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Strategische Ölreserven schützen China noch Exportboom im Mai: China und die gekaufte Zeit

Fokus verschiebt sich nach Europa

Foto: chormail - Freepik.com

Der Außenhandel von China meldet Rekorde, doch der Schein trügt. Steigende Kosten, leere Ölreserven und statistische Effekte zeigen: Der aktuelle Boom steht auf einem extrem wackligen Fundament.


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Exportboom im Mai: China und die gekaufte Zeit

Beim Exportboom im Mai sichert sich China vor allem eines: teuer gekaufte Zeit. Hinter dem massiven Zuwachs von über 22 Prozent im Jahresvergleich steckt nämlich keineswegs eine nachhaltig gestärkte Wirtschaft, sondern eine gefährliche Mischung aus explodierenden Importpreisen und statistischen Verzerrungen. Während die Industrie im Inland unter schrumpfenden Margen leidet, weil sie die teuren Rohstoffe nicht eins zu eins an den Weltmarkt weitergeben kann, treiben Vorzieheffekte im US-Handel und der Griff in die strategischen Ölreserven die Zahlen künstlich auf. Diese Bilanz spiegelt keine echte Stärke wider, sondern verschleiert die tiefen Risse im globalen System.

Teure Importe fressen die Margen

Der chinesische Außenhandel erreichte im Mai ein Gesamtvolumen von 648,1 Milliarden US-Dollar, ein Anstieg von 22,6 Prozent im Jahresvergleich. Die Einfuhren betrugen 271,4 Milliarden US-Dollar, 27,4 Prozent über dem Vorjahresmonat, gegenüber dem April allerdings 1,1 Prozent weniger. Die Ausfuhren stiegen um 19,4 Prozent auf 376,8 Milliarden. Der Handelsüberschuss kletterte damit auf 105,4 Milliarden US-Dollar, nach 84,8 Milliarden im April.

China Handelsbilanz


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Verzerrt wird die Importstatistik durch die stark gestiegenen Preise. Der Wert je Tonne kletterte binnen Jahresfrist um knapp 35 Prozent, während die eingeführte Menge um 5,6 Prozent sank. Auf der Ausfuhrseite stieg der Wert je Tonne nur um 14,4 Prozent, bei einer zugleich um 4,4 Prozent größeren Menge.

Damit verschiebt sich das Austauschverhältnis sichtbar zu Ungunsten Chinas. Teurere Vorprodukte treffen auf einen Weltmarkt, der höhere Preise für Endprodukte nur eingeschränkt akzeptiert. Die Folge ist eine klassische Margenkompression in der Industrie, die über die Menge ausgeglichen werden muss. Wachstum wird damit zunehmend „erkauft“, nicht verdient.

Als Dämpfer der weltweiten Teuerung wirkt die Volksrepublik, solange sie die gestiegenen Kosten nicht vollständig weiterreicht. Genau darin liegt ihr Problem. Je länger dieser Zustand anhält, desto größer wird der Druck, die Preise doch anzuheben oder die Last ins Inland zu verlagern. Die Erzeugerpreise, die im Mai auf den höchsten Stand seit fast vier Jahren steigen dürften, deuten an, wohin die Anpassung läuft.

US-Exporte profitiert von schwacher Vorjahresbasis

Die chinesischen Ausfuhren in die Vereinigten Staaten legten im Mai um 35,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zu, der stärkste Zuwachs seit rund fünf Jahren. Nach einer langen Reihe von Monaten, in denen die Lieferungen nach Amerika zweistellig eingebrochen waren, sieht das nach der Wende im Zollkonflikt aus, nach der Rückkehr eines Geschäfts, das die Strafzölle vertrieben hatten.

Gemessen über die ersten fünf Monate bleiben dieselben Ausfuhren jedoch 2,7 Prozent unter dem Vorjahr. Der Sprung im Mai ist aber nur die Folge eines besonders schwachen Vorjahresmonats, als der Zollschock die Lieferungen einbrechen ließ.

Verstärkt wird der Mai-Wert durch einen Sondereffekt. Vor den neuen US-Zöllen, die zum Juli erwartet werden, ziehen Importeure ihre Bestellungen vor. Solche Vorzieheffekte waren im Mai bereits zu beobachten und blähen die Ausfuhren über die laufende Nachfrage hinaus auf. Bestätigt wird das aus der Gegenrichtung. Die amerikanische Statistik weist die Einfuhren aus China inzwischen niedriger aus, als Peking sie als Ausfuhren verbucht.

Immer sichtbarer in der chinesischen Zollstatistik, dass die von Donald Trump verhängten Zölle eine nachhaltige veränderte Verlagerung der Lieferketten nach sich gezogen hat. Die billigen Konsumgüter für die USA werden nicht mehr in der Volksrepublik hergestellt, sondern in den ASEAN-Staaten. Die Daten des chinesischen Zolls weisen trotz des Burgfriedens zwischen Donald Trump und Xi Jinping auf einen grundlegenden Umbau von billiger, arbeitsintensiver Kleidung, Schuhen und Spielzeug, deren Ausfuhren um 10 bis 20 Prozent im Mai zurückgingen, zu hochwertigen Produkten, wie Autos, Schiffen oder technischen Equipment. Der Zollkrieg beschleunigt damit, was er verhindern sollte. Die magenschwache Endmontage wandert nach Südostasien, die teure Technik bleibt im Land.

Strategische Ölreserven schützen China noch

Neben dem Zollstreit mit Washington prägt ein zweiter Konflikt die Mai-Bilanz: der schwellende Krieg am Persischen Golf. Trotz des Preissprungs infolge der Sperrung der Straße von Hormus steigt Chinas Energierechnung nicht. Die eingeführte Rohölmenge sinkt um 4,8 Prozent, die Gasmenge um 4,9 Prozent. Der Wert der Gaseinfuhren fällt sogar um gut zehn Prozent. Statt teuer am Spotmarkt zu kaufen, zapft die Volksrepublik ihre Lager an und bezieht mehr günstiges Pipelinegas. Binnen weniger Monate hat sie rund eine Milliarde Barrel aus den strategischen Reserven gezogen.

Damit dämpft China den weltweiten Angebotsausfall, indem es schlicht verzichtet. Dieser Puffer ist endlich. Die Reserven decken den Bedarf für etwa vier Monate ohne Zukäufe, und nachdem Peking seine Einkäufe nun im dritten Monat in Folge drosselt, sind die Lager im Hochsommer erschöpft. Gelingt es bis dahin nicht, die Straße von Hormus wieder zu öffnen, droht der Weltwirtschaft nicht nur ein Preisschock, sondern ein Nachfrageschock.

Durchlaufstation Sonderzonen: Verarbeitung für den weltweiten Markt

Unter den Wellen, die Zollkrieg und Energiekrise schlagen, liegt eine ruhigere, aber tiefere Verschiebung. Hinter dem Wertzuwachs steht kein größerer Warenstrom. Die Einfuhren legen im Mai um 27,4 Prozent an Wert zu, während die importierte Tonnage um 5,6 Prozent schrumpft. Der ganze Zuwachs steckt in höheren Preisen und in einer Verschiebung des Korbs zu teuren Halbleitern, nicht in mehr Ware.
Der Umbau, der die Ausfuhren erfasst hat, findet auf der Einfuhrseite seine Entsprechung. Die Wertsteigerung der Importe geht im Kern auf hochwertige Chips zurück. Die eingeführte Stückzahl wächst nur noch verhalten, um gut acht Prozent, der Preis je Chip dagegen sprang binnen Jahresfrist um rund 40 Prozent. Hauptlieferanten bleiben Südkorea und Taiwan, deren Lieferungen nach China um 56 beziehungsweise 19 Prozent zulegten, dazu Singapur mit einem Sprung von 55 Prozent.

Aufschlussreich ist der Weg dieser Chips, denn rund ein Viertel aller chinesischen Einfuhren läuft inzwischen über die zollfreien Sonderzonen. Dieser Anteil ist binnen Jahresfrist um etwa sechzig Prozent gewachsen. Ware, die dort eingeht, wird ncht dem heimischen Markt zugeführt, sondern sie wird verarbeitet und wieder ausgeführt. Die Spitzenchips aus den Vereinigten Staaten speisen Chinas eigene KI-Industrie, aber der Großteil der Halbleiter aus Taiwan und Südkorea steckt am Ende in hochwertigen Gütern, die das Land wieder verlassen. Sichtbar wird diese Wertschöpfung in den Ausfuhren von Datenverarbeitung und Fahrzeugen, die um 39 und 50 Prozent zulegten.

Genau deshalb schrumpft der Überschuss nicht, obwohl die Importrechnung für Chips und Rohstoffe in die Höhe schießt. Mit 105 Milliarden US-Dollar im Mai und 452 Milliarden in den ersten fünf Monaten dieses Jahres steuert die Handelsbilanz auf einem Überschuss von über einer Billion US-Dollar zu.
Damit zeigt sich die Kehrseite des Booms. Der Binnenkonsum wird durch all das nicht angeschoben. Die eingeführten Chips dienen der Produktion für den Export, nicht dem Verbraucher. Ein Mechanismus, der den industriellen Aufschwung zu den Haushalten trägt, ist in diesen Zahlen nicht zu erkennen.

Neuer Handelskonflikt: Fokus verschiebt sich nach Europa

Im Schatten des Zollstreits mit Washington wächst Chinas Überschuss gegenüber der Europäischen Union ungebremst weiter. Der Handel mit der EU legt um 13,9 Prozent zu, der chinesische Exportüberschuss erreicht über fünf Monate rund 144 Milliarden US-Dollar und ist damit doppelt so hoch wie vor der Pandemie. Deutschland, lange der Anker des Geschäfts, wächst mit 10,4 Prozent unterdurchschnittlich. Peking beschwichtigt, der Handel mit Europa sei kein Nullsummenspiel. Der Befund der Bilanz spricht dagegen.

Der nächste Schauplatz des Handelskonflikts liegt nicht in Washington, sondern in Brüssel und Berlin.
In Chinas Presse ist von einer Exportmaschine die Rede, die der Schwerkraft trotze, von Stärke, Resilienz und einer unersetzlichen Rolle in den Lieferketten der Welt. Diese Maschine hat ein Mindesthaltbarkeitsdatum, und es läuft bald ab. Die strategischen Ölreserven sind im Hochsommer leer, vorgezogene Bestellungen ersetzen keine neuen Aufträge, und die KI-Industrie ernährt nicht den Fabrikarbeiter, der seine Stelle verliert.

Bleibt die Straße von Hormus gesperrt, trifft die Weltwirtschaft nach dem Preisschock ein doppelter Schlag, der Versorgungsschock einer echten Knappheit und der Nachfrageeinbruch der folgenden Rezession. China entkommt keinem der beiden. Sind seine Lager leer, kauft es sein Öl so teuer wie alle anderen, und bricht die Weltnachfrage ein, verliert seine Exportmaschine die Kundschaft, von der sie lebt. Die Stärke, die der Schwerkraft trotzte, wird von ihr am Ende auf den Boden zurückgeholt.



Über den RedakteurDói Ennoson
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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