Folgen Sie uns

Anleihen

EZB-Aufkauf von Unternehmensanleihen: Vorschau auf die Übersicht am Samstag

Was hat der US-Agrarkonzern „Bunge“ (schon mal gehört?) mit den Bemühungen der EZB zu tun die Inflation in der Eurozone anzuheizen? Nichts? Richtig, wirklich gar nichts. Warum leiht die EZB dann diesem US-Unternehmen…

Redaktion

Veröffentlicht

am

FMW-Redaktion

Was hat der US-Agrarkonzern „Bunge“ (schon mal gehört?) mit den Bemühungen der EZB zu tun die Inflation in der Eurozone anzuheizen? Nichts? Richtig, wirklich gar nichts. Warum leiht die EZB dann diesem US-Unternehmen Geld? Aus Marktkreisen hört man, dass die EZB letzte Woche nach dem Start ihres Aufkaufs von Unternehmensanleihen auch Teile einer 600 Millionen Euro-Neuemission eben dieses US-Konzerns Bunge gekauft hat. Begeben hat die US-Firma die Anleihe über seine Finanztochter „Bunge Finance Europe BV“ mit Sitz in den Niederlanden. Damit zählt die Firma offiziell zum Kreis der erlauchten Firmen, von denen die EZB Schulden kaufen möchte.

EZB Mario Draghi
EZB-Chef Mario Draghi am 2. Juni bei der EZB-Ratssitzung. Foto: EZB

Denn zu diesem Kreis können nach EZB-eigener Definition auch Unternehmen mit Hauptsitz außerhalb der Eurozone gehören. Man muss nur eine Tochter in der Eurozone haben, und diese Tochter muss die Anleihe in Euro begeben. Darf man raten, wie viele Stunden es gedauert hat, bis das Geld von den Niederlanden in die USA überwiesen wurde? Es ist irgendwie nachvollziehbar, warum die EZB auch solche Anleihen kauft. Man vermutet wohl recht naiv, dass ausländische Konzerne mit dem EZB-Geld genau so wie europäische Konzerne die Wirtschaft in Europa ankurbeln!? Auch Anheuser Bush Inbev, der größte Brauereikonzern der Welt, wurde so wie es aussieht von der EZB letzte Woche schon mit Krediten bedacht. Auch hier ist es mehr als zweifelhaft, ob dieses Geld wirklich in Europa verbleibt, oder nicht schon längst in den USA oder sonst wo auf dem Erdball für die Firma arbeitet.

Angeblich, wenn man Meinungen aus Bankenkreisen vergleicht, hat die EZB schon letzte Woche irgendwo um die 20% des Marktes für Unternehmensanleihen in der Eurozone aufgekauft. Bitte nicht falsch verstehen: Damit meinen wir nur das Tradingvolumen der jeweiligen Handelstage! Alleine am letzten Mittwoch den 8. Juni hat die EZB für 348 Millionen Euro Unternehmensanleihen aufgekauft – das wären auf 22 Bankarbeitstage hochgerechnet 7,6 Milliarden Euro, also das obere Ende der von der EZB genannten 5-7 Milliarden Euro pro Monat. Aber man darf davon ausgehen, dass die EZB einfach nur „kräftig“ in ihr neues Programm gestartet ist.

Was aus Marktkreisen als gesichert gilt ist, dass die EZB schon Anleihen gekauft hat von Siemens und Volkswagen. Interessant ist, dass auch die Telecom Italia als Name gesichert gilt, wobei zwei der drei großen Ratingagenturen den Konzern schon als Ramsch bewerten. Aber egal, der EZB reicht ja ein einziges positives Rating als „Investment Grade“, also als hochwertiger Schuldner. Bedacht wurde anscheinend auch der Versicherer Generali, EDF Energy, die Deutsche Telekom und Enel.

Am Programm der EZB teilnehmen tun die nationalen Notenbanken von Belgien, Spanien, Frankreich, Italien, Finnland, und schau her auch Deutschland. Aber wurde Jens Weidmann gezwungen mitzumachen, oder tut er es freiwillig? Genaue Details, wie viel und in welche Konzerne das EZB-Geld in den ersten Tagen geflossen ist, erfahren wir alle am Samstag 18. Juli, wo die EZB eine genaue Übersicht veröffentlichen will. Was besonders interessant sein wird in den nächsten Wochen und Monaten:

Wird Microsoft z.B. über seine Deutschland-Tochter Anleihen an die EZB verkaufen um so ganz entspannt die Übernahme von LinkedIn zu finanzieren, die ja mit 26 Milliarden Dollar komplett in Cash bezahlt werden soll? Wird der europäische Steuerzahler also diese Übernahme zwischen zwei US-Konzernen finanzieren? Und zweitens wollen wir auch sehen, ob Bayer jetzt schon mal Kredit bei der EZB aufnimmt um für die noch nicht beschlossene Übernahme von Monsanto Cash einzusammeln. Was für eine phantastische freie und faire Marktwirtschaft wir in Europa doch haben. Zumindest ist es spannender als vorher. Werden Konzernbosse sich zukünftig beispielsweise so begrüßen: „hey, die EZB leiht Deiner Firma kein Geld, hast Du etwa ein Bonitätsproblem?“

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    joah

    15. Juni 2016 14:19 at 14:19

    Die werden sich eher ganz anders begrüßen: „Hey, Deutschland stützt jetzt langsam die gesamte Weltwirtschaft über seine wirtschaftliche Kredibilität.“

    (das Ende scheint stetig näher zu rücken)

  2. Avatar

    Christoph

    15. Juni 2016 14:37 at 14:37

    Wenn man Bunge Geld gibt, ist das wie wenn man Dollar kaufen würde. Abwertungspolitik durch die Hintertür. Der Euro war ja auch mit 1.15 zum Dollar schon wieder viel zu überbewertet ;)
    Und das ganze nur um ein irgendwann mal ausgegebenes Ziel von 2% Inflation zu erreichen. In den Machtfantasien der Politiker muss eben alles so kommen wie gewollt, koste es was es wolle. Ähnliches Beispiel das 1 Million Elektroautos-Ziel von Merkel. Willkommen in der Planwirtschaft!

  3. Avatar

    leser

    15. Juni 2016 14:54 at 14:54

    Bin auch auf die angekündigte Liste der Anleihekäufe gespannt. Sollten dort Microsoft und Bayer drauf stehen, wäre dies ein gefundenes Fressen für alle Freunde der gepflegten Verschwörungstheorie…

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Allgemein

EZB ebnet argumentativen Weg für lang anhaltende Rettungsmaßnahmen

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Die EZB-Zentrale in Frankfurt

Seit der Finanzkrise 2008 veranstaltet die EZB ein Anleihekaufprogramm nach dem nächsten. Die Zinsen sinken im großen Bild gesehen immer weiter. Egal wie gut es der Konjunktur in der Eurozone zwischen 2008 und 2020 wieder ging. Die EZB druckte immer weiter Geld, kaufte immer weiter Anleihen. Länder wie Italien wurden mit EZB-Geld und immer weiter sinkenden Zinsen am Leben erhalten. Nach der Krise war vor der Krise.

Und nun, kommt nach der Coronakrise (die Impfstoffe kommen ja bald) wieder die nächste Krise, nämlich die Rettung der überschuldeten Unternehmen? Deswegen muss die EZB (wie es auch die Fed macht) zusammen mit den Regierungen der Mitgliedsstaaten immer weiter retten, retten und retten. Denn ja, wir wissen es alle. Mit gigantischen Kreditprogrammen, Zuschüssen, Kurzarbeitergeld uvm werden in Europa die Nöte der Coronakrise gemildert, und Probleme optisch versteckt. Am besten erkennt man das beim Thema Kurzarbeitergeld. In Deutschland wurde die ausgeweitete Funktion dieses Instruments erst letzten Freitag im Bundestag bis Ende 2021 verlängert – welch ein Zufall, bis zur Bundestagswahl kann die Kurzarbeit in ihrer jetzigen Form also weiterhin als neuer Dauerzustand für eigentlich arbeitslose Arbeitnehmer genutzt werden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

EZB kommt mit „Nicht zu früh aufhören“-Argumentation

Aber zurück zur EZB. Die einfache wie auch clevere Aussage der EZB lautet am heutigen Montag (frei und sinngemäß zusammengefasst): „Wenn wir die Hilfen zu früh einstellen, gefährden wir den Erfolg“. Tja, und wann das Ende der Hilfen angebracht ist, das ist bei der EZB bekanntermaßen eine sehr dehnbare Ansichtssache (siehe Anleihekäufe seit 2008 bis heute – hier eine wunderschöne historische Übersicht zu dem Thema). Im Rahmen ihres heute veröffentlichten Finanzstabilitätsberichts hat die EZB auch einen einzelnen Artikel veröffentlicht, bei dem es um die „Bewertung von Schwachstellen von Unternehmen“ in der Eurozone geht.

Und die Schwachstelle scheint offenbar darin zu bestehen, dass EZB und Regierungen ihre Hilfsprogramme zu früh auslaufen lassen könnten. Man sieht die Probleme wohl auch vor allem beim Zugang zu Krediten und bei steigenden Finanzierungskosten. Die Unterstützung durch die Geldpolitik der EZB habe dazu beigetragen, die tatsächlichen Insolvenzen bisher unter Kontrolle zu halten. Staatliche Kreditgarantien und Konkursmoratorien hätten eine groß angelegte Welle Unternehmenspleiten verhindert. Aber eine beträchtliche Anzahl von Unternehmen könnte gezwungen sein Konkurs anzumelden, wenn diese Maßnahmen zu früh aufgehoben werden oder die Kreditvergabebedingungen der Banken verschärft werden, so die heutige Aussage der EZB. Tatsächlich deute die historische Ko-Bewegung des Anfälligkeitsindikators mit den Unternehmensinsolvenzen und dem BIP-Wachstum darauf hin, dass sowohl die Regierungspolitik als auch die niedrigen Fremdfinanzierungskosten dazu beigetragen hätten, die Auswirkungen der Verschlechterung des Gesundheitszustands der Unternehmen auf die tatsächliche Zahl der Insolvenzen zu dämpfen – auch wenn die Auswirkungen je nach Land, Sektor und Unternehmensgröße unterschiedlich seien.

Dieser neu entwickelte Indikator mache laut EZB deutlich, dass die Anfälligkeit des Unternehmenssektors auf ein Niveau gestiegen ist, das zuletzt während der Staatsschuldenkrise im Euroraum beobachtet wurde. Finanzierungsrisiken hätten sich dank verschiedener Unterstützungsmaßnahmen bisher nicht materialisiert, aber die Anfälligkeit der Unternehmen könne weiter ansteigen und ein Niveau erreichen, das während der globalen Finanzkrise beobachtet wurde. Insbesondere wenn die zweite Welle der Pandemie die wirtschaftliche Erholung zum Stillstand bringe und das Wachstum schwächer ausfällt als prognostiziert, könnte ein frühzeitiger Ausstieg aus den Stützungsmaßnahmen schließlich zu einem deutlichen Anstieg der Unternehmenskonkurse führen, mit Auswirkungen auf die Finanzstabilität auch für die Banken im Euroraum, so die EZB.

Aus Rettung wird Dauerzustand

Tja, haben sie es auch rausgelesen? Diese Aussagen (wie auch jüngst die Warnung von Christine Lagarde vor der Rezession) bieten die perfekte Vorlage, damit KfW-Kredite, Null- und Negatzvinsen, Kurzarbeitergeld, Anleihekäufe in Billionenhöhe etc immer so weitergehen, Jahr für Jahr. Nicht denkbar? Nochmal, ich möchte erinnern an die letzten zwölf Jahre seit der Finanzkrise! Natürlich sind viele Maßnahmen sicherlich gut und richtig wie die KfW-Kredite, Zuschussprogramme etc. Aber vor allem was die EZB da anrichtet mit ihren Kaufprogrammen und abgeschafften Zinsen. Diese Maßnahmen, wenn sie jahrelang immer weiter beibehalten werden, schaffen ein Gesamtumfeld, das nicht mehr ohne zinslose Kredite leben kann, und Staaten die nicht mehr ohne negative Anleiherenditen leben können. Man gewöhnt sich an diese schöne neue Welt sehr schnell – oder besser gesagt, man hat sich längst daran gewöhnt. Ein Ende dieser Geldpolitik der EZB, ist die überhaupt noch vorstellbar bei der Schuldenexplosion bei Staaten und Unternehmen? Entweder immer so weitermachen, oder man riskiert einen großen Knall.

EZB-Grafik zur Verwundbarkeit der Unternehmen
Grafik: EZB

weiterlesen

Anleihen

China hält immer weniger US-Staatsanleihen – warum das kein Problem ist

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

US-Flagge

China hält immer weniger US-Staatsanleihen. Laut aktueller Veröffentlichung des US-Finanzministeriums hielt China im Monat September ein Volumen von 1,061 Billionen US-Dollar. Vor genau einem Jahr waren es noch 1,102 Billionen Dollar. Der aktuelle Stand ist der niedrigste Wert seit drei Jahren. Der folgende Chart  zeigt, dass die Tendenz seitdem stetig fallend ist. Will sich da jemand unabhängig vom US-Dollar machen?

Hier klicken, um den Inhalt von Twitter anzuzeigen

Man kann gleich aus zwei Gründen sagen, dass diese Entwicklung für die USA als gigantischer Neuschulden-Aufnehmer kein echtes Drama darstellt. Denn die folgende Detailgrafik mit den aktuellsten Daten zeigt, dass das Volumen von US-Staatsanleihen, das durch ausländische Eigentümer gehalten wird, binnen Jahresfrist sogar gestiegen ist von 6,92 auf 7,07 Billionen Dollar.

Und zweitens kauft die US-Notenbank Federal Reserve genau wie die EZB und zahlreiche andere Notenbanken derzeit ja in gigantischem Ausmaß die Schulden des eigenen Landes auf. Nur so können die Länder in dieser Coronakrise massiv neue Schulden machen, und das auch noch mit traumhaft günstigen Konditionen. Seit Beginn der Coronakrise im März hat die Fed für 2 Billionen Dollar US-Staatsanleihen aufgekauft. Noch Mitte Februar lag die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen bei 1,57 Prozent. Jetzt sind es 0,86 Prozent.

Grafik zeigt die größten ausländischen Eigentümer von US-Staatsanleihen

weiterlesen

Allgemein

Logik der Transferunion: Fünf-Sterne fordern EZB zu Schuldenerlass für Italien auf

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Geld aus dem nichts von der EZB?

Die mit in der italienischen Regierung sitzende Fünf-Sterne-Bewegung hat heute in einem Blog-Eintrag die Europäische Zentralbank dazu aufgefordert, dass sie Italien einfach Schulden erlassen solle. Aber halt. Wie, was, warum? Die EZB kauft seit Jahren in Billionen-Höhe Anleihen von Euro-Mitgliedsstaaten auf, so auch die von Italien. Offiziell nicht, aber de facto werden die Regierungen von der EZB durchgefüttert (Staatsfinanzierung), mit oft nicht mehr vorhandenen Zinsen.

Und in der Coronakrise hat die EZB nochmal kräftig nachgelegt mit neuen Aufkaufprogrammen in Höhe von 1,35 Billionen Euro. So konnten die Länder in der Eurozone sich in der Coronakrise weiter kräftig verschulden, und die EZB stand als Aufkäufer am Anleihemarkt stets parat. Nun soll die EZB laut Fünf-Sterne-Bewegung Italien doch bitte diejenigen Schulden erlassen, die mit der Schuldenaufnahme für die Bewältigung der Coronakrise zu tun haben. Laut dem Blog-Eintrag gehe es um eine Summe von 140 Milliarden Euro, die bis Jahresende noch auf 200 Milliarden Euro steigen werde.

Die Fünf-Sterne-Bewegung deutet auch an, dass man sich am liebsten die Streichung aller italienischen Schulden wünscht, die von der EZB gehalten werden. Aber doch auf jeden Fall diejenigen, die mit Corona zusammenhängen. Denn das wäre leicht machbar und fair. Tja, so ist das im sozialistischen Märchenland. Man nimmt Kredite auf, die man eh nicht zurückzahlen will. Und in diesem Fall… was soll´s, die EZB gehört ja eh den Mitgliedsstaaten, also auch Italien? Daher kann man praktisch selbst Geld drucken, es an sich selbst verleihen, und dann sich selbst (über das Vehikel der EZB) die eigenen Schulden erlassen?

So einfach geht Politik im linken Märchenland, wo Geld aus dem Nichts entsteht, wo es nicht erwirtschaftet werden muss, und wo aus so einer Vorgehensweise keinerlei Probleme entstehen. Und natürlich, da kann man sich sicher sein… selbst wenn die EZB diese Forderungen gegenüber Italien wirklich streichen würde (was nicht passieren wird), dann wäre dies nicht die letzte derartige Forderung. Dann würde es heißen: Schaut her, es geht doch. Dann kann die EZB von nun an auch als Dauer-Einrichtung neue Anleihen kaufen, und danach auf die Rückzahlung der Forderungen verzichten. Dass die EZB dann selbst Verluste in Billionenhöhe anhäufen würde, welche wiederum Italien und alle anderen Eigentümer der EZB zu bezahlen hätten… egal.

Der Chefvolkswirt der Commerzbank twitterte zu dieser Forderung aus Italien vor wenigen Minuten, dass dies die politische Logik der Transferunion sei. Ja, was soll man dazu noch sagen? Erst das Geld nehmen, und dann nicht zurückzahlen wollen, weil man es sowieso nie vor hatte. Das Geld entsteht ja irgendwo im luftleeren Raum. Aus der Illusion wird eine Wirklichkeit. Wo ist also das Problem, wenn man diese Schulden einfach streicht? So einfach und angenehm ist diese linke Sichtweise auf komplexe finanzielle Zusammenhänge.

weiterlesen

Anmeldestatus

Meist gelesen 7 Tage