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Angst vor der eigenen Courage? Insider über die Lage bei der EZB EZB: Anhebung der Zinsen nur um 0,5% – trotz Inflation

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Nachdem die EZB viel länger als die US-Notenbank Fed davon ausging, dass die Inflation „vorübergehend“ sei und daher auch später mit der Anhebung der Zinsen begann, scheint man in Frankfurt nun Angst vor der eigenen Courage zu bekommen.

EZB: Anbebung der Zinsen im Dezember wohl nur um 0,5%

So berichten Insider, die anonym bleiben wollen, dass die EZB im Dezember wohl die Zinsen nur um 0,5% anheben wird – und damit nicht wie so stark bei der letzten Sitzung um 0,75%. Die EZB hofft, dass die Dynamik der Inflation nachläßt – und fürchtet, mit den schnellen Anhebungen der Zinsen die Wirtschaft Europas in eine Rezession zu stürzen. Besonders EZB-Vertreter der wirtschaftlich schwächeren und höger verschuldeten „Südländer“ der Eurozone sehen die schnellen Zins-Anstiege mit Sorge.

Wie Bloomberg nun berichtet, könnten die Entscheidungsträger der EZB  die Anhebung der Zinsen verlangsamen und im nächsten Monat nur 50 Basispunkte anheben, so Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind.

Erste Diskussionen deuten darauf hin, dass es derzeit an Schwung für eine weitere Erhöhung um 75 Basispunkte mangelt, sagten die Personen, die nicht namentlich genannt werden wollten, da die Beratungen des EZB-Rats nicht öffentlich sind. Sollte es nicht zu einem weiteren überraschenden Anstieg der Inflation kommen, könnte der Konsens durchaus für einen weniger aggressiven Schritt sprechen, hieß es.

Als Gründe gelten die zunehmenden Rezessionsrisiken sowie die Möglichkeit, dass der Inflations-Druck nachlässt. Daher steige die Wahrscheinlichkeit, dass eine Erhöhung des Einlagensatzes um einen halben Punkt auf 2% in die Nähe eines so genannten neutralen Niveaus führt, das die Wirtschaft nicht mehr stimuliert. Auch die Notwendigkeit, über den Beginn des Bilanzabbaus (quantitative tightening) zu verhandeln, wurde angeführt.

Ein EZB-Sprecher lehnte eine Stellungnahme ab.

Vier Wochen vor der letzten EZB-Entscheidung des Jahres am 15. Dezember haben die europäischen Notenbanker noch viel Zeit, um sich zu entscheiden. Vor dem Hintergrund der Markterwartungen für eine Anhebung um einen halben Prozentpunkt haben die EZB-Mitglieder jedoch nicht viel versucht, um dieser Ansicht entgegenzuwirken, indem sie auf einer dritten Anhebung um 75 Basispunkte in Folge bestanden.

Was Bloomberg Economics dazu sagt..

Jamie Rush, bei Bloomberg Chefvolkswirt für Europa, kommentiert:

„Die Zurückhaltung des EZB-Rats bei einer weiteren Anhebung um 75 Basispunkte spiegelt wahrscheinlich eine Verschiebung der Risikobilanz wider. Die Wirtschaft kühlt sich schnell ab, und die Inflation wird wahrscheinlich um die Jahreswende ihren Höhepunkt erreichen. Unserer Ansicht nach ist eine Anhebung um 50 Basispunkte im Dezember wahrscheinlich, und wir gehen davon aus, dass der Gipfel bei den Zinsen in der Spitze niedriger sein wird als von den Märkten erwartet.“

Die Aussagen der EZB-Mitglieder

Der österreichische Zentralbankgouverneur Robert Holzmann – früher ein Befürworter stärkerer Zinsanhebungen – hat sich nicht über die Höhe der nächsten Anhebung der Zinsen geäußert, ebenso wenig wie der deutsche Bundesbankpräsident Joachim Nagel.

Ihre estnischen und lettischen Kollegen, die in einer Region mit der höchsten Inflation in der Eurozone leben, nannten eine 50 oder 75 Basispunkte-Anhebung der Zinsen als mögliche Erhöhung, ohne sich jedoch zu einer Präferenz zu äußern.

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Der Chef der französischen Zentralbank, Francois Villeroy de Galhau, sagte am gestrigen Mittwoch voraus, dass die EZB die Zinsen im nächsten Monat wahrscheinlich auf eine „Normalisierungsspanne“ von etwa 2% anheben werde, was ebenfalls auf 50 Basispunkte hindeuten könnte.

Der nächste Inflationswert, der am 30. November erwartet wird, wird für die Entscheidung im Dezember „relevant“ sein, sowohl als Indikator für den Preisdruck als auch als Zahl, die in die vierteljährlichen Prognosen einfließt, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos gegenüber Bloomberg Television. Er lehnte es aber ab, sich über den Umfang des nächsten Zinsschritts zu äußern.

Die letzten Beratungen des EZB-Rates waren für den 9. November angesetzt. Schwächer als erwartet ausgefallene US-Inflationsdaten, die am nächsten Tag veröffentlicht wurden, könnten die EZB-Mitglieder ermutigt haben. Einige Notenbanker-Kollegen der Federal Reserve sagten, dass es nun an der Zeit sein könnte, die Zinsen langsamer anzuheben.

Dennoch bleibt die Inflation in der Eurozone mit 10,7% auf einem Rekordniveau in der Geschichte der Gemeinschaftswährung. De Guindos warnte, dass sie in der ersten Hälfte des Jahres 2023 „erhöht“ bleiben werde. Der Preisanstieg in Großbritannien fiel im Oktober mit 11,1 % höher aus als erwartet.

Die nächste EZB-Ratssitzung findet zeitgleich mit der Veröffentlichung der Inflationsdaten für November am 30. November statt.  Die Zins-Entscheidung der Notenbank fällt dann am 15. Dezember.

FMW/Bloomberg



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3 Kommentare

  1. Bitte um Informationen: gibt es in der Wirtschaftsgeschichte ein Inflationsgeschehen, bei dem sich die Inflation von selbst beendet hat? Ausgenommen bitte die Fälle, bei denen durch die Inflation einem alles um die Ohren geflogen ist mit nachfolgendem Neustart.

    1. Inflation beendet sich nicht von alleine, vor allem nicht in Europa.

      Die EZB versucht die Inflation durch leichte Zinserhöhungen bzw. ehr durch die Aussicht auf zukünftig höhere Zinsen zu dämpfen.

      Die (gesamte) Geldmenge nimmt dadurch aber nicht unmittelbar ab sondern steigt in Europa noch weiter an:

      https://de.tradingeconomics.com/euro-area/money-supply-m3

      Der Effekt der höheren Zinsen ist aber unmittelbarer die Dämpfung der wirtschaftlichen Aktivitäten durch vorsichtigeres Kauf- und Investitionsverhalten (Sparen). Hohe Zinsen verteuert zunächst einmal Kredite und dämpft somit die Nachfrage nach Krediten:

      https://de.tradingeconomics.com/euro-area/loan-growth

      Dadurch wird voraussichtlich die Angebotsseite in der Eurowirtschaft nachhaltig verringert (Insolvenzen oder Produktionsverlagerungen).
      Auch die Inflation wird in nicht all zu ferner Zukunft erst sinken, da die Nachfrage stärker nachlässt als die geringeren Angebotsmöglichkeiten der Wirtschaft, ausgelöst durch die kommende Rezession.

      Um dann die Angebotsseite in Euroland wieder zu stärken wird die EZB dann irgendwann wieder anfangen Kredite zu verbilligen um Investitionen anzukurbeln und im besten Fall Produktion zurück nach Europa zu holen. Denn niedrigere Zinsen und hohe Geldmenge und schwache Wirtschaft machen leider eine schwache Währung und teure Importe.

      Wenn jetzt aber zu viel auf der Angebotsseite längerfristig zerstört wurde und mehr teuer Importiert werden muss, dann trifft noch immer sehr viel Geld bzw. noch mehr Geld auf noch weniger Waren und die Inflation macht die nächste noch höhere Welle in Europa.

      Aber so weit sind wir noch nicht :-)

    2. Italien, Frankreich, Griechenland und C. O. haben mit ihren Anleihen am meisten zu dem Schuldenberg beigetragen. Deutschland hat gespart. Jetzt müssen die Deutschen wegen der Inflation, die Schulden der anderen Länder abzählen. Wie lange kann sich Deutschland den Euro leisten. Bald sind wir entfültig ausgeplündert.

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