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Evergrande: Platzt Chinas Immobilienblase?

Chinas Immobiliensektor ist eine der Schlüsselbranchen des Landes. Der Immobiliensektor steuert mehr als ein Viertel zum chinesischen Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei. Manche Schätzungen gehen sogar von einem Drittel aus. Im Immobilien- und Baugewerbe sind fast 20 Prozent der städtischen Arbeitskräfte Chinas beschäftigt. Allein der Konzern Evergrande steht für etwa zwei Prozent des BIP. Chinas fünf Billionen US-Dollar schwere Immobilienbranche ist bis zur Halskrause verschuldet und in desaströser Schieflage.

Evergrande ist der höchstverschuldete Immobilienentwickler der Welt

Der höchstverschuldetste Immobilienentwickler der Welt, Evergrande, steht mit dem Rücken zur Wand. Der Konzern betreut nach eigenen Angaben 1.300 Bauprojekte in 280 Städten, hat fast 250 Tochterunternehmen, zahlreiche davon in Steuerparadiesen wie den Cayman Islands. Evergrande baut nicht nur Häuser und Wohnungen, sondern hat auch seine Finger bei einem Fußballclub, bei Themenparks, Medien, Konsumgütern wie Mineralwasser und Babymilch, bei Elektroautos… im Spiel. Seit Jahresbeginn ist der Aktienwert des Konzerns um mehr als 80 Prozent gefallen. Mit knapp 1,5 Millionen unfertiger Immobilien und 305 Milliarden Dollar Schulden ist der Konzern, der wie kein anderer für kreditgetriebene Spekulation steht, faktisch bankrott.

175 Milliarden Yuan versäumte Zahlungen von Immobilienunternehmen

Neben Evergrande können auch weitere Immobilienentwickler China Modern Land, Sinic Holdings, der Luxusentwickler Fantasia (die meisten Anleihe-Titel haben bereits rund 80 Prozent an Wert eingebüßt) ihre Zinszahlungen offenkundig nicht mehr leisten. Die versäumten Zahlungen von Immobilienunternehmen machen inzwischen 36 Prozent der rekordverdächtigen 175 Milliarden Yuan (27,1 Milliarden Dollar) aus, die in diesem Jahr bei Onshore-Unternehmensanleihen ausgefallen sind. 2022 werden allein bei chinesischen Immobilienentwicklern Anleihen im Wert von mindestens 92 Milliarden Dollar fällig. Bei Evergrande sind es für Anleihen ein Volumen von7,4 Milliarden Dollar.

Immobilieninvestments in China: Schneeball-System anstatt nachhaltige Investitionsstrategie

China hat über viele Jahrzehnte ein für uns Europäer unvorstellbares Wachstum seiner Städte erlebt. Der Durchschnittspreis für ein Wohnhaus in China – in der Regel eine Wohnung – hat sich zwischen 2001 und 2019 mehr als vervierfacht. Dieses gigantische Wachstum ging jedoch einher mit einer immer größer werdenden Verschuldung der Immobilienunternehmen. Die Deutsche Welle vergleicht das Geschäftsmodell eher mit einem Schneeball-System als mit einer nachhaltigen Investitionsstrategie. Bereits vor dem ersten Spatenstich wird in China eine beträchtliche Anzahlung fällig, mit der dann das Immobilienunternehmen das aktive Geschäft am Laufen hält. Dies bedeutet, dass es ohne Neugeschäft keinen Cash-flow und ohne Cash-flow keine Bautätigkeit gibt.

Laut Deutscher Welle sollen geschätzt mehr als anderthalb Millionen Evergrande-Kunden für Wohnungen bezahlt haben, die wohl nie in Bau gehen werden. China hat mit mehr als 20 Prozent bereits eine der höchsten Leerstandsquoten der Welt. Mehr als 90 Prozent der städtischen Haushalte besitzen bereits eine Wohnung. Landesweit würde es mittlerweile etwa zwei Jahre dauern, bis alle unverkauften Wohnungen bei den derzeitigen Verkaufsraten verkauft wären. Der Verkaufsboom ist definitiv vorbei. Das Volumen der Hausverkäufe fiel im September um 16,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach einem Rückgang von 19,7 Prozent im August.

Das zum Scheitern verurteile Geschäftsmodell gerät tagtäglich stärker ins Wanken. Bereits Ende August 2021 hatte Evergrande seine Gläubiger vor einem Zahlungsausfall gewarnt. Folglich brachen dann nicht nur die eigenen Papiere ein, sondern der Ausverkauf der Anleihen griff infolgedessen auch auf die Papiere vieler hoch verschuldeter Wettbewerber über. Kurzum; der asiatische Markt für hochverzinsliche Anleihen wurde in letzter Zeit von einem durch Panik gesteuerten Handel schwer erschüttert. Daher stiegen die Renditen stark an. Verheerend ist, dass jedoch ausgerechnet chinesische Bauträger zu den größten Emittenten hochverzinslicher Anleihen (Junk Bonds) gehören.

Kann Evergrande ein zweites Beben wie zuletzt Lehman Brothers auslösen?

Im Gegensatz zu Lehman ist Evergrande vor allem bei heimischen Banken verschuldet und nicht so mit den globalen Finanzmärkten verflochten, wie Lehman Brothers. Ob Evergrande die auf Pump finanzierte, teilweise irrsinnige Immobilienblase in China zum Platzen bringt und die globalen Aktienmärkte aber auch völlig überwerteten Kryptomärkte damit in einen massiven Abwärtsstrudel reißt, oder ob die chinesische Regierung noch die Kuh vom Eis holt, ist nicht klar. Momentan sieht es danach aus, als ob Chinas Regierung an Evergrande ein Exempel statuiert und den Konzern bankrott gehen lässt. Die Folgen eines solchen Bankrotts kann niemand exakt vorhersagen.

Immobilienblase in China wird platzen

Sollte ein Evergrande Bankrott nicht den ganz großen Finanztsunami auslösen, hätte die Pleite dennoch gravierende Auswirkungen für uns im Westen. Es ist davon auszugehen, dass die Aktienmärkte global erheblich nach unten korrigieren werden. Obendrein werden sich viele betroffene Gläubiger in China mit Geschäften zukünftig einschränken müssen. Sollte Chinas Wirtschaft in Folge der Schuldenkrise überhaupt nicht mehr, oder wesentlich langsamer wachsen, dann wird dies global Konsequenzen haben. Es wird nicht nur die chinesische Wirtschaft leiden, sondern auch die unserer westlichen Welt. Insbesondere unsere exportorientierte deutsche Wirtschaft wird ausgesprochen betroffen sein. Fakt ist: Die Uhr tickt. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis die Blase in China platzt und nicht ob.

Matthias Weik, Finanzexperte und fünffacher Bestsellerautor und langjähriger Geschäftsführer der Finanzstrategieberatung F&W – Finanzen und Wirtschaft; Strategien zur Vermögenssicherung GmbH.

Von Evergrande entwickelte Immobilienkomplexe in China Gebäudekomplex von Evergrande. Foto: Windmemories CC BY-SA 4.0



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8 Kommentare

  1. Jetzt warten wir hier schon eine Ewigkeit auf diesen Evergrande-Tsunami-Blasen-Platzer.
    Was ist denn los? Macht endlich weiter…

  2. Columbo – wir sind noch in der Phase wo sich das Meer zurückzieht! Der Tsunami wird noch kommen… Den Rosenkranz immer in Griffweite aufbewahren!

  3. Wenn man weiss,dass das Weltwirtschaftswachstum der letzten Jahre hauptsächlich von China getragen wurde, so ist es sehr logisch dass ein hustendes China die ganze Weltwirtschaft ausbremst.

  4. @ Columbo. ich erinnere mich noch als bei der US- Hypokrise ein hochdotierter Wirtschaftsprofesser sagte, es sei nur ein regionales Bankenproblem. Schlussendlich haben auländische Banken grosse Verluste gemacht und die Amis haben eine Bank geopfert und die andern kamen gut davon.Diesmal werden die Chinesen auch für sich schauen und ausländische Investoren werden ihr Fett abbekommen.

    1. Auch diese „Krise“ hat es ja keineswegs überall gegeben. In den USA war der Immobilienmarkt lediglich regional überhitzt und er ist auch nur in diesen überhitzten Regionen eingebrochen. Große Teile waren auch damals gar nicht betroffen.
      Allerdings waren die Amis mal wieder schlau genug, ihren Finanzschrott an Ausländer zu verhöckern. Das hatte den Vorteil, das die USA beim „Crash“ einen nicht unerheblichen Teil ihrer durch das dauerhafte Außenhandelsdefizit aufgehäuften Schuldenberg schlicht gestrichen haben.

      Den der Leitwährungsinhaber hat die Möglichkeit seine Verschuldung permanent zu erhöhen und es stehen ihm zwei Mechanismen zur Verfügung diese Schulden zu streichen (Rückzahlung ist eh nicht vorgesehen).
      Die erste ist die Abwertung der eigenen Währung (seit den 70ern erfolgreich angewendet) und das zweite sind eben „Finanzkrisen“. Da enteignet man dann einfach einen Teil der zugeflossenen Mittel.

      Der Mechanismus ist ganz einfach. Weil ich die Leitwährung habe, ziehe ich automatisch Geld an, was in selbem Maße meine Verbindlichkeiten erhöht. Dann kommt es gelegentlich mal zum „Crash“, was meine Verbindlichkeiten eliminiert. Und danach beginnt das Spiel von vorne. Das kann ich so lange treiben, so lange ich die Weltleitwährung habe. Und die Leitwährung behalte ich so lange, wie ich die wesentliche Großmachtposition halten kann.

      Inzwischen funktioniert das seit knapp 50 Jahren. Bin mal gespannt ob ich das Ende noch erlebe.

      Ein amerikanischer Finanzminister hat das schon in den 70ern mal so schön auf den Punkt gebracht (weiß leider nicht mehr wer): „Unsere Währung, euer Problem.“

  5. Es wird sich zeigen, wer mehr aushält.

  6. Der Artikel geht an den eigentlichen Fragestellungen vorbei.

    Der gesamte chinesische Mittelstand hat mit Immobilien gezockt (und eben nicht „investiert“). Deshalb ist die Bezeichnung als Schneeballsystem völlig korrekt. Einerseits hat das dazu geführt, das die private Verschuldung hoch ist und andererseits bilden diese Immobilien das Vermögen des Mittelstandes. Fällt deren Wert (was unweigerlich passiert, da am Bedarf vorbeigebaut wurde) verschwindet das Vermögen der Mittelschicht. Hinzu kommt, wie beschrieben, der zumindest vorübergehende Verlust von vielen Arbeitsplätzen, insbesondere für gering qualifizierte Arbeitnehmer.
    Beides zusammen bildet erheblichen sozialen und politischen Sprengstoff. Basiert die Stabilität Chinas doch auf dem unausgesprochenen Deal zwischen Politik und Bevölkerung: „Wir mischen uns nicht in die Politik ein und ihr schafft den Rahmen für steigenden Wohlstand.“ Und dieser Deal ist bei einem Immobiliencrash gefährdet.
    Dagegen ist das Verdampfen von ein paar hundert Milliarden Dollar eine Petitesse.

  7. Nun, heute wurden die fälligen Zinsen bezahlt. Solange Evergrande nicht Pleite ist, haben die Chinesen ein gutes Druckmittel. Irgendwann werden die „Ausländer“ mit einer sehr niedrigen Quote zufrieden sein. In den Zeitungen lese ich, dass die meisten Forderungen eh schon abgeschrieben seien.
    Mittlerweile glaube ich eher, dass die Chinesen die „Langnasen“ zermürben wollen/werden: Wegen zwei positiv getestete Personen, wird ein ein strategisch wichtiger Hafen dicht gemacht. Die Lieferketen brechen auf einmal, Magnesium wird knapp und schon geht die Angst in der deutschen Wirtschaft um.

    Unser Problem scheint zu sein, dass wir immer noch davon aus gehen, dass die Chinesen in westlichen Denkkategorien unterwegs sind. Die Strategie der Nadelstiche ist uns fremd, wir haben hierfür keine Reaktionsmechanismen entwickelt. Das wissen die Chinesen – somit haben sie die Macht, uns Woche für Woche mehr in den Wahnsinn zu treiben. So kann ich mir auch die Taiwan-Provokationen erklären – es ist eben auch ein Nadelstich, wirt werden noch viel mehr erleben….

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