Der Euro steht vor einer seltenen Chance, dem Dollar als globale Leitwährung ernsthaft Konkurrenz zu machen – und die EZB will diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen. Getrieben von geopolitischen Spannungen, handelspolitischen Provokationen aus Washington und wachsenden Zweifeln an der Stabilität der US-Märkte, erlebt die Gemeinschaftswährung neuen Auftrieb. Doch hinter den Kulissen ringen Europas Politiker und Notenbanker mit tiefen strukturellen Hürden, die darüber entscheiden werden, ob der Euro tatsächlich aus dem Schatten des Dollar treten kann.
Trump drückt Dollar – Euro-Chance?
Seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus sehen sich Europas Entscheidungsträger mit einer unerwarteten Dynamik konfrontiert: Der Euro könnte dem US-Dollar als globale Leitwährung Konkurrenz machen. Getrieben durch Trumps Zollpolitik und handelspolitische Turbulenzen aus Washington hat die Gemeinschaftswährung deutlich an Wert gewonnen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sprach im Mai von einer „globalen Euro-Moment“-Chance und präsentierte einen Plan, diese zu nutzen. Die Staats- und Regierungschefs der EU gaben dem Vorhaben auf dem Junigipfel zwar grundsätzlich grünes Licht, doch die Umsetzung liegt nun wieder bei Brüssel und Frankfurt.
Um den US-Dollar ernsthaft herauszufordern, muss die Euro-Zone allerdings tief verwurzelte strukturelle Hürden überwinden. Eine stärkere Integration der Kapitalmärkte könnte mehr Liquidität schaffen und Investoren anziehen, während eine gemeinsame Schuldenaufnahme ein europäisches Pendant zu US-Staatsanleihen schaffen würde. Doch Projekte dieser Art scheitern seit Jahrzehnten an politischen Differenzen. „Ich bin Optimist und denke, dass Europa Schritte in diese Richtung gehen wird“, sagt Guntram Wolff, Professor an der Solvay Brussels School of Economics and Management. „Aber mein Realismus sagt mir, dass die Schritte nicht groß genug sein werden, damit der Euro wirklich als Wettbewerber zum US-Dollar auftritt.“
Historisch war die Einführung des Euro auch vom Wunsch getrieben, dem „exorbitanten Privileg“ des Dollar entgegenzutreten, wie es in den 1960er Jahren Frankreichs damaliger Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing formulierte. Lagarde betonte in ihrer Rede die Vorteile einer dominanten Weltwährung: geringere Finanzierungskosten, Schutz vor Wechselkursschwankungen und Unabhängigkeit von US-Sanktionen. Doch nach anfänglichem Aufstieg verlor der Euro nach der globalen Finanzkrise wieder an internationalem Gewicht. Laut einem aktuellen EZB-Bericht liegt sein Anteil am internationalen Zahlungsverkehr 2024 bei 19 %, im Devisenreservesektor bei 20 % – jeweils rund ein Drittel des Dollar-Niveaus.
Vertrauen in US-Anleihen schwindet
Die jüngsten handelspolitischen Maßnahmen von Trump und seine Angriffe auf die US-Notenbank haben jedoch das Vertrauen in US-Anleihen erschüttert. Strategen der französischen Investmentbank Natixis sehen „Turbulenzen am US-Staatsanleihenmarkt“ inzwischen als zentrales Risiko. Gleichzeitig hat eine wachstumsfreundlichere Fiskalpolitik in Deutschland das Interesse am Euro gesteigert. „Wenn selbst deutsche, österreichische oder schweizerische Kunden anfangen, sich Sorgen um den Dollar zu machen und pro-europäisch werden, dann ist eine Schwelle überschritten“, erklärt Frederik Ducrozet von Pictet Wealth Management.
Lagarde warnt indes, den möglichen Aufstieg des Euro als selbstverständlich zu betrachten: „Wir müssen ihn uns verdienen.“ Die EZB arbeite an einem digitalen Euro, doch politische Schritte seien ebenso nötig. Sie sieht drei Grundpfeiler für eine stärkere Rolle: offene Handelsbeziehungen, militärische Stärke und vertiefte Kapitalmärkte – gestützt durch die Rechtsstaatlichkeit. Während die EU im Handel und bei Rechtsnormen gut aufgestellt ist, bleibt die Finanzintegration ein Schwachpunkt. „Die größten Hemmnisse für eine Führungsrolle des Euro sind die Marktfragmentierung und die geringe Liquidität im Euro-Anleihenmarkt“, betont Lena Komileva von G Plus Economics.
Der europäische Anleihemarkt ist zusammengenommen nur ein Drittel so groß wie der US-Markt, und auch Wagniskapitalinvestitionen hinken hinterher. Nationale Eigeninteressen verhindern Fortschritte – etwa bei der Harmonisierung von Aufsicht, Steuern oder Insolvenzrecht. Mehr als 100 Anläufe seit 2015 scheiterten, nicht zuletzt am Widerstand kleinerer Finanzzentren wie Irland oder Luxemburg und Lobbyinteressen etwa deutscher Sparkassen. Johannes Lindner vom Jacques Delors Centre nennt die Verflechtung nationaler und europäischer Interessen eine „harte Nuss“. Lagardes Idee einer freiwilligen „28. Rechtsordnung“, in die Unternehmen optieren könnten, gilt als potenzieller „Game Changer“, hat jedoch derzeit keine politische Priorität.
Stärkung des europäischen Anleihemarkts
Noch umstrittener ist die gemeinsame Emission von Staatsanleihen, da wohlhabendere Länder wie Deutschland nicht für hochverschuldete Staaten wie Italien haften wollen. Der Bestand an europäischen Staatsanleihen mit mindestens AA-Rating liegt bei unter 50 % des BIP, in den USA dagegen bei über 100 %. Isabel Schnabel, Mitglied des EZB-Direktoriums, sieht einen großen europäischen Anleihemarkt als Voraussetzung für die globale Rolle des Euro und plädiert für mehr gemeinsame Finanzierung öffentlicher Güter, etwa in der Verteidigung. Das EU-Programm „ReArm Europe“ könnte hierfür bis zu 800 Milliarden Euro mobilisieren.
„Wenn mehr Anleihen auf europäischer Ebene statt national begeben werden, entsteht ein liquiderer Markt für den Euro“, sagt Massimiliano Castelli von UBS Asset Management. Doch bislang bleibe dies nur ein Szenario, da Europa oft Versprechen mache, die nicht eingelöst würden. Otmar Issing, einer der Architekten des Euro, lehnt gemeinsame Schulden strikt ab und betont: „Die Entscheidung über die Nutzung des Euro als internationale Währung liegt in den Händen von Ausländern, Zentralbanken oder privaten Akteuren. Für die EZB ist entscheidend, internationale Investoren dauerhaft von der Stabilität des Euro zu überzeugen.“
FMW/Bloomberg
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Der europäische Stabilitätsanker war Deutschland, doch das ist seit diesem Jahr dank Merz und Klingbein vorbei. Damit ist der Euro nur dann noch eine Alternative zum Dollar, wenn Trump die USA in den Graben fährt. Was durchaus eine Möglichkeit ist. Man sieht das unter anderem daran, dass die Investoren nur noch kurzfristige US-Staatsanleihen kaufen und der Dollar gegen den Euro in diesem Jahr etwa 10% abgewertet hat.
Der Euro muss nicht auseinander brechen, aber wenn ich mir die großen EU-Länder ansehe, wird es so kommen. Oder man steigt gemeinsam in die 3. Liga ab, da es in den 3 Ländern ähnlich schlecht läuft. Also, je schlechter es in Deutschland läuft, desto stabiler der Euro. Jedenfalls ist der Euro nicht wirklich attraktiver als der Dollar. Ich vermute wegen dieser fehlenden Alternative steigt die Attraktivität von Gold und Bitcoin. Es könnte aber auch irgend etwas anderes sein, nach 45 waren das bsw Zigaretten.
Halte ich für völlig unrealistisch.
Ein starkter Euro würde die Exporte in die USA noch mehr erschweren. Die werden vermutlich eher versuchen sich an den $ zu koppeln, ähnlich der Schweiz an den €.