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EZB – dreht sie an der falschen Schraube?

Hannes Zipfel

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am

Das Instrumentarium der Geldpolitiker ist breit, doch es zeichnet sich immer mehr ab, dass der Rat der EZB auf seiner Sitzung am kommenden Donnerstag primär eine Zins-Schraube weiter nach unten drehen wird: den bereits mit minus 0,4 Prozent negativen Einlagenzinssatz. Aber diese Schraube könnte genau die Falsche sein.

Das Instrumentarium der EZB

Im Moment scheint der EZB-Rat gespalten in Hinblick auf die vorzunehmenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Abschwächung von Preisen und Wirtschaft in der Eurozone. Die Vertreter der Nordländer, wie z. B. Jens Weidmann, Sabine Lautenschläger und Yves Mersch, sind strikt gegen weitere geldpolitische Stimuli und fordern stattdessen Strukturreformen und nationale Anstrengungen zur Überwindung der sich verschärfenden Wachstumsschwäche. Die Vertreter der Südländer sprechen sich hingegen für Zinssenkungen und neue Wertpapierkaufprogramme in zweistelliger Milliardenhöhe pro Monat aus.

Zahlenmäßig sind die stimmberechtigten Vertreter der Südländer denen der Nordländer weit überlegen, doch selten findet Geldpolitik ohne breite Zustimmung statt. Gegenstimmen sind eher die Ausnahme. Daher wird es wohl zu einem Kompromiss kommen, der vor allem eine nochmalige Absenkung des Einlagenzinses bedeutet (Deposit Rate). Diesen Zinssatz, so er denn negativ ist, müssen Banken an die EZB bezahlen, wenn sie dort Geld parken.

Neben dem Einlagenzins gibt es noch den Hauptrefinanzierungssatz zu dem sich Banken gegen die Hinterlegung bestimmter Sicherheiten (Wertpapiere) Geld bei der EZB leihen können, um es anschließend als Kredite weiter zu verleihen. Dieser Zins für die sogenannten Main Refinancing Operations ist der eigentliche Leitzins und liegt aktuell bei null Prozent. Der dritte Zinssatz betrifft den marginalen kurzfristigen Übernachtrefinanzierungsbedarf der Geschäftsbanken (Marginal Lending Facility).

EZB-Leitzinsen mit letzter Zinssenkung am 10. März 2016 (0,25 Prozent, 0 Prozent, -0,4 Prozent)

EZB Leitzinsen seit 2007

Darüber hinaus gibt es noch ein weiteres Steuerungsinstrument: den Mindestreservesatz. Dieser liegt aktuell im Eurosystem bei 1 Prozent. Diesen Anteil an den Verbindlichkeiten einer Bank gegenüber seinen Kunden (Kontoeinlagen) müssen Geschäftsbanken auf EZB-Konten vorhalten. Sinkt dieser Satz, wie kürzlich in China geschehen, haben die Banken vereinfacht ausgedrückt mehr Spielraum bei der Weiterverleihung der eingezahlten Kundengelder als Kredite an Dritte. Da dieser Satz aber bereits sehr niedrig ist, würde ein nochmaliges Absenken auf 0,5 oder 0 Prozent in der Praxis nicht viel bringen, zumal die Kreditnachfrage und die Kreditkosten dadurch nicht beeinflusst würden.

Macht die EZB erneut den gleichen Fehler?

Was nun die EZB-Entscheidung am Donnerstag betrifft, könnte also als wesentliche Maßnahme die nochmalige Absenkung des Einlagenzinses konsensual beschlossen werden. Ziel der Absenkung dieses Zinssatzes war ursprünglich, die Banken davon abzuhalten, ihre Reserven bei der Zentralbank zu horten, anstatt diese an Banken mit hohem Kreditgeschäft und wenig Bankeinlagen über den Interbankenmarkt weiterverleihen.

Wie die weiter unten folgende Grafik zeigt, hat der bereits am 5. Juni 2014 eingeführte Negativzins für die Bankeinlagen bei der EZB den gewünschten Effekt nicht erzielt. Die über das Mindestreserve-Soll hinausgehenden freiwilligen Einlagen sind weiter gestiegen und verharren auch aktuell auf diesem hohen Niveau. Die Banken nehmen lieber die Strafzinsen in Kauf und geben diese verstärkt an ihre Kunden weiter. Dieses Phänomen ist Ausdruck anhaltenden Misstrauens der Banken untereinander, weit über das Maß hinaus, das während der Hochphase der Eurokrise im Jahr 2012 herrschte.

Eine Absenkung des Zinssatzes für die Einlagefazilität noch tiefer in den negativen Bereich wäre bezüglich der Intention, den Konjunkturabschwung und den Preisschwund in der Eurozone zu bekämpfen ergo völlig nutzlos und reine Symbolpolitik. Die Banken würden aufgrund dieser Maßnahme nicht mehr Geld verleihen, weder an die eigenen Kunden noch an andere Banken. Im Gegenteil würde ein solcher Zinsschritt das Sparen auf Konten weiter verunmöglichen und gleichzeitig den Druck auf die Banken erhöhen, Strafzinsen als Gebühren an ihre Kunden durchzuleiten. Die Überlegung der EZB, den negativen Einlagenzins nach Einlagevolumen zu staffeln, wirken in Bezug auf die Absicht, die Konjunktur zu stützen wie eine technische Spielerei.

Einlagen der Banken bei der EZB

Fazit

Noch ist nicht klar, ob sich die Süd-Fraktion innerhalb der EZB in Anbetracht der sich weiter verschlechternden Wirtschaftsindikatoren in der EZB wird durchsetzen können, oder ob es letztendlich an den Fiskalpolitikern hängen bleibt, mit noch mehr Schulden keynesianisch gegen den Abschwung in ihren Ländern anzukämpfen. Für die Finanzmärkte, die bereits sehr viel Unterstützung durch die Zentralbanken eingepreist haben, könnten die nächsten Sitzungen von EZB (12. Sep.), Fed (18. Sep.) und Bank of Japan (19. Sep.) dagegen richtungsentscheidend sein.

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Battery Day und Tesla: Live-Kommentar zum Event

Markus Fugmann

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am

Elon Musk hatte den „Battery Day“ im Vorfeld als „einer der aufregendsten Tage der Tesla-Geschichte“ bezeichnet, gestern jedoch die Erwartungen in einem Tweet deutlich gedämpft – die Tesla-Aktie daher heute mit 5% im Minus.

David Jones, chief market strategist bei capital.com, kommentiert den Battery Day live ab 22.15Uhr

:

Live-Kommentar zum lange erwarteten Battery Day von Tesla

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Gabor Steingart: „Ausbeutung einer Zukunft, die es noch gar nicht gibt“

Claudio Kummerfeld

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am

Gabor Steingart redet Klartext im folgenden aktuellen Video-Interview mit Mission Money. Er spricht von der Ausbeutung einer Zukunft, die es noch gar nicht gibt, von einer Zinsknechtschaft von noch Ungeborenen. Die heutige Politik erkaufe sich mit der Druckerpresse Ruhe in der Bevölkerung, so lautet eine der Hauptthesen von Gabor Steingart (hier geht es zu Steingarts Morning Briefing).

Gemeint ist damit, dass (so wollen wir es formulieren) Notenbanken und Regierungen derzeit ohne Ende neues Geld drucken und die Staatsverschuldung hochschrauben. Damit werden Rettungspakete bezahlt, die zukünftige Generationen als Schuldenlast erben, und dann abbezahlen müssen. Mit diesem jetzt frisch erschaffenen Geld würden alte Industrien gerettet. Und das nun zwei Jahre laufende Kurzarbeitergeld sei de facto ein Bedingungsloses Grundeinkommen, so drückt es Gabor Steingart aus.

Gabor Steingart plädiert für Abkehr von alten Industrien, und für Aufbruch in die Zukunft

Im geht es im Interview hauptsächlich darum, dass es einen Art Aufbruch in Politik und Gesellschaft geben müsse. Denn derzeit rette Deutschland seine Industrie aus dem letzten Jahrhundert. Man müsse aber in Zukunftstechnologien investieren. So plädiert Gabor Steingart unter anderem dafür die Bildungsausgaben zu verfielfachen. Anfangen könne man zum Beispiel bei deutlich mehr Ausgaben für die Digitalisierung der Schulden. In diesem Zusammenhang erwähnt er, dass die Lufthansa vom Staat gerade 2 1/2 Mal so viel Rettungsgeld bekommen habe als die Schulen in Deutschland für die Digitalisierung.

Die Aussagen von Gabor Steingart sind hochinteressant! Sie sollten sich die 30 Minuten Zeit nehmen. Auch werden im späteren Verlauf des Interviews andere interessante Themen angesprochen, und auch der „Wandel von Journalisten hin zu Aktivisten“. Aber hauptsächlich widmet man sich der bislang verspielten Chance, jetzt massiv in die Zukunft zu investieren. Dabei gibt er sich betont optimistisch, dass Deutschland diese Herausforderung bewältigen könne – man müsse nur endlich mal losgehen, jemand müsse den Startschuss geben.

Gabor Steingart
Gabor Steingart, Ausschnitt aus Originalfoto. Foto: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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Coronakrise: Die Deutschen entdecken plötzlich Aktien!

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Ziemlich genau ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem die Coronakrise die Aktien auf ihren tiefsten Stand drückten. Anschließend folgte mit einem Lockdown ein einmaliger Stillstand im Berufs- und Alltagsleben der Menschen in Deutschland. Die Konsumenten gaben zwangsläufig weniger aus als vor der Coronakrise, auch unter Berücksichtigung des geringeren Einkommens seit dieser Zeit. Was sie mit ihrem Geld anstellten, ergab eine Umfrage im Auftrag der Postbank – mit teilweise überraschenden Erkenntnissen.

Coronakrise: Die Zurückhaltung der Konsumenten

Wie veränderte die Coronakrise das Konsumverhalten der Deutschen? Dieser Frage ging das Marktforschungsunternehmen Kantar im Auftrag der Postbank nach. Die Ergebnisse:

Drei Viertel der Bundesbürger gaben weniger aus als zuvor, am meisten – 82,4 Prozent die 20 bis 29-Jährigen, die geringste Zurückhaltung bei den über 60-Jährigen mit 64,2 Prozent.
Da aber insgesamt die Einkommenseinbußen im Lande aufgrund von Zuschüssen, Kurzarbeitergeld u.a. moderat ausfielen, muss Geld gespart worden sein. Und zwar bei diesen Ausgaben:

  • Urlaub 46,2 Prozent
  • Gaststättenbesuche 39,6 Prozent
  • Hobby 31,7 Prozent
  • Mode 28,1 Prozent …..

Am geringsten waren die Sparmaßnahmen bei:

  • Genussmitteln (Alkohol, Zigaretten) 14,1 Prozent
  • Lebensmitteln 7,2 Prozent
  • Altersvorsorge 6,5 Prozent

Damit verbleibt ein Viertel der Bevölkerung, welches keine Ausgabenänderungen durchgeführt haben.

Wohin floss das Eingesparte?

Bei der Betrachtung der Sparziele treten doch einige Tugenden der Deutschen zu Tage – auch und gerade während der Coronakrise. Bei den Sparzielen nannten die Befragten:

  • Rücklagen für unerwartete Ausgaben 39,5 Prozent
  • Altersvorsorge 36,6 Prozent
  • Persönliche Muße 31,6 Prozent
  • Rücklagen für Krisenzeiten 28,9 Prozent
  • Erwerb von Wohneigentum 12,5 Prozent
  • Renovierungen 12,0 Prozent
  • Autokauf 11,6 Prozent
  • Rücklagen für Kinder 10 Prozent
  • Fast 13 Prozent konnten oder wollten überhaupt nichts zurücklegen.

Die Überraschung: Engagement in Aktien

Um diese Ziele wie Altersvorsorge und Weiteres zu erreichen, haben viele Sparer ausgerechnet in der Coronakrise mit all den Katastrophe-Nachrichten ihr Engagement in Aktien verstärkt. 3,2 Prozent tätigten zum ersten Mal eine Anlage in Aktien, 7,2 Prozent verstärkten ihre Wertpapierkäufe. Wie bereits schon öfters berichtet, macht 2020 das Sparplanprinzip in Deutschland die Runde. Mit 62 Prozent war die Anlage in Aktien seit dem Ausbruch der Coronakrise das bevorzugte Investment, gefolgt von ETFs (39,8 Prozent), Investmentfonds (22,2 Prozent), Zertifikate (13,9 Prozent), ganz am Ende Anleihen und Optionsscheine. Sollten deutsche Anleger tatsächlich einmal antizyklisch ins Geschäft mit Aktien eingestiegen sein?

Fazit

Auch wenn das gesamte Finanzsystem in einer sehr angespannten Lage ist und man jederzeit mit heftigen Korrekturen rechnen muss (vor allem in den kommenden Jahren) ist die Fokussierung auf Aktien von neuen Anlegern vermutliche keine schlechte Entscheidung. Die finanzielle Repression läuft – und die Zinsen haben nach vier Jahrzehnten ihren Nullpunkt erreicht. Eine (Leit-)Zinsanhebung ist aus faktischen Gründen auf lange Zeit obsolet und Zinsanlagen ergeben (gewollt) keine Rendite.

Aber die Wirtschaft muss weiter laufen, wie nach jeder Krise – und viele Aktien werden ihren Wert behalten, viele Anleihen dagegen nicht. Keiner hat eine Glaskugel. Aber ohne Wirtschaft, keine Einkommen, keine Steuereinnahmen, kein funktionierender Staat und ……kein Aktienmarkt. Banal aber wahr.

In der Coronakrise entdecken die Deutschen plötzlich Aktien

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