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EZB: Nach der Zinssenkung ist vor der Zinssenkung

Welche Möglichkeiten hat die EZB noch angesichts ihrer schon drei Jahre andauernden Nullzinspolitik?

Die Federal Reserve hat es am Mittwoch getan. Sie senkte den US-Leitzins um 25 Basispunkte und viele andere Notenbanken wollen folgen, auch die Europäische Zentralbank – doch welche Möglichkeiten hat die EZB noch angesichts ihrer schon drei Jahre andauernden Nullzinspolitik?

 

Die EZB und die Lage in Europa

Die Zahlen vom Mittwoch haben es gezeigt. Das Wirtschaftswachstum in Europa ist im 2. Quartal auf 0,2 Prozent gefallen (Vorjahr 0,4 Prozent), ebenso die Inflationsrate im Juli auf 1,1 Prozent, so tief wie seit Februar 2018 nicht mehr und damit hat sie sich weiter von der von Mario Draghis angestrebten Rate von zwei Prozent entfernt. Auf der letzten Sitzung hatte der EZB-Chef klargemacht, dass die Notenbank bereit sei, all ihre Instrumente einzusetzen, um dem Inflationsziel näher zu kommen. Damit liegen die Argumente auf dem Tisch, für eine geldpolitische Lockerung auf der nächsten Sitzung der EZB im September.

 

Der zinspolitische Werkzeugkasten der EZB

Betrachtet man sich die Möglichkeiten der Notenbank, muss man zu dem Schluss kommen, dass es nicht mehr so viele Möglichkeiten gibt, außer man geht bis zum stabilitätspolitischem Horrorszenario, der Ausgabe von Helikoptergeld. Hier eine kleine Übersicht über bereits getätigte und noch im Raum stehende geldpolitische Maßnahmen.

Zinsen

Leitzinssenkungen, mehr Negativzinsen
Senkung Refinanzierungssatz
Senkung Einlagezinssatz
Staffelzinsen

 

Quantitative Easing

Kauf von Staatsanleihen – Aufstockung
Kauf von Unternehmensanleihen
Käufe von ETFs und Aktien
Käufe von Bankanleihen
Abweichung vom Kapitalschlüssel
Höhere Ankaufobergrenzen (für Staaten und Anteilen an den jeweilig erwerbbaren Anleihen)

Und zu guter Letzt das geldpolitische Extremszenario, das QE für Jedermann, die Ausgabe (das Abwerfen) von Helikoptergeld.

 

Ist Helikoptergeld vorstellbar?

Die Verteilung von Helikoptergeld, praktisch eine von der EZB initiierte Überweisung direkt auf die Girokonten der Bürger, ist gar kein geldpolitisches Hirngespinst mehr. Immer mehr Ökonomen beschäftigen sich mit dem Gedanken und leisten damit für seine Einführung – als Ultimo Ratio – Vorschub.

Aufgekommen ist dieses Instrument durch keinen Geringeren als John Maynard Keynes, übernommen von Milton Friedman, populär geworden durch Ex-Fedchef Ben Bernanke und jetzt zunehmend Eingang findend in allerlei geldpolitischen Diskussionen. Hier ein paar O-Töne:

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (ein ehemaliger EZB-Ökonom), Marcel Fratzscher, brachte es zum Ausdruck: „Helikoptergeld ist machbar und wahrscheinlicher, als sich viele vorstellen können.“

Die europäische Denkfabrik Bruegel hatte gefordert, dass die EZB bisher nicht erprobte Instrumente in Betracht ziehen müsse.

Selbst der Hedgefondsmanager Ray Dalio hatte von einer „dritten Generation“ der Geldpolitik gesprochen, in der die Notenbanken direkt Geld für Staatsprojekte drucken sollten.

 

Fazit

Wir befinden uns alle in einem geldpolitischen Experiment, welches das globale Geldsystem noch nie gesehen hat. 13 Billionen Dollar an Staatsanleihen weltweit werfen Minuszinsen ab, was bedeutet, dass die Staaten für das Schuldenmachen noch Geld bekommen. Allein die Bilanzsumme der EZB beläuft sich derzeit auf 4,5 Billionen Euro, was dem 13-fachen des deutschen Staatshaushalts entspricht.

Mario Draghi wurde berühmt durch seine „“Whatever it takes-Rede. Genau betrachtet hat er aber gesagt: „Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro.“

Mario Draghi bezeichnete schon 2016 die Idee des Helikoptergeldes als sehr interessant. Die Frage ist nur, ob die Gesetzeslage eine derartige Maßnahme zulassen kann. Noch ist es nicht soweit, aus meiner obigen Übersicht sind noch ein paar Stellschrauben zu sehen, an denen die EZB drehen kann.

Aber soviel ist bereits klar, die Finanzwelt wird mit Argusaugen auf die EZB-Entscheidung inklusive der versteckten verbalen Hinweise bei der nächsten Sitzung blicken.

 

Welche Möglichkeiten hat die EZB noch?



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1 Kommentar

  1. Das Helikoptergeld haben die Amerikaner doch bereits während der Finanzkrise eingesetzt, als jede Familie 2.000 USD „Steuerrückzahlung“ bekam. So könnte man das auch in Deutschland verkaufen, wo sich der Staat ja eh über alle Laufzeiten (sogar via Longbonds) zu Negatavzinsen refinanzieren kann. „Helikoptergeld“ klingt so unserös aber „Steuerrückzahlung“ wäre doch im Interesse des Bürgers, gel! Die könnte sogar die FDP mittragen.

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