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EZB-Rede in Harvard: Deshalb ist Europa immer noch in der Krise

EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch (einer von sechs Direktoren zusammen mit Mario Draghi) hat in einer Rede an der US-Universität Harvard ausführlich dazu Stellung bezogen, warum sich die USA…

Redaktion

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FMW-Redaktion

EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch (einer von sechs Direktoren zusammen mit Mario Draghi) hat in einer Rede an der US-Universität Harvard ausführlich dazu Stellung bezogen, warum sich die USA nach der Finanzkrise 2008 bis dato so gut erholt haben (FMW meint: ganz bestimmt), Europa aber Stand heute immer noch in der Krise ist.

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EZB-Direktor Yves Mersch. Foto: EZB

Aber mal ehrlich: Von den offiziellen Zahlen her sind die USA im Wirtschafts- und Zinszyklus der Eurozone deutlich voraus. Die Zinswende ist eingeleitet, und in Kürze wird die zweite Zinsanhebung erfolgen, der im Frühjahr möglicherweise eine dritte Anhebung folgen wird. In der Eurozone gibt es hierzu noch nicht mal einen leisen Gedanken, denn die mickrige kaum sichtbare Inflation kann mit der in den USA gar nicht mithalten. Dort liegt sie schon über 1%, in der Kernrate deutlich höher. Und die offizielle (!) Arbeitslosenquote ist schon in der Vollbeschäftigung angekommen, anders als in der EU, wo wir rund ums Mittelmeer deutlich zweistellige Arbeitslosenquoten haben.

Abseits jeglicher vorhandener Zahlenmanipulationen kann man doch sagen, dass die USA im Konjunkturzyklus ein paar Jahre vor der EU stehen. Aber warum? Yves Mersch betont, dass Fed wie auch die EZB nach der Krise mit voller Kraft dagegengehalten hätten um den Geldkreislauf am Leben zu erhalten usw. Beidseits des Atlantiks hätten die Notenbankmaßnahmen kurz nach der Krise gewirkt. Mersch geht auch explizit auf die Frage ein, warum die EZB damals nicht wie die USA auch sofort riesige Anleihekaufprogramme aufgelegt hätten (die EZB begann ja erst 2015). Hierbei verweist er auf den harten Kernauftrag der EZB, nämlich die Preisstabilität. Damals als die Fed schon kräftig mit den Aufkaufprogrammen (QE1-3) pumpte bis zum „Geht nicht mehr“, lag die Inflationsrate in der Eurozone im Herbst 2011 noch bei 3%.

Hierin erkennt man in der Tat einen Unterschied zwischen Fed und EZB. Die Fed kann im Großen und Ganzen fast wie eine Art Wirtschaftsministerium agieren, und hat auch den gesetzlichen Auftrag die Wirtschaft am Laufen zu halten (inklusive Arbeitsmarkt). Daher konnte, durfte und wollte die Fed schon damals kräftig Geld drucken um US-Staatsanleihen aufzukaufen. Die EZB aber darf nur „dagegenhalten“, wenn die Preise schon Richtung Deflation tendieren, was ja erst gut 5 Jahre später der Fall war. Die Wirtschaft war schon vorher kaputt, die Preise aber waren noch gut im inflationären Bereich. Man kann also sagen, dass Mersch die verschiedenen (durch die Politik erteilten) Aufträge von Fed und EZB dafür verantwortlich macht, dass Europa wirtschaftlich hinterher hinkt seit der Finanzkrise. Auch verweist Mersch darauf, dass Europa eine Staatsschulden-Krise hatte, die über negative Auswirkungen im Bankensektor auch die Realwirtschaft in Mitleidenschaft zog.

Da muss man sagen: Die USA sind zwar viel schlimmer verschuldet als Europa, und machen gerade jetzt noch obszöner neue Schulden als jemals zuvor, aber gedanklich ist der US-Dollar und die US-Staatsanleihe eben immer noch weltweit der letzte große Fluchthafen. Von daher sägt der internationale Anleihe-Investor ja wohl kaum den ganzen Baum ab, auf dessen Ästen er mit all seinen Kollegen Platz genommen hat. Das ist wohl ein großer psychologischer Vorteil für die USA. Auch moniert Mersch, dass Europa damals noch kein rigoroses Instrumentarium zur Krisenbewältigung hatte. Fazit: Man kann sagen, dass das Hauptproblem im Nachziehen Europas hinter den USA darin liegt, dass die USA als ein Staat mit einer Regierung und einem funktionierenden Instrumentenkasten die Krise viel schneller und souveräner bewältigen konnten? Man muss zur Ehrenrettung der EU auch sagen: Wir haben es hier nun mal mit einem riesigen und komplexen Zusammenschluss völlig eigenständiger souveräner Einzelstaaten zu tun, wo jede Regierung ihr Salz in die Suppe kippen kann. Und wie schon beschrieben, in den USA agiert die Fed eher als Wirtschaftsministerium denn als Notenbank. Oder kennt irgendjemand den US-Wirtschaftsminister? Gibt es den überhaupt? Und wenn ja, kennt Präsident Obama überhaupt seinen Namen? Da ruft er doch lieber Janet Yellen an. Hier Auszüge aus der Rede von Yves Mersch:


„At this point, however, the euro area entered the second phase of the crisis, causing its growth trajectory to diverge substantially from that of the United States. It experienced a sovereign debt crisis in 2011-12 which was unique among advanced economies. Fears about the sustainability of the sovereign debt of some euro area Member States triggered a sharp widening of sovereign spreads and introduced the fear of redenomination risk: that some countries would revert to national currencies, invariably weaker ones, and thus leave the euro area. Moreover, banks in some countries came under intense scrutiny over their domestic sovereign holdings and some national banking systems completely lost access to wholesale funding markets. Private investment contracted as the cost of capital rose and uncertainty spiked. The fiscal stance in the euro area shifted from expansionary to contractionary as governments acted to restore market confidence. The euro area entered a renewed recession.“


„But a question often asked is why we did not resort to large-scale asset purchases at this point, as the Fed was already doing. Bear in mind that inflation developments in the euro area at the time did not suggest a tight stance. Headline inflation was rising steeply from its 2009 trough, exceeding 3% in October 2011, partly driven by an increase in underlying inflation. Inflation expectations were well anchored around our objective.

Hence our diagnosis of the problem in this period focused more on monetary transmission than on the policy stance. Our stance was not being transmitted evenly across all parts of the euro area. And so our measures in this period were specifically designed to remove those impairments in transmission. The main issue we faced was the perverse interaction between the euro area banking sector and institutional incompleteness of our monetary union, which had fundamental implications for our policy in a system of bank-based monetary transmission. While the first phase of the crisis can be interpreted as a severe recession amenable to monetary policy, this second phase was the consequence of institutional challenges that monetary policy could only aim to mitigate, but could not overcome.

Despite swift efforts to set up a European Banking Union there were in fact three major differences between the euro area and US in terms of the environment facing monetary policy: the sluggish recovery of the banking sector, the fragmented fiscal framework of the euro area and the structural rigidity present in many euro area economies.

The necessary process of banking sector repair proceeded much more slowly in the euro area than in the US. Indeed, here in the US it was more or less completed by end-2011, but in some euro area countries it is still ongoing, even today. US authorities exerted pressure on banks (and non-financial corporations) to recapitalise with public money, via the Troubled Asset Relief Program. In the euro area, there was a preference for recapitalisation through organic growth.

Recapitalisation in the United States was bolstered by the early and effective use of stress tests in the US to restore confidence in solvent banks, reinforced by a credible backstop. By contrast, early attempts at stress tests in the euro area were hampered by splits among national supervisors and, with only national backstops available, the tests proved unsuccessful at restoring confidence in the banking system. US banks were also encouraged to recognise non-performing loans (NPLs) more quickly, freeing up capital for new lending.

The third difference was the ability to efficiently resolve insolvent banks and prevent the emergence of “zombie lenders”. The US had a trusted process through the Federal Deposit Insurance Corporation, backed by a credit line from the US Treasury. By contrast, prior to the crisis many member states of the euro area did not even have a national resolution framework. Since 2008, the FDIC has resolved over 500, mostly smaller banks in the United States. While determining the exact definition is tricky in the euro area, the number appears less than a hundred.



Quelle: EZB

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    leser

    13. Oktober 2016 16:49 at 16:49

    Dazu fällt mir folgender Witz ein: Sitzen zwei Blinde im Kino. Sagt der eine „Ich kann nichts sehen“. Darauf sein blinder Nachbar „Wollen wir die Plätze tauschen“.

  2. Avatar

    Zinsangst

    13. Oktober 2016 17:00 at 17:00

    „Die Zinswende ist eingeleitet“???? Die „Zinsnormalisierung“ dauert in diesem Tempo 12 Jahre – also 2 komplette Konjunkturzyklen. Ich lach mich tot!

    • Avatar

      Alexander Gliese

      13. Oktober 2016 19:01 at 19:01

      Bitte nicht tot lachen! Es gibt triftigere Gründe für einen Suizid in Fröhlichkeit.
      Aber es stimmt schon: Wie viel Zinserhöhungen hatte die bzw. das Fed für 2016 in Aussicht genommen? Und wie viele Zinserhöhungen gab es dann wirklich?
      Das erinnert mich an die Reformbemühungen der griechischen Regierung. Angeblich schreitet der Reformprozess immer weiter voran – leider werden die Schulden auch immer höher.

      • Avatar

        Petkov

        13. Oktober 2016 21:09 at 21:09

        Ach, Sie haben Reformbemühungen der griechischen Regierung wirklich gesehen und können sich auch noch daran erinnern? Also ein Adlerauge mit Elefantengedächtnis! Ich bemühe mich so, dass mir die Augen rausspringen und kann trotzdem keine Bemühungen auf griechischer Seite feststellen. Und warum auch? Das Geld kommt auch so und wird zurückbezahlt, sobald die Mücken Honig sammeln. Die ganze (Finanz)Politik der EU macht Bemühungen sinnlos.

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Aussicht für deutsche Exporte verfinstern sich spürbar

Claudio Kummerfeld

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Über den Hamburger Hafen laufen viele Exporte Richtung Übersee

Die Stimmung der deutschen Industrie für ihre Exporte in den nächsten Monaten verfinstert sich gerade spürbar. Denn laut aktueller Veröffentlichung des ifo-Instituts hat sich die Stimmung unter den deutschen Exporteuren merklich verschlechtert. Die ifo Exporterwartungen der Industrie sind im November von plus 7,0 auf minus 2,1 Punkte gefallen. Der Chart zeigt nach der Erholung aus dem „Corona-Tal“ den Absturz bei den Erwartungen an die Exporte. Erstmals seit Juni ist der Erwartungsindex wieder negativ.

Insbesondere die Heftigkeit der zweiten Corona-Welle in vielen europäischen Ländern belastet laut ifo-Institut die Exporte. Einen deutlichen Dämpfer beim künftigen Auslandsgeschäft musste die Automobilbranche verkraften. Der Optimismus der vergangenen Monate ist verflogen. Mit deutlichen Rückgängen beim Export rechnet die Nahrungsmittelindustrie. Der Maschinenbau geht eher von einer konstanten Entwicklung bei den Exportumsätzen aus. Gleiches gilt für die Metallbranche. Weitere Zuwächse erwarten hingegen die Chemische Industrie und die Elektrobranche.

Der Chart vom ifo-Institut zeigt Erwartungen für die deutschen Exporte

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EZB warnt wieder vor Risiken, die sie selbst geschaffen hat!

Markus Fugmann

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In ihrem heute veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht warnt die EZB wieder einmal vor Risiken und dem Platzen einer Blase, die sie letztlich selbst geschaffen hat!

Die EZB zur permanenten Intervention verdammt

So beklagt Europas Notenbank etwa die „Konzentration von Risiken“ in einigen Bereichen – und man sollte doch die Frage stellen, warum es diese Konzentration von Risiken wohl gibt! Die Antwort ist fast schon unterkomplex: wegen der finanziellen Repression, die durch die EZB ausgeübt wird. Wie ließe sich etwa sonst erklären, dass griechische Staatsanleihen mit Laufzeit bis vier Jahren negative Renditen aufweisen  – Anleger also bereits sind, einem de facto bankrotten Staat für den Kauf von Schuldpapieren sogar noch Geld zu bezahlen?

Dazu kommt: die Notenbank beklagt die schwache Profitabilität der Banken der Eurozone,  die ja eben aufgrund der Zinspolitik der EZB mit Negativzinsen schlicht kaum profitabel arbeiten können.

Mit anderen Worten: die EZB betreibt eine massive Manipulation nicht nur der Märkte für Staatsanleihen, sondern zerstört im Grunde die Existenzgrundlage europäischer Banken, die nicht zufällig deutlich schlechter dastehen als die amerikanische Konkurrenz. So entsteht eine Situation, die immer neue Eingriffe verlangt, um die weitgehend selbst verursachten Schieflagen zu korrigieren. Wer die Büchse der Pandora öffent, sollte sich eben nicht wundern, dass ungeahnte Konsequenzen entstehen. Die EZB hat den Limes überschritten – und ist damit zur permanenten Manipulation verdammt, weil die Schulden schneller wachsen als die Wirtschaft, aber die Illusion des ewigen Wohlstands aufrecht erhalten weredn muß! Die Notenbank ist gewissermaßen die Kraft, die stets das Gute will – und das Böse schafft.

Nun hat die Coronakrise letztlich auch die Staaten gezwungen, immer stärker in die Wirtschaft einzugreifen und zu retten. Ein Risiko sieht die europäische Notenbank nun darin, dass diese eigentlich als einmalige Maßnahme gedachten Eingriffe zu früh enden könnten. Die Coronakrise scheint sich als „door opener“ für den staatlich gelenkten Kapitalismus zu erweisen, der Weg zu MMT ist wohl endgültig geebnet!

Für Schmerzbefreite hier die Kurzfassung des Berichts der EZB zur Finanzstabilität im Wortlaut:

 

  • Dispersed economic and financial market impact on countries and sectors could lead to concentration of risks in some areas
  • Policy measures have addressed liquidity challenges but risks can arise from premature or delayed withdrawal of fiscal support
  • Bank profitability prospects remain weak with losses potentially materialising with a lag relative to the recover

Vulnerabilities in the corporate sector are increasing as the pandemic evolves and their unearthing could test the resilience of euro area banks in the future, the European Central Bank (ECB) says in its latest Financial Stability Review (FSR). Current extensive policy support is helping euro area corporates and households to cope with the fallout of the pandemic, but risks can arise either from a premature end to measures or from prolonged support. Premature withdrawal of fiscal support – including government loan guarantees and statutory loan moratoria – could set back the economic recovery, transforming the corporate liquidity challenges observed at the outset of the pandemic turn into solvency issues. The sharp rise in corporate and sovereign indebtedness increases the risks to financial stability from an emerging sovereign-corporate bank nexus in the medium-term, as banks and sovereigns alike are exposed to pandemic-induced risk faced by euro area firms.

“Bank profitability is expected to remain weak. Provisions have increased but look optimistic in some cases, while guarantees and moratoria may have lengthened the time it takes for weak economic performance to translate into loan losses,” said Luis de Guindos, Vice-President of the ECB. “Government support schemes are essential currently but should remain targeted towards pandemic-related economic support and avoid giving rise to debt sustainability concerns in the medium term,” he added.

For euro area banks, which entered the pandemic with stronger balance sheets than at the time of the global financial crisis, a premature end of government guarantees and moratoria could lead to an additional wave of losses. They are also expected to face continued pressures on profitability, including from a weaker outlook for lending and continued structural challenges. Banks’ capital buffers remain comfortable and should remain available to absorb losses and support lending for an extended period. Authorities need to monitor the effectiveness of policies to support buffer use and avert deleveraging. Looking beyond the pandemic, it is important for banks, together with the rest of the financial system, to manage the financial stability risks posed by climate change and support the transition to a greener economy.

A return to risk-taking by non-banks, including investment funds, also increases their vulnerability to outflows and losses should corporate credit risks rise materially. These risks are accentuated by continued gaps in the macroprudential framework for non-bank financial institutions.

Die EZB ist die Kraft, die stets das Gute will - und das Böse schafft

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EZB soll Make-Up-Strategie umsetzen

Hannes Zipfel

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Die Zentrale der EZB in Frankfurt

Es ist schon ein makaberes Wortspiel in Zeiten zwangsgeschlossener Kosmetikstudios sowie arbeitsloser Maskenbildner und Visagisten, dessen sich der finnische Zentralbank-Gouverneur und Ratsmitglied der EZB, Olli Rehn, bedient. Auf einer Konferenz in Helsinki forderte Rehn am Dienstag neben einem symmetrischen Inflationsziel die Umsetzung einer Make-Up-Strategie. Was konkret ist damit gemeint und was kommt als Nächstes?

EZB braucht Make-Up

Ohne die Europäische Zentralbank hätte sich das Thema Eurozone längst erledigt. Das will aber die Masse nicht hören und die Zentralbanker nicht sagen. Also werden seit dem Beginn der Weltfinanzkrise und der Eurokrise alle unkonventionellen Maßnahmen mit dem nicht Erreichen des Inflationsziel der Europäischen Zentralbank begründet, da dieses den Kern des EZB-Mandats darstellt.

Da aber mittlerweile jedem Geld- und einigen Fiskalpolitikern dämmert, dass bei einer Gesamtverschuldung der Industrieländer laut Institute for International Finance von knapp 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dieses Mandat nicht mehr ausreicht, wird es nun angepasst. Dazu gehört auch, dass man das Inflationsziel von zwei Prozent p. a. (Konsumententeuerung) irgendwie umgehen muss. Denn selbst wenn die jetzige Ausnahmerezession vorüber ist, bleiben die hohen und weiter steigenden Schulden. Die EZB kauft einen Großteil davon auf und hält die Zinsen nominal bei null und real im negativen Bereich, um den Schuldendienst erträglich zu machen.

Am Beispiel der USA, wo die US-Notenbank Fed mit dem Versuch in den Boom nach Trumps Steuerreform hinein die Zinsen zu normalisieren, scheiterte, will man bei der EZB nun vorsorgen. Sollte es zu einer wirtschaftlichen Erholung kommen und die Inflation (Konsumententeuerung) über zwei Prozent hinausschießen, will und kann man wegen der extrem hohen privaten und öffentlichen Verbindlichkeiten die Zinsen dennoch unten halten. Ein eventuelles Überschießen des Inflationsziels soll daher via Make-Up überdeckt werden.

Dazu fordert unter anderem und erneut Olli Rehn die Einführung eines flexiblen Inflationsziels. Die Präsidentin der EZB, Madame Lagarde, spricht sich neben anderen Rats-Mitgliedern ebenfalls dafür aus. Um ein Überschießen der Inflation zu überdecken, soll statt des bisherigen asymmetrischen Inflationsziel ein symmetrisches Inflationsziels eingeführt werden. In der Praxis bedeutet dies, dass die Notenbanker statt eines festen Wertes einfach einen Durchschnittswert eines bestimmten Zeitraums der Vergangenheit ausrechnen. Solange dieser Wert sich nicht allzu lange und allzu massiv über zwei Prozent befindet, muss die EZB nicht inflationsbekämpfend eingreifen. Angepeilt wird ein Zeitraum der letzten fünf Jahre zur Durchschnittsbildung der Inflationsrate.

Im Falle der Eurozone bedeutet dies eine durchschnittliche Inflationsrate seit Oktober 2015 in Höhe von knapp einem Prozent p. a. Durch Überdeckung einer zukünftigen höheren Inflation mit statistischem Make-Up könnte die Teuerungsrate für eine lange Zeit über zwei Prozent liegen, ohne dass das symmetrische Inflationsziel der EZB übertroffen wird. Die für die Errechnung des symmetrischen Inflationsziels relevanten Parameter (betrachteter Zeitraum etc.) sollen flexibel gehalten werden. Somit ist gewährleistet, dass selbst bei steigender Konsumententeuerung die EZB ihre ultralaxe Geldpolitik gemäß ihrem Kernmandat der statistischen Preisstabilität (ohne Vermögenspreise) beibehalten kann.

Welche Ziele hat die Zentralbank laut EU-Vertrag?

Doch auch der u. a. von Rehn sowie Lagarde und seit dem virtuellen Notenbanker Treffen in Jackson Hole sogar vom Präsidenten der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, geforderte „Monetary Shift“ könnte nicht ausreichen, um die explodierende Gesamtverschuldung durch das symmetrische Inflationsziel zu managen. Daher gräbt man nun bei der EZB im EU-Vertrag nach weiteren Möglichkeiten des geldpolitischen Make-Ups. Und siehe da, man wurde fündig: Ebenso wie bei der US-Fed gestattet der EU-Vertrag auch zwei Nebenmandate, wie Olli Rehn in Helsinki am Dienstag klarstellte: „Wenn wir unser gesetzliches Mandat respektieren, müssen wir danach streben, Vollbeschäftigung, ausgewogenes Wachstum und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen“. Das symmetrische Inflationsziel wurde zwar im Nebensatz noch mit erwähnt, aber es wird immer deutlicher, dass die EZB nach einer Legitimation ihrer dauerhaften Krisenpolitik sucht.

Wie weit kann die EZB ihr Mandat auslegen?

Schon seit Längerem hat die EZB das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt und möchte verstärkt Unternehmen Kredite durch den Ankauf von Firmenanleihen zu sehr vorteilhaften Konditionen (für die Schuldner) vornehmen. Mit Nachhaltigkeit ist dabei gleichwohl nicht die geldpolitische Nachhaltigkeit oder gar die Schuldentragfähigkeit gemeint, sondern der Klimawandel. Die EZB trägt daher bei einigen Ökonomen schon scherzhaft den Beinamen „Grüne EZB“. Anders als Lagardes Vorgänger Draghi, für den der Klimawandel kaum ein Thema war, ist dies ein Lieblingsthema der jetzigen EZB-Chefin Lagarde. Mit dem neuen deutschen EZB-Ratsmitglied Elisabeth Schnabel hat sie eine Gleichgesinnte gefunden, die ebenfalls durch Billigkredite aus der digitalen Notenpresse den Wandel der Wirtschaft hin zur Klimaneutralität unterstützen möchte.

Das gibt der EZB weiteren Spielraum, denn bislang befinden sich Unternehmensanleihen in Höhe von einer viertel Billion Euro im Portfolio der EZB, von denen laut Greenpeace gemäß einer aktuellen Studie vom 3. November 63 Prozent von klimaschädlichen Unternehmen stammen. Um diese Zahl prozentual kosmetisch zu relativieren, könnte man das Portfolio einfach umschichten und mehr „Grüne-Anleihen“ kaufen. Doch das wäre der Todesstoß für unzählige Unternehmen und Arbeitsplätze, was wiederum die anderen Mandate der EZB untergraben würde.

Also geht man den anderen Weg und kauft noch mehr Unternehmensanleihen (vornehmlich Grüne), um die Anzahl der Klimaschädlinge im eigenen Anleiheportfolio zu relativieren. Auch die Mandate Vollbeschäftigung und ausgewogenes Wachstum geben der EZB praktisch einen Freibrief für die Beibehaltung ihrer ultralaxen Geldpolitik.

Fazit und Ausblick

Die Umstellung von einem asymmetrischen auf ein symmetrisches Inflationsziel ist eine weitere „unkonventionelle“ geldpolitische Maßnahme, um die Notfallgeldpolitik zu prolongieren. Richtig spannend wird es am 10. Dezember, wenn die nächste EZB-Ratssitzung mit anschließender Pressekonferenz stattfindet, auf der neue Maßnahmen bekannt gegeben werden sollen – auch kosmetische. Noch spannender wird es dann im Januar 2021, wenn das Thema „Worldwide-Reset“ von den wichtigsten Notenbankern und anderen supranationalen Institutionen erneut besprochen wird. Höflich ausgedrückt ist ein Reset ein Neustart. In der Praxis geht es aber um einen globalen Schuldenschnitt inkl. Währungsreform, also einen Neustart mit Enteignung breiter Bevölkerungsschichten und Sparer.

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