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EZB: Thorsten Polleit über die „heimliche Zinssenkung“

Die EZB hat die Leitzinsen quasi heimlich gesenkt: Die Euro-Banken bekommen bald Kredite, die unter dem Hautrefinanzierungszins und Einlagenzins liegen

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EZB ohne Zinssenkung - dennoch heimliche Zinssenkung? Banken in Frankfurt

Auf der Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) sind folgende Beschlüsse gefasst worden:

Der Leitzins bleibt unverändert bei 0 Prozent, der Einlagenzins bei minus 0,5 Prozent.

Die EZB weitet die Kreditvergabe an die Euro-Banken aus:

(1) Euro-Banken erhalten ab sofort bei Bedarf unlimitiert neue Kredite von der EZB, deren Zins am Einlagenzins hängt (und zwar ermittelt als Durchschnitt des Einlagenzinses für die Kreditlaufzeit).

(2) Ab Juni 2020 bis Juni 2021 wird die geplante Kreditvergabe an Banken (via „TLTROs III“) ebenfalls vergünstigt: Der Kreditzins für die Banken soll 0,25 Prozentpunkte unter dem Hauptrefinanzierungszinsliegen, und die Kreditvergabe soll vor allem kleinen und mittleren Unternehmen zugutekommen.

(3) Banken, die ihr bisheriges Kreditvergabevolumen aufrechterhalten, werden sich bei der EZB refinanzieren können zu einem Zins, der 0,25 Prozentpunkte unter dem Einlagenzins liegt.

(4) Das Kreditvolumen, das die Banken von der EZB bekommen können, wird fortan auf 50% der anrechenbaren Darlehensbestände ausgeweitet.

(5) Zudem sollen zusätzlich für 120 Mrd. Euro Wertpapiere bis Ende des Jahres aufgekauft werden (und das bedeutet zusätzliche Käufe in Höhe von 90 Mrd. Euro pro Monat).

Beurteilung

Die EZB hat die Leitzinsen quasi heimlich gesenkt: Die Euro-Banken bekommen bald Kredite, die unter dem Hautrefinanzierungszins und Einlagenzins (die 0,0 Prozent beziehungsweise minus 0,5 Prozent betragen) liegen. Mit anderen Worten: Die EZB wird den Banken fortan Kredite zu Negativzinsen bereitstellen. (Das heißt: Banken können sich z. B. 100 Euro von der EZB leihen und zahlen nach einem Jahr nur 99,25 Euro zurück.)

Die Banken sind somit nicht mehr auf die Kapitalmärkte angewiesen: Sie können sich ihre längerfristigen Kredite bei der EZB besorgen zu günstigeren Zinsen besorgen, als sie derzeit im Kapitalmarkt bezahlen müssen.

Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass die Banken fällige Kredite durch EZB-Kredite, die einen negativen Zinsen tragen, ersetzen. Das verschafft ihnen Gewinne auf der Refinanzierungsseite, die helfen, Kreditausfälle besser verkraften zu können.

Die EZB zahlt hingegen ihr Eigenkapital (das Kapital der Steuerzahler im Euroraum) auf diese Weise nach und nach an die Euro-Banken aus.

Die EZB fordert zudem die Euro-Regierungen, konjunkturstützende Maßnahmen zu ergreifen – und das heißt wohl nichts anderes, als dass die Staaten neue Schulden machen sollen, die die EZB aufkaufen und neu geschaffene Euro in Umlauf bringen wird.

EZB und Druck auf EURUSD

Was bedeutet das für EURUSD? Dazu ein Gedanke: Ab etwa Mitte 2014 begann die Bilanzsumme der EZB stärker zu steigen als die der Fed – und der Euro ging gegenüber dem US-Dollar in die Knie.

Es ist wahrscheinlich, dass die EZB ihre Bilanzsumme absehbar wieder stärker ausweiten wird als die Fed – weil der Euro-Bankensektor weitaus größer ist als der US-Bankensektor (erster hat eine Bilanzsumme von etwa 33,3 Billionen Euro, zweiterer von „nur“ 17,9 Billionen US$) und mehr neues Geld braucht.

Das spricht dafür, dass die jüngste Stärke des Euro gegenüber dem US-Dollar nicht von Dauer sein könnte.

Zentralbanken sind nicht Krisenlöser, sondern Krisenverursacher

Ein Hinweis sollte an dieser Stelle nicht fehlen: Der Corona-Virus und die dadurch ausgelösten Finanzmarkt- und Wirtschaftsturbulenzen sind lediglich ein Auslöser für die unterliegende Problematik, die jetzt wieder offen zutage tritt: und das ist das ungedeckte Papiergeldsystem.

Die Zentralbanken in Kooperation mit den Geschäftsbanken weiten die Geldmengen per Kreditvergabe immer weiter aus. Die Banken operieren dabei mit einem sogenannten Teilreservesystem und halten– dank staatlicher Privilegien – nur ein geringes Eigenkapitalpolster vor.

Das Ausweiten der Geldmengen per Kredit sorgt aber notwendigerweise für Krisen, für immer größere Krisen. Die Maßnahmen, die die EZB heute getroffen hat, versuchen wieder einmal die Symptome zu behandeln, aber die Ursache bleibt unangetastet: Das Ausweiten der Geldmenge und das Heruntermanipulieren der Zinsen.

Die Investoren werden den EZB-Entscheid vermutlich als nicht ausreichend ansehen – weil die Maßnahmen sich nur auf die Banken beziehen, und nun alles davon abhängt, dass die Banken die neuen Kredite nutzen und die niedrigen Zinsen weiterreichen an die Märkte. Und die Banken genießen derzeit nur geringes Vertrauen.

Was für Anleger jetzt wichtig ist

Die Finanzmärkte befinden sich im „Panic-Mode“, es herrscht der Kapitulationsstimmung, die Risikoaversion ist hoch. Nicht nur die Aktienkurse befinden sich (zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Kommentars) im freien Fall, auch der Goldpreis hat nach dem EZB-Entscheid merklich nachgegeben.

Das sollte jedoch langfristig orientierte Anleger nicht entmutigen – und Anleger, die ihre Goldposition aufbauen wollen, sollten diesen Preisrücksetzer als Gelegenheitsfenster einstufen.

Für Anleger ist es jetzt wichtig, über den Tag hinaus zu blicken. Der heutige EZB-Entscheid zeigt, wohin die Reise geht: Die EZB refinanziert ausstehende Schulden zu immer niedrigeren Zinsen – im Fall der Banken zu Negativzinsen, und das läuft letztlich auf nichts anderes hinaus als eine Inflationspolitik, die die Kaufkraft des Geldes zersetzt.

Das Halten von Gold und – wenn die Stimmung am Tiefpunkt ist – das Investieren in Aktien erscheinen aus unserer Sicht für den Langfristinvestor als eine sinnvolle Ausrichtung des Portfolios.

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Koch

    12. März 2020 15:59 at 15:59

    Ein finanzwissenschaftlicher Halbweise wie ich würde dazu bemerke(l)n:Die lieben,vertrauenswürdigen Banken bekommen also schon ihr Helikoptergeld!Könnte ich meins auch schon haben,damit ich wenigstens die Bankster nicht auch noch mit sauer verdientem Arbeitsentgelt „retten“muss!

    • Avatar

      Dreamtimer

      12. März 2020 17:53 at 17:53

      „Das Halten von Gold und – wenn die Stimmung am Tiefpunkt ist – das Investieren in Aktien erscheinen aus unserer Sicht für den Langfristinvestor als eine sinnvolle Ausrichtung des Portfolios.“

      Wie tief kann die Stimmung denn noch sinken? Heute -12% im DAX. Das ist einfach nur … wow!

      Was in der Analyse für Gold stimmt, scheint ebenso für Cryptos zutreffend zu sein. Auch dort heute eine großes Massaker. Irgendwie ist gerade alles prozyklisch.

  2. Avatar

    Oh, ROOOOBERT

    12. März 2020 17:35 at 17:35

    Es ist erstaunlich, dass man immer die Banken retten muss. Andere Gewerbe mit viel kleineren Managerlöhnen würden einfach verschwinden. Wenn man die Ansichten des Baader Bank Alleswisser in letzter Zeit anhörte, muss man nicht staunen ob deren Resultate. Beim Video von Vorgestern schaut er ziemlich benommen aus der Wäsche.

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Deutschland: Restaurants und Hotels bis 10.Januar geschlossen

Markus Fugmann

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In Deutschland werden laut einem Insider sowohl Gastronomie als auch Hotels bis zum 10.Januar geschlossen bleiben – darauf haben sich laut diesem Insider die Bundesregierung und die Bundesländer verständigt. Am 04.Januar sollen dann Bundeskanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten zusammen kommen um das weitere Vorgehen zu beraten. Diese Entscheidung soll heute Nachmittag verkündet werden.

Also die nächste Hiobsbotschaft für Gastro und Hotels..

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Zinseszinseffekt: So verdoppeln Sie Ihr Depot binnen weniger Jahre – Werbung

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Lieber Börsianer,

Albert Einstein bezeichnete ihn einst als 8. Weltwunder. Für Starinvestor Warren Buffett gilt er als wichtigster Erfolgsfaktor beim Investieren. Die Rede ist vom Zinseszinseffekt. Es kommt nicht von Ungefähr, dass diese beiden Genies dem Zinseszins eine so hohe Bedeutung beimessen. Denn er verhilft selbst bei kleinen investierten Beträgen über einen längeren Zeitraum zu großen Erfolgen. Folgende kleine Geschichte veranschaulicht den Effekt des Zinseszinses:

Die Legende vom Reiskorn

Die beeindruckende Wirkung des Zinseszinseffektes war offenbar bereits den alten Persern bekannt. Von ihnen stammt die Legende vom Reiskorn. In dieser forderte der König seine Untertanen auf ihm die Langeweile zu vertreiben. Wer es schafft, sollte eine Belohnung erhalten.

Ein kluger Höfling brachte dem König daraufhin das Schachspiel bei. Der König war begeistert ob der neuen Zerstreuung und wollte den Höfling belohnen. Dieser sprach: „Ich möchte nichts weiter als ein paar Reiskörner. Ich möchte, dass ihr mir das Schachbrett mit Reis füllt. Legt ein Reiskorn auf das erste Feld und dann auf jedes weitere Feld jeweils die doppelte Anzahl an Reiskörnern.“

Der König wunderte sich über den bescheidenen Wunsch seines Dieners und sagte sogleich die Belohnung zu. Er dachte wohl an ein kleines Säckchen voller Reis. In Wahrheit hätte er aber dank der 64-maligen Verdopplung mehr Reis gebraucht, als auf der ganzen Erde wächst.

Wie ist eine solche Fehleinschätzung möglich?

Das menschliche Gehirn ist nicht besonders gut in Prozentrechnung. Diese Art der Verzinsung ist in unserer Evolutionsgeschichte erst seit wenigen hundert Jahren von Bedeutung. Deshalb unterschätzen wir genau wie der persische König systematisch die Macht des Zinseszinses. Investmentgewinne von 5% locken nur wenige hinter dem Ofen hervor. Doch über einen…..

Wollen Sie meine komplette Analyse lesen?

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Einzelhandelsumsätze boomen in der Coronakrise – bis auf ein Segment

Claudio Kummerfeld

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Leeres Einkaufszentrum als Symbol für die Coronakrise

Wenn man in der Coronakrise schon kein Geld für Restaurants, Theater, Kinos oder Urlaubsreisen ausgeben kann, dann kann man doch immerhin noch sein Haus, seine Wohnung oder den Garten verschönern? Und zuhause gut essen ist ja auch drin. Dementsprechend wandeln sich die Einzelhandelsumsätze in den letzten Monaten.

Unterm Strich geben die Deutschen deutlich mehr aus als noch im Vorjahr, und auch mehr als direkt vor Ausbruch der Coronakrise. Dies wird untermauert durch die vor wenigen Minuten vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Einzelhandelsumsätze für Oktober. Sie steigen im Vergleich zu Oktober 2019 um 8,2 Prozent, und im Vergleich zu Februar 2020 um 5,9 Prozent. Das ist eindeutig. Der Onlinehandel boomt am Stärksten, die Heimwerkermärkte boomen, und auch der Lebensmitteleinzelhandel. Ein klarer Wink hin zu mehr Konsum in den eigenen vier Wänden. Nur der stationäre Einzelhandel mit Bekleidung ist spürbar rückläufig. Klar, wenn man deutlich weniger ausgeht, hat man auch weniger den Drang neue Klamotten zu kaufen. Hier die Detailangaben der Statistiker über die Einzelhandelsumsätze im Wortlaut:

Der Einzelhandel mit Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren setzte im Oktober 2020 real 7,3 % und nominal 10,3 % mehr um als im Oktober 2019. Dabei lag der Umsatz der Supermärkte, SB-Warenhäusern und Verbrauchermärkte real 7,9 % und nominal 10,9 % über dem des Vorjahresmonats. Der Facheinzelhandel mit Lebensmitteln (wie zum Beispiel der Facheinzelhandel mit Obst und Gemüse, Fleisch, Backwaren oder Getränken) setzte im entsprechenden Vergleich real 3,0 % und nominal 6,5 % mehr um.

Im Einzelhandel mit Nicht-Lebensmitteln stiegen die Umsätze im Oktober 2020 im Vergleich zum Vorjahresmonat real um 9,0 % und nominal um 9,4 %. Das größte Umsatzplus mit real 29,8 % und nominal 31,1 % erzielte der Internet- und Versandhandel. Deutlich zugenommen hat auch der Handel mit Einrichtungsgegenständen, Haushaltsgeräten und Baubedarf mit einem realen Plus von 14,2 %. Noch nicht wieder auf dem Vorjahresniveau waren dagegen der Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhen und Lederwaren und der Einzelhandel mit Waren verschiedener Art (zum Beispiel Waren- und Kaufhäuser) mit real -6,4 % und -2,3 % gegenüber dem Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Einzelhandelsumsätze für Oktober im Detail

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