Devisen

Analystenkommentar Euro und Dax gleichzeitig robust – wie das sein kann

Euro und Dax sind gleichzeitig robust - wie das sein kann? Eine Analystin erläutert die aktuelle Marktlage und die bullischen Gründe.

Eigentlich lautet die grobe Faustregel: Je schwächer der Euro, desto besser für den Dax. Denn die größten deutschen Konzerne sind stark exportlastig. Je günstiger der Euro, desto günstiger können ausländische Käufer deutsche Produkte kaufen, desto besser ist dies für die Unternehmensergebnisse. Und umgekehrt müsste eigentlich das selbe gelten? Je höher der Euro, desto schlechter für den Dax. Aber dem ist derzeit nicht so.

Dax und Euro habe jeweils eigenständige Argumente zum Ansteigen

Derzeit sieht man Stärke bei Dax und Euro gleichzeitig. Schauen wir auf den folgenden TradingView Chart. Seit mehr als drei Monaten steigt der Euro gegen den US-Dollar, nämlich von einem Wechselkurs von 0,98 auf jetzt knapp 1,07. Der Dax konnte sensationelle 3.000 Punkte zulegen! Beide haben in den letzten Monaten ziemlich parallel zugelegt, was dem üblichen Szenario widerspricht. Aber warum?

Die Energiepreise sind seit Monaten deutlich am Fallen, und es gibt viele Anzeichen dafür, dass eine echte harte Rezession in Europa womöglich doch ganz ausbleibt. Das deutsche BIP sank zwar im 4. Quartal 2022 um 0,2 % – aber im EU-Schnitt waren es 0,0 %. Eine viel besser laufende Konjunktur als noch vor mehreren Monaten erwartet ist positiv für die Unternehmen. Die stark steigenden Zinsen werden vom Aktienmarkt (noch) ausgeblendet, und die abgesagte Rezession und fallende Energiepreise sind als positive Argumente im Fokus.

Ganz anders sieht die Lage am Devisenmarkt aus. Die starken Zinsanhebungen in der Eurozone seit Juli (von 0 % auf 3,0 % im Leitzins) haben dem Euro gegenüber dem US-Dollar Auftrieb verliehen. Denn Zinsanlagen in Euro werden damit wieder attraktiver. In den letzten Tagen schwächelte der Euro ein klein wenig – dies lag an verschiedenen sehr starken US-Konjunkturdaten, die wiederum für höhere US-Zinsen sprechen. Aber letzte Woche haben EZB-Offizielle nachgelegt mit sehr hawkishen Kommentaren, die klar für weiterhin steigende Zinsen in Euroland sprechen. Also sieht auch der Euro weiteren Auftrieb, zusammen mit einem gut gelauten Dax, der die höheren Zinsen weiterhin ausblendet?

Chart zeigt seit Mai 2022 die Entwicklung von Euro und Dax

Analystenkommentar

Hier drucken wir den heutigen Kommentar ab von Ipek Ozkardeskaya, Senior Analyst bei der Swissquote Bank. Es geht hierbei genau um diese Thematik, nämlich den robusten Euro, und gleichzeitig robuste Aktienmärkte in Europa, wie zum Beispiel dem Dax. Hier ihre Aussagen im Wortlaut, ins Deutsche übersetzt:

EZB-Schnabel lässt EZB-Zinserwartungen in die Höhe schnellen. Isabel Schnabel von der Europäischen Zentralbank (EZB) warnte in der vergangenen Woche, dass die Anleger möglicherweise die Hartnäckigkeit der Inflation und – was noch wichtiger ist – die zu ihrer Eindämmung erforderlichen Maßnahmen unterschätzen. Sie sagte, dass die EZB möglicherweise energischer handeln müsse, um die Inflation auf das 2 %-Ziel zu bringen. Ihre Worte beflügelten die Zinswetten der EZB, und die Geldmärkte trieben den Spitzenwert des EZB-Einlagensatzes von derzeit etwa 2,50 % auf 3,72 %. Letzteres trug dazu bei, dass sich der Euro gegenüber dem US-Dollar von dem am Freitag verzeichneten Rückgang auf 1,0612 erholte – aber der Euro steht weiterhin unter Druck, da der 50-DMA, der nahe der 1,0730-Marke liegt, einen guten Widerstand darstellt.

Die europäischen Aktienmärkte entwickeln sich jedoch trotz der restriktiven Erwartungen der EZB und der wenigen weiteren Zinserhöhungen um 50 Basispunkte weiterhin gut. Der Wiederanstieg des Euro seit Ende September war ein Segen für die europäischen Aktien, da der stärkere Euro die Energiekosten, die in US-Dollar ausgehandelt werden, für die europäischen Unternehmen erschwinglicher machte. Der milde Winter in Europa trug ebenfalls dazu bei, das Risiko einer Energieknappheit zu mindern.

Obwohl sich der Euro gegen den US-Dollar im Februar zu entspannen begann, setzte sich die Stärke der europäischen Aktien aufgrund der nachgebenden Energiepreise fort. Der Dax liegt jetzt auf einem Jahreshoch, auf dem Niveau vor Beginn des Ukraine-Krieges, und der CAC40 erreichte letzte Woche ein Allzeithoch. Unglaublich.

Die europäischen Erdgas-Futures tendieren weiter nach unten, andererseits sind wir auch auf dem Niveau vor dem Beginn des Krieges in der Ukraine. Das Barrel amerikanisches Rohöl fiel am Freitag auf 75 Dollar, und interessanterweise waren weder die Wiedereröffnung Chinas noch die schwindenden Chancen auf eine globale Rezession, starke Wirtschaftsdaten oder Angebotskürzungen aus Russland appetitanregend genug, um den Ölbullen den Schwung zu geben, den sie brauchten, um den Widerstand des 100-DMA zu überwinden.

Das ist eine gute Nachricht für den Dax, denn die Energiekosten werden auch bei einem schwächeren Euro weiter sinken. Auf der anderen Seite ist der schwächere Euro ein Segen für französische Luxusmarken, da sie im Ausland mehr Umsatz machen. Was könnte schiefgehen? Die EZB. Höhere EZB-Zinsen und eine mögliche Wende bei den Energiepreisen sind derzeit die Hauptrisiken für die europäische Aktienrallye.

 



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