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EZB in der Zwickmühle EZB-Fenster für große Zinsschritte verengt sich mit nahender Rezession

Die Inflation im Euroraum notiert bei 10 Prozent, die EZB ist gezwungen mit Zinserhöhungen dagegen vorzugehen, allerdings steht die Rezession in Europa vor der Tür. Durch ihr zögerliches Verhalten hat sich die Europäische Zentralbank in eine missliche Lage gebracht. Sie stemmt sich zwar mit höheren Zinsen gegen die rekordhohe Teuerung, hat aber viel zu lange damit gewartet. Nun steuert die Eurozone im Eiltempo auf eine Rezession zu, ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt, um massiv gegen den starken Preisdruck vorzugehen.

Die EZB strebt auf mittlere Sicht eine wesentlich niedrigere Inflationsrate von zwei Prozent an. Kaum vorstellbar, dass dies erreicht werden kann, angesichts der brodelnden Energiekrise, die zu stark steigenden Kosten für Unternehmen und Privathaushalte führt. Um das Ziel zu erreichen, müssten die europäischen Währungshüter in den kommenden Monaten deutlichen Zinsanhebungen beschließen. Das Zeitfenster für übermäßige Zinserhöhungen schließt sich jedoch, da eine Rezession droht und die Kreditkosten sich einem Niveau nähern, das keine Unterstützung mehr bietet.

Können sich die Falken durchsetzen?

Laut Bloomberg lassen die Rekordinflation und die Gefahr von Energieengpässen im Winter das Vertrauen in die Wirtschaft der Eurozone sinken. Da sich die harten Daten allmählich verschlechtern, haben die Falken, die derzeit die EZB-Politik lenken, nur begrenzte Möglichkeiten, weitere große Erhöhungen vorzunehmen. Diese könnte sie jedoch bei den nächsten beiden Sitzungen im Oktober und Dezember nutzen. Die Märkte wetten bereits darauf, dass die EZB auf der nächsten Sitzung Ende Oktober erneut einen historischen 75-Basispunkte-Zinsschritt ankündigt. Aber schon im neuen Jahr könnten der Zentralbank die Argumente ausgehen, den Kampf gegen die Inflation mit hohen Zinsschritten fortzuführen, da sich die Wirtschaftslage deutlich schwieriger gestalten dürfte.

Währungshüter, die diese Woche in Washington an der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds teilnehmen, werden ein Gefühl dafür bekommen, wie schlecht die Dinge stehen, wenn ein düsterer Weltwirtschaftsausblick veröffentlicht wird. Eine sich verschlechternde Konjunktur birgt die Gefahr, dass es zu einem Zusammenprall mit den konservativen EZB-Mitgliedern kommt, die sich nach der Beendigung der Quantitativen Lockerung zunächst ruhig verhalten haben. „Die EZB muss jetzt schnell handeln, um die Inflationserwartungen zu senken, bevor die Lohnverhandlungen zu Zweitrundeneffekten führen“, sagte Karsten Junius, Chefökonom der Bank J Safra Sarasin. „Sobald die Rezessionsrisiken Realität werden und sich die Belastungen für die Wirtschaft bemerkbar machen, wird es schwierig sein, größere Erhöhungen durchzusetzen.

Wirtschaftslage im Euroraum trübt sich ein - Rezession droht

Schätzt die EZB die Rezessionswahrscheinlichkeit falsch ein?

Wie Bloomberg berichtet, gehen die jüngsten Prognosen der EZB nicht von einer Rezession in der 19 Nationen umfassenden Eurozone aus, obwohl die explodierenden Energiekosten die Vorhersagen wahrscheinlich obsolet machen. Die Umfragen unter Einkaufsmanagern weisen bereits seit Juli auf eine schrumpfende Produktion hin. Ökonomen sehen ebenfalls einen Abschwung zunehmend als unvermeidlich an.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagt, eine Rezession werde nicht von der Aufgabe ablenken, die Inflation von 10 % im letzten Monat wieder auf das 2 %-Ziel zu bringen. Sie glaubt nicht, dass ein Konjunktureinbruch die Preise von allein dämpfen wird. „Unser oberstes Ziel ist die Preisstabilität, und wir müssen abliefern. Wenn wir dieses Ziel nicht erreichen, würde dies der Wirtschaft weitaus mehr schaden.“

Wie dem auch sei, die Daten zum Bruttoinlandsprodukt für das dritte Quartal werden erst am 31. Oktober erwartet – vier Tage nach der Zinsentscheidung. Ein erster Hinweis auf eine Rezession kann erst erfolgen, wenn die Zahlen für das letzte Quartal des Jahres 2022 im Januar veröffentlicht werden. Bis dahin wollen die meisten geldpolitischen Entscheidungsträger den Einlagensatz, der derzeit bei 0,75 % liegt, auf das sogenannte neutrale Niveau hieven, das die Wirtschaft weder anregt, noch bremst – und das vermutlich irgendwo bei 2 % liegt.

Um dieses Ziel schnell zu erreichen, tendieren unter anderem Martins Kazaks aus Lettland und Gediminas Simkus aus Litauen dazu, den Zinssatz noch in diesem Monat auf 1,5 % zu verdoppeln. Auch Olli Rehn aus Finnland und Joachim Nagel aus Deutschland befürworten einen energischen Zinsschritt. Der niederländische Zentralbankchef Klaas Knot sagte am Montag, dass mindestens zwei weitere „signifikante“ Zinserhöhungen erforderlich seien.

Inflation bei 10% - Zinserhöhungen sind notwendig

Die ersten Tauben melden sich zu Wort

Die Währungshüter zögern, zu sagen, wo die Zinssätze ihren Höhepunkt erreichen könnten, aber für die Falken ist das Tempo der Anhebungen der Schlüssel. Zinserhöhungen sind zwar nicht die treibende Kraft des Abschwungs der europäischen Wirtschaft, die Durchführung wird dennoch schwieriger, wenn die Haushalte leiden, so Bloomberg

Die ersten Tauben in der EZB melden sich bereits zu Wort. Beispielsweise gehört Chefvolkswirt Philip Lane zu denen, die zur Zurückhaltung mahnen und sagen, es sei noch zu früh, um den nächsten Schritt der EZB festzulegen. Der Chef der portugiesischen Zentralbank, Mario Centeno, warnt ebenso davor, jetzt zu weit zu gehen, um später einen Rückzieher machen zu müssen.

Der italienische Notenbankchef Ignazio Visco hat es vielleicht am deutlichsten ausgedrückt, als er in seltenen öffentlichen Äußerungen von einer „plötzlichen Verschlechterung der Wirtschaftswachstumsaussichten“ sprach. „Übermäßig schnelle und ausgeprägte Zinserhöhungen würden das Risiko einer Rezession erhöhen“, sagte er Ende September.

FMW/Bloomberg

Christine Lagarde, president of the European Central Bank (ECB), departs a news conference in Frankfurt, Germany, on Thursday, Sept. 8, 2022. The ECB hiked rates by 75 basis points and expects to tighten further as it raises inflation outlook to 2.3% rate in 2024. Photographer: Alex Kraus/Bloomberg


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2 Kommentare

  1. Das Herumgeeiere bezüglich Zinserhöhungen ist unverständlich, Rezession hin oder her. Erstens hat jede Inflation eine Rezession zur Folge, ohne Zinserhöhungen kommt man nicht aus der Rezession und bei lauer Inflationsbekämpfung – auch mit andauernden Qasi-Rettungspacketen des Fiskus – wird einem alles um die Ohren fliegen. Die Rechnungen der jahrzehntelangen politischen Fehlentscheidungen sind zu bezahlen, punctum.

    1. Sorry, bin nicht ganz der Meinung.
      Die EZB hat erst reagiert als das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist und genau das Gleiche wird die EZB jetzt wieder machen. Die EZB wird die Zinsen erhöhen und erhöhen und löst damit eine große Konkurswelle aus. Der Gedanke, das Zinserhöhungen jetzt noch helfen können ist schlicht weg Falsch.
      Wegen 2 oder selbst 4% Zinsen wird niemand aus dem Ausland innerhalt der Euro Zone investieren. Und genau darum geht es. Eine Stärkung des Euros und somit eine Verringerung der Inflation kann nur durch Vertrauen in die Wirtschaft erreicht werden. Derzeit ist das Vertrauen in die Wirtschaft mehr als Negativ.
      Alles was die EZB tut Verpufft solange kein gesundes Wirtschaftsumfeld geschaffen wird. Speziell in Deutschland heißt dies, das der zerstörerische Kurs der Bundesregierung gestoppt werden muss. Ansonsten wird sich Deutschland die nächsten 5 Jahre nicht davon erholen.
      Jetzt ist nicht die Zeit den vergangenen Zeiten nachzuweinen sondern die Zeit sich weiter zu entwickeln um auf den nächsten Aufschwung vorbereitet zu sein. Ansonsten verliert Deutschland komplett den Anschluss.

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