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EZB: Christine Lagarde noch entschlossener als Mario Draghi?

Die EZB hat durch Christine Lagarde eine Art "whatever it takes"- Aussage getroffen. Aber hat die EZB die Lage so im Griff qwie unter Draghi?

Die EZB und Lagarde - entschlossener als Draghi?

„Whatever it takes“ ist nicht nur ein großer Hit der Imaging Dragons, sondern auch der psychologische Schachzug eines ganzen Jahrzehnts, ausgesprochen vom damaligen Chef der EZB, Mario Draghi, am 26.7. 2012 – als er die große verbale Keule zur Rettung des Euros herausholte. Es hatte gewirkt, die Spekulationen auf einen Verfall der Eurozone wurden umgehend beendet. Mittlerweile ist dieser Ausdruck bereits Kult, selbst ein Ministerpräsident Söder hatte ihn schon benutzt, um auf die Entschlossenheit bei den Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19 hinzuweisen. Jetzt hat die Nachfolgerin des Italieners an der Spitze der EZB noch eins draufgelegt.

Lagarde und die EZB: Ihr könnt versuchen, was ihr wollt…..

..unsere Entschlossenheit und unsere außergewöhnlichen Werkzeuge der EZB werden es verhindern, dass die Zinsen in der Eurozone stärker steigen werden. Wir haben eine Menge davon und werden diese bei Bedarf einsetzen – so ungefähr formulierte es die französische EZB-Chefin am Mittwoch bei einem Interview mit dem Wirtschaftssender CNBC. Die europäische Wirtschaft sei von Unsicherheit geprägt und die Zentralbank werde alles tun, um Sicherheit wiederherzustellen. An die Anleihespekulanten gerichtet lautete dies wortwörtlich so:

„They can test us as much as they want,” so die unverhohlene Warnung an die Bondmärkte.

Die EZB gehe 2021 zwar von einem Wachstum von vier Prozent für die 19 Staaten in der Eurozone aus, dies würde aber nicht ausreichen, um den Rückgang von 6,6 Prozent in 2020 auszugleichen. Bis dahin dauere es wahrscheinlich bis Mitte 2022. Wieder einmal hob Lagarde die kurzfristige Belebung der Inflation hervor, die aber nicht dauerhaft sei. Der erst am Mittwoch gemeldete Inflationsanstieg auf 1,3 Prozent komme von den gestiegenen Energiekosten. Rechne man die stark schwankenden Energie- und Lebensmittelpreise heraus, wäre die Inflation mit plus 0,9 Prozent auf den niedrigsten Stand seit drei Monaten gesunken.

Darauf blickt die EZB

Die EZB und die Inflation

Unterstützung erhielt Madame Lagarde vom Gouverneur der finnischen Zentralbank, Olli Rehn. Auch er sprach auf einem Webinar davon, dass die Inflation im Euroraum weiterhin keine Gefahr darstelle, sie stiege eher zu langsam. Es bleibt dabei: Das Anleihekaufprogramm PEPP soll bis Ende März 2022 laufen und könne laut der EZB-Chefin bei Bedarf verlängert werden kann. Gleichzeitig würde die Zentralbank die Anleger rechtzeitig warnen, wenn es bereit ist, aufzuhören.

Hat man derartiges nicht auch schon von Jerome Powell gehört?

„Es ist nicht so, als wäre es in Stein gemeißelt“, so Lagarde. Die Entscheidungsträger würden frühzeitig Bescheid geben, um die in der Vergangenheit aufgetretenen Ängste, Wutanfälle oder extremen Bewegungen zu vermeiden. Frau Lagarde hat anscheinend das Taper Tantrum unter Fed-Chef Ben Bernanke unter die Lupe genommen.

Ein kleiner Seitenhieb auf Deutschland

Christine Lagarde hofft zudem, dass der gemeinsame Sanierungsfonds der Europäischen Union in Höhe von 750 Milliarden Euro planmäßig in der zweiten Jahreshälfte eingesetzt werden kann. Es würden aber noch die Ausgabenpläne geprüft und Gesetze von den nationalen Regierungen verabschiedet werden, vor allem in Deutschland.

Fazit

Wieder läuft ein großes Experiment der Notenbanken, ein kleines Spiel mit dem Feuer oder sinnbildlich gesprochen, mit dem Ketchup-Effekt und der Inflation. Madame Lagarde jedenfalls geht verbal in die Vollen, ihrem Vorgänger Mario Draghi folgend, aber inzwischen haben sich doch einige Parameter geändert.

Jedes Monat liegt mehr Geld auf der hohen Kante, so makaber dies für die von der Pandemie gebeutelte Branchen und Unternehmen auch klingen mag. Auch in der EU ist die Billionen-Euro-Grenze bereits überschritten, dazu die hohe Sparrate der Bevölkerung und die dreistelligen Milliardenbeträge der EZB, die monatlich weiter in die Märkte gepumpt werden. Die EZB geht anscheinend davon aus, dass das Kapital weiter gehortet wird, auch nach der Krise nicht in den Geldumlauf gebracht wird. Ob dies eine alternde Bevölkerung in Europa auch so befolgen wird? Allein in Deutschland gibt es bereits über 21 Millionen Rentner und nicht nur die könnten nach der Pandemie auch einmal sagen: „Wir werden alles tun, was notwendig ist“, um uns wieder etwas zu gönnen.

 



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2 Kommentare

  1. Ich habe noch nicht verstanden warum Aktien runter gehen sollen wenn nach Corona diesen gehorteten Geldmengen ausgegeben werden. Das wird ein Konsumorgie ohne Gleichen. Und alle Firmen profitieren und egal was die Zinsen machen, die Aktien steigen auf Grund Gewinnerwartungen.
    Nein?

    1. Hallo @Jan. Weil bei allen bisherigen Kurseinbrüchen/Rezessionen (außerhalb von externen Schocks/Ursachen) immer ein größerer Zinsanstieg vorausging. Und bei einer Konsumorgie würden Inflation und Kapitalmarktzinsen steigen. Wenn die 10-jährige US-Staatsanleihe über ein gewisses Niveau steigt und ein vernünftiges KGV erreicht, werden die großen Kapitalsammelstellen anfangen umzuschichten, aus dem Risikobereich der Aktien in den Sicherheitsbereich der Staatsanleihen. Die USA hatten stets ihre Anleihen bedient. Aber: Dazu müssen die Zinsen schon noch deutlicher steigen. Wie war es im Jahr 2000?
      Die 10-Jährigen notierten über 6 Prozent (KGV 16), die Aktienmärkte hatten KGVs von über 30/40 (Dax – S&P 500). Die Konkurrenz Aktien – Anleihen besteht seit mindestens einem Jahrhundert. Aktuell haben wir einen Zinssonderfall, aber auch hier gibt es einen „Tipping Point“. Die Frage ist nur, wann er erreicht wird?
      Viele Grüße

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