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Rückblick und Ausblick EZB-Protokoll: Manche wollten nur 25 Basispunkte – Markt erwartet 100 bei nächsten beiden Sitzungen

Das EZB-Protokoll zeigt: Manche Notenbanker wollten nur 25 Basispunkte Zinsanhebung. Der Markt erwartet einiges für die nächsten Meetings.

EZB-Zentrale in Frankfurt

Im September steht die nächste Zinsentscheidung der EZB an. Nachdem die Zentralbank am 21. Juli den Leitzins überraschend um 50 statt 25 Basispunkte angehoben hatte, ist es jetzt interessant zu sehen, ob und wie stark die EZB plant bei den nächsten Sitzungen die Zinsen weiter anzuheben (nächster Termin 8. September). Denn die Inflation in der Eurozone ist hoch mit derzeit 8,9 Prozent. Dies spräche für erneut kräftige Zinsanhebungen. Die heraufziehende Rezession in Europa spräche aber womöglich für etwas mehr Passivität. Heute hat die EZB ihr Sitzungsprotokoll vom 20. bis 21. Juli veröffentlicht. Hieraus kann man einige Rückschlüsse ziehen, wie die Notenbanker über die 50 Basispunkte Anhebung dachten, und wie sie auf die nächsten Sitzungen blicken. Folgend zeigen wir eine Analyse von Bloomberg.

Einige der Ratsmitglieder der EZB haben sich bei der Sitzung im Juli dafür ausgesprochen, die Zinsen nur um 25 Basispunkte zu erhöhen – statt um die 50 Basispunkte, um die sie dann angehoben wurden. Einigkeit gab es angesichts der Renditesprünge am europäischen Rentenmarkt bezüglich des neuen Instruments zur Absicherung der geldpolitischen Transmission, wie das am Donnerstag vorgelegte Sitzungsprotokoll zeigte. Am Geldmarkt wird inzwischen auf Sicht der nächsten beiden EZB-Entscheidungen darauf gewettet, dass die Leitzinsen zur Eindämmung der Rekordinflation um insgesamt weitere 100 Basispunkte angehoben werden.

Trader wetten auf fast 100 Basispunkte Zinsanhebung der EZB

Im Folgenden Eckpunkte des EZB-Protokolls:

Zu den Zinsen:

“Mit Blick auf den aktuellen geldpolitischen Kurs hielten es sehr viele Ratsmitglieder für angemessen, die Leitzinsen der EZB wie von Herrn Lane vorgeschlagen um 50 Basispunkte anzuheben. Angesichts der Verschlechterung der Inflationsaussichten seit der Juni-Sitzung des EZB-Rats wurde eine Erhöhung um 50 Basispunkte als gerechtfertigt erachtet.”

“Damit unternehme der EZB-Rat unter Berufung auf die Grundsätze der Datenabhängigkeit und Optionalität einen größeren ersten Schritt in Richtung Leitzinsnormalisierung, als er auf seiner vorherigen Sitzung signalisiert habe. Auf diese Weise bringe er deutlich seine Entschlossenheit zum Ausdruck, zu handeln und sein Mandat zu erfüllen.”

“Einige Ratsmitglieder sprachen sich indes für eine Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte aus. Dies sei der auf der Juni-Sitzung signalisierte Schritt und entspreche der vorangegangenen Kommunikation des EZB-Rats. Es wurde vorgebracht, dass eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte angesichts der drohenden Rezessionsrisiken eher mit einer graduellen geldpolitischen Normalisierung im Einklang stehe.”

Zu Stress am Anleihemarkt:

“Fragmentierungsrisiken wurden im aktuellen Umfeld als wahrscheinlicher erachtet, denn die Normalisierung der Geldpolitik finde in einer Zeit großer angebotsseitiger Schocks und steigender Risiken für das Wirtschaftswachstum statt.”

“Während die EZB Maßnahmen ergreife, um die Effizienz der Geldpolitik sicherzustellen, sollten die europäischen Regierungen in ihrem Zuständigkeitsbereich institutionelle Reformen vorantreiben, um die Ursachen der Fragmentierung im Euroraum besser zu bekämpfen.”

“Darüber hinaus wurde daran erinnert, dass persistentere und grundlegendere Probleme mit dem OMT-Programm angegangen werden sollten, und dass die Geldpolitik zwar in der Lage sei, auf sich selbst erfüllende Liquiditätskrisen zu reagieren, Solvenzprobleme aber von anderen Akteuren gelöst werden müssten.”

“Die Ratsmitglieder waren sich einig, dass die Flexibilität bei der Wiederanlage der Tilgungsbeträge fällig werdender Wertpapiere im PEPP-Portfolio die erste Verteidigungslinie bleibe”

Zur Forward Guidance:

“In Zeiten, in denen die Zinssätze nahe an der effektiven Untergrenze lägen, stelle die Forward Guidance zu den Zinssätzen ein mächtiges Instrument dar. In der Normalisierungsphase hingegen sei ihr Nutzen deutlich geringer.”

“Es wurde die Ansicht vertreten, dass eine spezifische Forward Guidance zum künftigen Zinspfad den EZB-Rat unter den gegenwärtigen Umständen und angesichts der außergewöhnlich hohen Unsicherheit mit Blick auf die Grundsätze der Optionalität, Flexibilität und Datenabhängigkeit übermäßig einschränke. So bestehe das Risiko, dass er sich auf Entscheidungen festlege, die er später bei veränderten Umständen revidieren müsse.”

“In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Beibehaltung der Forward Guidance zur Entwicklung der Bilanz des Eurosystems verwiesen.”

FMW/Bloomberg



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1 Kommentar

  1. Ist das in der Demokratie Europa wahrhaft so, dass das Protokoll unsere gemeinsame Schatzkistenaufpassern erst nach einem Monat offentlich gemacht wird? Finden das alle Europäer normal und gut?
    Ich dumme Bürger finde es nicht gut, obwohl es mich persönlich nicht berühren würde, wenn es mit Ostern veröffentlicht wird.
    Unglaublich.

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