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Hält die Outperformance an? Europa-Aktien mit Rekordvorsprung vor Wall Street – bleibt das so?

Europa-Aktien mit Rekordvorsprung vor Wall Street - bleibt das so?
Europa: Aktien-Bullen mit Vorsprung. Grafik: robertobaumgartel - Freepik.com

Die europäischen Aktienmärkte haben ihre US-Pendants in diesem Jahr deutlich outperformt, allen voran der Deutsche Aktienindex (Dax). Während der US-Leitindex S&P 500 seit Jahresbeginn 5,5 % verloren hat, liegt der Dax trotz der jüngsten Korrektur immer noch knapp 13 % im Plus. Europa ist für Investoren endlich wieder interessant, auch weil Deutschland eine Schuldenorgie plant. Doch nun geht ein historisches Quartal für europäische Aktien zu Ende und Anleger fragen sich, ob ihr Portfolio noch eine Zugabe erhält.

Rekordvorsprung für europäische Aktien

Jahrelang gab es wenig Grund, bei der Aktienperformance über die USA hinauszuschauen, wo boomende Tech-Giganten und eine starke Wirtschaft eine Ära der Marktdominanz begründeten. Doch die Zweifel an der These der “amerikanischen Exzeptionalität“ nehmen zu — wegen der Unsicherheiten rund um Donald Trumps Zollpolitik und dem Stellenabbau in zahlreichen Behörden. Europa und seine Aktienmärkte sind der große Nutznießer, so ein Bericht von Bloomberg.

Der gesamteuropäische Stoxx 600 übertraf den S&P 500 in diesem Quartal in Dollar um rund 17 Prozentpunkte — ein Rekord. Die Rallye — eine Überraschung angesichts der Erwartung, dass Trumps America First-Agenda das Gegenteil bewirken würde — hat sowohl Skeptiker als auch Optimisten zu der Frage veranlasst, ob dies der Beginn einer dauerhaften Erholung oder nur ein flüchtiger Moment ist.

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Zunächst lockte die Attraktivität europäischer Aktien, die nach jahrelanger Underperformance als günstig bewertet galten. Dann jubelte die Börse – allem voran der Dax – über die deutschen Haushaltspläne, die die Aussichten für die Gesamtwirtschaft und die unternehmerischen Perspektiven deutlich attraktiver machen.

“Wir haben lange darauf gewartet, dass sich diese Stimmung ändert“, sagte Daniel Nicholas, Kundenportfoliomanager bei Harris Associates, dessen Unternehmen seit der Schuldenkrise in der Eurozone stark in der Region investiert ist. “Europäische Unternehmen und ihre Aktien waren falsch bewertet.“

Deutsche Schuldenorgie treibt Aktien

Der Plan Berlins, die Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur hochzufahren, hat das Umfeld für Investoren verändert. Viele verbrachten die ersten drei Monate des Jahres damit, ihre Untergewichtung in Europa aufzulösen. Laut der Fondsmanager-Umfrage der Bank of America vom März waren die Anleger mit netto 39% in Europa übergewichtet — der höchste Stand seit fast vier Jahren.

Regionale Aktienfonds verzeichneten laut EPFR Global bis Mitte März Zuflüsse in Höhe von 21 Milliarden Dollar.

Der große Gewinner: Deutschland. Der Dax hat seit Jahresbeginn um 13% zugelegt, und die jüngsten Daten zu den börsengehandelten Produkten von iShares zeigen, dass die Kapitalströme stark auf deutsche Vermögenswerte konzentriert sind.

“Die Rallye in Europa kann noch eine Weile andauern. Auf Sicht von drei bis sechs Monaten ist Europa attraktiv“, sagte Jean Boivin, Leiter des BlackRock Investment Institute.

Der Aufschwung beflügelte auch den Euro, der sich Anfang März der Marke von 1,10 Dollar näherte. Noch im Februar tendierte die Währung zur Parität. Ales Koutny von Vanguard International hält 1,20 Dollar bis zum Jahresende für eine “sehr reale Möglichkeit“, abhängig von Trumps Handelspolitik. Kriti Gupta von Bloomberg erörtert die Zölle, die von den USA am 2. April eingeführt werden, dem Tag, den Präsident Donald Trump als „Tag der Befreiung“ (Liberation Day) bezeichnet hat.

Anleihen könnten derweil weiter unter Druck stehen, da Investoren eine höhere Rendite für höhere Schulden verlangen. Aviva Investors und BNP Paribas haben die Möglichkeit ins Spiel gebracht, dass die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen auf 4% steigen könnten – ein Niveau, das seit der Finanzkrise 2008 nicht mehr gesehen wurde.

Risiken durch Trump

Die Risiken, die von der Politik Trumps ausgehen, sind jedoch nach wie vor beträchtlich. Bislang scheinen die US-Aktienmärkte die Hauptlast zu tragen. Sowohl der S&P 500 als auch der Nasdaq 100 sind in diesem Quartal in eine technische Korrektur eingetreten, mit Kursverlusten von mehr als 10 % seit den jüngsten Höchstständen. Darüber hinaus war der überhitzte KI-Boom ins Stocken geraten und befindet sich nach wie vor in einer Konsolidierungsphase.

Im Zuge der globalen Marktrotation wurden Europas Aktien nicht nur als unterbewertete Alternative entdeckt, sondern konnten sich auch weitgehend dem Abwärtsdruck aus den USA entziehen — ein seltener Fall von inhärenter Stärke.

“Wenn Investoren sich vom Trump-Risiko diversifizieren wollen, ist Europa einer der Hauptnutznießer“, sagte Daniel Murray, stellvertretender Chief Investment Officer bei EFG Asset Management. “Man sucht immer nach Extremen — bei Bewertungen, Positionierungen, Sentiment — und nach einem Katalysator, der eine Wende herbeiführen könnte. Ich glaube nicht, dass wir schon am Ende dieser Entwicklung sind. Das kann weiterlaufen.“

Während Europa noch weit von der US-typischen “Fear-of-missing-out”-Mentalität (FOMO) entfernt ist, hat die starke Outperformance dazu geführt, dass viele Marktkommentatoren ihre vorsichtigen Prognosen über Bord werfen. Fast die Hälfte aller Strategen in einer Bloomberg-Umfrage hat ihre Prognosen für den Stoxx 600 angehoben, viele mit Verweis auf die verbesserten Gewinnaussichten.

Rüstungsaktien sind der Gewinner

Der große Sektor-Gewinner ist die Verteidigungsindustrie. Unternehmen wie Rheinmetall verzeichnen erhebliche Kursgewinne. Ein von Goldman Sachs zusammengestellter Aktienkorb von Rüstungstiteln legte 2025 bereits um 72% zu, und Investoren zahlen derzeit eine Prämie von 100% gegenüber dem breiteren Markt – eine Wette darauf, dass die europäische Aufrüstung die Gewinne der Branche deutlich steigern wird.

Auch Firmen, die von Modernisierungsprojekten und einem möglichen Wiederaufbau in der Ukraine profitieren könnten, rücken in den Fokus. Analysten von Goldman Sachs heben insbesondere die Sektoren Material, Elektrotechnik, Versorger und Industrie hervor. Der stärker auf den deutschen und europäischen Binnenmarkt fokussierte MDax legt ebenfalls zu.

Gegenwind für Aktien

Trotz aller schönen Schlagzeilen über den beeindruckenden Start ins Jahr 2025 ist die europäische Rallye auf einige wenige Sektoren konzentriert und stark von der Umsetzung staatlicher Pläne abhängig.

Aktien aus traditionellen europäischen Bereiche wie Automobilhersteller und der Gesundheitssektor hinken dem Markt bisher noch hinterher. Zudem bleibt unklar, wie schnell sich die neuen politischen Maßnahmen in den Unternehmensgewinnen niederschlagen werden.

“Der Anstieg bei Aktienkörben von Bau- und Materialwerten ist vermutlich nur ein Strohfeuer“, sagt Ariane Hayate, Fondsmanagerin bei Edmond de Rothschild Asset Management. “Aus meinen Gesprächen mit Branchenvertretern geht hervor, dass der Wiederaufbau der Ukraine nicht so schnell in relevante Unternehmensgewinne umschlagen wird.“

Um Investoren langfristig zu binden, sind zudem Reformen nötig. Insbesondere eine einheitliche europäische Fiskalpolitik war bisher eine unüberwindbare Hürde.

Auch die zerklüfteten europäischen Kapitalmärkte sind ein Problem. Laut Boivin von BlackRock könnte eine Umschichtung von 2% bis 5% der globalen Kapitalflüsse aus den USA bereits “Liquiditätsprobleme schaffen — und ich glaube nicht, dass Europa derzeit die nötige Markttiefe hat, um das zu absorbieren.”

Auch andere Herausforderungen bleiben bestehen. Zunehmende Handelsspannungen mit den USA und globalen Partnern könnten zu Volatilität führen. Die wirtschaftliche Entwicklung in China – nach wie vor entscheidend für die hiesigen Exporteure – ist ungewiss, während der Wettbewerb in Bereichen wie Elektrofahrzeuge zunimmt. Zudem zeigen die steigenden Renditen von Staatsanleihen, dass die expansive Fiskalpolitik ihren Preis hat.

Für den Moment setzen viele Marktteilnehmer jedoch auf die positive Seite und kaufen europäische Aktien.

“In über 30 Jahren in den Finanzmärkten habe ich selten eine so plötzliche Welle des Euro-Optimismus erlebt“, sagte Holger Schmieding, Chefvolkswirt bei Berenberg. “Ist diese Euphorie gerechtfertigt? Meine Antwort ist differenziert. Ja und ja — aber nicht in jeder Hinsicht. Der positivere Ausblick für Europa ist gerechtfertigt. Aber wie so oft könnte der plötzliche Stimmungswechsel in manchen Bereichen ein wenig übertrieben sein.“

FMW/Bloomberg



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1 Kommentar

  1. Der Boom an den europ. Börsen könnte auch durch einen extremen Short-Squeeze (bzw. Summe aus Short Squeezes auf einzelne Werte) ausgelöst worden sein, verstärkt durch Short ETFs. Viele Shortseller haben sich seit Anfang 2023 immer wieder verspekuliert und dachten, nun muss doch endlich eine große Korrektur kommen, als diese nicht kam, mussten sie sich immer weiter mit Aktien eindecken, was die Kurse noch weiter steigen ließ. Der langfristige Dax-Chart (linear) sieht jedenfalls sehr, sehr ungesund aus, von 14.000 auf 22.500 (+60%) in 3 Jahren kann nicht fundamental begründet werden. Zudem sind die Gewinnprognosen der meisten Unternehmen für 2026+ utopisch hoch, abzulesen am PEG weiter über 1,0.

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