen Ländern EU-Außenhandel: Absturz ins Defizit – mehr als nur das Russland-Debakel

Der Außenhandel der EU rutscht kräftig ins Defizit. Das liegt nicht nur am Handel mit Russland. Es gibt viele weitere Verschlechterungen.

Containerschiff im Hamburger Hafen

Der Außenhandel der EU läuft alles andere als positiv. Der Handelsbilanzsaldo in den ersten sechs Monaten des Jahres zeigt ein Defizit von 200,7 Milliarden Euro, nach einem Überschuss im ersten Halbjahr 2021 von 83,2 Milliarden Euro. Man kann es nachvollziehen, aber eigentlich sollte doch alles ganz anders kommen? Der Westen sanktionierte Russland wegen seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine, stellt Exporte zu großen Teilen ein, und kauft immer weniger Rohstoffe aus Russland. Das sollte Putin massiv schwächen. Aber das Gegenteil ist passiert, und das in einem unglaublichen Ausmaß. An dieser Stelle blenden wir mal aus, dass die fehlenden westlichen Technologieexporte Russland wohl langfristig schwächen dürften. Wir schauen hier und jetzt auf jüngste Finanzdaten zu Importen und Exporten.

Außenhandel der EU mit Russland hat gigantisches Defizit entstehen lassen

Auch wenn die Transportvolumen der gelieferten Rohstoffe von Russland Richtung EU in den letzten Monaten gesunken sind, so haben die Europäer doch deutlich mehr Geld nach Russland dafür überwiesen – weil die Preise explodiert sind. Das Resultat sieht man in den gestern veröffentlichten Außenhandelsdaten der EU für den Zeitraum Januar bis Juni 2022. Demnach hatte Europa gegenüber Russland im Außenhandel ein Defizit von 90,6 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2021 war es nur ein Defizit von 24,6 Milliarden Euro. Die Einfuhren aus Russland (nicht mengenmäßig, sondern was bezahlt wurde) stiegen um 78,9 Prozent im Jahresvergleich, gleichzeitig sanken die EU-Exporte Richtung Russland um 30,4 Prozent.

Da ist noch mehr – verschlechterte Zahlen gegenüber anderen großen Handelspartnern

Natürlich ist es verständlich, dass die EU auch gegenüber dem großen Gaslieferanten Norwegen ein steigendes Defizit verzeichnet, dank hoher Exportmengen und gestiegener Preise. Der gestrige Besuch von Olaf Scholz in Norwegen zeigte es – das Land fördert derzeit das absolute Maximum, um Europa zu helfen. Dies lässt man sich – so zeigen es die Daten – fürstlich bezahlen. So lag das Defizit der EU im Außenhandel mit Norwegen im ersten Halbjahr 2021 „nur“ bei 0,5 Milliarden Euro – im ersten Halbjahr 2022 war es ein Defizit von 35,8 Milliarden Euro. Die Einfuhren aus Norwegen explodierten regelrecht mit +142,7 Prozent, während die Exporte nach Norwegen nur um 17,8 Prozent stiegen.

Aber auch der Blick auf andere Partner zeigt keine gute Entwicklung auf den Außenhandel der EU. Nach Ende der schlimmsten Corona-Probleme explodiert das Defizit gegenüber China. Im Vorjahr noch bei -98 Milliarden Euro, ist es jetzt ein EU-Defizit von 189,5 Milliarden Euro in den ersten sechs Monaten des Jahres. Das grundsätzlich hohe Plus der EU im Außenhandel mit den USA von 81,2 Milliarden Euro im letzten Jahr sinkt leicht auf 80,6 Milliarden Euro in diesem Jahr. Hier darf man annehmen, dass die verstärkten Gasexporte der Amerikaner Richtung Europa ihre Wirkung zeigen. Denn die Importe aus den USA steigen um satte 51,1 Prozent, während die Exporte Richtung USA nur um 29,1 Prozent zunehmen.

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Auch der Überschuss der EU im Außenhandel mit Großbritannien schrumpft im Jahresvergleich von 68,5 auf 55,2 Milliarden Euro. Ebenso sieht man, wie die EU ihren Überschuss gegenüber der Türkei von +2 Milliarden Euro in ein Defizit von -2,4 Milliarden Euro verwandelt hat. Gegenüber Südkorea hat sich das Defizit der EU verschlechtert von -1,6 auf -4,9 Milliarden Euro. Und gegenüber Indien hat sich die EU verschlechtert von -1,5 auf -10,6 Milliarden Euro. Nur gegenüber Japan hat sich die EU im Außenhandel verbessert von -1,1 auf +1,3 Milliarden Euro – und gegenüber der Schweiz ist der Überschuss leicht gestiegen von +16,7 auf +17,6 Milliarden Euro. Man sieht also: Gegenüber den meisten großen Handelspartnern hat sich die EU spürbar verschlechtert.

Daten für den Außenhandel der EU für das erste Halbjahr 2022



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1 Kommentar

  1. ….dass die fehlenden westlichen Technologieexporte Russland wohl langfristig schwächen dürften….
    Auf dem Weltmarkt ist alles zu bekommen, und Russland beliefert mehr als die halbe Teil der Welt mit Rohstoffen. Gut, der Westen will nicht, sagt er zumindest.
    Mit den nun teuren Rohstoffen und höheren Löhnen kann Europa schlecht mit den BRICS Ländern (über 3 Milliarden Menschen) konkurrieren. Und dann sind da immer noch eine Menge Länder zusätzlich, die mit Russland gerne Handel treiben.
    Gut, es wird immer weiter versucht werden, gegen Russland anzurennen. Mal sehen was dabei herauskommt. Zumindest im Geldbeutel merkt es wohl schon jeder Europäer. Im Winter vielleicht sogar an einer kalten Wohnung, oder an dem verlorenen Arbeitsplatz.
    Aber, damit soll eben die russische Wirtschaft zerstört werden. Dann mal weiter so.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

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