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EZB erhöht Zinsen – sonst geht der EURO in die Binsen..!

Warum die EZB die Inflation nicht versteht - und ein Glaubwürdigkeitsproblem hat

EZB Euro Zinsen

Die EZB ist in einer prekären Lage, ohne bisher ein einziges Mal die Zinsen angehoben zu haben – es scheint, als habe das Endspiel um den EURO begonnen! Die überschießende Inflation schlägt zusehends breite Schneisen durch die Aktien- und Anleihemärkte sowie durch die Realökonomie. Jamie Dimon, CEO und Chairman der größten US-Bank JP-Morgan, sieht einen Finanz-Hurricane auf den Westen zurasen.

Die Notenbanken, allen voran die EZB, haben diesen Hurricane nicht nur maßgeblich verschuldet, sondern zunächst auch aktiv ignoriert und dann passiv heruntergespielt. Nun haben seine Ausläufer den EZB-Tower erreicht. Am 15. Juni ist das EZB Direktorium überraschend zu einer Krisensitzung zusammengetreten, um den unkontrollierten Zinsanstieg der italienischen Staatsanleihen durch Gegenmaßnahmen in den Griff zu bekommen. Dazu möchte die EZB Gelder aus dem Pandemie-Notprogramm PEPP „flexibel“ einsetzen, um hoch verschuldete EURO Südländer unter die Arme zu greifen.

EZB fürchtet Umstürzen der Schuldentürme durch Inflation und Zinsen

Ganz offiziell plant die EZB-Führung, die freiwerdenden Corona-Hilfsmittel gezielt dazu zu benutzen, italienische Staatsanleihen aufzukaufen. Denn Italien ächzt wie kein zweites Land unter der steigenden Zinslast seiner Staatsanleihen. Die seit der Weltfinanzkrise nur noch höher aufgetürmten Schuldentürme im EURO-Raum geraten zusehends ins Wanken. Die Maßnahme wird notwendig, weil die EZB die Anleihekaufprogramme stoppt beziehungsweise früher als geplant auslaufen lassen muss. Denn weiterhin Anleihen überschuldeter Staaten aufzukaufen kommt faktisch dem Drucken von immer mehr Geld gleich. Das wiederum heizt die hohe Inflation des EURO weiter an. Hinzu kommt, dass die EZB für den 1. Juli die Anhebung des Leitzinses von Null auf 0,25 Prozent plant.

EZB Statement erwähnt die Böswörter Inflation und Zinsen nicht

In dem offiziellen Statement der EZB fällt das Wort Italien übrigens nicht. Auch Inflation und Zinsen kommen nicht vor. Stattdessen spricht die EZB – gewohnt wolkig – von einem neuen „anti-fragmentation Instrument“. Der Terminus ist verräterisch. Er impliziert, dass die Maßnahmen, welche die EZB wegen der hohen Inflation und des hohen Zinsanstiegs nun ergreift, zwingend erforderlich sind, um den EURO vor einem Auseinanderbrechen zu bewahren. Die regelwidrige Unterstützung Italiens wird sicher vom Bundesverfassungsgericht überprüft werden. Dessen Glaubwürdigkeit hat ähnlich dem der EZB unter dessen zuwartender Haltung in der Vergangenheit empfindlich gelitten. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinen vorherigen Urteilen Präzedenzfälle gebilligt. Nun steht es vor der Schwierigkeit, dem aus dem Präzendenzfall abgeleiteten Normalfall einen Riegel vorzuschieben. Wie das Urteil auch immer ausfällt, man darf sich jetzt schon auf die argumentativen Klimmzüge des Gerichts freuen.

EZB begeht erstmals offenen Rechtsbruch

Mit der Verwendung der Corona-Hilfen für Italien würde die europäische Notenbank erstmals offen überschuldete Eurostaaten stützen. Mit ihrem Vorhaben vollzieht die EZB den letzten Schritt ihres langen Weges in die Schuldenunion. Dieser Schritt ist durch die Maastricht-Verträge nicht gedeckt. Anders als bei den anderen Sündenfällen kann die EZB sich nicht darauf berufen, Hilfe nur indirekt zu gewähren. Vielmehr beruft sie sich auf eine Krise, die sie nicht nur mitverschuldet hat, sondern auch nicht kommen sah.

Spread der Zinsen für EZB und EURO tödlich

Zinsen zinsen wieder. Diese für die Sparer und Anleihemärkte an sich tröstliche Nachricht ist für die EZB und den EURO das Albtraum-Szenario schlechthin. Der Abstand zwischen den griechischen und deutschen Staatsanleihen lag lange Zeit bei um die 1 Prozent. Jetzt liegen die Zinsen der griechischen Staatsanleihe bei 4,4 Prozent, der italienischen bei 3,9 Prozent und der französischen bei 2,9 Prozent. Die Bundesstaatsanleihe hingegen zinst noch niedrig bei ca. 1,4 Prozent. Der Zinsunterschied zwischen der griechischen und deutschen Staatsanleihe beträgt somit an die drei Prozent. Der Spread wird einmal mehr für den EURO zum entscheidenden Krisenindikator.

EZB weiß: Inflation und Zinsanstieg bedrohen EURO existentiell

Mithin ist aufschlussreich, dass die EZB selbst nicht daran glaubt, dass ihre Stützungsmaßnahmen für Italien reichen werden. Deswegen hat sie ein Expertengremium beauftragt, weitere Stützungsmaßnahmen zu ersinnen. Die Märkte glauben der EZB übrigens auch nicht. Die EZB stolpert der aktuellen Inflation, dem Zinsanstieg und der einsetzenden Rezession mit ihren Maßnahmen ohnehin abgeschlagen hinterher.

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Man vertue sich nicht: Die Lohn-Preis-Spirale, die eine jede Inflation kennzeichnet und sie erst toxisch werden lässt, hat hierzulande noch gar nicht eingesetzt. Besserverdienende rufen den Arbeitnehmern fröhlich zu, dass sie den Gürtel jetzt enger schnallen sollen. Die Gewerkschaften indessen werden einen kräftigen Anstieg der Löhne erzwingen, damit die Arbeitnehmer angesichts der in der Sonne dahinschmelzenden Kaufkraft der Gemeinschaftswährung teilweise Kompensation erfahren. Notfalls durch Streik! Zu meinen, die Gewerkschaften würden sich durch warnende Hinweise von Politikern und EZB selbst kastrieren, sind vollkommen weltfremd.

Steigende Zinsen für EZB unumgänglich, Unwuchten im EURO

In den USA hat die Fed die Zinswende bereits eingeleitet und am Mittwoch um 0,75 Prozent angehoben. Als letzte große Notenbank neben der Bank of Japan humpelt die EZB  der Entwicklung hinterher. Diese Mutlosigkeit, die Ausdruck intellektueller Ratlosigkeit ist, ist das eigentliche Problem. Denn die innovativen Spitzen der Wirtschaftsforschung von DIW und EZB verstehen nicht recht, warum die Phillips-Kurve seit geraumer Zeit tot ist und die aktuelle Inflation geradezu lehrbuchmäßig der überwunden geglaubten Quantitätsgleichung folgt. Jede Zinserhöhung, jeder zusätzliche Zinspunkt, ist das Eingeständnis der EZB, dass sie keine Ahnung hat, warum diese Inflation gegenwärtig stattfindet! Deswegen fallen ihr die überfälligen Zinsschritte auch so außerordentlich schwer.

EZB will EURO stabil und Inflation unten halten

Die EZB empfängt auf ihrer Website den Besucher mit dem Slogan: „We keep prices stable and your money safe“. Die EZB ist an diesem Maßstab, an dem sie selbst gemessen werden will, bereits jetzt krachend gescheitert. Auf der nach unten offenen Glaubwürdigkeits-Skala rangiert sie längst im tiefroten Bereich. Vertrauen ist die härteste Währung der Welt, zumal für eine Notenbank. Die EZB hat ihre Bonität gründlich verwirkt. Bei den Märkten verbreitet sich der Eindruck, die EZB moderiere eine Neuauflage der Schuldenkrise von 2009/2010. Diesmal nicht mit Griechenland als Sorgenkind, sondern mit Italien.

Bei Einführung des Euros prophezeite einer seiner schärfsten Kritiker (es war wohl Wilhelm Hankel?), das Endspiel um den Euro fände in Rom statt. Der arme Hankel, der Anfang der 1970er Jahre unter dem legendären SPD-Finanzminister Karl Schiller arbeitete, musste sich hernach als D-Mark Nationalist beschimpfen lassen. Ob sich seine medialen Kritiker von damals 20 Jahre später noch an ihn erinnern?



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7 Kommentare

  1. Ich erwarte von der EZB, daß sie mittels einer entsprechenden Zinspolitik die Importpreise für Erdöl reduziert.

  2. Bravo. Der Autor ist ein weiteres glänzendes Beispiel dafür, dass der Mensch das tiefste Verständnis der Welt durch ein interessegeleitetes Studium der Geschichte erlangen kann. Wirtschaft ist zu wichtig, um sie den Wirtschaftswissenschaftlern allein zu überlassen, die ähnlich wie Literaturkritiker, etwas bewerten wollen, was sie selbst nicht können. Ausnahmen ausgenommen – wie immer.

    Das Grundproblem des Euro ist, dass er kein Geld ist, sondern ein politisches Projekt. Der Wunsch der Franzosen, die Deutschen ihrer überlegenen D-Mark zu berauben war initial, ist aber nicht der einzige destruktive Gedanke, der dort eingeflossen ist.

    Dennoch wird der Euro weiterlaufen, solange die deutsche Industrie alle Rechnungen bezahlen kann. Dazu braucht sie billige Energie aus Russland. Und da beißt sich die Katze in den Schwanz.

    Man die Kuh schlachten oder melken. Aber nicht beides.

  3. Genial ,entlich Mal einer außer Marc Friedrich ,der das sagt worum es geht .
    Die EZB ,weiss schon lange das der Euro krachend gescheitert ist ,man befindet sich im Endspiel .
    Zuviele Rechtsbrüche wurden begannen ,hat alle und jeden retten wollen ,mit fatalen folgen für den Mittelstand.
    Es war den unfähigen verantwortlichen Menschen der EZB ,schlichtweg ,egal ,ebenso Merkel .
    Sie alle wir es nicht treffen ,nur der Mittelstand wird schamlos ausbluten.
    So ,da schau einer an ,hat die AFD nicht ganz unrecht gehabt……

  4. Toller Artikel. Die EZB kann sich nur noch zwischen italienischen Staatsbankrott und Inflation entscheiden. Bei über 5% Zinsen dürften in Italien wohl die Lichter ausgehen. Das kann die EZB natürlich nicht zulassen, und muss entsprechend ital. Staatsanleihen kaufen. Das wiederum triebt aber die Inflation weiter an. Was das wiederum bedeutet kann man sich ja ausmalen. Eine saftige Rezession wird wohl auch dazugehören. Kurzfassung: Die Inflation killt den Euro.

  5. Ein großes Dankeschön an den Autor. Endlich mal klare Sprache zur gegenwärtigen Lage.
    Dass hier nun einmal der für mich gößte Finanzexperte, Wilhelm Hankel, lobend erwähnt wird,
    ist ein Meilenstein zur Erkenntnis der Lage.
    Sein, vor etwa 15 Jahren erschienenes Buch „Das Euro-Abenteuer geht zu Ende“ (Wie die Währungsunion
    unsere Lebensgrundlagen zerstört), ist inhaltlich heute ohne jegliche Einschränkungen eingetreten.
    Ja, solche Rebellen, wie auch seine Mitstreiter Nölling und Schachtschneider, konnte der Mainstream nicht
    nicht für voll nehmen!!

  6. Der Fisch stinkt immer vom Kopf.
    Es ist das Ergebnis, wenn man Dünnbrettbohrer immer weiter werkeln lässt. Die Profis haben es frühzeitig kommen sehen, konnten sich aber mit ihrer Meinung und ihren Warnungen nicht durchsetzen. Sie haben sich rechtzeitig abgesetzt weil klar war was passiert.
    Ohne Worte.

  7. Kaufkraft Verlust seit dem Beginn des Euro ca. 30 %

    Auch Lafontaine hat das so kommen sehen, aber keiner von den anderen Parteien und Politikern wollte das ignoranterweise wahrhaben. Man kann Länder mit unterschiedlichen Wirtschaftsleistungen in eine Währung packen, ohne die Möglichkeit einer landesmöglichen Auf und Abwertung, um Nachteile auszugleichen.

    Die Engländer haben es richtig gemacht, den wird es in den nächsten Jahren immer besser gehen.

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