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EZB-Sitzungsprotokoll: Die Inflation ist nur vorübergehend

Blick auf den EZB Tower in Frankfurt mit Innenstadt im Hintergrund

Die EZB hat heute das Sitzungsprotokoll ihrer Tagung vom 8.-9. September veröffentlicht. Dabei spielt das Thema Inflation die Hauptrolle. Denn je höher und vor allem nachhaltig hoch die Inflation ist, desto schwieriger wird es für die EZB ihre Gelddruck-Orgie und die Nullzinsen beizubehalten. Deswegen hört man seit Monaten immer wieder das Wort „Vorübergehend“. Die Inflation in der Eurozone hat nämlich inzwischen 3,4 Prozent erreicht, und in Deutschland sogar bereits 4,1 Prozent.

EZB muss Geldpolitik nicht anpassen, da die höhere Inflation nur vorübergehend ist

Aus den Detailaussagen des ausführlichen Sitzungsprotokolls kann man entnehmen, dass sich wie in den sonstigen Aussagen der Notenbanker auch hier alles um das Wort „Vorübergehend“ dreht. Man sieht zwar eine ansteigende Inflation, aber vor allem Sondereffekte würden sie zu einem kurzfristigen Phänomen machen – so darf man die Worte der EZB sinngemäß kurz zusammenfassen. Kurzfristige Preissteigerungen erfordern laut den Aussagen der EZB keine Straffung ihrer Geldpolitik. Wir wollen an dieser Stelle nur auszugsweise Aussagen aus dem Protokoll der EZB ansprechen. Denn der Gesamttext ist von der Länge her kaum verkraftbar.

Der Anstieg der Inflation in der Eurozone spiegelte laut EZB Preissteigerungen bei allen Komponenten wider, insbesondere bei den Industriegütern ohne Energie (NEIG), während die Inflation bei den Dienstleistungen gedämpfter blieb. Die höhere Energieinflation spiegelte einen überdurchschnittlichen Anstieg der Energiepreise im August gegenüber dem Vormonat und den starken Anstieg der Ölpreise seit etwa Mitte letzten Jahres wider. Die Rücknahme der befristeten Mehrwertsteuersenkung in Deutschland würde sich bis Ende dieses Jahres auf die jährlichen Inflationsraten auswirken. Der Anstieg der NEIG-Inflation war zum Teil auf einen Basiseffekt zurückzuführen, der durch die Verschiebung der saisonalen Verkäufe im vergangenen Jahr von Juli auf August in einigen Ländern verursacht wurde. Die ungewöhnlich hohen Inflationsraten werden jedoch von der EZB als „weitgehend vorübergehend“ eingeschätzt.

In den von Experten der EZB erstellten Projektionen vom September wird davon ausgegangen, dass die Inflation bis Ende dieses Jahres weiter ansteigen und dann in der ersten Jahreshälfte 2022 zurückgehen wird, bevor sie sich ab Mitte 2022 allmählich erholen würde. Im Vergleich zu den von Experten des Eurosystems erstellten Projektionen vom Juni 2021 wurden die September-Projektionen für die Inflation des Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) nach oben korrigiert, was vor allem auf eine höhere Energieinflation in der ersten Hälfte des Zeithorizonts zurückzuführen ist. Die HVPI-Inflation ohne Energie und Nahrungsmittel wurde ebenfalls nach oben revidiert, was auf den Druck entlang der Preiskette infolge des Missverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage, des geringeren Spielraums und des schwächeren Euro zurückzuführen sei.

Ein Vergleich der von Experten der EZB erstellten Projektionen vom September mit den Prognosen anderer internationaler Institutionen und des Privatsektors ergab, dass die von Experten der EZB erstellten Projektionen sowohl für das Wachstum als auch für die Inflation zu Beginn des Zeithorizonts über den anderen Prognosen lagen, für 2023 jedoch weitgehend mit den anderen Prognosen übereinstimmten. Vorübergehende und besondere Effekte hatten in den letzten Monaten weiterhin einen erheblichen Einfluss auf die Dynamik der Inflation, und erschwerten die Bewertung der Inflationszahlen. Zu diesen Effekten gehörten Verschiebungen bei den saisonalen Verkäufen, Basiseffekte und auch die Auswirkungen der Änderung der HVPI-Gewichte zu Beginn des Jahres 2021, die im Zeitverlauf variierten.

Inflation soll 2022 bei 1,7 Prozent liegen

Der höhere Kostendruck aufgrund vorübergehender Material- und Ausrüstungsengpässe dürfte sich nach Meinung der EZB wieder abschwächen. Infolgedessen dürfte die Gesamtinflation in diesem Jahr zwar weiter steigen, doch dürften diese Faktoren nachlassen oder bis Anfang 2022 aus der Berechnung der jährlichen Inflation herausfallen. Die Projektionen vom September sahen eine HVPI-Inflation von durchschnittlich 2,2 Prozent im Jahr 2021 vor, bevor sie auf 1,7 Prozent im Jahr 2022 und 1,5 Prozent im Jahr 2023 zurückgehen sollte.

PEPP-Anpassung

Die Aufrechterhaltung günstiger Finanzierungsbedingungen ist laut EZB nach wie vor notwendig, um die Wirtschaft auf ihrem Erholungspfad zu unterstützen. Ein anhaltendes Tempo der Nettokäufe im Rahmen des Pandemie-Notkaufprogramms (PEPP) war zusammen mit den anderen Instrumenten und der neu kalibrierten Forward Guidance eine wesentliche Voraussetzung für die Beibehaltung eines geldpolitischen Kurses, der die negativen Auswirkungen der Pandemie auf die Inflation ausgleichen und damit die mittelfristige Verankerung der Inflation in der Nähe des neuen Ziels unterstützen würde. Gleichzeitig ermöglichten es die anhaltend günstigen Finanzierungsbedingungen vor dem Hintergrund etwas verbesserter mittelfristiger Inflationsaussichten und steigender Inflationserwartungen, das Ankaufstempo im Rahmen des PEPP in den letzten Monaten des Jahres moderat zu verringern, was im Einklang mit dem im Dezember beschlossenen Rahmenwerk und der Verpflichtung des EZB-Rats stehe, einen geldpolitischen Kurs zu verfolgen, der stets in einem angemessenen Verhältnis zu seinem Ziel steht.

Während ein wesentlich geringeres Ankaufstempo im Rahmen des PEPP als in den letzten Monaten das Risiko einer ungerechtfertigten Verschärfung der Marktzinsen (mit einer damit verbundenen Währungsaufwertung) bergen könnte, die mit der Bekämpfung der negativen Auswirkungen der Pandemie auf den projizierten Inflationspfad unvereinbar wäre, war ein moderat geringeres Tempo der Nettokäufe die angemessene Maßnahme, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt den noch erforderlichen Umfang der geldpolitischen Akkommodation einschließen konnte.

Verbesserung der Inflationsaussichten

Man geht bei der EZB davon aus, dass der derzeitige Anstieg der Inflation „weitgehend vorübergehend“ ist und sich der zugrunde liegende Preisdruck nur langsam aufbaut. Die Inflationsaussichten wurden in den neuen von Experten erstellten Projektionen leicht nach oben korrigiert, aber mittelfristig werde die Inflation voraussichtlich deutlich unter dem EZB-Ziel von 2 Prozent bleiben.

Was die Bewertung der Inflationsaussichten anbelangt, so wurde laut EZB eine deutliche Verbesserung im Laufe des Jahres festgestellt. Es wurde auch festgestellt, dass die Inflationsprognose der Experten in den vorangegangenen Prognoserunden nach oben korrigiert worden war, wodurch der Trend der früheren aufeinanderfolgenden Abwärtskorrekturen gebrochen wurde und Aufwärtsrisiken entstanden sind. Es wurde jedoch festgestellt, dass der kurzfristige Inflationsanstieg weitgehend auf „vorübergehende Faktoren“ zurückzuführen sei, die mittelfristig abklingen würden und keine Straffung der Politik erforderten. Nach den von Experten der EZB erstellten Projektionen vom September soll die Inflation voraussichtlich nicht dauerhaft ein Niveau erreichen, das die Auswirkungen der Pandemie auf den Inflationspfad auf mittlere Sicht vollständig ausgleicht, und sie bleibt deutlich unter dem neuen Inflationsziel der EZB.

Auf der Grundlage der gemeinsamen Bewertung und im Einklang mit dem im Dezember 2020 beschlossenen PEPP-Rahmen kamen die Mitglieder des EZB-Rats überein, dass anhaltend günstige Finanzierungsbedingungen in Verbindung mit etwas verbesserten mittelfristigen Inflationsaussichten es dem EZB-Rat ermöglichen würden, das Tempo der Ankäufe im Rahmen des PEPP moderat zu verringern und gleichzeitig alle anderen geldpolitischen Maßnahmen zu bestätigen, also das Niveau der EZB-Leitzinsen, die Prognosen des EZB-Rats zu deren wahrscheinlicher künftiger Entwicklung, die Ankäufe im Rahmen des APP, die Reinvestitionspolitik und die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte.

Obwohl der vorübergehende Charakter des kurzfristigen Inflationsanstiegs hervorgehoben werden musste, war man bei der EZB der Ansicht, dass die Aufwärtsrisiken für die längerfristigen Inflationsaussichten sorgfältig beobachtet und kommuniziert werden müssten. Gleichzeitig wurde es als wichtig erachtet, nicht den Eindruck zu erwecken, dass der EZB-Rat mit den aktuellen Inflationsaussichten zufrieden sei.



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1 Kommentar

  1. Betreffend der vorübergehenden Inflation. Eigentlich unglaublich, wie man das realitätsfremd einfach so ungestraft behaupten kann. Frei nach Pippi Langstrumpf. „Wide Wide Witt, ich mach mir die Welt wie es mir gefällt“.

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